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Abschnitt 5. Dorf Alvensleben, Rastort unsres Detachements, ein Burgturm, ein stürmisches Vivat.

Maienkleid, Blaue Berge am Horizont und in der Ferne der alte Vater Brocken, in unsern Taschen Butterbrot und Blutwurst in Fülle, Heidekraut und Buchweizen, Hirschfänger, gegen den Hermannsbund.

Ein schöneres Dorf, finde ich geschrieben, hätte ich nie gesehen als das Dorf Alvensleben, welches wir am Abende des nächstfolgenden Tages, und damit den Rastort unsres Detachements, erreichten. Die untergehende Sonne beleuchtete die anmutig in Grün und zwischen kleinen Anhöhen gelegenen Höfe; aber uns beiden allein Ankommenden begegneten seltsame Blicke, mürrische Antworten. Mit Mühe konnten wir in dem großen Dorfe, welches drei Ämter hatte, einen Burgturm und – was mich besonders interessiert zu haben scheint – "verfallen Gemäuer, das ich aber leider nicht mehr sehen konnte", mit Mühe konnten wir uns nach unserm Quartiere durchfragen. Die Jäger waren vortrefflich bewirtet worden; man hatte ihnen einen Ball gegeben, und zum Dank dafür wurde den Alvenslebenern am Morgen vorm Aufbruch ein stürmisches Vivat gebracht. Warum sah man uns so seltsam an?
Der Sturm brach los, nämlich am folgenden Morgen. Mein Auge schwelgte in dem duftigen Wiesengrün, in der Pracht des Maienkleides; so hatte ich es noch nicht gesehen. Blaue Berge am Horizont und in der Ferne der alte Vater Brocken. Sollte meine Seele nicht froh sein, und was hatte mein Körper zu klagen! Kein Staub, kein Sonnenbrand, und in unsern Taschen Butterbrot und Blutwurst in Fülle, welche uns unsre guten Wirte zur Zehrung auf den Weg mitgegeben hatten. Ja, überall trafen wir gute, prächtige Menschen, mit Leib und Seele deutsch, obgleich sie so lange Zeit westfälisch gewesen waren. Das erfrischte mein Blut und erleichterte mir die sauren Wege. Es ist auch in der Tat ein merkwürdiger Unterschied zwischen dem Bauerngeschlecht in der Mark und jenseits der Elbe. Mager, gedrückt, unterwürfig, an die Dürftigkeit gewöhnt, und hier groß, voll, frei, gerad aufblickend. Aber jene Magern, Gedrückten, Unterwürfigen haben doch eine zähe Lebenskraft, die von den Wettern nicht niedergeschlagen wird, so wenig als ihr Heidekraut und ihr Buchweizen. Die strotzenden goldenen Weizenfelder wirft ein Hagelwetter um.
Eine alte Warte auf der Höhe scheidet das Preußische vom Braunschweigischen. "Von da an wird die Gegend herrlich." Unter der Warte lagerten wir; einige aber oben auf der Höhe. Warum sonderten sich die andern Kameraden von uns? Der Sturm war losgebrochen; er tobte auf der Höhe. Flüche, grimmige Gesichter, geballte Fäuste; ja, es wurden die Hirschfänger gezogen. Was ist das? – Man verzog grinsend die Gesichter. Wir wollten hinauf. Man ließ uns nicht hinauf. Getümmel, Flüche, Drohworte, überall Emeute. Und gegen wen? – Gegen den Hermannsbund.
Man hatte taktvoll operiert; denn wir, nichts von dem Gewitter ahnend, lagen hie und da zerstreut, und die Angriffe erfolgten auf die Einzelnen, die nun verhindert waren, sich untereinander beizuspringen, ja, ohne daß einige genau wußten, was eigentlich vorgehe.
An diesem Tage, unter der Warte zwischen Alvensleben und Helmstädt, wurde der Hermannsbund vernichtet. Nicht von den Feinden des Vaterlandes, sondern von denen, die mit ihm streiten sollten für dasselbe. So fiel auch Hermann selbst, nicht von der Hand der Römer, sondern der seiner eigenen Landsleute, die in blinder Wut seine vorigen Verdienste vergessen, entweder weil sein Einfluß ihre Freiheit wirklich beeinträchtigte, oder weil sie es glaubten. Wir waren darin von Hermann verschieden, daß unsre Verdienste noch in der Zukunst lagen. Unsre Taten hinter uns bestanden in sechs Portionen Kaffee, die wir nicht einmal getrunken hatten, in einigen Krügen Bier und Schüsseln Milch, die wir zusammen genossen, und in dem Quartierbillett zu Erzleben, das uns den Hals brach. Was vielleicht noch in Alvensleben beim Balle vorgefallen war und der Wut gegen uns den letzten Stempel aufdrückte, weiß ich nicht.
Blut ist nicht geflossen; aber der Streit gedieh bis zu den äußersten Grenzen, wo Schmäh- und Schimpfreden in Tätlichleiten übergehen. Unsre Vorsteher erhoben umsonst ihre Stimme; selbst unser Offizier mußte sich das Härteste sagen lassen und hatte seine Autorität verloren, vielleicht im Bewußtsein seiner Schuld. Der Streit ward unter der Warte nicht ausgeglichen, sondern zur endlichen Ausmachung für die nächste Etappe verschoben. Hier in Helmstädt ward vom Kommandanten ein Gericht bestellt, welches, soviel mir erinnerlich, unsern Offizier zu kurzem Arrest verurteilte. Ob und wie die Rädelsführer der Emeute bestraft wurden, ist mir aus dem Gedächtnis entschwunden, und ich finde auch in meinen Briefen keine Notizen darüber.
Somit war der Hermannsbund aufgelöst. Der Kommandant sprach zu uns einige vernünftige Worte, daß wir alle, als Söhne des Vaterlandes und durch unsern Schwur, vereinigt wären, für dasselbe zu leben und zu sterben, daß wir insgesamt daher schon einen großen Bund bildeten, und es bedürfe keines kleinen, um uns an unsre Pflicht zu mahnen. Wir sollten die kleine Spielerei sein lassen im Angesicht der großen Sache, und indem er den Hermannsbund hierdurch auflöse, sollten wir nicht mehr daran denken. Nichtsdestoweniger fehlte es nicht an Hecheleien und Schmähungen seitens unsrer roheren Genossen gegen die Einzelnen, welche so glücklich oder unglücklich gewesen, ihm anzugehören. War einer von uns marode, begegnete ihm ein Unfall, so wurde der "Hermannsbündler" wieder hervorgeholt. Man rezitierte beim Marsche die beliebten Frage- und Antwortspiele: "Wer hat gestern in den Schoten gelegen?" und der Chor antwortete mit unendlichem Jubel: "Ein Hermannsbündler." Die Neckereien gingen in den Ernst über und dauerten noch während des Feldzugs fort.
Wer mag es tadeln, daß die Gebildetern den Drang fühlten, in der roheren Masse zusammenzuhalten. Aber jedes ausfällige Sonderungsbestreben erweckt den Neid, wo eine gesetzliche Gleichheit stattfindet. Diese wollte und durfte ihr Recht fordern, da die Verbindung uns sogar Vorteile gewährte, die den andern dadurch entzogen wurden. Eine unverzeihliche Unbesonnenheit beging aber unser Anführer, weniger dadurch, daß er sich uns anschloß, als daß er die Verbrüderung in einem Dienstaktus anerkannte und uns dabei scheinbar bevorzugte. Er war unser Vorgesetzter, älter als wir, und mußte aus seinen Dienstjahren wissen, was sich in der Disziplin schickt. Wir mußten, sehr unschuldig, sein Versehen büßen, ohne ihm doch um deshalb grollen zu können. Es war ein Vergehen aus überströmender Güte für uns.
Die Gegenden, durch die wir jetzt nach Westfalen marschierten, waren freilich reizend im Vergleich zu denen, die wir verlassen; aber an Regentagen hatten sie dafür auch so viel Beschwerliches, als wir noch nicht erlebt. Der fette Boden klebte an den Füßen, und ein einziger Hohlweg, durch den wir mit Sack und Pack eine Höhe erstiegen, konnte die ganze Kolonne in Unordnung bringen. Saure Milch und schlechtes Bier brachten außerdem die Krankheit hervor, welche Xenophon von seinen Soldaten in der "Anabasis" mit so unvergleichlicher Naivität und Anschaulichkeit schildert. Einmal mußte ich mich auf den hochbepackten Tornisterwagen legen lassen, um nur fortgebracht zu werden. Es war die eigentümlichste Art zu fahren. Bei jedem Ruck war Gefahr, daß ich hinuntergeschleudert wurde, und ich war in einem Zustande, daß ich kaum die herausstehenden Stangen fassen konnte, um mich festzuhalten. Aber auch im halbwachen Zustande lehrt die Not, das Gleichgewicht halten. Ich schlief sogar und fiel nicht herunter.
Vor Braunschweig wurde unsre Hoffnung wie vor Magdeburg getäuscht. Wie hatte ich mich gefreut auf Heinrich des Löwen Fußtapfen, wie auf das Theater, die Mumme, wie sich mein Freund, der Schlegelianer, auf die Viewegsche Buchhandlung und die Leihbibliotheken (wir sagten Leihbüchereien); aber auch hier wollte man uns nicht haben, ja, nicht einmal ausruhen lassen. Es hieß, ein früherer Jägerzug habe Schlägereien gehabt, und ein Mann wäre von ihnen erstochen worden. Entrüstet verwünschten wir die Braunschweiger, und um sie recht zu strafen, bürsteten und putzten wir uns nicht, sondern marschierten mit unfern von Lehm starrenden Schuhen und Kleidern, und ohne jemand eines Blickes zu würdigen, durch die Straßen. In meinem Tagebuche steht: "Nach der Verzweiflung folgte Wut und Verachtung gegen die Stadt." Sollte ich, mir unbewußt, später einmal gegen Braunschweig, wo es mir immer sehr wohl gefiel, mich vergangen haben, so könnte das gereizte Gefühl des ehemaligen Jägers dabei mitgespielt haben. Mumme aber trank ich doch nachher in dem reichen Dorfe, wo "die elendesten Mähren stolze Rosse waren, das Korn hoch über ausgewachsene Männer reichte und dicht stand wie Sand".
Die Hitze wurde immer drückender, furchtbare Gewitter entluden sich fast jeden Nachmittag; wir brachen daher in der Regel schon in der Nacht auf, um vor der Tageshitze unsre Station zu erreichen. Aber so kurz die Märsche waren, im Vergleich zu denen im Brandenburgischen, so beschwerlich wurden sie durch die Beschaffenheit des Weges. Der fette Lehmboden war tief aufgelöst, der Fuß glitt aus bei jedem Schritt und fand keinen festen Grund. Dazu das hüglichte Terrain und fast immer Hohlwege. Oft mußten wir uns gegenseitig halten, viele stürzten hin, und die kleine Armee kam in der Regel in völlig aufgelöstem Zustande ins Quartier. Ich sehe aus meinen Briefen, daß ich mich mit den Braunschweigern wieder versöhnt hatte, ich erkläre ihre Gesinnung für vortrefflich deutsch; dagegen scheinen mir die Hannoveraner einen schwankenden Charakter zu haben und gar nicht das gehörige Maß Franzosenhaß. Indes setze ich entschuldigend hinzu, das komme Wohl daher, weil sie so oft die Herren, gewechselt haben. Die Bemerkung galt übrigens den Hildesheimischen.
Endlich ward mein sehnlicher Wunsch erfüllt, wir blieben in einer Stadt. Und in welcher Stadt! In der alten, berühmten Bischofsresidenz Hildesheim, Mein Herz schwamm in Wonne, als ich ihre vielen Türme in der Morgensonne vor mir liegen sah und durch die gewölbten Doppeltore in ihre getürmten Mauern zog. Den Anblick von Hildesheim nenne ich "ehrfurchtgebietend". Ich weiß nicht, ob die Stadt noch jetzt so aussieht, und ob meine damalige Anschauungsweise heute Stich halten würde; aber der Eindruck ist mir durchs Leben geblieben, auch der von Nürnberg und Goslar hat ihn nicht zurückgedrängt. Zwischen den Häusern mit Giebeln und Türmen, die wie Burgen ausschauten, und an denen ich mit Entzücken die Jahrhunderte zählte, führte mich mein Quartierbillett endlich in die Eckemäkerstraße, welche dem vollen Ideal einer alten Stadt entsprach; denn von beiden Seiten sprangen die Stockwerke immer weiter in die Gasse, bis die Dächer oben, sich beinahe berührend, kaum einen Weg für den Regen, für das Sonnenlicht aber nur eine Spalte offen ließen. In diesem heiligen Dunkel, in diesen ehrwürdigen Gemächern sollte ich Glücklicher Nr. 1228 beim Schuster Vissing wohnen! Treppauf, treppab, über Galerien und durch Winkel trat ich endlich an die Tür, wo man mir sagte: "Hier ist Ihr Zimmer." Ich mußte mich zwei Kopf tief bücken, um hineinzutreten, und obgleich ich etwas in die Tiefe fiel, stieß ich doch wieder an die Decke, als ich mich aufrichten wollte. "Die Wohnung war ein Hundeloch" steht in meinem Tagebuche. Dennoch hatte diese Wohnung zwei Türen, von denen die eine nach einem Orte führte, dessen Atmosphäre nicht die angenehmste Nachbarschaft ist, und diese beiden Türen, ohne Schloß, gingen immer aus ihren Angeln und standen sperrweit auf. Um dies zu verhindern, setzte ich einen Schemel vor; da ich aber nur einen in meinem Zimmer hatte, so stand mir die Wahl frei, ob ich die Tür nach dem geheimnisvollen Orte oder nach der zugigten Treppe schließen wollte. Wenn ich mich nun zugleich hinsetzte, natürlich, da ich müde war, so wurde ich dort kühl angefächelt, hier atmete ich den durchdringendsten Parfüm ein. Dazu brachte man mir ein Mittagbrot, welches ich, auch wenn ich hungrig gewesen wäre, kaum hinuntergewürgt hätte. Aber die Leute waren "recht gut gesinnt". Das mag mich getröstet haben; doch nicht so sehr, daß ich nicht am Abend mein Quartier verlassen und mich im breiten Bette eines Kameraden besser gebettet hätte. So ward meine Hoffnung auf ein Quartier in einer alten Stadt und eine eigene Stube darin erfüllt. Für meine Leser möge es als ein Beitrag zur Geschichte der Soldatenquartiere dienen.
Soviel ich konnte, besah ich natürlich Hildesheims Merkwürdigkeiten, und vor allem seinen durch die Legende und die Kunst reich ausgestatteten Dom. Aber noch interessanter war, was ein Schneider, bei dem ich eine Reparatur an meiner Uniform vornehmen ließ, mir von der Entstehung Hildesheims erzählte: von dem blühenden Rosenbusch, an dem Kaiser Karl der Große seinen Rosenkranz vergessen, und der deshalb noch blühte, als Karl die ganze Gegend, in tiefen Schnee gehüllt, wieder sah, worauf er eine Kapelle darüber baute, aus der der Dom wurde, und in ihm blüht noch der Rosenstrauch! Und die in Erz getriebene Säule des Bischof Bernward, auf der die ganze Leidensgeschichte Christi eingegraben steht! Und wie herrlich, berühmt, reich die Stadt gewesen! Ich schlürfte gierig jedes Wort meines freundlichen Schneiders ein, der vielleicht ebenso froh war, jemand zu finden, der seine alten Geschichten für neue nahm. Es war eine schöne Zeit, wo man an Legenden glauben konnte. Wir zwangen uns dazu.
Wir näherten uns Westfalen. Die Physiognomie des Landes ward eine andere; in jeder Hügelkette, jedem alten Wege suchte mein Auge schon nach Römerstraßen und nach Cherusker- und Sachsenfußtapfen. Es tat indes nicht gut, diese Sehnsucht und dies Ruhen laut werden zu lassen; ebensowenig als es rätlich war, sein Entzücken über die Schönheit der Gegenden zu äußern. Ein Freund bei einem andern Detachement vergaß einigemal, daß die Kameraden von anderm Stoff waren und nach anderm Stoff verlangten, "das ist wieder eine Hauptgegend!" – unglückseliger Ausruf, der ihm durch seine ganze Kriegerlaufbahn einen Spottnamen zuzog: "Da kommt die Hauptgegend!" Auch ich mußte mein vieles Schreiben verbergen; man sah darin hermannsbündlerische Tendenzen! Übrigens gab sich das bald von selbst. Wenn man in der Nacht, noch halb schlaftrunken, aufbrechen, durch morastige Wiesen und kotige, tiefe Wege marschieren mußte, hinschlagend, verirrt und, wenn man kaum des Morgens von der Sonne getrocknet war, von ihr wieder verbrannt wurde, so forderte der Schlaf vom Tage sein Recht. Dann aber galt es putzen, flicken, das Riemzeug blank polieren, zuweilen exerzieren, auch Wache stehen, außerdem aber – essen. Meine Wirte verwunderten sich, wie wenig ich verzehrte; dabei könne der Soldat keine Kräfte gewinnen. Noch war es der moralische Impuls, das Jugendfeuer, was mir Kräfte gab.
Die Leine war passiert, wir näherten uns der Weser; ich mit Ehrfurcht, die heiligen Gegenden des Teutoburger Waldes, des Schlachtfeldes Idistavisus zu betreten. Wir alle lagen plötzlich auf einer Höhe, hingestreckt am Boden, nicht um einen Römerfußtritt, aber möglicherweise um einen Ort, wo auch die Römer vor uns so mögen gelegen haben. Eine kleine Quelle rieselte seitwärts aus einem höheren Tongeschiefer und über die Straße weg. Es war wieder ein heißer Tag, und die Quelle war beinahe ausgetrunken, als das Horn heftig schmetterte, und der Feldwebel uns zum Antreten in Reih und Glied rief. Alles sprang auf, die Höhe hinunter. Wir sahen die Türme, die gesprengten Werke der Zitadelle von Hameln vor uns. Es war nicht aus Respekt vor der Stadt, wo der Rattenfänger gehaust, weshalb wir die militärischen Honneurs machen sollten; sondern sie galten einem Oberoffizier, dessen Reisekalesche auf der Straße hielt, und er war ausgestiegen, um uns zu mustern.
Es war eine edle kriegerische Gestalt, die an unsern Reihen vorüberging, in einem schlichten Überrock, auf dem Kopfe die einfache Landwehrmütze, ohne Adjutanten und militärische Begleitung. Aber seine Haltung, das würdevolle, männlich schöne Gesicht, seine strengen, aber doch freundlichen Augen, übten eine unwillkürliche Autorität auf uns, auch wenn wir seinen historischen Namen nicht erfahren hätten. Der General hielt eine kleine Anrede, in den kurzen Sätzen und schlagenden Worten, wie sie auf den Soldaten am besten wirken; aber die gebildete Sprache, der feine Ton wirkten auf einige noch mehr. Natürlich war die Rede eine Anfeuerung zur Ausdauer, zum Mute; er rief uns ins Gedächtnis, welche Ehre es jetzt sei, ein Preuße zu sein, wo unser Vaterland, noch durch die außerordentlichsten Opfer eines außerordentlichen Krieges erschöpft, aufs neue sein Bestes, sein Alles zu dem großen Zwecke hingebe. Ein donnerndes Lebehoch scholl dem General von jedem Detachement nach. "Lebt wohl, Kolberger!" rief er uns nach, als er wieder in den Wagen stieg.
Es war der General Vorstell. Eine der unangenehmsten Episoden des ruhmwürdigen Krieges entfernte ihn vom Kampfplatz, um in Berlin dem Gerichte über ein Verfahren entgegenzugehen, das heut, wo die Leidenschaften nicht allein abgekühlt, sondern verschwunden sind, keine Rechtfertigung mehr bedarf.
Schon morgens um acht waren wir in Hameln; aber der Tag war zum Schlafen bestimmt, indem wir in der Nacht den weiten Marsch nach Lemgo antreten sollten. Wir mußten am Tage übrigens noch den Schlaf der vorigen Nacht nachholen, eine kaum zu lösende Aufgabe. Ohne etwas von der Stadt gesehen zu haben, traten wir um neun Uhr an. Es war ein drückend schwüler Abend. Während wir noch versammelt standen – unsre Tornister lagen schon auf dem Wagen, und leider diesmal auch unsre Mäntel; in Betracht des schwierigen Nachtmarsches hatte man es erlaubt – brach ein furchtbares Gewitter los. Der Kommandeur ließ uns auseinander gehen, um in den Häusern abzuwarten, bis die erste Flut sich ergossen hätte. "Es war die merkwürdigste Nacht meines Lebens" steht in meinem Tagebuche; und kaum erinnere ich mich heut einer ähnlichen. Ich fand mit mehreren Kameraden ein notdürftiges Unterkommen im Flur eines Kaufmanns. Man brachte uns eine Lampe und einige Schemel. Sonst schloß man sich von uns ab. Der Zugwind durch die Türritzen drohte die Lampe jeden Augenblick zu verlöschen; aber die Blitze leuchteten fast ununterbrochen, das Wetter schlug gegen Türen und Fenster, als spotte es ihrer Ohnmacht, und der Donner schien auf dem Boden des Hauses seinen Sitz zu haben. Es war eine peinliche Stille unter uns allen; auch die Ausgelassensten und Rohesten schwiegen.
Endlich, gegen zehn Uhr, rollten die Donner fort, der Regen ließ nach; wir traten wieder an und marschierten, um unsern ungeschwächten Mut, vielleicht uns am meisten, zu beweisen, unter lautschallendem Gesänge durch die Stadt über die Weserbrücke. Nur die in der Ferne noch zuckenden Blitze zeigten uns den berühmten Strom in gelbem Lichte. Ich hätte gewünscht in rotem. Er mußte doch noch etwas vom Römerblute gefärbt sein. – Kaum waren wir drüben, als der Regen, der nicht aufgehört hatte, wieder stärker wurde. Auch hatte er die Luft nicht abgekühlt, und ein neues Gewitter zog heran. Längs der Weser ging unser Weg, der elendeste Weg, den uns bald nur noch die zuckenden Blitze zeigten. Bald sah keiner mehr den andern. Jeder hastete nur, um nicht in Wildnis und Nacht zurückzubleiben, sich der dunkeln Masse, die vor ihm sich bewegte, anzuschließen. Es ging durch dick und dünn. Hier stieß einer auf eine Höhe und fiel, dort andre in die Gräben; sie sahen wie Fußsteige aus. Hier glaubten wir eine Brücke zu finden, und wateten und wateten durch angeschwollene Bäche. Dann und wann gossen freilich die Blitze ein schauerliches Licht über die Gegend und unsre Verwirrung aus; aber die darauf folgende Dunkelheit verwirrte uns nur noch mehr. Der Regen floß in Strömen, niemand hatte mehr einen trockenen Faden am Leibe, und der Schlamm ward immer tiefer. Mehreren blieben die Schuhe stecken. Jetzt erhob sich der allgemeine Unwille in dumpfem Gemurre, in wilden Flüchen. Man verwünschte den Einfall, des Nachts zu marschieren. Keiner kannte seinen Nebenmann, keiner wußte, von wem er einen Kolbenstoß bekam, oder wen er durch unwillkürliche Wendung in den Kot stieß. Ein alter Soldat, der zehn Jahre gedient hatte, versicherte doch, keine solche Nacht erlebt zu haben.
Ich hielt mich mit aller Nervenanstrengung, so gut es ging, beim großen Haufen; aber eine Stunde schleppte ich mich fort, ohne den Trost zu haben, irgend jemand um mich her zu erkennen. Endlich verriet ein Ausruf mir die Stimme eines Freundes; es war der Schlegelianer. An der Seite eines Freundes und Geistesverwandten marschiert sich auch in solcher Trübsal leichter. Ob wir aber von Novalis und Tieck sprachen, während wir bis an die Knie im Schlamm wateten, kann ich nicht mehr angeben.
Ein Häuflein Mißvergnügter hatte sich gesammelt. Man sah in der Ferne ein Licht. Das Komplott war fertig; wir verbanden uns, keinen Schritt weiter zu gehen, sondern in dem nächsten Dorfe einzukehren. Es war ein sehr natürliches und kaum ein strafbares Komplott; denn von einem Marsch und Befehlen war nicht mehr die Rede. Zufällig fand sich aber auch unser Offizier dazu und approbierte unsern Entschluß. Wir stürmten in das Dorf und in das Haus, von woher das Licht kam; es war das Wirtshaus, aber im selben Augenblicke war es von den aus der Dunkelheit tauchenden Gestalten vollgepfropft. Der Schlegelianer, ich und einige suchten ein anderes Haus. Da kam gerade der Nachtrab an, welcher zufällig in Ordnung geblieben war und nichts davon wußte, daß Vortrab und Zentrum bereits zersprengt und verkrochen waren. Er nahm uns in seine Mitte, und in umgekehrter Ordnung bildeten wir nun den Vortrab. Wir wollten keck unser Glück ertrotzen. Aber in meinem Tagebuche steht: "War der vorige Weg schön, so war dieser schlecht." Wie das möglich, bin ich heut nicht mehr imstande zu erklären. Wir blieben bei jedem Schritte im fettigen Schlamme stecken. Uns zur Linken lag eine hohe Hecke, davor ein tiefer Graben. Ein Blitz verriet uns, daß Häuser dahinter lagen, er zeigte uns zugleich, wieviel wir unser beisammen waren. Ein Sturm mußte gewagt werden. Schon das In-den-Graben-springen war eine schwierige Aufgabe wegen des abschüssigen, durchweichten Lehmrandes. Die meisten fielen, um nur zu dem Ziele zu gelangen, daß sie bis an die Hüften im Wasser standen. Nun wurden die Hirschfänger gezogen, und wir hieben, so schwer es ging, eine Bresche in die hohe und dichte Hecke. Aber mit dem Durchbrechen der Schanze war sie noch nicht gewonnen. Der erste rutschte, wie ihn auch die andern stützten und hoben, zweimal zurück. Endlich hatten zwei die Höhe gewonnen; die andern faßten sich, einer an die Rockschöße des andern, und so ging es vorwärts immer bergauf, in stockpechfinsterer Nacht, bis ich, am Rockschoß des Schlegelianers, plötzlich, statt des weichenden Lehms, gedielten Boden unter mir fühlte. Wir waren im Flur eines Hauses, aber ebenso schnell verging uns der gewonnene Raum wieder; denn wir standen wie die Heringe aneinandergepökelt. Das war ein seltsamer Anblick, als die Bauerfrau Licht angemacht hatte, und das Feuer auf dem Herde aufflackerte: die erschreckten Gesichter der kaum aus dem Bette aufgesprungenen Familie, im Hemde alle, barfuß, und wir vom Regen triefend, mit Kot Gesicht, Haar, Kleider beschmiert – Räubern ähnlicher als Soldaten. Wir selbst staunten uns verwundert an; denn jetzt erst erkannten wir uns oder erkannten uns nicht. Da war ein buntes Gemisch aus Jägern und Soldaten der verschiedenen Regimenter.
Indes verständigte man sich bald. Alle konnten nicht im kleinen Häuschen bleiben. Der Bauer führte uns mit einer Laterne in das nächste Gehöft, und Kolbenschläge an die Tür weckten hier die armen Bewohner auf, die aber sogleich gute Miene zum bösen Spiel machten. Verirrte Soldaten sind besser als Räuber. Licht und Feuer ward angezündet, der Ofen geheizt; wir zogen uns aus, und der Bauer und seine Frau trockneten unsre Kleidungsstücke. Ohne Spuk konnte das Abenteuer an den Ufern der Weser uns unmöglich begegnet sein, und ich bin überzeugt, daß der Schlegelianer und ich an mögliche Einflüsse und Nachwirkungen des Rattenfängers von Hameln dachten. Nachdem wir uns mit Wasser, Brot und Butter erquickt, warfen wir uns auf eine frische Streu und ruhten, so gut es ging, bis drei Uhr morgens. Die guten Leute wollten nichts für ihre freundliche Aufnahme annehmen. Der nächste Tagesmarsch war möglicherweise noch verwirrter. Es regnete noch und war noch heiß. Niemand wußte, wo die andern lagen, wann sie ausbrechen würden; in der Verwirrung war vergessen worden, die Stunde des Abmarsches anzusagen. So brachen wir vom Nachtrab um einige Stunden früher als die andern auf; aber während wir in einem Wirtshaufe frühstückten, waren sie uns wieder voraus, und um sie einzuholen, und Weil wir uns noch völlig erschöpft fühlten, mieteten wir unser acht einen Leiterwagen bis Lemgo. – Als wir durch einen Wald kamen, stürzten plötzlich mehrere Personen, teils in bürgerlicher Kleidung, teils in weißen, roten und blauen Uniformen auf uns zu. Nicht wie zum Angriff, sondern wie selbst in großer Unruhe. Es waren sächsische Offiziere, aus Lüttich auf ihr Ehrenwort nach jenem beklagenswerten Vorfall entlassen. Sie waren von den Jägern und Landwehrmännern eines andern Detachements – ich will den Namen nicht nennen, da er jetzt in Preußen einen sehr ehrenwerten Klang hat – unterwegs angegriffen worden und flüchteten zu uns vor den Schimpfreden, den Stein- und Kotwürfen unsrer wütenden Kameraden. Es war ein trauriger Anblick, Ehrenmänner, Offiziere, die nur politisch eine andre Ansicht gehabt hatten, in dieser hilfeflehenden Stellung vor uns jungen Freiwilligen zu erblicken. Sie hätten nicht nötig gehabt, uns ihre Unschuld zu beteuern und sich auf unsern General Vorstell zu berufen, der, wie wir, ein "Pommer", von derselben überzeugt, sich ihrer mit Hintansetzung von allen Rücksichten angenommen habe. Es war eine Sache der Ehre, Hilflosen beizustehen, ein erster Akt der Selbsttätigkeit. Wir sprangen vom Wagen und nahmen sie in unsre Mitte. Die Büchsen wurden in den Arm genommen und den ...schen Jägern eine ernste Stirn gezeigt. Zum Ernste waren diese nicht aufgelegt. Sie begnügten sich mit Schimpfreden gegen die Sachsen, mehr aber noch gegen uns als ihre Beschützer.
Die Rivalität zwischen den Pommern und den ...schen Jägern, die schon immer bestand, ging von nun ab in unangenehme Streitigkeiten über. Die Offiziere nahmen den gerührtesten Abschied von uns und versicherten, die Pommerschen Jäger fortan im besten Andenken behalten zu wollen. Wahrscheinlich leben noch viele von ihnen. Ich weiß keinen Namen, bin aber im Leben vielleicht schon manchem von ihnen begegnet, ohne daß wir uns erkannt haben.
In Lemgo ward abermals eine Erwartung getäuscht, ich aber allein trug die Schuld; denn weshalb erwartete ich, weil Herder einige Zeit hier gelebt und einige seiner Schriften hier erschienen waren, in der Stadt ein kleines Weimar ober wenigstens Dessau zu finden! Der verrückte Uhrmacher, bei dem ich wohnte, wußte von Herder auch kein Wort. In der kleinen Stube, die man uns zweien anwies, war nicht einmal ein Schemel; er meinte, ein Soldat sitze auf einem Koffer weit zweckmäßiger als auf einem Stuhle. Das mag sein; aber in einem Bette, wo kaum einer bequem liegt, konnten zwei nicht schlafen. Uns Stroh zu geben, sagte er, wäre gegen seine Ehre und sein Gewissen.
Am folgenden Tage ward ich indes durch die "himmlischen Gegenden" auf dem Marsch nach Paderborn belohnt. Ich sah dort zu beiden Seiten des Weges Berge über Berge, "bis in den Himmel emporragend". Für ein sechzehnjähriges Auge ist der Himmel nahe. Die herrlichen Buchenhaine, die Waldströme, in die Schluchten rauschend, Mühlen treibend, Wasserfälle bildend, waren für mich etwas ganz Neues. Das war der Teutoburger Wald. Daran haben vielleicht auch andre nicht gezweifelt: aber in den großen Steinstraßen, welche im Lippe-Detmoldschen die Gebirgszüge durchschneiden, sah ich unverkennbar Römerstraßen. Hätte Varus sie gehabt, er hätte vielleicht seine Legionen nicht so ganz verloren. Der erste Hinunterblick vom Gebirge hinter Detmold, vor Lippspring, aus das flache Land, war für uns alle ein überraschender. Die achtundzwanzig Jahre haben ihn nicht verlöscht; die Türme des noch drei Stunden entfernten Paderborn glänzten uns lockend entgegen. In Paderborn sah es freilich sehr alt, still, feierlich, katholisch aus, was mich sehr freute; mein Quartier bei einem bigotten Rademacher war aber kaum besser als das in dem auch bischöflich gewesenen Hildesheim. Nicht daß gerade mein täglich wiederkehrendes Abendbrot, Eier und Salat, mich verdroß; aber das Bette war doch Zu schlecht, und obgleich ich mich nur darauf und meinen Mantel darunter legte, konnte ich doch der hüpfenden Kleinen wegen die ganze Nacht kein Auge zutun. Ich eilte, ehe der Tag graute, auf den Versammlungsplatz und schlief noch dort eine Stunde auf der steinernen Schwelle einer Kirche. Aber auch das hat nichts geholfen, die stillen Wünsche meiner guten Wirte in Erfüllung zu bringen. Es erschien keine Vision, die mich belehrte. Der Rademacher und seine Frau hatten den Kopf geschüttelt, daß ein so blutjunger Mensch schon in den Krieg ging. Das käme, meinten sie, von der Verführung in den Schulen und vom Luthertum. Aber sie waren doch, meiner Jugend wegen, freundlich gegen mich und bereiteten mir schon in der Nacht einen stärkenden Kaffee.
Das Städtchen Gesecke, wo wir den nächsten Rasttag hielten, nenne ich in meinen Briefen "das deutsche Venedig, wenn Mistpfützen Kanäle wären". Aber mir kam es barbarisch vor, daß man die alten Mauern, die noch im Dreißigjährigen Kriege Gesecke zu einer tüchtigen Festung gemacht, abtrug, um die Wege zu bessern. Soest mit seinen alten Mauern und Türmen, "die wahrhaften Burgen glichen", hatte meinen ganzen Beifall, und wir erhielten, unser vier, beim Apotheker im Schwan, das beste Quartier der Stadt; eigentlich durch eine unerlaubte List, welche ältere Kriegskameraden sich mit dem gefälligen Bürgermeister erlaubten. Allen war es aber in der Stadt wohl ergangen; ihr ward dafür beim Ausmarsch ein dreimaliges Lebehoch gebracht. Unna war wieder für uns eine herrliche Stadt. Solche verfallene Mauern, mit Türmchen daran klebend, hatte ich noch nicht gesehen. Und welcher Unrat, welches Gestrüpp machte sie noch malerischer! Dreien von uns war aber die Stadt noch besonders wert eines berühmten Romanes wegen, den wir gelesen, "Hermann von Unna". Schade aber, keiner von uns entsann sich deutlich, was eigentlich in dem Romane gestanden. Wir hofften Spuren von der Feme zu finden; aber obgleich wir überall auf den alten Mauern umherkletterten, fanden wir nichts. Endlich erfuhr mein Freund, der Schlegelianer, von seinem Wirte, einem Leinweber, daß drei Stunden von der Stadt entfernt die Trümmer eines alten Schlosses lägen, wo ein heidnischer Ritter gehaust, Hermann von Unna, und diesen heidnischen Ritter habe der heidnische Kaiser Wenzel oftmals besucht.
Nun waren wir in dem schönsten Teile Westfalens; ich werde bei der Schilderung meines Quartiers, in dem Dorfe Vorhall bei Hagen, poetisch. In der Stube sitzen meine Kameraden und spielen am Tische, wo ich schreibe, Karten. Wie kann man "Hund" spielen, wo draußen "die herrliche, unbeschreibliche Gegend" lacht! Keine märkischen, keine sächsischen Dörfer sind es mehr, es sind die weit zerstreuten westfälischen Meierhöfe. In einem solchen abgehegten Sitze, nach uralter deutscher Weise, liege ich mit noch fünf Kameraden. Zweihundert Schritt entfernt liegen erst die nächsten einquartiert; die übrigen sind ein bis zwei Stunden weit ab, alle im Umkreise einer Quadratmeile zerstreut! Wir sind zum ersten Male auf uns selbst beschränkt, wie diese westfälischen Bauern. Kein Hornsignal dringt zu uns. Es ist ein schönes, grünes Tal. Am Abhange eines Berges liegt romantisch hinter dem Gebüsche die Stadt Hagen. Nahe daran, auf dem Gipfel eines hohen, steilen, felsigen Berges, der die ganze Gegend beherrscht, eine Warte, der letzte Rest eines alten Schlosses. Dicht am Gehege unsres Hofes fängt schon der Laubwald an und steigt empor, bis unser Auge nur noch ein dunkelgrünes Meer erblickt. Jenseits ist die Gegend lieblicher. Die Hügelketten erheben sich in Altanen, nur von wenigem Gebüsch bedeckt, bis auf den höchsten Höhen wieder ein dichter, dunkler Wald gegen den blauen Horizont abschneidet. Wasser sieht das Auge nicht; aber das Ohr hört es. Es sickert und rieselt aus allen Vertiefungen und Schluchten hervor, in hand- bis ellenbreiten Strömen, es wässert die duftigen Wiesen, es plaudert und schwatzt so lieblich versteckt unter dem Grase, und dort blickt es neckisch vor als ein kleiner Wasserfall.
Ich atmete Waldeinsamkeit. Die alte, freie, germanische Natur rauschte um mich, nach der ich kaum gesucht hatte; denn ein verrosteter Rittersporn in einem vermoderten Steinhaufen wäre mir damals lieber gewesen. Mein Wirt, der starke, breitschulterige, blonde Mann mit den blauen Augen und dem freundlichen Gesicht und dem biedern Händedruck, das war ein deutscher Westfale, wie er dem Varus und dem Kaiser Karl ins Antlitz geschaut haben konnte. Die Gebirgsluft machte ihn frei. Er war auch wohlhabend. So schlecht die Stube war, so trefflich war für unsre Leiber gesorgt: Pumpernickel und Weißbrot, wie unser Kuchen, fette Milch, Käse, Butter, Branntwein, alles in Überfluß. Das Nachtlager war duftendes Heu mit reinlichen Laken und Kopfkissen, das beste, das ich je auf einem Dorfe gehabt. Am folgenden Tage war hier Ruhetag. Nur einer von uns Sechsen brauchte, in procura der andern, zum Appell; wegen der Entfernung ritt er auf unsers Bauern Klepper dahin. Wir andern gingen mit diesem – es war gerade Sonntag – in die Kirche. Es regnete stark, überall, wo wir untertraten, herzliche Gesichter; man schüttelte uns die Hände, man brachte uns volle Gläser. Nach der ziemlichen Predigt konnte ich mich nicht enthalten, auf den Berg und auf die hohe Warte zu steigen. Die Aussicht durch die Luke ins Tal war sehr schön. Ich war zum ersten Male auf einer Burg, und sah zum eisten Male durch ein Fenster, wodurch so mancher Raubritter auf seine Beute mochte ausgeschaut haben! Schade nur, daß mein Freund, der Schlegelianer, nicht mit mir war. Es war aber, unbeschadet der Rittelgefühle, ein wirklich reizender Anblick auf das waldige, wiesenreiche, üppige Tal, welches die Ruhr in vielfachen Windungen durchschlängelte. Ich pflückte hier die ersten Erdbeeren.
In diesen zerstreuten Gebirgs- und Walddörfern mußten die Bauern sich ihre Einquartierung selbst abholen und sie auch wieder nach den Sammelplätzen bringen; denn ohne Boten war es für einen Fremden unmöglich, in dem Geschlinge von Berg und Tal, durch die lebendigen Hecken und über die durchwässerten Wiesen, auch nur den richtigen, geschweige denn den nächsten Weg zu finden. Unser trefflicher Wirt hatte, unsre sechs Tornister auf dem Rücken, uns über Berg und Tal, durch Waldpfade, wo wir auch nicht die Spur eines Weges sahen, vorgestern in sein Gehöft geführt; heute leitete er uns durch die Nebel des grauenden Tages ebenso bis auf den Versammlungsplatz. Nie schieden wir alle so gerührt, mit so kräftigem Händedruck von einem Wirte. Auch er war Soldat gewesen. Gern zeichne ich hier seinen Namen, Ludwig, zur Erinnerung für mich auf.
Daß die Städte des Wuppertals, die schon damals wie aneinandergekettet lagen, Barmen, Schwelm, Gemarke und endlich Elberfeld, einen wunderbaren Eindruck auf die jugendlichen Sinne hervorbringen mußten, braucht kaum gesagt zu werden. Die Sonne schien in das grüne Tal auf die rührigen Menschen, auf die Regentropfen, die auf den seltsamen, schieferbekleideten, reinlichen Häusern hingen. Dies Klappern der Mühlen, diese Emsigkeit und dazu die erste dunkle Nachricht von einem großen Siege unsrer verbündeten Heere stimmten die Gemüter zu erhöhter Freudigkeit. Einer nannte Elberfeld gar ein deutsches Paradies! Ein bewegtes bürgerliches Leben begegnete uns hier; neben dem kaufmännischen Treiben politische Gespräche, Hoffnungen und Befürchtungen. Besonders war meine Wirtin eine eifrige Politikerin, mit Leib und Seele Preußin. Aber zugleich ebenso eifrige Protestantin; sie eine Reformierte, der Mann ein Lutheraner, "aber wir sind doch einig". – Sie haßte die Katholischen; das kam mir damals seltsam vor. Waren "protestantisch" und "katholisch" Gegensätze, wo die moralische Weltordnung nur zwei Parteien gestattete: solche, welche die Franzosen haßten, und solche, welche mit ihnen schön taten oder sie entschuldigten? Letzteres warf sie den Katholischen in Elberfeld vor. Mir unbegreiflich. Dagegen war mir ganz begreiflich, daß die lebhafte Frau einem Katholiken wollte eine Ohrfeige gegeben haben, weil er in ihrer Gegenwart Napoleon gelobt hatte. Und dafür ein Injurienprozets, und sie war gestraft worden! Mir wollte das auch nicht recht zu Sinn. Üble Nachrichten von unfrei Armee waren durch die Stadt verbreitet. Es verlautete von einer dreitägigen Schlacht. An den ersten zwei Tagen wären die Alliierten, am dritten die Franzosen geschlagen worden. Die Bergschen Truppen wären fast ganz vernichtet und die Feldherren auf beiden Seiten gefallen. Aber das waren nur dunkle Gerüchte. Auch unser Offizier, den ich in seinem Quartier bei wohlhabenden Kaufleuten aufsuchte, wußte nichts davon.
Wir veränderten in Elberfeld unsre Marschroute. Es ging nicht nach Düsseldorf, sondern links ab über Monheim nach Köln. Unschön waren seine Ufer, aber doch ergriff mich ein wunderbares Gefühl beim ersten Anblick des Vaters Rhein. Ein erstes Glas vaterländischen Weines, hier gewachsen, benetzte die Lippen. Es schmeckte mir fast wie Claudius. Beim nächsten Nachtmarsch hörten wir aus der Gegend vor uns eine Kanonade. Verwundert blickten wir uns an. Sollten die Franzosen gesiegt haben, sollten sie mit Sturmesflügeln bis an den Rhein vorgedrungen sein! Bald kamen Reisende vorüber, die uns wunderbare Kunde zuriefen. Da hielt ein Reiter an, ein Kurier, mit einem Extrablatt in der Hand. Sieg! Ein großer Sieg, eine ungeheure, blutige Schlacht war geschlagen. Wellington und Blücher hatten gesiegt und lebten. Die Kanonenschüsse waren das Freudenfeuer. Freude, Jubel, Vivats und Gesang unsrerseits; so marschierten wir mit neuen Kräften dem anbrechenden Tage und den Türmen von Köln entgegen, die wie ein Wald aus dem gelbrötlichen Himmel immer höher emporragten.
Auf der Fähre, die uns über den Rhein setzte, hörten wir Näheres von der Schlacht und dem Siege, die noch keinen Namen hatten, aber alles noch mit Märchen vermischt. Das Ufer stand gedrängt voll. Man sah uns verwundert, viele sahen uns unsrer Jugend, vielleicht auch unsres verwüsteten Aufzugs willen mitleidig an. "Wozu das noch!" hörten wir murmeln. "Sie kommen zu spät," sagte achselzuckend ein junger Kaufmann; "es ist alles entschieden."
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815