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Abschnitt 5. Der Marsch von Potsdam bis Brandenburg, Schlegelianer, Kunststraße, Umwege durch die Havelwiesen.

Zu Ehren der alten Hauptstadt Brandenburgs, ein Ackerbürger in Potsdam, die alte Stadt Brandenburg, Ernst Raupach.

Der Marsch von Potsdam bis Brandenburg, fünf Meilen auf der Chaussee, war für unsre jungen Kräfte ein angreifender. Solange der Himmel trübe war und der Boden vom Morgentau feucht, fühlten wir die gestrige Anstrengung weniger; als aber mit dem heißen Tage der Staub aufwirbelte, wurde er sehr beschwerlich. Man hatte uns Hoffnung gemacht, auf der Mitte des Weges Wagen für die Schwachen und "Maroden" zu finden; vermutlich war es nur eine hingeworfene Lockung, um uns munter zu erhalten. Ich versuchte nachher ein anderes Mittel; ich unterhielt mich eine halbe Stunde mit dem Schlegelianer über deutsche Literatur. So steht wenigstens in meinen Briefen, das heißt wie ein guter Deutscher damals nur schreiben durfte, über teutsche Literatur. Wer "deutsch" schrieb, verriet laue Gesinnung, eine Hinneigung zum Modernen, vielleicht gar zum Franzosentum. Welcher Gegenstand unsrer Literatur es war, weiß ich nicht mehr, der mich die Staubwolken, die brennende Hitze, die am Gaumen klebende Zunge sollte vergessen machen. Wie bald verstummte das Gespräch, und die Moles agitabat mentem.
Die Chaussee - wir, wie sich versteht, nannten sie nur Kunststraße - windet sich vor dem alten Brandenburg in einem großen Umwege durch die Havelwiesen. Man kann die malerischen Türme, Zinnen, Giebel schon mit der Hand greifen und muß noch stundenlang marschieren. Das erhöhte hier, wie es noch oft geschah, die Mühseligkeit. Vor dem Tore mußten wir noch, zu Ehren der alten Hauptstadt Brandenburgs, die Tornister aufnehmen. Welche Sehnsucht und Erwartung nun auf ein gutes Quartier.
Mein Zettel führte mich in eine abgelegene, schlechte Gasse, vor ein Haus, das dahin gehörte. Ein zusammengedrückter, niedriger Torweg, Verfall, Schmutz, Mist auf dem Flure, sagten voraus, was meiner in der einzigen bewohnbaren Stube warte. Der Wirt war ein Ackerbürger; es roch überall nach einem Geschäfte, das auf dem Lande für die Sinne nichts Störendes hat, wohl aber in den Mauern und der Luft einer engen Stadt. Die ärmlich aussehende Frau brachte mir in einer zerbrochenen Untertasse etwas Rührei, und ein Getränk, das vielleicht als schlechtes dünnes Bier, aber nicht unter seinem Namen "Koffent" der Mehrzahl meiner Leser bekannt sein wird. Ich forderte Wasser; die Frau sah mich verwundert an: sie tränke nie in ihrem Leben Wasser! Also etwas optimatischer Stolz auch in dieser Hütte! Schon hatte ich den Entschluß gefaßt, mich in ein Wirtshaus einzuquartieren, als ein Kamerad und Schulkumpan, mit dem ich in Potsdam auf einer Streu gelegen, eintrat und mich versicherte, im Vergleich zu ihm sei ich fürstlich einquartiert. Dazu blickte die Maisonne jetzt freundlich durch das eine Fenster; die Gesichter der Wirtsleute wurden auch freundlich, ich entschloß mich zu bleiben, dankte aber für den Kaffee, den sie mir kochen wollten, und ging mit meinem Freunde aus, um die Stadt zu besehen und in einem Garten ein freies Vesperbrot einzunehmen. Doch nicht eher, als nachdem ich Büchse und Riemzeug gereinigt und geputzt hatte. Amt bringt Verstand und die Not frische Kräfte. Ich mußte mich über mich selbst verwundern, wie ich nach wenigen Stunden dürftiger Ruhe auf solchen Tagesmarsch, der auch ältere Soldaten angreifen dürfte - es waren eigentlich zwei Etappen - wieder munter und gestärkt umherspazieren konnte.
Freilich in den Nibelungen las ich nicht an jenem Abende. Es wäre auch als freiwilliger Reisender nicht geschehen; aber der Soldat, wenn er das Quartier erreicht, hat damit noch nicht die Ruhe gewonnen. Der Kavallerist muß zuerst an sein Pferd und darf nachher erst an sich denken. Der Infanterist, der sich eher hinwirft, als er Waffen und Rüstzeug in Ordnung gebracht hat, wird auf die Dauer auch mit sich selbst nicht in Ordnung kommen.
Meine Wahrnehmungen über die alte Stadt Brandenburg, deren Roland schon damals mein großes Entzücken erregte, und deren getürmte Häuser - zu viele gibt es deren jetzt nicht mehr - mir wie lauter kleine Burgen erschienen, will ich meinen Lesern nicht wiederholen, obwohl ich sie in meine Briefe nach Hause umständlich niedergelegt habe. Ich bedauerte, daß an dem Abende in Brandenburg kein Theater war; die Zettel an den Mauern sprachen nur vom gestrigen Tage, wo der nachmals sehr berühmte Bauchredner, Herr Alexander, wie ich aus meinem Tagebuch ersehe, seine Kunst produziert hatte. Außerdem aber erregte meine ganze literarische Neugier ein angekündigt gewesenes Stück: "Die Kindesmörderin" von Friedrich v. Schiller. Ich habe nie darüber nähere Auskunft erhalten, was man 1815 den Einwohnern von Brandenburg unter diesem Namen vorgeführt, und wie ihre Kritik es aufgenommen hat; heute, weiß ich, würde so etwas dort nicht mehr durchgehen.
Später machte ich die Wahrnehmung, daß die wandernden Truppen in kleinen Orten mit großen Namen außerordentlich verschwenderisch sind. Den bekanntesten Stücken von unbekannten Autoren legen sie abwechselnd die Namen der bekanntesten oder gerade in der Stadt beliebtesten Dichter unter. Wo Kotzebue nicht mehr locken wollte, ward sein Lustspiel dem berühmten Ernst Raupach zugeteilt, und wo Raupach noch ein Unbekannter war, mußte er unter Kotzebues Flügeln vor das Publikum treten. Natürlich nur da, wo die Kritik noch nicht spukte, das heißt wo noch keine Kritiken gedruckt wurden. So ist die Kritik denn doch zu etwas gut; sie schützt vor einer dem größern Publikum nicht bekannten Piraterie auf berühmte Namen.
Nachdem ich, gekräftigt durch eine Milchsuppe und Kartoffeln - mein Abendbrot; mit großer Gewissenhaftigkeit berichtete der angehende Soldat seine Mahlzeiten an jedem Tage nach Hause, um die Zurückgebliebenen zu überzeugen, daß er nicht Hunger leide - nachdem ich mich auf mein Strohlager inmitten der Stube, wo die ganze Familie wohnte und schlief, noch manch Eigenartiges schildert, sei hier auch eine Stelle aus einem Briefe Theodor Körners an die Baronin Henriette v. Pereira (vom 26. 3. 1813) mitgeteilt. "Ich bin beim Riemenmeister Schindler in der schönen Stadt Zobten einquartiert. Die ganze Wohnung des rechtschaffenen Mannes besteht aus einer kleinen Stube. Wie wir des Tages fertig werden und Platz haben, wäre zu schwer zu beschreiben; lassen Sie sich aber ein Nachtstück zeichnen. Obenan am Fenster liegt der Meister, neben ihm auf zwei Stühlen sein vierter Erbe. An sein Bett stößt das der Frau Meisterin, die die Wiege mit dem fünften Erben zur Seite schaukelt. Darauf kommt die Türe; dann liegt der Poet auf einer Streu zwischen dieser schlecht verschlossenen Tür und einem glühenden Ofen. Zu seinem Haupte, in der sogenannten Hölle, der dritte Erbe, neben diesem im rechten Winkel die beiden ältesten Kinder, Nr. 1 und 2, in einem großen Verschlag; den Zug schließt der Geselle, ebenfalls auf einer Streu, mit den Füßen am zweiten Fenster, so daß ein schnarchendes Hufeisen von Schlummernden gebildet wird." geworfen, erwachte ich schon um zwei Uhr nach einem köstlichen Schlafe, um Schlag drei Uhr auf dem Sammelplatz zu stehen. Der Marsch des dritten Tages war nicht minder beschwerlich. Nachdem wir bei Plaue auf einer Fähre über die breite Havel gesetzt waren - die Brücke war damals noch aus der Zeit des unglücklichen Krieges abgebrannt -, entfernten wir uns von der Chaussee, um zwar über lachende Wiesen, wo es sich vortrefflich marschierte, aber auch durch tiefe Sandwüsten mühsam unsern Weg fortzusetzen. Der dritte Tag zeigte uns erst, wie angegriffen wir waren; an den beiden vorhergehenden hatte uns die Aufregung der Nerven es vergessen gemacht. Die Nachzügler nahmen kein Ende. Eine neue Feldflasche und etwas Wein, die ich mir in Brandenburg gekauft, mußten meine sinkenden Kräfte aufrecht erhalten. Dennoch hatte ich einen kleinen moralischen Triumph. Unser Offizier hatte sich die Füße wund gelaufen und mußte reiten; ich konnte doch noch gehen. Eine Schreckenspost wartete unser an den Toren der kleinen Stadt Genthin, die unser Ziel sein sollte. Man wies uns noch eine Meile weiter in ein abgelegenes Dorf. Dies selbe Schicksal traf uns, immer zu meinem großen Verdruß, in der Folge sehr oft. Da den Etappenstädten das Recht zustand, die ihnen zugewiesenen Truppen in ihre Dörfer zu verlegen, so mußten in Berücksichtigung der unberechneten Rück- und Weitermärsche die Etappenmärsche in der Regel nur kurz sein. Meinen Kameraden war die Verweisung in Dörfer gewöhnlich erwünscht, weil die Rationen in den Städten knapp zugemessen waren, in den Dörfern es dagegen vollauf zu essen gab. Ich litt nie in Quartieren an Hunger; dagegen fürchtete ich die vollgepfropften Bauernstuben, wo oft neben der zahlreichen Familie des Wirtes noch drei bis sechs, wo nicht gar zehn Jäger herbergen, sich behaglich machen, essen und schlafen mußten. Ich war daher für die Städte: "Eine gute Stube ist dem vollauf Essen vorzuziehen."
Der Weg nach unserm Dorfe war ein Sandmeer. Schon an den ersten Hecken fielen mehrere um. Die Anführer mußten ein Auge über die gelöste Ordnung zudrücken. Die Wohnung bei unserm Kossäten Peter Liebe entsprach meiner obigen Schilderung. An Essen fehlte es nicht; denn ein mächtiger irdener Napf mit Grützsuppe, eine Schüssel mit Rührei, Branntwein, Butter, Brot und Koffent drückten den Tisch. Dazu freundliche, ehrliche Gesichter und - Ende Mai ein geheizter Ofen! - Was ist Glück, was Komfort? Liegt es nicht überall im Konventionellen? Der Bauer in Norddeutschland sucht den Trost für alle Mühen seines armseligen Lebens in einer warmen Stube. Er heizt im Sommer seinen Ofen und freut sich, daß er es kann. Und wir fanden, daß man die Hitze wie die Müdigkeit überwinden konnte. Wir schliefen dicht am Ofen, denn es war der einzige freie Platz, süß und fest bis an den Morgen.
Es war ein Sonntag und ein Rasttag. Er tat uns allen not. Wie vieles mußte hier schon an unsrer Kleidung und unserm Rüstzeuge in Ordnung gebracht werden, und wir glänzten doch erst vor drei Tagen in neuer Equipierung! Das fällt bei allen Militärmärschen vor; leider aber hatte die Begeisterung in Berlin der merkantilen Spekulationslust keinen Abbruch getan, und man hatte den Freiwilligen für schweres Geld zwar sehr zierliche, aber sehr lockere Ware verkauft. Schon in Potsdam hatten wir die Handwerker in Tätigkeit setzen müssen, um das beschädigte Riemzeug wieder zu reparieren. Es geschah, seitens der Potsdamer, nicht ohne scheele Bemerkungen über den Unpatriotismus der Berliner. Man muß dies indes nur mit Maß hinnehmen, da zwischen den Handarbeitern beider Residenzen eine natürliche, aber, je enger die Verbindung wurde, für die Potsdamer immer verderblichere Rivalität herrscht. Die Hast, mit welcher die Ausrüstung so vieler Tausende erfolgte, entschuldigte wohl einigermaßen die leichte Arbeit.
Ich benutzte diesen Rasttag zu einem ersten Briefe nach Hause. Es war nur ein Tintenfaß im Dorfe, das mußte der Kantor leihen. Dies wiederholte sich in den meisten Dörfern; meine Briefe fingen daher gewöhnlich an: "Der Kantor muß seine Tinte wieder haben, ich muß daher schnell schreiben." Wahrscheinlich hat die Kultur seit den achtundzwanzig Jahren Änderungen hervorgebracht: auch die märkischen Dörfer und ihre Wirtshäuser sind in der Kultur fortgeschritten. Wegen meines Vielschreibens ward ich übrigens sehr aufgezogen, Schreiben schicke sich eigentlich nicht für einen Soldaten, hieß es; und meine Briefe trugen immer die sichtlichen Spuren des Geräusches einer überfüllten Bauernstube und der Störungen meiner Kameraden. Die "Nibelungen" durfte ich da gar nicht vorbringen.
Wir besuchten am Morgen die Kirche, verließen sie aber ohne Erbauung. Ein alter rationalistischer Prediger eiferte gegen den Reichtum. Ob dazu Anlaß im Dorfe war, weiß ich nicht; mir schien es aber weit nötiger gegen das Franzosentum zu eifern. Zu seinem Zwecke ließ er einen Toten auferstehen, den Lazarus; versicherte aber Zugleich, Lazarus sei nicht wirklich auferstanden, er würde nur so gesprochen haben, wenn er auferstanden wäre. Wir wollten Wunder haben, darauf war damals unser ganzer Sinn gerichtet; was Wunder, daß wir unzufrieden fortgingen und uns eigentlich freuten, daß die Bauern bei der Predigt schliefen. Eine ganz andre Erbauung wartete unser am Abend.
In dem Offizier, welcher unser Detachement nach dem Rheine führte, hatte ich einen älteren Schulkameraden aus einer Privatschulanstalt wieder erkannt. Er war ein liebenswürdiger, gemütlicher Mann, dem nur leider seine Wunden, die er als Kavallerist im vorigen Kriege erhalten, ebensowenig als seine bürgerliche Praxis – er hatte ein großes Gut verwaltet –, die nötige Lebensklugheit schon beigebracht hatten, deren ein Anführer junger Leute und eine militärische Obrigkeit bedarf. Er war noch Enthusiast vom Jahre Dreizehn, er glaubte noch die Freiwilligen von damals vor sich zu haben, welche Bildung und Idee mit ihren Offizieren außerhalb des Dienstes gleichstellte. Dagegen wäre nichts zu sagen gewesen, daß er mich und einige Freunde in den herrschaftlichen Park zu einer heitern Abendunterhaltung einlud. Der Zufall führte noch andre hinzu. Es war wohl mehr als Zufall, daß es gerade die Gebildetern des Detachements waren. In jeder großen Masse werden sich die geistiger Geweckten bald von selbst zusammenfinden. Die Lebensklugheit fordert aber, daß sie es nicht merken lassen, keine Verbrüderungen schließen und jedes aristokratischen Auftretens sich enthalten. Bedarf der geistige Vorzug äußerer Zeichen? Daß wir diese Lebensklugheit nicht beobachteten, sollte bald nur zu üble Folgen für uns haben, obwohl wir doch in der Mehrzahl ohne Willen und Bewußtsein in unser Unglück gingen.
Unter zwei herrlichen Lindenbäumen saßen wir am Abende und sangen vaterländische Lieder, von Körner, Arndt. Der Gesang erfreute den patriotischen Gutsherrn, den Kammerherrn von B....., und er sandte uns Getränke und Erfrischungen. Unser Wohlbehagen wuchs mit dem Austausche der Gesinnungen und den geleerten Flaschen. Da ward erzählt und wieder gesungen von den Taten des letzten Krieges und den Taten der Vorzeit. Da trat einer auf und deklamierte von Schiller, Goethe und Kotzebue; ich erinnere mich, auch die "Glocke" kam an die Reihe. Als der Mond aufging, war unsre Seele voll heiligen Vaterlandsdurstes; wir zogen unste Hirschfänger, traten in einen Kreis, wölbten ein Dach über den leeren Raum mit unsern Klingen, und schworen mit tränenden Augen – ich weiß nicht mehr eigentlich was; aber gewiß war darunter, daß wir dem Vaterlande und der deutschen Sache und dem Könige treu bleiben und dafür unsre letzten Blutstropfen vergießen wollten. Das hatten wir freilich alle schon geschworen und gelobt; aber der Augenblick wollte doch sein Recht. Es wäre ein traurig Leben, wo man es ihm verweigerte. Wir sanken uns in die Arme, wir drückten uns Brüderküsse auf, und zur ewigen Besiegelung des herrlichen Momentes gaben wir unserm Bunde den Namen des Hermannsbundes.
Nie war ich so froh, so begeistert in mein Quartier gekehrt, nie warf ich mich so selig auf mein Strohlager. Der Rausch war auch am Morgen noch nicht verschlafen. Die Mehlsuppe als Frühstück schien uns zu nüchtern darauf. Als wir zu früh auf dem Sammelplatz ankamen, trat der Hermannsbund zuerst ins Leben, indem er in corpore – diesmal jedoch ohne Offizier – ins Wirtshaus ging und sich sechs Portionen Kaffee bestellte. Aber das war schon ein böses Omen, daß die rauchenden Kaffeekannen erst aufgetragen wurden, als das "Heraus" abermals zum Antreten rief. Das erwartete Detachement war angekommen, und wir mußten, ohne den Kaffee zu trinken, abmarschieren!
Burg, eine alte Stadt, unser nächstes, nicht zu entferntes Nachtquartier, steht besonders gut in meinem Tagebuche notiert, weil ich hier bei einem wohlhabenden Bäcker zum erstenmal eine eigene Stube erhielt und man mir – Waschwasser ungefordert brachte. Wichtiger wäre für meine Kameraden gewesen, daß man uns hier das erste frische Fleisch vorsetzte. Ich machte mir nicht viel daraus.
Der Hermannsbund fand sich sogleich nachmittags nach dem Appell wieder zusammen und suchte einen schattigen Gesellschaftsgarten auf, wo die gestrige Freundschaft und Begeisterung bei einigen Flaschen Wein aufgefrischt wurde. Aber mir wollte es nicht recht in den Sinn, daß dieselben, welche gestern beim Mondenscheine die Schwerter entblößt und für deutsche Art und Wesen geschworen hatten, jetzt mit der hübschen, jungen Aufwärterin sich so lose und handgreifliche Scherze erlaubten. Ich schrieb's dem Weine zu; denn deutsch schien es mir damals nicht. Mein Offizier, ein hübscher, junger Mann, gefiel mir dagegen immer mehr – und, beiläufig gesagt, der jungen Aufwärterin schien er auch zu gefallen. – Sein Körper war mit Wunden bedeckt, die ihn zum Kavalleriedienst untauglich machten; dies hatte ihn aber nicht abhalten können, wieder bei der Infanterie Dienste zu nehmen. Er erzählte uns, wie der Offizier der ostpreußischen Jäger – unser Marschkorps bestand aus drei verschiedenen Detachements – ihn, weil er sich zurückgesetzt geglaubt, und um andrer Kleinigkeiten willen, heut auf Pistolen, auf drei Schritt Distanz, gefordert habe. Aber unser Führer hatte geantwortet: wenn es Sitte sei, sich mit Pistolen um die Ohren zu schlagen, finde er die Anforderung ganz gut. Wenn man sich aber auf Pistolen schießen wolle, verrate die Ausforderung einen sehr schlechten Schützen. Im übrigen sei der Krieg da, um mit seinen Kameraden um die Wette seinen Mut den Feinden gegenüber zu zeigen, nicht um sich einer mit dem andern zu schießen. Wenn noch Pulver übrig sei nach der Besiegung der Franzosen, stehe er ihm bereit, wo und wann und wie nahe es sei. Das gefiel mir; aber so recht deutsch kam es mir doch nicht vor.
Am folgenden Tage wieder eine getäuschte Erwartung. Mein Herz schlug vor Wonne, als ich die altersgrauen Türme von Magdeburg vor mir sah. Die Sonne brannte auf den mir endlos dünkenden Elbflächen, über die damals noch nicht einmal eine Chaussee führte; aber die Aussicht, mit der man uns schmeichelte, einige Tage in der alten, historischen, deutschen Stadt zu liegen, belebte meine Kräfte. Wie wollte ich sehen: den Dom, die heiligen Gräber der Kaiser, wie studieren, ausruhen und ins Theater gehen. Statt dessen hieß es: noch anderthalb Meilen weiter in ein Dorf, vorher abgestäaubt, die Tornister aufgepackt, und im Parademarsch vor dem General Hirschfeld defiliert! Nun kam mir Magdeburg gar nicht besonders schön, alt, ehrwürdig, ja, nicht einmal so außerordentlich fest vor.
Der General musterte uns auf einem Platze hinter der Zitadelle und sprach einige freundliche Worte zu den Jägern: sie sollten sich nicht, als Verteidiger für das große Vaterland, zu kleinen Zänkereien und Streitigkeiten hinreißen lassen. Eine gute Warnung, aber es sollte ein böses Omen werden. Ernster schlichtete er den Streit der drei Offiziere, welche die drei Detachements anführten. Allerdings schien unser Leutnant, als der jüngste unter ihnen, bevorzugt, da er bisher auf dem Marsche den Oberbefehl geführt hatte. Der General hob dies Verhältnis auf, und gab jedem Anführer das Recht, nach eigenem Willen zu handeln. Uns und unserm Offizier konnte nichts Erwünschteres kommen. Das Zusammengespann erweckte nur gegenseitigen Neid, aber keinen Vorteil. Doch wie lachte unser Herz auf, als der General mit sehr deutlicher Anspielung hinzusetzte: er habe schon manchen Bramarbas gekannt, der sich mit jedem habe schlagen wollen; aber vor dem Feinde wäre ihm das Herz in die Hosen gefallen.
Der Esprit de corps hatte wohl einen Sieg erfochten, aber die Musterung und das Magdeburger Straßenpflaster unsre letzten Kräfte aufgezehrt. Der Stolz war mit einem Male dahin, als wir aus dem Tore hinaus waren, und die Trotzigsten kamen mit Bitten, daß man sie auf die Wagen nehme. Die Bitte mußte, da für 130 Mann nur ein Wagen da war, welcher für die Tornister bestimmt war, allen abgeschlagen werden. Wir stürzten in eine Schenke, um uns wenigstens durch Bier zu stärken. "Da sahen wir recht klar", steht in meinem Tagebuche, "den Vorteil solcher Verbrüderungen, wie unsre, ein; denn einer unsrer Vorsteher, namens Ritter, ein schöner, großer und recht gebildeter junger Mann, besorgte für uns Hermannsbrüder das Bier in der gedrängt vollen Schenke, ohne daß einer von uns sich darum zu kümmern hatte." Wir sollten bald noch klarer sehen lernen. Ein andermal hatte derselbe hilfreiche Freund zwei große Butten saure Milch geschafft, und unter einer schattigen Rüster lagerten die Hermannsbrüder auf schönem Rasen und aßen umschichtig mit zwei zinnernen Löffeln die erfrischende Kühlung. Auch unser Anführer und der von dem Zweiten Detachement, welcher sich zum Hermannsbunde hielt. Es mag ein recht anmutig Bild gewesen sein, schwerlich aber ein tröstliches für die, welche in der Sonne liegen mußten und keine saure Milch hatten.
Im Dorfe Erzleben war unsre Station. Welch ein andres Dorf, als die wir in unsrer Mark verlassen hatten! Hier strotzte alles von Üppigkeit. Welche Häuser, Scheunen, Rinder. Verwundert stieß ich meinen Freund, den Schlegelianer, an, und sein poetisches Uhrwerk ging los:
Sagt mir nichts von gutem Boden,
Nichts vom Magdeburger Land!


Da verteilte der Offizier vor der Front die Billette. Der Furier überreichte ihm eins für zwölf Mann beim reichsten Bauer des Ortes. Aller Blicke sahen mit Neid darauf; sie sahen im Geist die Speckseiten im Rauchfang, die Würste, Eier, Butterfässer und Bierkrüge. Zum Überfluß stand der wohlgenährte Wirt mit seinem wohlhäbigen, glänzenden Gesicht schon bereit, um seine lieben Gäste, die der Hauptmann ihm bezeichnen sollte, selbst in sein Haus zu führen. Vielleicht ich allein hatte keine besondre Lust. Verhungern würde ich nirgends; aber in einer Bauernstube unter zwölf Kameraden war schlechte Aussicht auf Ruhe. Der Offizier musterte seine Leute: "Ein Quartier für zwölf Mann! Der Hermannsbund trete vor!" – Ein dumpfes Schweigen, finstere Blicke ringsum. Wir zogen zu dem reichen Manne, selbst reich, und sahen sie nicht mehr.
Noch hörte ich, was der Abend und die finstere Nacht ausbrüteten. Ich war weit weg. Obgleich unser Wirt ein Herr der Herrlichkeit war, und Speck, Schinken, Bohnensuppe, Butter, Brot, Eier, Bier und Buttermilch auf dem langen Tische strotzten, obgleich er mit Stolz erzählte, daß sein Haus sechsmal abgebrannt wäre, und er wäre doch nicht arm, obgleich er seinen Sohn als freiwilligen Jäger zu Pferde bei der Garde eingekleidet hatte, blieb ich doch nicht über Nacht in diesem vortrefflichen Quartier. Mein Freund, der Schlegelianer, hatte einen Freund in Magdeburg, der gleichfalls Schlegelianer, aber außerdem Feldwebel bei der Artillerie war. Dieser hatte einen Kanonier hinausgesandt, um meinen und seinen Freund auf einen Tag zu sich einzuladen. Die Sache ließ sich leicht machen, da am nächstfolgenden Tage Ruhetag war, und der Weg von Magdeburg aus nach dem nächsten Etappenorte nur kurz. Auch ich ließ mich leicht überreden, mit nach Magdeburg zu gehen, besonders da mein Offizier mir außer dem Urlaub auch bewilligte, meine Sachen inzwischen auf seinen Wagen zu legen. Leicht geschürzt betraten wir nun den Rückweg nach der Stadt, und die zwei Tage dort waren mir eine um so willkommnere Episode, als ich in jenem zweiten Schlegelianer einen Schulkameraden erkannte und volle Muße hatte, Magdeburgs Merkwürdigkeiten zu besehen. Wir verließen die Stadt nach zwei Tagen vollkommen befriedigt; nur darüber schüttelten wir bedenklich den Kopf, daß ein Buchhändler auf die Anfrage nach einem Schlegelschen Werke geantwortet hatte: "Wo denken Sie hin, meine Herren! Wie soll so etwas hier Abgang finden! Zauber-, Banditen-, Räuber-, Mord-, Geister-, Diebesgeschichten, die sind nach unserm Geschmack; damit kann ich aufwarten." Dennoch kaufte und fand der Schlegelianer "Leier und Schwert" und "Hermann und Dorothea", die fortan seinen Tornister noch mehr beschweren sollten. Ich hörte, daß in Magdeburg etwas französische Neigung spuken sollte, aber beruhigte mich wieder vollkommen, als ich auf dem Komödienzettel statt der Benennungen Madame und Demoiselle das deutsche Frau und Fräulein fand.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815