Erste Fortsetzung

      Über Bandjermasing selbst bringen meine Reisebriefe aus damaliger Zeit nur magere Berichte, vielleicht, weil ich nur kurze Zeit in der Hauptstadt selbst verweilte und nach kurzem Aufenthalt ins Innere des Landes, an die Grenze aller menschlichen Zivilisation geschickt wurde; vielleicht weil die Stadt Bandjermasing wenig Interessantes oder Mitteilenswertes geboten hat, oder vielleicht weil um die Topographie der Umgebung mir mehr Mitteilenswertes und Interessantes bot. Ihre Einwohnerzahl bezifferte ich damals auf 30.000. Der größte Teil der Bewohner Bandjermasings besteht aus Malayen (Bandjeresen und Bekompeyer), und am kleinsten ist die Zahl — der Europäer. „Wenn wir von den Offizieren mit ihren europäischen Soldaten und den Beamten absehen, ist die Zahl der europäischen Handelsleute, auch wenn die halbeuropäischen mitgerechnet werden, noch auf den Fingern einer Hand abzuzählen.“ So sprach ich im Jahre 1885 in einem Vortrag über die Bewohner dieser Stadt; heute ist die Zahl der Europäer größer, weil der Handel einen solchen Aufschwung genommen hat, dass selbst die Handelmaatschappij einen Agenten für die südöstliche Hälfte Borneos zu ernennen sich bemüßigt sah.
      Von monumentalen Gebäuden kann kaum gesprochen werden: das Haus des Residenten ist wie die meisten Häuser Indiens in altgriechischem Stil gebaut mit einer vorderen und hinteren Veranda; das Fort mit seinem Spital und seinen Kasernen, das neue Gefängnis, das Seminar für Volksschullehrer, das Clubgebäude, die europäischen Geschäfte usw. sind hübsch und nett, aber ohne jeden architektonischen Wert. Am linken Ufer des Martapuraflusses liegt jedoch das chinesische Viertel mit zahlreichen Geschäften und einer chinesischen Kirche. Vor vielen Jahren las ich in einer Reisebeschreibung, dass in dem chinesischen Tempel zu Bandjermasing der Hauptaltar mit einem Bild Napoleons I. verziert sei; sofort nach meiner Ankunft mietete ich einen Kahn, um diese Chinesische Kirche mit Napoleon als Buddha zu sehen. FIch sah keinen Buddha oder Confucius, welcher Napoleon ähnlich war, und als ich darnach mich erkundigen wollte, bekam ich keine Antwort; ich sprach kein Chinesisch und nur sehr mangelhaft die malayische Sprache, und die Tempeldiener waren nur dieser zwei Sprachen mächtig.
      Unrichtig wird angegeben, dass diese Stadt auf dem linken Ufer des Baritu liege; von diesem Fluss sind die äußersten Gebäude der Stadt, das Hafenbureau und das Gefängnis noch mehr als eine Stunde entfernt. Alle Häuser stehen auf Pfählen, denn die Stadt liegt im Inundationsgebiet des großen Stromes Baritu, welcher sich täglich über 1 Million Hektar Landes mit der Flut des Meeres ergießt; mit der Ebbe dingt zwar das Wasser dem Meere zu, aber zahlreiche Pfützen bleiben zurück, die zahlreichen Kanäle werden wasserfrei, die stinkenden Ausdünstungen verpesten die Luft und selbst der Martapurafluss wird in trockenen Jahren so wasserarm, dass das Trinkwasser aus höher gelegenen Teilen des Stromes geholt werden muss.
Große und ausgestreckte Sümpfe begrenzen im Norden und Süden die Stadt, und der Kanal Kween (Fig. 1) ist die östliche Grenze des bewohnten rechten Ufers des Martapuraflusses.
      Der offizielle Ausweis spricht im Jahre 1882 von 592.959 Bewohnern 1) des südöstlichen Borneos mit 549 Europäern, 2843 Chinesen und 435 Arabern; von diesen Ziffern haben nur die Angaben über die anwesenden Araber, Chinesen und Europäer einen gewissen Wert; wie wir später sehen werden, ist die Statistik der Eingeborenen ganz unverlässlich, so dass faktisch die Einwohnerzahl Borneos noch heute selbst auf eine Million noch nicht bekannt ist.
      Ob diese Stadt Bandjermasin oder Bandjermasing zu nennen sei, ist kaum zweifelhaft. Valentyn nennt sie Bandjermasingh. und mit Unrecht wird in dem großen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff eine neue Schreibweise dieses Namens eingeführt. Bandjir heißt nämlich Überströmung und mâsing bedeutet häufig vorkommend. Da tatsächlich diese Stadt häufigen Überströnumgen ausgesetzt ist, und da nicht um in den ältesten Büchern der Name Bandjermasingh vorkommt, sondern auch während meines dreijährigen Aufenthaltes auf Borneo mir geläufig war, so ist nach meiner Ansicht die ältere Schreibweise beizubehalten. 2) Bis zum 16. Jahrhundert waren auch die Bewohner der Küste ebenso Heiden als heute noch die Dajaker im Innern der Insel es sind.

      1) Dr. Posewitz teilt jedoch mit, dass S. O. Borneo im Jahre 1883 eine Größe von 361.653 Quadrat-Km. mit 645.772 Einwohnern hatte.
      2) Die Überströmung (bandjir) mit „salzigem = mâsin“ Wasser ist auf den flachen Küsten der Inseln des indischen Archipels eine so häufige Erscheinung, dass sie nur gezwungen zur Erklärung des Namens dieser Stadt gebraucht werden kann.


      Die Einführung der mohammedanischen Religion auf Borneo ist mit einer Ödipussage verbunden:
      Bekanntlich hat Ende des 15. Jahrhunderts Madjopahit auf Java den Islam eingeführt und zwar mit Feuer und Schwert (so dass heutzutage nur zwei sehr kleine Kolonien von echten Hindus auf dieser Insel gefunden werden, und zwar die eine in West-Java in der Provinz Labak und die zweite in Mittel-Java), und darum ist es interessant, dass die folgende Sage auch in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt wird.
      Im Beginne des 16. Jahrhunderts (1530?) lebte eine Fürstin des Bandjermasingischen Reiches, deren Name von der Zeitflut weggespült wurde; sie hatte einen Knaben, dem sie einmal bei einer körperlichen Züchtigung eine Wunde am Kopfe beibrachte; er bekam dadurch eine solche Abneigung gegen das elterliche Haus, dass er seine Flucht mit Hilfe des Anakoda Laba, eines reichen Javanen, beschloss, der damals mit seinem Schiffe bei Negara vor Anker lag. Nach dem Tode seines reichen Pflegevaters führte er den Handel mit Borneo weiter. Seine hohe Abstammung hatte sein Pflegevater verheimlicht; Akar Sungsang (unter diesem Namen war er auf Java erzogen worden) erregte durch seinen Reichtum, seine Schönheit und durch seinen Mut dermaßen die Aufmerksamkeit der Bewohner von Amunthay, dass sie ihm die Hand der seither verwitweten Fürstin anboten. Viele Jahre lebte er in glücklicher Ehe mit — seiner Mutter, als sie eines Tages die Narbe an seinem Kopfe entdeckte und die Flucht auf Anakoda Labas Schiff erfuhr. Beschämt und erschreckt entzog sie sich seinen Umarmungen und stellte sich vor den Rat der Ältesten, um die verdiente Strafe zu empfangen. Die Tradition (hadat) hatte jedoch keinen Präzedenzfall; die Ehe wurde nur gelöst und die Gattin-Mutter blieb straflos. Akar Sungsang heiratete wieder, und sein Enkel Samatra, der Sohn seiner Tochter Putri Kalarang und eines Dajakers, führte als Sultan Suriansah (1608?) den Islam auf Borneo ein. (Schwaner.)
      Neben dieser Ödipussage hat die Mythologie der Dajaker auch die einer Venus anadyomene; aber für die Lernäische Schlange der Griechen hat der Dajaker kein Pendant; das ist umso überraschender, als die Küste ein ungeheurer Sumpf ist, über den sich bei der Flucht das Meer bis auf 1 Million Hektar ergießt, und wo eine üppige Flora eine undurchdringliche, unausrottbare Wildnis geschaffen hat. An diese große sumpfige Ebene schließt sich die tertiäre Formation 1) mit den

      1) Vide geologische Skizze von „Borneo“, Entdeckungsreisen usw. von Dr. Th. Posewitz.

Urwäldern, welche noch keines Europäers Fuß betreten und in welchen die Riesen der Flora neben den Riesen der Fauna hausen. Die Avicennien, Caesalpinen, Casuarinen und Rhizoforen; das Sideroxylon (Kaju besi M), Teakbäume. Guttapercha, Muskatbäume, Campher, Zimmt, Zitrone, Bambus, Rottau, Reis, Pfeffer, Kaffee u. s. w. fesseln in ihrer Massenhaftigkeit den Laien vielleicht mehr als den Botaniker, und auch ich nahm den ganzen Reiz eines Urwaldes und der Sumpfpflanzen in mich auf und beugte in Demuth mein Haupt vor den gewaltigen Riesen der Pflanzenwelt, oder vor den Lianen, welche Schritt für Schritt den Marsch des Wanderers erschweren oder unmöglich machen. Auch ich ergötzte mich an der Pracht der Nepenthes-Artent, von denen schon Friedmann auf Borneo 22 Arten kannte und unter welchen die Nepenthes Edwardsiana. villosa mid Rajali die schönsten sind.
Ein fesselndes Bild sind auch die Ströme mit ihren zahlreichen Seen (Danaus).
Ich habe den Genfer See gesehen, ich habe den Rhein befahren, ich kenne die Donau von Wien bis zum Banat; ich habe vier Monate in den Karpaten gelebt und habe mich an der Riviera herumgetummelt; ich weilte auf Java an den Ufern des Telagawarna, welcher wie in einem Kessel zwischen hohen Felsen eingeschlossen ist, dessen majestätische Ruhe und lautlose Luft mich mächtig ergriffen hat, aber nirgends sah ich ein Bild, das sich nur annähernd mit dem der Danaus vergleichen könnte; nirgends sah ich ein solch pittoreskes, variables Panorama, als auf den Seen jenseits der Ufer des Baritu.
Wahrscheinlich sind es alte Flussbetten, welche durch Antassans mit dem neuen Strom in Verbindung geblieben sind. Sinkt das Wasser in dem Barituflusse, so ist der Danau ein großer Sumpf, aus dem hier der kahle Stamm eines Waldriesen (Balangiranbaum) sich erhebt, dort die Wurzeln einer Rhizophore eine niedrige Säulenhalle über dem sumpfigen Boden errichtet, durch die sich still und lautlos ein Krokodil windet; hier sitzt auf einem anderen kahlen Stamme ein Reiher, dort tauchen einige Fische aus der Tiefe und trachten mit leichten Sprüngen die darüber schwelgende Libelula zu erhaschen. Kreisen auch nebstdem einige Falken, oder in später Abendstunde zahlreiche Kalongs hoch in den Lüften, so ruht doch ein schwermütiger, geheimnisvoller Ernst über der ganzen Fläche der Sümpfe und stimmt den Beobachter traurig im Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit.
Steigt das Wasser des benachbarten Stromes jedoch so hoch, dass es die durch den abgelagerten Sand und Schlamm immer und immer höher werdenden Ufer überragt, dann füllt sich das alte Becken zu einem großen See, dessen Wasser in seiner wilden Fahrt immer und immer mein' den Boden aufwühlt und immer und immer neue Sümpfe schafft, bis wieder hier oder dort ein künstlicher Kanal, Antassan, das Wasser dem Hauptstrom zuführt.
Die Formation dieses Diluvium und Alluvium ist bis jetzt ebenso wenig abgeschlossen als die der Danaus, Antassans und der großen Ströme, welche oft einen täglichen Verfall von 15 Metern!! haben.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches 21 Jahre in Indien. Erster Teil: Borneo