Abenteuer- & Jugendliteratur
Aphorismen & Miszellen
Architektur & Baukunst
Auswanderung
Befreiungskriege
Biographie
Briefe, Tagebücher
Gesundheit, Medizin, Homöopathie
Historischer Roman
Maritimes
Mittelalter
Pferd, Hund, Jagd
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Reisen, Expeditionen, Entdeckungen
Sagen und Märchen
Thematisch Gemischtes
Amerika
Russland
Bayern
Hamburg
Mecklenburg-Vorpommern
Pommern
Volltextsuche
Shop
Buchtipp
Bei Lexikus online lesen, oder bei Amazon kaufen
In Gedichtform erzählte Geschichten von Oscar Freiherr von Redwitz-Schmölz in "Ein Märchen".
Bei Lexikus online lesen, oder bei Amazon kaufen
In Gedichtform erzählte Geschichten von Oscar Freiherr von Redwitz-Schmölz in "Ein Märchen".
Beliebte Suchbegriffe
Karavane, Wassernixe, Karyatide, Kaffeehaus, Herzog von Württemberg, der Heizer, Wetter historisch, MV, Robinson
Karavane, Wassernixe, Karyatide, Kaffeehaus, Herzog von Württemberg, der Heizer, Wetter historisch, MV, Robinson

Impressum
über Lexikus
Abschnitt 1 - Kur, Reisebemerkungen, Postknecht, Heilkunde, Kraftlosigkeit, Reisegesellschaft, Postpferde.
Vorbericht und Brief 1 – Prenzlau
Prenzlau, den 21 Jul. 1795.
Es gibt in der Tat keine bessere Kur, als eine Reise! Noch bin ich keine achtundvierzig Stunden unterwegs, und schon schreiten meine Füße und Ideen mit größerer Leichtigkeit fort. Hüte Dich zu sagen, daß dies bloße Einbildung sei; sonst erhältst Du in meinen nächsten Briefen, statt der versprochenen Reisebemerkungen, einen gelehrten Beweis, daß die Krankheiten von einem Dämon herrühren, der durch die Zauberformeln des Postknechts und durch die magischen Schwingungen seiner Peitsche ausgetrieben wird. Es müsste doch wieder von einem Dämon herrühren, wenn sich in diese Theorie der Heilkunde nicht eben so viel Zusammenhang bringen ließe, als z. B. in das System der Desorganisation! Was insbesondere die Mattigkeit betrifft, so denke ich, der Kürze wegen, eine mattmachende Materie anzunehmen, und, statt eines schwierigen Beweises, gerade hin zu versichern, daß ich deutlich gefühlt und mit meiner Reisegesellschaft deutlich gesehen habe, wie diese mattmachende Materie allmählich von mir in die Postpferde übergegangen sei. Dies war sonderlich der Fall auf den ersten vier Meilen bis Oranienburg.
Da ich jetzt noch nicht diese Krankheitstheorie ausführen will, folglich auch noch nichts zu verschweigen habe, was ihr ungünstig sein dürfte: so muss ich gestehen, daß die sichtbare Zunahme der Kraftlosigkeit unseres Vorspanns wohl auch in einigem Zusammenhange mit dem dortigen Sande stehen mochte, der an Tiefe, ich möchte sagen, an Grundlosigkeit, seines gleichen selbst in der ganzen übrigen verrufenen Gegend unseres lieben Berlins sucht. Und das Schlimmste ist, daß man da schwerlich an Besserung gedenken kann; denn gerade ein solcher Boden widersteht jeder Bemühung, ihn nutzbar oder angenehm zu machen, am hartnäckigsten. Der Reisende wird also wohl diese Übung für seine Geduld und für sein Mitleid mit den armen Pferden behalten; und ich will jedem raten, es da zu machen, wie ich, damit er nicht missmutig werde.
Ich habe mir eine große Erleichterung dadurch verschafft, daß ich gleich von Berlin bis Oranienburg die Zeit für die doppelte Meilenzahl rechnete, und unterwegs niemals sagte: „wie langsam“, sondern immer: „wie sanft und sicher es hier geht!“ Und um diesen Trostgrund recht tief zu fühlen, dachte ich an die halsbrechenden Wege zwischen Pirmont und Kassel, und an den Engländer, der mir vor acht Jahren, gerade hier im tiefsten Sande, eine hochtönende Lobrede auf die herrlichen Kunstwege in seinem Vaterlande hielt. „Lieber doch“, unterbrach ich ihn, „ohne Sorgen für Leben und Börse langsam gefahren, als mit Angst vor Straßenräubern jede halbe Stunde eine Meile galoppiert! Ich werde wenigstens immer diesen Zweig der britischen Industrie für einen entehrenden Flecken Ihrer hochgepriesenen Insel halten, gesetzt auch, daß Sie ein noch leichteres Mittel wüssten, den Erpressungen zu entgehen, als die von Archenholz empfohlene simple Vorsicht, sich von bewaffneten Bedienten zu Pferde begleiten zu lassen.“ Eben erzählte ich meinen Reisegefährten von diesem Gespräche, als der Postknecht ausrief: „dort, neben den kurzen Kienbäumen, ward vor sechs Jahren mein Kamerad mit dem Schirrmeister erschlagen!“ Gut, dachte ich, daß der Engländer nicht im Wagen sitzt! Gewonnen hätte er indessen durch diese Nachricht eben so wenig, als sie mich im Gefühl meiner Sicherheit störte. Es können Jahrhunderte vergehen, ehe wieder einmal ein so teuflischer Anschlag in einen Menschenkopf kömmt, und die Umstände ihn so unglücklich begünstigen. Vor dergleichen Unfällen kann die Regierung eben so wenig schützen, als vor dem Einschlagen des Blitzes. Über der eigentlichen Unsicherheit der Landstraßen, denke ich, kann und muss sie abhelfen, und so lange sie es nicht tut, sollte sie wenigstens das Geraubte ersetzen, und den Schaden, der sonst angerichtet wird, so viel als möglich vergüten.
Von Oranienburg hat Nicolai *) alles gesagt, was damals des Wissens wert war. Seitdem I. K. H. die Kronprinzessin Besitzerin des Schlosses ist, hat sich der Garten durch einige Anpflanzungen verschönert, welche die Einförmigkeit der alten Alleen und Hecken angenehm unterbrechen. Vielleicht überwiegt die Lage des Schlosses, die sonst Reize genug hat, das Unangenehme des Weges und der Entfernung von der königlichen Familie nicht genug, um dem Städtchen einen öfteren und längeren Aufenthalt seiner holden Besitzerin zu verschaffen.
Den größten Teil der Zeit, welche das Wechseln der Pferde erforderte, brachten wir im Posthause in der Bibliothek des Herrn Hauptmanns von Rapin-Thoyras zu. Diese zahlreiche Sammlung von historischen und statistischen Werken, von Reisebeschreibungen, Zeitschriften usw. gewährt nicht bloß ihrem geistvollen Besitzer eine angenehme Unterhaltung; sondern hilft auch in einem ansehnlichen Kreise umher einem Bedürfnisse ab, welches, seit einem Menschenalter, in unserem Vaterlande mit jedem Jahre immer lebhafter und ausgebreiteter gefühlt wird. Wenn man solche Lesebibliotheken sieht, und sich zugleich der unwidersprechlichen Beweise von den wenigen Fortschritten wahrer Geistesbildung in unserem Zeitalter erinnert: so wird man versucht, die Schriftsteller anzuklagen, daß sie entweder ihre Kunst schlecht verstehen, oder sie gewissenlos üben; und beide Vorwürfe treffen unstreitig auch den größten Teil unseres täglich wachsenden Schriftstellerheeres. Bei reiferer Überlegung aber zeigt sich, daß überhaupt durch Bücher unglaublich wenig auf das Publikum zu wirken ist. Wo man wenig liest, da herrscht gewöhnlich eine solche Einseitigkeit, daß niemand Eingang findet, als wer sich genau an die herrschenden Meinungen anschließt. Und wo viel gelesen wird, da gleichen die Leser dem Strande des Meeres, auf welchem jede neue Welle den Eindruck vertilgt, den die vorhergehende gemacht hat. Nur wenn gewisse Maximen endlich in den gebildeten Ständen so trivial geworden sind, daß jeder Schriftsteller ihre Unumstößlichkeit voraussetzt, und seine Kunst nur darauf verwendet, sie in einem reizenden Gewande darzustellen; nur dann gehen sie auch in die Volksklassen über, die in Büchern bloß Unterhaltung suchen, und sich's zur Not gefallen lassen, wenn sie Belehrung als eine Zugabe erhalten.
Je sichtbarer dies durch die Erfahrung wird, desto possierlicher dünken mich die jungen Schriftsteller immer, die von ihren Büchern nicht bloß in den gelehrten Mäklerbuden ausposaunen lassen, sondern auch im Ernst glauben, daß dadurch wichtige Übel geheilt oder auffallende Vorteile gestiftet werden sollen. Und ich kann mich des Lächelns nicht enthalten, so oft ich die Fortsetzung eines Verzeichnisses verbotener Bücher erhalte, worin mit einer erstaunenswerten Sorgfalt jede Schrift, die dem Büchergerichte schädlich geschiehnen hat, nahmhaft gemacht wird. Lieber Himmel! ein einzelnes Buch, sei sein Inhalt noch so gut oder böse gemeint, ist ein Tropfen Balsam oder Gift in in einem Ozean. Unter den 27 Millionen Deutschen, auf die es wirken soll, wird es von keinen hunderttausend gelesen; unter seinen Lesern sind keine fünfhundert, die es zu Herzen nehmen, keine zwanzig, die nach vier Wochen noch daran gedenken, und schwerlich einer, der deshalb in seiner Denk- und Handlungsart ein Pünktchen ändert! Wo Schriften, außer dem Kreise derer, für die sie eine literarische Wichtigkeit haben, etwas Auffallendes wirken sollen, da müssen ihnen Umstände zu statten kommen, die auch ohne ein Buch nicht unfruchtbar geblieben wären; und diese Umstände, welche allein Aufmerksamkeit verdienten, werden gewöhnlich desto gewisser übersehen, je mehr man das Buch ins Auge fasst. Nicht zu gedenken, daß von zehn verbotenen Büchern, wenn das Verbot nicht die Neugierde gereizt hätte, nenne gar nicht, oder doch ohne Sensation zu erregen, wären gelesen worden! Und haben denn z. B. in unserem Lande, wo Bücherverbote zu den Seltenheiten gehören, die Bücher einen schädlicheren Einfluss auf den Geist und Charakter des Volks, als da, wo man ihrer nicht genug verbieten zu können glaubt? Und habende dergleichen in denen Ländern, wo man gar keine Zensur und kein Büchergericht kennt? Doch, ich wollte Dir die Begebenheiten meiner Reise erzählen!
*) Beschreibung der K. Residenzen Berlin und Potzdam. B. 3. S 109 u.f.
