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Ein Märchen In Gedichtform erzählte Geschichten von Oscar Freiherr von Redwitz-Schmölz in "Ein Märchen".
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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Stralsund. Ein Halt auf dem Weg nach Stralsund in Reinberg.

Brief 9 – Stralsund


Stralsund, den 1sten August 1795.


Der Weg von Greifswald hierher (vier Meilen) hat wenige malerische Schönheit; aber überall sahn wir aus dem fetten Boden die trefflichsten Weizen-, Gersten- und Haberfelder; auch die Dörfer hatten das Ansehn der Wohlhabenheit und Ordnungsliebe. Die Wucher- und Kornblume stand indessen weit häufiger unter dem Getreide, als eine sehr sorgfältige Kultur es ihr erlauben würde.

Auf der Hälfte des Weges hielten wir in dem Dorfe Reinberg an, um eine dicke Merkwürdigkeit zu besehend dies ist eine Linde auf dem Kirchhofe, die unten am Stamme 37 ½ Fuß im Umfange hat, und eben sowohl inwendig als auswendig grünt. Sieist nämlich ganz ausgehöhlt, und die Rinde hat sich da, wo sie geborsten ist, nicht nur einwärts gekrümmt, sondern auch junge Äste getrieben. Sie bildet ordentlich zwei Cabinette, in deren jedem sich etliche Personen aufhalten können.

Man sieht Stralsund schon, wenn man noch über eine Meile davon entfernt ist; denn die ganze Gegend umher ist von dieser Seite völlig eben. Die Stadt selbst schneidet den Horizont in einer ziemlich einförmigen Linie ab, im Ganzen ist aber doch der Anblick nicht uninteressant, weil man zugleich die Meerenge und die malerische Insel Rügen ins Auge fasst.

Ehe ich Dir weiter etwas davon sage, muss ich bemerken, daß man hier nicht wie bei uns, Stralsund, sondern Stralsund (den Accent auf der ersten Silbe) spricht, und zwar mit Recht, wie man Frankfurt, Landsberg etc. sagt. Die Ableitung des Namens hat Büsching angegeben; aber er hat Unrecht, wenn er sagt, daß die Stadt ganz mit Seewasser umgeben sei. Nur nordöstlich wird sie von der Meerenge eingeschlossen; von den übrigen Seiten fassen große Teiche sie ein, welche ihr süßcs Wasser durch Gräben und Canäle von entfernteren Seen und Zusammenflüssen erhalten.

Wegen seiner Bauart verdient Stalsund keine Aufmerksamkeit. Wirklich schön sind nur wenige Häuser. Die meisten stehn mit den Giebeln nach der Straße und sind auf allerlei Weise verziert. Am sonderbarsten sehen diejenigen aus, aus deren oberstem Stockwerke, nach der ganzen Breite des Hauses, eine durchbrochene, gothisch verzierte Mauer, die den Giebel versteckt, fortgeführt ist. Nur wenige Straßen sind allzu enge, aber noch wenigere sind gerade. Das Pflaster ist sehr v iel besser, als das unsrige, obgleich bei weitem nicht so gut, als das neue Hamburgische. Die Rinnsteine gehn in der Mitte der Straßen, und noch gibt es viele hölzerne Dachrinnen, die weit vor den Häusern hervor stehn; jedoch dürfen jetzt dergleichen nicht mehr angebracht werden. So viel sich indessen an diesem Äußern der Stadt aussetzen lässt, so hat sie doch inm Ganzen kein unfreundliches Ansehn, und trotz ihrer Lage mitten im Wasser ist sie nicht ungesund, wie die geringe Sterblichkeit der Einwohner beweiset. *) Beim ersten Anblick ist es auffallend, daß sich so wenige Menschen, im Verhältnis gegen die Zahl der Lebendigen, verheiraten, und daher auch die Zahl der Gebornen nur geringe ist, obgleich auf jede Ehe vier Kinder kommen. Aber es befinden sich unter den Lebenden eine Menge von Verabschiedeten, von Wittwen und von vaterlosen Kindern aus dem Militär, deren Ehen und Geburten in dieZeit fielen, ehe sie zu den städtischen Einwohnern gehörten. Das Verhältnis der un ehelich zu denehelich Erzeugten ist wie eins zu elf. Juden sind hier etwa 120. Ihre Frauenzimmer machen einen großen Aufwand im Putze. Verschiedene, die uns begegneten, waren eben so geschmackvoll als kostbar ge kleidet; jedoch haben sie viel seltener Umgang mit christlichen Familien, als in Berlin.

Der größte und schönste Platz, ein großes, freies, länger als breites Viereck, ist der alte Markt, auf welchem das Rathaus und die Hauptwache stehn. Von seinem regelmäßigen Ansehn verliert er etwas durch die vielen Vorsprünge der Häuser, welche ihn einfassen. Die Hauptwache von zwei Stockwerken ist das einzige, im neuen Stil errichtete Gebäude auf demselben; die übrigen sind mehr oder weniger nach alter Art verziert. Das Rathhaus ist ein weitläufiges Gebäude, durch welches ein Gang geht, der von den Fußgängern wie eine Straße benutzt wird. Der innere Raum, der eine Art von Hof bildet, ist mit einer Gallerie umgeben. Die Hauptseite nach dem Markte zu, ist mit einer gothischen, durchbrochenem Wand verziert, die sich in sieben Turmspitzen endigt. Wir sahn auf dem Rathhause zuerst die Rathsbiliothek, die unter etwas mehr als 12000 Werken zwar sehr viel Gutes, aber wenig vorzüglich Merkwürdiges enthält. Sie wird wenig benutzte denn nur im August wird sie wöchentlich einige Tage geöffnet, und die übrige Zeit des Jahrs, muss man sich, um den Zutritt zu erhalten, bei dem Bibliothekar, welches der Protons tarius ist, besonders melden. Fast noch übler ist es, daß es so schwer hält, herauszubringen, was da ist, und wo es steht, weil es an Platz fehlt, das Vorhandene ordentlich aufzustellen. Zwar ist ein alphabetischer Catalogus vorhanden; aber er enthält bloß die Namen der Autoren oder die Hauptwörter der Titel, und verweiset auf die vier Verzeichnisse in Folio, Quart, Octav und kleinem Format. In diesem letzteren steht alles nach fortlaufenden Nummern durch einander, oft der zweite Teil eines Werkes fünfzig und mehr Nummern hinter dem ersten usw. Da der Fonds sehr unbeträchtlich ist, so kann nach keinem Plane gesammelt werden, sondern man ist zufrieden, wenn man nur für das, was bei Verpachtungen eines, dem Magistrate gehörigen, Grundstücke einkommt, die Fortsetzungen angefangener Werke und dann und wann Bücher von mäßigem Preise ankaufen kann. Im theologischen und juristischen Fache sind die meisten Sachen, und unter denselben viele Seltenheiten vorhanden. Unter den Manuscripten zeigte man uns als vorzüglich sehenswert, eine lateinische Handschrift der Bibel, die mit äußerst schönen gemalten Anfangsbuchstaben und Vergoldungen geziert war. Über, vor und neben den Büchern hängen die Bildnisse der Bürgermeister, unter denen der, im vorigen Jahre verstorbene Bürgermeister Herkules, von dem Schweden Weström gemalt, sich am besten ausnimmt. Man hofft, in Kurzem, einen bessern Platz zur Aufstellung der Bibliothek zu erhalten, und wird dann ein brauchbareres Verzeichnis anfertigen lassen. Einer der jetzigen Kuratoren der Bibliothek, Herr Syndikus Jülich, und der Bibliothekar, Herr Protonotarius Colberg, welche beide die Gefälligkeit hatten, uns zu führen, zeigten so viele Kenntnisse und Eifer für die gute Sachen daß sich auf baldige Verbesserungen, soweit die Umstände es irgend erlauben, mit Gewißheit rechnen läßt. **)

Mehr, als diese Büchersammlung, interessierte uns eine vortreffliche Sammlung Römischer Münzen. Sie gehört eigentlich dem Gymnasium, wird aber während der vier Hundstags-Wochen, wenn die Bibliothek geöffnet ist, hier gleichfalls ausgestellt. Das Gymnasium erhielt diesen Schatz, zu welchem auch einige antike Gemmen und andere geschnittene Steine gehören, aus dem Vermächtnisse eines Herrn von Stauden, der als Rat bei der Königlichen Kanzellei zu Stockholm im Jahre 1723 starb. Er war der Sohn eines ehemaligen Rectors des hiesigen Gymnasiums, und hatte sich durch seine ausgebreiteten Kenntnissee zu jener ansehnlichen Stelle empor gearbeitet, zugleich auch ein so beträchtliches Vermögen erworben, daß er im Stande gewesen war, sich eine so kostbare Sammlung anzuschaffen. Sie enthält, außer 25 Münzen von verschiedenen Königen, Völkern und Städten, 38 von Römischen Familien und mehr als 900 von römischen Kaisern (von Augustus an bis zum eisten Jahrhundert worunter 38 goldene, und etwa 300 silberne sind. Einige derselben sind zu dem von Staudenschen Vermächtnisse, durch anderweitige Geschenke hinzugekommen. Es tut mir leid, daß ich Dir nichts von dem Genusse mitteilen kann, den uns die Betrachtung dieser schönen, und zum Teil seltenem Reste des Altertums gewährte. ***)




*) Außer der Besatzung, die mit allen dazu gehörigen Personen etwa 5200 Köpfe betragen mag, waren
Einwohner in Stralsund im Jahre 1777 10462.
• 10940.
1794 11035.
Unter denselben starb, nach einem Durchschnitt, nur der 36ste Mensch. Unter 150 bis 60 Personen kommt nur eine Ehe zu Stande, und auf 36 Lebende kann man nur eine Gburt, dagegen ihrer viere auf eine Ehe rechnen.
**) Diese Hoffnung ist bereits erfüllt. Hr. Rector Groskurd, dem ich schätzbare geographische und statistische Nachrichten über die Provinz verdanke, schreibt mir vor wenigen Tagen (im Oktober 1796.) „Die hiesige Bibliothek wird seit Ostern d.J. im Sommer wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags von vier bis sechs, und im Winter Mittewochen von zwei bis vier geöffnet. Herr Conrector Furchau, ein vortrefflicher Literator, ist als Unterbibliothekar angestellt, und muss alsdann gegenwärtig sein, auch soll er einen zweckmäßigen Katalogus verfertigen.“
***) Herr Rektor Groskurd hat den Anfang ihrer Beschreibung in einem Programme gemacht, womit er zur Feier des funfzigjährigen Amtsjubelfestes des verst. Superintendenten D. Brandanus Gebhardi eingeladen hat. Stralsund, bei Struck. 1783. 30 S. 4.

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Stralsund, Hafenpartie 1909
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