Stralsund. An der Fährbrücke.
Brief 9 – Stralsund
Noch sahn wir die sogenannte Fährbrücke, wie die abgehenden und ankommenden Schiffe vor Anker liegen, um ein- oder ausgeladen zu werden. Ungeachtet sie den Namen einer Brücke hat, so besteht sie doch bloß aus einem Bollwerke, welches von dem Ufer an einige hundert Fuß in die Meerenge hinein geht, um den Schiffen dle Anfurt zu erleichtern. Wir hatten schongestern die Ansicht dieses Hafens und der daran stoßenden Lastadie, wo Schiffe gebaut werden, von dem Walle genossen. Jetzt befanden wir uns mitten in dem Getümmel der Matrosen, der Güter- Empfänger und Versender, der Abgehenden und Ankommenden, der Schiffbauer und Fischer. Dies Gewühl steht indessen mit dem am Hamburger Hafen genau in dem Verhältnisse des hiesigen Handels gegen den dortigen, d. h. in Vergleichung mit jenem ist hier kaum die Spur eines Verkehrs.
Neben der Brücke ist ein Platz, wo die Schiffe ihren Ballast ein- und ausladen. Man findet unter diesen aufgeschütteten Haufen Sand, kleine Steine und Muschelschalen aus allen Gegenden der Erde. Julius Klaproth wühlte lange darin herum, in Hoffnung irgend etwas merkwürdiges zu entdecken, aber vergeblich. Ehedem schütteten die ankommenden Schiffe ihren Ballast in das Fahrwasser und verdarben es damit; vornehmlich taten die Holländer dies absichtlich zu der Zeit, als sie Ursache zur Eifersucht auf den hiesigen Handel zu haben glaubten. Die Beschaffenheit des Fahrwassers hat sich jedoch auch im Ganzen seit längerer Zeit ungemein verändert. Östlich hat es sich sehr erweitert, dagegen verengt sich die Ausfahrt durch den Göllen, wovon ich Dir vielleicht künftig schreibe, immer mehr, und man muss mit Baggern zu Hilfe kommen, um die Fahrt nach Schweden über Istadt offen zu erhalten.
Von der Fährbrücke hat man eine sehr reizende Aussicht nach der Insel Rügen, und nordöstlich nach dem Dänholm, der ehedem Strela oder Stral hieß, und der Stadt Stralsund den Namen gegeben hat. Dieser Holm 9) ist eine kleine Insel in der Meerenge, wohin die Einwohner im Sommer kleine Lustfahrten machen. Der General - Gouverneur hat sie durch hübsche Anlagen verschönert, und sich dadurch um das Vergnügen der Einwohner verdient gemacht; denn es fehlt hier an Lustörtern in der Nähe. Der allernächste gleich jenseit des Sees, der die Festungswerke westlich umfasst, ist Behrendt Gartenn, den die gemeinen Leute Bihrns Goarn aussprechen. Wir fuhren heute zu Wasser nach demselben hinüber, und brachten einige Stunden in einer angenehmen Gesellschaft dort zu. Die Anlagen sind zu ihrem Endzwecke sehr schicklich gemacht, und die schöne Aussicht nach der Stadt und in die umliegende Gegend, sonderlich nach Rügen, giebt ihnen einen großen Reiz Der jetzige Besitzer, Herr Hintsch, in dessen Gasthofe wir in der Stadt wohnen, unterhält da einen ansehnlichen Blumenflor. Eben jetzt blühen die Nelken in voller Pracht.
Was ich etwa noch von Stralsund zu schreiben, und alles was ich noch selbst zu beobachten haben möchte muss ich bis zu meiner Rückkunft ersparend denn jetzt ist es späte Nacht, und morgen früh geht es nach Rügen. Wir werden eine kleine Karavane aus machen. Herr Geheime Sekretär Spalding, der von Berlin aus, nur bis Prenzlau mit uns reisete, und uns dort verließ, um Lassahn und die benachbarten Freunde seines Vaters zu sehen, ist nun hier angekommen, und wird uns wieder Gesellschaft leisten. Hr.Kammerrat PommerEsche wird die Güte haben, uns zu führen. Er hat schon unsere ganze Reise angeordnet, und alle Anstalten zu unserm Fortkommen und unserer Ausnahme gemacht. Mag nun Rügen auch weniger interessant sein, als ich mir es denke, seine Unterhaltung wird uns unsere Reise schon hinlänglich würzen, und die Auskunft, die wir von Ihm erhalten, wird uns einen längeren Aufenthalt überflüssig ersetzen. Außerdem besteht unsere Reisegesellschaft aus dem lieben Herrn Pastor Gebhardi, seinem Sohne und Collegen, Herrn Prediger Gebhardi, und den beiden Söhnen des Herrn Cammerrats PommerEsche und des Herrn Regierungsraths Tetzloffs, so daß wir in allem, die Bedienten ungerechnet, zehn Personen sind. Ich bin froh, daß ich die Besorgung der Reise nicht auf mir habe! Da es auf der Insel nur einen Post-Cours und wenige Örter mit einem Wirtshause gibt so würde es für mich eine der schwierigsten Aufgaben sein, für das Fort- und Unterkommen eines solchen Kreuzuges zu sorgen!
9) Holm heißt im Dänischen und Schwedischen eine Insel, die an oder in einem Flusse liegt.
Sie sind im Kapitel Stralsund. An der Fährbrücke.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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Willibald Alexis (1798-1871): Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815. Erscheinungsjahr: 1815.
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