<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>


Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Das Rathaus in Stralsund.



Brief 9 – Stralsund


Noch sahn wir auf dem Rathause das Kabinet, welches ein verstorbener Graf von Löwen hierher geschenkt hat. Es füllt einen schönen großen Saal aus, in welchem ich lieber die Bibliothek gesehen hätte. Der Graf hat es dem Magistrate vermacht, und ein Kapital von tausend Talern ausgesetzt, wovon die Zinsen zur Erhaltung desselben angewandt werden. Man kann sich kaum eine seltsamere Mischung heterogener Dinge denken, als diese Sammlung: Kupferstiche und Pfeifenröhre, Drechseleien und LandKarten, Modelle von Festungswerken und Bücher, physikalische Instrumente und Bilder. Unter den Gemälden ist nicht ein einziges von Wert, die unanständigen sind noch mit einem Deckel versehen. Ein sehr großes Modell von einer Festung ist für junge Leute wenigstens belehrend; nur wird es nicht lange vor dem gänzlichen Verderben gesichert werden können. Den meisten Wert haben die Bücher, unter denen sich kostbare und nützliche Werke befinden. Wenn man die Sammlung von allem, was eigentlich in eine Polterkammer gehört, reinigte: so würde eine kleine Auswahl in einem mäßigen Schranke übrig bleiben, deren Anblick mehr Vergnügen gewähren möchte.

Ein Saal, in welchem der Magistrat den Abgeordneten der Bürgerschaft Audienz gibt, ist mit den Bildnissen der Schwedischen Könige in Lebensgröße, von Gustav Adolph an, geziert. Dieser und die Königin Christine sind ziemlich gut gemalt; die übrigen haben keinen andern Wert, als den ihnen die Personen geben, die sie vorstellen sollen. Das Bildnis des letztverstorbenen Königs macht dem Pinsel des schon vorhin erahnten Hrn. Weström Ehre; aber es ist kein schönes Gemälde, weil der Künstler genötigt war, sich in der Kleidung an das Original zu halten, folglich die Ordensbänder, die roten Aufschläge, Schleifen und Vorstöße so unmalerisch schreiend darzustellen, wie der pompliebende Monarch sie trug.

Von dem Rathause gingen wir in die Hauptkirchen. Die Marienkirche hat, außer ihrem hohen Gewölbe, nichts Merkwürdiges.Fast alle Pfeiler sind mit Zierraten ehemaliger Altäre verunziert. Oben in dem Gewölbe sieht man einen Stein, der beim Auffliegen eines Pulverturms den 12. Dezember 1770 dorthin geschleudert worden ist, und die Mauer dergestalt durchdrungen hat, daß er inwendig hervorsteh. Man hat das Datum hineingegraben.

Die Nicolaikirche ist gleichfalls ein hohes gothisches Gebäude, das mit der Kirche desselben Namens in Greifswald viel Ähnlichkeit hat. Es ist etwas Eigenes in der Bauart der hiesigen altern Kirchen, daß die Pfeiler, worauf das Gewölbe ruht, nicht, wie in den unsrigen, und den meisten, die ich in andern Gegenden gesehen habe, von unten bis oben durchaus freistehen, sondern in einer gewissen Höhe immer erst durch Bogen unter einander verbunden sind, über diese Bogen sich noch ansehnlich erheben, und dann erst in die Wölbung übergehen. Da man auf diese Weise den Pfeilern mehr Festigkeit gab, so konnten sie desto schlanker, und die Gewölbe desto höher machen.

Ich wünschte, daß sich ein gelehrter Baukünstler fände, der den verschiedenen Geschmack und Stil der Gebäude, die wir alle unter dem Namen der gothischen zusammen werfen, genauer charakterisierte, und ihre Vorzüge, die zu sehr verkannt zu werden scheinen, nach Verdienst würdigte. Nicht nur für die Baukunst, sondern auch für die Geschichte des Kirchenbaues vom zwölften bis fünfzehnten Jahrhundert, die immernoch so viel Rätselhaftes hat, würde sich bei dieser Untersuchung eine schätzbare Ausbeute ergeben!

Die Nicolaikirche, die mich auf diese Reflexion leitete, hat übrigens wenig Bemerkenswertes. Ein Altarblatt ist mit allerlei Schnitzwerken und mit Figuren aus der Leidensgeschichte Christi beladen. Ehedem konnten die kleinen Püppchen durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt werden; aber die Maschinerie ist seit vielen Jahren eingerostet. Die geschnitzten Engel, die in den hölzernen Wolken schwimmen, erregen Mitleid, weil sie aussehn, als wenn sie sich mit aller Gewalt aus ihrem Elemente nicht losarbeiten könnten. Der Deckel des Taufsteins wird von Tugenden getragen. Dazwischen stehn die Evangelisten, gegen welche die Bildnisse des Stifters und seiner Ehefrau mit ihrem possierlichen Anzuge gar sonderbar abstechen. Die gemahlten Fensterscheiben sind zum Teil so gut erhalten wie man sie selten sieht; und da sie eine Menge von adligen Wappen einschließen: so könnten sie einem heraldischen Untersucher vielleicht manchen Aufschluss geben. Von den vielen Nebenaltären ist eines immer bunter als das andere.

In der Jacobikirche ist der Altar mit zwei Gemälden von Tischbein geziert. Das Hauptblatt stellt die Abnahme Jesu vom Kreuze vor, nicht so schön, wie die von Bernhard Rode in unserer Marienkirche; aber doch in einem hohen Grade vortrefflich. In dem Felde über dem Hauptblatte ist eine Himmelfahrt Christi, auch nicht so lieblich und leicht, wie Fischbein sie selbst in der lutherischen Kirche zu Kassel gemacht hat. Man sieht immer noch den achtungswürdigen Künstler, aber die Flamme des Genius strahlt nicht mehr in ihrem sonstigen Glanze um die Scheitel des Greises. Die Säulen und Schnitzwerke am Altar sind die Arbeit eines hiesigen Tischlers, und verdienen in sofern ein desto größeres Lob.



Stralsund, den 2. August.

Ich habe heute Vormittag in allen drei Hauptkirchen etwas von der Predigt gehört. Die Versammlung war in keiner einzigen der Größe des Raumes angemessen. Teils reicht wirklich die Zahl der Einwohner nicht hin, um so große Kirchen, in welcher zu gleicher Zeit gepredigt wird, zu füllen; teils ist's sehr zur Gewohnheit geworden, den Sonntag zu ländlichen Verfügungen zu widmen. Etwas trägt auch zur Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Gottesverehrung die fortgesetzte Beibehaltung der alten Liturgie bei, die so wenig den Begriffen als dem Geschmack der jetzigen Zeiten angemessen ist. Dies wird so allgemein gefühlt, daß sich die sämtlichen Geistlichen, die übrigens auch in ihrem theologischen Systeme nicht einstimmig sind, verbunden haben, eine Änderung damit zu treffen, und der Magistrat, von der Zustimmung der Bürgerschaft überzeugt, unterstützt ihren rühmlichen Entschluss. Man geht damit um, von dem ersten Advent diesem Jahres an, das Singen und liturgische Gebet abzukürzen, die Gottesverehrung nicht mehr um acht, sondern um neun Uhr angehen zu lassen, das Absingen .der Responsorien, der Evangelien und Episteln abzu-schaffen, zweckmäßige Gebete bei dem heiligen Abendmahle einzuführen, und überall, wo Formulare nötig sind, mehr für Nahrung des Verstandes und Herzens zu sorgen.

Dergleichen Veränderungen, die an andern Orten viele Schwierigkeiten und Widersprüche finden würden, werden hier durch die geistliche Verfassung sehr erleichtert. Die Stadt hat ihr eigenes Consistorium, welches aus drei Mitgliedern des Rates und den drei Hauptpastoren besteht. Einer der letztern ist zugleich Superintendent der Stadt und ihres Gebietes; jetzt der Pastor zu St.Jacobi, Hr. Colberg. Der Magistrat ist Patron der Kirchen. Er überlegt wichtige Angelegenheiten mit der Bürgerschaft, deren Organ das Collegium der Hundertmänner ist und da in der Tat ungemein viel gegenseitiges Zutrauen Statt findet so stellen sich nicht leicht Vorurteile der Eigensinn einen guten Vorschlage entgegen. Vor sieben Jahren ward auf diesem Wege ein neues Gesangbuch eingeführt, in welchem ich heute mit Freuden und Erbauung gelesen habe.

Nach dem Essen machten wir einen Spaziergang auf dem Walle, wo man eine äußerst angenehme und mannigfaltige Aussicht genießt. Aber nur wenigen wird es so gut, sich an dieser Aussicht zu ergötzen. Wer nicht, wie wir, von einem Offizier geführt wird, der muss sich zwischen der Mauer und dem Walle halten, wo man zwar kühlenden Schatten hat, aber vergessen möchte, daß man mit seinen Augen in die Ferne sehen kann. Auch werden nicht einmal, wie in Stettin und andern Festungen, Wallbillets gegeben. Mit den jetzigen, zum Teil kostbaren Arbeiten an den Festungswerken, von denen ich gewiß nichts verraten werde, scheint man vornehmlich die Absicht zu haben, einer gewissen Klasse von Einwohnern einen Erwerbszweig zu eröffnen.




Sie sind im Kapitel Das Rathaus in Stralsund.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
Blättern sie zum nächsten Kapitel Stralsund. Torschluss der Festung.
oder wechseln sie zur vorherigen Seite Stralsund. Ein Halt auf dem Weg nach Stralsund in Reinberg.


Stralsund, Rathaus 1925
Stralsund, Rathaus 1925

Bücher, Kapitel und Auszüge finden
 

Thema: Liebe in der Geschichte

Lola Montez Eine Sammlung von Texten über Liebe und Beziehung in der Geschichte.
über Lexikus
Impressum
Impressum Impressum