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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Greifswald. Wall und Stadtmauer.

Brief 8 – Greifswald


Seit dem Jahre 1787 hat die Stadt eine große Annehmlichkeit und Zierde durch die Erbauung und Bepflanzung des Walles erhalten. Der verstorbene Bürgermeister Vahl bewog die Bürger, zu dieser gemeinangenehmen Anlage beizutragen. Auch aus der Kämmerei ward ein Zuschuss bewilligt. Bis jetzt sind meistenteils nur Weiden geflanzt. Nach und nach wird man mit andern Bäumen fortfahren. Die Einwohner wissen diese Annehmlichkeit zu schätzen, und benutzen sie fleißig. Man geht nicht nur unten, längst der Stadtmauer, wo hin und wieder ein hübsches Kanapee zum Ausruhen steht, sondern auch oben auf dem Walle, von welchem man eine liebliche Aussicht in die angränzenden Felder und in die klonen artigen Gärten hat. Wenn sich Bürger melden, so können sie Teile des Abhangs am Walle und im Grunde erhalten, um Anpflanzungen nach ihrem Gefallen zu machen. Hinter dem akademischen Gebäude, zwischen der Stadtmauer und dem Walle, wird jetzt eine Baumschule angelegt werden, um die Gegend mit Obstbäumen zu versorgen, die aber freilich nie so wichtig werden wird, wie die zu Düsterbrok bei Kiel.

Du erinnerst Dich aus den Zeitungen wohl noch der Unruhen, die im Anfange des vorigen Winters hier ausgebrochen waren. Ich habe mich nach dem eigentlichen Zusammenhange erkundigt, und man hat mir folgendes erzählt: Einige unruhige Köpfe unter den Bürgern beredeten eine große Menge ihrer Miteinwohner, sich über allerlei Dinge zu beschweren, von denen sie glaubten, daß der Magistrat sie abstellen müsse. Sie taten Anfangs Vorstellungen, und wurden abgewiesen; hierauf fassten sie den verzweifelten Entschluss, am 11ten November dem ersten Bürgermeister sagen zu lassen: er solle den Rat versammeln und ihre Beschwerden vortragen; wiedrigenfalls würden sie die Glieder des Collegiums aufs Rathaus zusammen holen. Nach einiger Weigerung erfüllte der Bürgermeister ihr Verlangen. Um zehn Uhr Vormittags versammelten sich mehr als tausend Menschen, und hielten die Ratsmitglieder gefangen in ihrem Versammlungs-Zimmer. Die Bürger machten eine Menge von Forderungen, die gar nicht bewilligt werden konnten. Dahin gehörte, daß sie von allerlei Abgaben frei sein wollten, daß einige Bedienungen aus ihrer Mitte besetzt werden sollten usw. Überhaupt hatten sie sechsundfünfzig Beschwerden und Ansprüche, woran die meisten vorher nicht gedacht hatten. Es dauerte bis in die Nachts ehe der Syndikus die Bewilligung ihres ganzen Antrags unterschrieb. Nun verlangten die Bürger auch ein schriftliches Zeugnis, daß diese Bewilligung nicht erzwungen, sondern freiwillig erteilt worden sei. Dies gab einen neuen Anstoß und harten Kampf. Endlich ward es gleichfalls unterschrieben; und nun erhob sich ein lautes Jubelgeschrei der Menge:,,es lebe der König, es lebe der Magistrat, es lebe die Bürgerschaft.“ Der Magistrat ermahnte die Leute ruhig nach Hause zu gehn. Da, außer achtzig Invaliden keine Besatzung hier steht, so gab es kein Mittel Ruhe zu erhalten, als Nachgeben und Zureden. Der Vorfall ward natürlich sogleich nach Stralsund berichtet, und dort hielt man es fürs Ratsamste, gelinde zu verfahren, vielleicht, weil man einsah, daß die Unruhen hätten verhütet werden können. Eine Kommission, welche hergeschickt ward, benahm sich mit vieler Weisheit. Sie stiftete wirklich eine Art von vorläusigem Vergleiche, und so ungesetzmäßig das Verfahren der Bürgerschaft gewesen war, so ward ihr doch allerlei zugestanden. Manche Abgaben sind, bis auf weitere: Verfügung, nicht eingehoben worden, und in anderem Dingen, selbst in solchen, wo ihre Forderungen offenbar übertrieben waren, ließ man ihr ihren Willen. Bei dem allen zeigt die Bürgerschaft von Zeit zu Zeit ihre Abneigung gegen mehrere Glieder des Rates, von welchen einige, aus Verdruss, bereits ihre Ämter nieder gelegt haben. Ganz beigelegt ist im Grunde der Zwist noch nicht; aber äußerlich ist alles in Ruhe und Ordnung, und so wird sich nach und nach die Sache ins richtige Gleise ziehn.

Es hat etwas höchst betrübendes, in unserem Zeialter noch tumultuarische Auftritte von irgend einer Art zu erleben, wo allein rechtliches Gehör und Entscheidung Statt finden sollte. Aber gerade hier ward es mir leichter zu sagen: es ist doch ein wenig besser geworden in Deutschland! Die jetzigen Greisswalder können zwar auch noch gesetzlos verfahren, aber es bleibt doch beim Pochen und Abdringen einer schriftliche Versicherung. Ihre Vorfahren, dreihundert Jahre früher, schlugen ihren Bürgermeister auf dem Rathause tot, und steinigten den Römischen Bischof Marino, der mit ihren Geistlichen Händel hatte, auf der Straße.

Der Rikfluss, an dessen südlichem Ufer die Stadt liegt, gewährt ihr den Vorteil der bequemen Schiffahrt; jedoch müssen Fahrzeuge, die über sieben Fuß tiefgehen, im Hafen bei Wyk, welcher sehr bequem ist, und selbst von fremden Schiffern zur Winterlage gesucht wird, ausladen. Die Rik, wird im Frühjahre, wenn das Wasser anschwillt, durch eine schleuse gestaucht, teils um die angrenzenden Wiesen mehr zu bewässern, teils um eine Mühle zu treiben, welche sonst von Pferden bewegt wird. Vierzehn Tage vor Johannis muss die Schleuse geöffnet werden, um die Wiesen zum Heuernten vom Wasser zu befreien; und im Herbst wird eine Wiese unterhalb der Schleuse. mit Wasser überschwemmt, um einen Eisspiegel zu erhalten, auf welchem die akademische Jugend das, durch Klopstocks Oden, verherrlichte Vergnügen, den Eislauf, genießen kann.

Unter den hiesigen Kirchen, (es gibt deren drei) begnügten wir uns, die Nicolai-Kirche zu sehen. Sie ist ganz gothisch, außerordentlich hoch, und fällt recht gut in die Augen, seitdem man sie von der Menge katholischer Bilder gereinigt hat, die ihr eine sehr unzierliche Zierde gaben. Noch hängen Bildnisse ehemaliger hiesiger Geistlichen darin, die auch leicht entbehrt werden könnten. Ein wirklich anstößiges, wenigstens lächerliches, stellt eine Abnahme Christi vom Kreuze vor. Neben den Figuren, die zur Handlung gehören, steht auf der einen Seite ein Herr Pastor in seiner völligen Amtskleidung, und auf der andern Seite seine teure Ehehälfte in einem ehrbaren Putze. Der lieber Mann, der sich mehr als sechzehnhundert Jahre von seiner Geburt (das Bild ist 1684 gemahlt,) an das Kreuz des Heilandes gestellt hat, ist ein Demminischer Präpositus von Essen, der ehemals Prosefsor der Logik in Greifswald war. ? Die Zeiten haben sich wirklich ein wenig gebessert. Eine solche Absurdität erleben wir von keinem pommerischen Präpositus und von keinem Professor der Logik mehr! ? An einen Pfeiler nahe an der Orgel ist ein Altarblatt befestigt, welches ein hiesiger Kämmerer um die Zeit der Reformation an die Kirche geschenkt hat. Es ist außerordentlich reich mit geschnitzten Figuren, kleinen Säulen und tausenderlei Schnörkeln versehen. Damals ward von entfernten Orten zu diesem Altare gewallfahrtet, und der Stifter desselben hatte ein Kapital zur Erleuchtung und zu einer ewig brennenden Lampe vermacht. Die Zinsen dieses Kapitals werden jetzt zu milden Gaben verwandt, und gewähren nun den Armen eine Unterstützung, denen sie sonst ohne Not das Licht und Öl verteuern halfen. Der ehemalige Weihkessel ist unter die Dachtraufe gestellt worden, damit er nicht ferner ein unnützes Inventariumstück bleibe.

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Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten
Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten