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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Greifswald. Nach dem Übergang über die Peene.

Brief 8 – Greifswald


Greifswald, den 31sten Jul. 1795.


Mit dem Übergange über die Peene sind wir nicht nur in ein fremdes Gebiet, sondern auch in eine Gegend von ganz anderer Art gekommen. Gleich hinter Wolgast breitete sich eine weite Ebene vor uns aus, deren lehmigter Boden treffliche Gerste und Weizen trägt. Hie und da liefen schöne Wiesen zwischen den Ackerbeeten hin, und alles verkündigte, auf den drei Meilen bis hierher, ländliche Betriebsamkeit und Wohlstand. Fast alle Gärten und Felder sind mit Mauern von Feldsteinen eingefaßt. Die dazu gebrauchten Steine sind zum Teil von so ansehnlicher Größe, und so gerade gesprengt, daß sie für den Reisenden unverdächtige Denkmähler des Fleißes und der Ordnungsliebe sind. Wo man keine solche Mauern sieht, werden sie durch lebendige Hecken und gut geflochtene Zäune ersetzt. Die letzteren scheinen indessen immer mehr verdrängt zu werden, wie man aus den Vorräten von gesprengten Steinen sieht, die hie und da an dem Wege zu neuen Mauern aufgehäuft sind.

Natürlich regte sich, bei diesem Anblick, in mir der Wunsch, es noch zu erleben, daß auch in unserm Vaterlande die häßlichen, verschwenderischen Holz-Zäune abgeschaft würden. Nur verdiente es noch eine genauere Prüfung, ob es ratsamer sei, den Landmann durch Prämien zu Mauern, wie die Regierung es hier getan hat, oder zu lebendigen Hecken zu ermuntern. In einer holzarmen Gegend scheinen die letztern den Vorzug zu verdienen, weil der Schade, den sie durch ihre Wurzeln und ihren Schatten stiften, vielleicht durch den Gewinn der ausgeschnittenen Reiser zur Feuerung aufgewogen wird. Wo es aber Wälder und Feldsteine gibt, würde ich unbedenklich für Mauern stimmen. Ohne irgendeinen nachteiligen Einfluss auf den Acker zu haben, tragen sie vielmehr zu seiner Verbesserung bei, indem sie den Landmann veranlassen, ihn von Steinen zu reinigen. Und selbst Mehrheit der Reisenden, wenn man liberal genug wäre, auch auf sie Rücksicht zu nehmen, möchte für mich entscheiden. Die schönen lebendigen Zäune, z.B. im Holsteinischen, machen zwar Anfangs einen angenehmen Eindruck aufs Auge; aber man bezahlt ihn doch, nach meiner Empfindung, zu teuer, durch die Beschränkung der Aussicht, und durch das Schmachten in den Reddern *) wo die brennende Mittagshitze nur selten durch ein kühlendes Lüftchen gemildert wird.

Unter den Dörfern auf unserm Wege, die sich alle durch tüchtig gebaute Häuser und wohl erhaltene Dächer empfahlen, zeichnete sich sonderlich Eldena eine halbe Meile vor Greifswald aus. Die Eldena oder Eldenau, in alten Urkunden auch Hilda genannt, war ehedem eine Zisterzienser Abtei, die im Jahre 1207 vom Fürsten Jaromar I gestiftet ward. Die dortigen Äbte haben sich um das Land auf mancherlei Weise verdiehnt gemacht. Die Gegend rings umher war mit dicken Wäldern und Moräste bedeckt; sie legten Kolonien an, und machten den Boden urbar. Im Jahre 1233 stiftete der Abt zu Eldenau die Stadt G reifswald und der Herzog Wratislav III. erhielt s echszehn Jahre nachher die neue Stadt von dem Abte zum Lehn. Auch für den Flor der Universität waren die Äbte, von der ersten Stiftung derselben im Jahre 1456 an, mit einem rühmlichen Eifer tätig. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Eldena ist jetzt ein bloßes Dorf und gehört, seit 1633, der Universität z u Greifswald. Aus den Ruinen, die sich noch von den ehemaligen Klostergebäuden erhalten haben, kann m an nur noch auf den verschwundenen Glanz der Abtei schließen. Daß sich indessen die Untertanen unter ihrer jetzigen Herrschaft nicht übler besinnen, als es ihre V orfahren unter dem Krummstabe gehabt haben mögen, davon zeugen ihre netten Häuser, ihre fruchtbaren Obstgärten, ein gutgepflasteter Steindamm und anmutige Alleen, die durch das Dorf führen. Gewiss hätte einer und der andere von den vormahligen Ä bten selbst seine Freude daran, wenn er den jetzigen Zustand und die Bestimmung seines gewesenen Sitzes sähe!

Etwa eine Viertelmeile hinter Eldena nähert man sich einem Busen der Ostsee, welcher in einiger Entfernung von der Stadt den hiesigen Hafen bildet. Ein Bollwerk, das aus den Stadteinkünften erhalten wird, fasst landwärts den Hafen ein, und längst desselben stehen Häuser, die einen eigenen kleinen Ort unter dem Namen der Wieke ausmachen, und der Universität gehören.

Greifswald ist eine Mittelstadt, die in älteren Zeiten einen nicht unbeträchtlichen Flor hatte, zu dem sie sich aber seit dem dreißigiährigen Kriege nicht wieder hat empor schwingen können; ungeachtet sie seit einer längeren Reihe von Jahren, in einem allmähligen Wachstume ist. *) Unter ihren Häusern sind nur wenige, die in einem gutgebauten Orte zu stehen verdienten. Das schönste ist das akademische Gebäude. **) Es macht auf einem großen freien Platze einen äußerst angenehmen Eindruck, ist drei Stockwerke hoch, und hat noch Zimmer im Dache. Am Frontispice prangt das schwedische Wappen. Noch vorteilhafter würde es sich ausnehmen, wenn es ein schönes großes Portal hätte, und die vier Türen, die an den Seitenflügeln hinein führen, nicht gegen die Größe des Ganzen zu sehr verschwänden. Im Haupteingange sagt eine Marmortafel, daß es im Jahre 1751 unter der Leitung des Prof. Andreas Mayer (des Vaters von unserem Geheimen-Rate Mayer) erbaut worden ist. Nicht bloß der edle Geschmack im Äußern, sondern auch die sehr überdachte und bequeme Einteilung des innern Raumes machen diesem trefflichen Manne alle Ehre. Der große Hörsal in dem untern Stockwerke ist seiner Bestimmung zu den glänzendsten akademischen Feierlichkeiten vollkommen würdig. Ihn zieren die Bildnisse des vorigen Königs von Schweden und des letztverstorbenen Herzogs von Mecklenburg-Strelitz, Adolph Friedrich, der bei seinem hiesigen Aufenthalte im Jahre1753 Rector magnificentissimus ward. ***) Er hat unter andern der Universität für diese Ehre die Philosophical Transfactions geschenkt. Außer dem gefälligen Ansehn hat dieser Hörsal noch das Eigentümliche, daß eine Loge darin vorhanden ist, in welcher Damen oder Standespersonen, die bei Feilichkeiten gegenwärtig sein wollen, von den übrigen Zuschauern abgesondert sind. Über dieser Loge ist eine Galerie, wo die Musici stehen, wenn Tonstücke das Fest verherrlichen. In dem kleine ren Auditorio, gleichfalls im untern Stockwerke, wo die feierlichen Actus im Winter, Disputationen und öffentliche Vorlesungen gehalten werden, sind die Bildnisse der juristischen Professoren aufgehangen. Einer unter denselben, der sehr fett gewesen ist, Namens Schack, ist dem Zar Peter I. vorgestellt worden, und hat die Ehre genießen sollen, in der Gegenwart Sr. Czarischen Majestät aufgeschnitten zu werden, weil dieser wissbegierige Monarch es außerordentlich interessant gefunden hat, zu erfahren, wie viel Fett sein Bauch enthalte. Der Schreck über diese unerwartete Ehre, hat dem guten Manne den Tod zugezogen. Über dem Catheder sind die Rostockischen Professoren, die sich hierher geflüchtet hatten, und dadurch (im Jahre 1456) Veranlassung zur Stiftung der Greifswaldischen Universität gaben, auf einer kleinen Leinewandtafel gemahlt. In einer Bildergallerie würde man den Anblick einer so armseligen Malerei unerträglich finden, aber an einem Platze, wo die Erinnerung an eine Person so nahe liegt, erhält auch das schlechteste Contrefait das Interesse eines Familienporträts, von dem man, in Ermangelung eines Besseren, nichts weiter verlangt, als daß es uns ein wertes Andenken in die Seele bringen soll. Ohngefähr eben dies gilt von den Bildnissen der Professoren aus den übrigen Facultäten, die in den anderen Hörsälen aufbewahrt werden; vornehmlich von dem Porträt des ersten Rektors der Universität, Bürgermeisters Rubenow, der sich um die Stiftung der Akademie außerordentlich verdient gemacht hat, und am Ende von den eifersüchtigen Bürgern zu Greifswald erschlagen ward. ****)




*) So heißen im Holsteinischen die Wege zwischen den lebendigen Hecken.
**) Im Jahre 1768 hatte sie 4702. Im Jahre 1783 hatte sie 5033. Im Jahre 1793 hatte sie 5321, Einwohner, mit Auschluss des Soldatenstandes. Im Jahre 1783 standen in den Ringmauern 714, und in den vier Vorstädten 94 Häuser. Im vorigen Jahre sind getraut worden 32 Paare, geboren 173, worunter 24 uneheliche, gestorben 137.
***) Eine Beschreibung desselben, nebst einer Nachricht von den Einweihungsfeierlichkeiten, findet man in Dähnerts Pommerischer Bibliothek Th. 1. St. 5. S. 35.
****) Der ehrliche Cramer (Pommerische Kirchen-Chronik B. II. S. 109) merkt an, der Teufel habe diese Händel angestiftet:,,weil er befand, daß durch Stiftung der Akademien mehr Gutes wider sein höllisches Reich beschaffet werden würde, denn durch alle bis daher angelegte Klöster.

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Greifswald, Giebelhaus Markt 13, 1920
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