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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Wolgast. Überfahrt über die Peene.



Brief 7 – Wolgast


Schon gestern Abend hatten wir bei unserer Überfahrt über die Peene, in der Dämmerung der Nacht, den schauerlich romantischen Anblick der hohen und malerischen Ruinen des ehemaligen herzoglichen Schlosses gehabt. Wir benutzten daher die wenige Zeit, die uns nach der Durchsicht der Netziusschen Sammlungen übrig blieb, sie näher zu betrachten. Man sieht noch einen hohen Turm von einer alten Bauart, der aber schrecklich verwüstet ist, und gewiss nicht mehr seine aufrechte Stellung behaupten würde, wenn er nach Art unserer neuen Gebäude aufgeführt wäre. Noch ein zweiter Turm ist in einem mehr gothischen Geschmacke, aber auch wie jener zertrümmert. Von dem Hauptgebäude des ehemaligen Schlosses stehn noch große parallel laufende Wände, die jedoch so von Schutthaufen umgeben sind, daß sie von außen dem Boden gleich zu sein scheinen. Der ganze Raum, den diese Ruinen einnehmen, ist mit einer, ebenfalls verwüsteten Mauer umgeben, und diese fasst ein Wall mit einem Graben ein. Eine Tafel an dem neueren Turm hat unter dem herzoglichen Wappen eine Unterschrift, woraus man sieht, daß das Schloss vom Herzoge Philipp I zu Stettin, im Jahr 1551 erbaut ist. Die Inschriften an dem gothischen Turme waren so hoch, daß wir ihre unleserlich gewordene Mönchsschrift nicht entziffern konnten. Unstreitig ist indessen dies ein Überbleibsel des ehemaligen Schlosses, welches häufig den älteren Vorpommerischen oder slawischen Fürsten zum Aufenthalte diente. Das neuere Gebäude war die beständige Wohnung der Wolgastischen, herzoglich Pommerischen Linie, bis es 1675 von Brandenburgischen Truppen beschossen und durch eine unglückliche Entzündung der Pulverkammer zerstöhrt ward. Die noch übrig gebliebenen Keller werden jetzt zu Warenlagern für Kaufleute benutzt, und unter einem Bogen der schönen gewölbten Brücke hat sich vor vielen Jahren ein alter armer Mann ein Stübchen eingerichtet, welches jetzt von seinem Enkel bewohnt wird. Auch neben dem Schlosse hat sich vor langer Zeit ein Invalide ein Häuschen gebaut, worin jetzt einer seiner Nachkommen sein Leben beschließen will. ? So nisten kleinere Vögel in dem verlassenen Neste des Adlers!

Die Stadt ist bei weitem nicht so schön gebaut, als man es erwarten sollte, wenn man weis, daß sie mehr als einmal abgebrannt ist. Aber das letztere Unglück, welches sie durch die Einäscherung und Plünderung von den Russen im Jahr 1713 erfuhr, war zu hart, als daß sie sehr verschönert hätte aus ihrer Asche hervor gehen können. Die meisten Gebäude sind von Holz. Die massiv erbauten dienen zum Beweise, daß es den Einwohnern nicht an Geschmack in der Baukunst fehlt; und die vielen Bäume vor den Türen geben den räumlichen Straßen ein freundliches Ansehn. Überhaupt liebt man hier das Grüne. In den Putzzimmern, selbst in unserm Wirtshause, fanden wir rings um an den Wänden klein gepflückte Wacholderästchen gestreut.

Die vornehmsten Nahrungszweige der Stadt sind der Kornhandel und Schiffsbau. Man klagt auch hier über Teurung des Getreides, ob sie gleich nicht so groß ist, wie wir sie jenseit der Peene und Swiene gefunden haben. Man bezahlt den kleinen Scheffel, der Dreiviertel des unsrigen beträgt, mit 1 Thlr. 12 Gr., den Louisd'or zu 4 Thlr. 18 Gr. Bürger, welche vom Magistrat einen Zettel zur Beglaubigung erhalten, bekommen jetzt von den beiden Handlungs-Häusern Homeyer und Sonnenschmidts Wittwe den Scheffel für 1 Thlr. 6 Gr. Auf unsere Erkundigung, wie viel die Regierung an dieser wohlthätigen Maßregel Anteil habe, versicherte man uns, daß die genannten beiden Häuser durch bloßes Mitgefühl für die Not ihrer Mitbürger bewogen würden, sich eines erlaubten Gewinnes zu begeben.

Wären wir ausgereiset, um die Schiffsbaukunst zu studieren: so hätten wir dazu auch wieder hier Gelegenheit genug gehabt, und nun haben wir auf den verschiedenen Werften die Schiffsembryonen in allen Perioden ihrer Bildung gesehn. Auf der hiesigen Wieke sahn wir unter andern eines am neunten Tage nach seiner ersten Grundlegung: einen bloßen Kiel von Buchenholz, woran vorn der Schnabel, und hinten der Ständer des Spiegels ausgerichtet war. Ein anderes war umgelegt, um am Boden gekielhohlt ***) zu werden. Seit einigen Jahren suchen Schiffer, deren Fahrzeuge in der Ostsee Schaden gelitten haben, vorzugsweise den hiesigen Hafen zu erreichen; weil die Kosten der Ausbesserung hier geringer sein sollen, als auf andern Werften, und die Schiffszimmerleute, sammt den übrigen Handwerkern, verbunden sind, beschädigte Fahrzeuge vor allen andern zu fördern.

Übrigens ist der hiesige Hafen zwar gut und sicher aber er hat im Landungsplatze bei der Stadt doch nicht mehr, als funfzehn Fuß Tiefe; und weiter hinab, bei dem sogenannten Heerde und dem Ruden, gibt es solche Untiefen, daß nur Schiffe von fünfzig bis sechzig Lassen durchgehen können. Die größeren müssen auf der Reede zwischen dem Ruden und der Oehe gelichtet werden. Daher hat, seit der Eröffnung des Swienemünder Hafens, der Wolgastische Handel beträchtlich gelitten.




***) Ein Schiff kielhohlen heißt: es auf die Seite legen, um den untern Teil auszubessern (zu kalfatern.)




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im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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Wolgast, Rathaus
Wolgast, Rathaus

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