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Karavane, Wassernixe, Karyatide, Kaffeehaus, Herzog von Württemberg, der Heizer, Wetter historisch, MV, Robinson
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August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
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über Lexikus
Swinemünde. Am Rande der Ostsee.
Brief 6 - Misdroy/Swienemünde
Misdroy, den 28.Jul. 1795.
Dies schreibe ich dir, zwar nicht im Angesichte, aber doch dicht am Rande der Ostsee. Wir sind nun queer durch die Insel Wollin gefahren und haben die Hälfte unseres Wegs nach Swiemünde, welches von Wollin vier Meilen ist, zurück gelegt. Anfangs ging die Straße fast nordwärts, ein wenig gegen Westen, durch einen Wald, der in seiner ganzen Länge vier Meilen und in seiner größten Breite anderthalb beträgt. Es gibt darin schöne Fichten zu Mastbäumen, Eichen zu jeder Art von Bauholz und Buchen zu Schiffskielen. An den Eichen fanden wir häufig Lungenmoos (lychen pulmonarius.) Hie und da wurden wir durch malerische Ansichten und durch Plätze überrascht, die uns zum Ausruhen im Schatten einluden. Hirsche, vornehmlich Damhirsche, welche für die Königliche Tafel geschont werden, Hasen und Rehe sprangen ziemlich dreist, nahe am Wege umher. Wölfe kommen nicht leicht auf die Insel, ungeachtet sie in den benachbarten Wäldern nicht selten sind. Im amerikanischen Kriege verkaufte man aus diesem Walde eine große Menge Schiffbauholz. Seit der Zeit ist man desto sorgfältiger auf die Erhaltung der nutzbarsten Holzarten bedacht gewesen, und überlässt größtenteils nur den Schweden einigen Vorrat von Bau- und Brennholz aus den Fichtenwäldern. Unter den Geschieben, auf unserem Wege, fanden wir sonderlich Stücke von Serpentinstein bemerkenswert.
Misdroy ist ein sehr kleines Dörfchen dicht am Strande der Ostsee. Ganz nahe bei demselben fiel uns eine Allee von Eichbäumen auf, die wenigstens 300 Jahre alt sind. Ich maß einen derselben, der vielleicht nicht der stärkste, aber durchaus gesund war. Sein Umfang betrug 14 ½ Fuß. Da diese Bäume in ihrem Wachstume nicht gestöhrt worden sind, und selbst um ihre Stämme sich kein hoher Sand angehäuft hat: so dienen sie zu einem Beweise, daß das Meer auf dieser Stelle, seit einer langen Reihe von Jahren, keine gewaltsame Veränderung seines Ufers hervorgebracht hat. Wenige hundert Schritte davon westlich ist dagegen ein Wirtshaus seit Menschen Gedenken durch die Macht der Wellen zweimal weiter landeinwärts gedrängt worden. Ursprünglich ist es ein Jagdhaus eines Grafen, (wenn ich nicht irre) von Schlippenbach gewesen, der sein ganzes Vermögen durch Jagden und andere Verschwendung in fremde Hände gebracht hat. Anfangs türmte die See vor dem Hause einen großen Sandhügel auf. Dieser wuchs von Zeit zu Zeit nicht nur höher, sondern wich auch immer mehr nach dem Lande zurück. Endlich näherte er sich dem Gebäude dergestalt, daß die Einwohner nicht mehr zur Haustür hinaus gehen konnten. Die Leute verließen ihre Wohnung und bald nachher ward das ganze Gbäude vom anschwellenden Sande zusammen gedrückt. Noch jetzt sieht man einen Obstgarten, an dessen Ende das Haus gestanden hat. Nachmals ist das Wirtshaus, der sogenannte Misdroykrug, wo ich dies schreibe, etwa 300 Schritte weiter zurück gebaut, und auch hier kommt ihm das Ufer immer näher.
Da gerade von hier bis zum Haff, und zwar namentlich bis zum Vieziger See bei Lebbin, die niedrigste Gegend der Insel ist: so sind die Leute besorgt, daß einst bei einem anhaltenden starken Nordwinde die See durchbrechen und dem Haff hier einen vierten Ausfluss öffnen werde. Längst dem ganzen hiesigen Ufer laufen hohe Sanddühnen fort, die aber bei jedem Sturme ihre Gestalt verändern und landeinwärts die Gegend versanden. Um ihnen etwas mehr Festigkeit zu geben, hat man auf ihrem Gipfel geflochtene Zäune gemacht und Strauchwerk reihenweise eingesteckt, damit sich der Sand daran fange. Einen sonderbaren Kontrast machen diese weißen nackten Dühnen mit den dunklen Wäldern und frischen morastigen Tälern der Insel, denen sie nach dem Meere hin zur Einfassung dienen.
Um uns den großen Anblick der See sobald als möglich zu verschaffen, stiegen wir gleich, wo wir zuerst das Rauschen ihrer Wellen hinter den Dühnen hörten, aus dem Wagen, und wateten im Sande die Hügel hinan. Der lebhafte Wind, der uns entgegen wehte, verschönerte das Schauspiel ungemein; denn gerade der Eindruck des unendlich verbreiteten Lebens, den die immer wechselnden Gestalten der Wellen gewähren, erhöht nach meiner Empfindung am meisten die Größe des Anblicks der See. Ein kleines Gewässer ist vielleicht am interessantesten, wenn es einer Spiegelfläche gleicht, in der sich die Bilder des Ufers malen. Aber ein unbewegtes Meer scheint von der einen Seite die Phantasie um eben so viel zu wenig zu spannen, als es ihr von der andern Seite durch seine Unbegrenztheit einen allzu großen Schwung gibt. Wenigstens war einst, als ich die Nordsee, bei einer Windstille sah, wenn ich mein Gefühl richtig zergliedern konnte, die Vorstellung der, bis ins Unermessliche verbreiteten, Ruhe mir nur eine kurze Zeit erquickend, und dann bemächtigte sich meiner eine Empfindung der Wehmut, die sich mit einem gänzlichen Hinschwinden in ein gedankenloses Staunen mischte. Hier konnten wir uns kaum wieder von den Fluten trennen, die sich vor unsern Augen zu immer höheren und spitzeren Hügeln auftürmten, bald in sich selbst zusammen zustürzen schienen, bald unter dem Schaum noch höherer Wogen begraben wurden, und dies schauerlich majestätische Schauspiel auf der unabsehbaren Fläche in jeder Sekunde tausendfach auf tausenderlei Art wiederholten. Zur Rechten und Linken reichten die vorspringenden Ufer von Usedom und Wollin, wie ein paar lange Arme in die See. Am Horizonte flogen etliche Schiffe, vom Sturm gejagt, vor uns über, und westlich sahn wir an der Spitze von Usedom große Fahrzeuge auf der Swienemünder Reede vor Anker. Plötzlich umzog ein graues Gewölk die Aussicht und das Meer schien in der Ferne mit dem Himmel zusammen zu fließen!
Wenn starke Nord-, Nordwest- und Ostwinde wehn, so gehn die Bewohner der Dörfer am Ufer fleißig an den Strand um Sachen zu bergen, die vielleicht von verunglückten Schiffen möchten ans Land geworfen werden. Selten vergeht ein Jahr, ohne das ein oder das andere Schiff in dieser Gegend strandete. Überhaupt ist die Ostsee ein viel gefährlicheres Wasser für die Seefahrer, als die Nordsee; weil sie mehr mit Klippen und Untiefen angefüllt ist und bei einem etwanigen Sturm nur selten große Räume darbietet, auf denen das Schiff sich ohne Gefahr dem Winde überlassen kann. Ich möchte sagen: beide Meere haben auch eine ganz vermschiedene Physiognomie: das Wasser der Ostsee hat ein helleres, gelblicheres Grün und ihre Wellen sind, wie die Schiffer sagen, kürzer, d. h. sie bilden nicht so lange parallellaufende Hügel, die sich in gleichbleibender Bewegung dem Gestade zuwälzen.
Hier im Kruge haben die Leute eine Menge kleiner Stücke Bernstein, die sie nach stürmischem Wetter am Ufer sammeln. Ein Jude aus Camin hat das Bernsteinsammeln gepachtet, und an ihn muss alles, was gefunden wird, gegen eine kleine Vergütigung abgeliefert werden. Kleine Stücke zum Räuchern dürfen die Finder zum eigenen Gebrauche behalten, aber nicht verkaufen. Große Stücke werden sehr selten von dem Meere ausgeworfen. Unser Wirt erinnerte sich indessen eines Stücks, das mit 120 Thlr. bezahlt worden wäre.
Swienemünde, den 28. Jul. 1795
Von Misdroy ab führt ein doppelter Weg: der eine geht auf dem Strande längst dem Meere fort; der andre durch einen Wald von Fichten, Eichen und Buchen, jenseit der Dühnen. Da die See zu stürmisch war, so wählte unser Postillon den letztern. Wir ließen ihn fahren und gingen zu Fuße am Strande, bis wir etwa nach einer Stunde wieder mit ihm zusammen trafen. Unter den abgerundeten Kiesel- und Feuersteinen, die das Wasser ausgeworfen hat, fanden wir so wenig, als unter den Muscheln und den Seetang etwas merkwürdiges, außer daß an einigen Stellen sich ein Eisensensand angesetzt hatte, der vom Magnet gezogen ward.
Der Himmel klärte sich allmählig wieder auf und war völlig heiter, ehe wir Ostswiene erreichten *). Dies Dorf liegt dicht an der Swiene, welche die beiden Iseln Usedom und Wollin von einander trennt. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn man auf einmal am Ende des Dorfs den Fluss und am gegenseitigen Ufer Swienemünde vor sich hat. Auf dem Flusse lagen eine Menge Schiffe vor Anker. Swienemünde umschließt mit seinen neugebauten Häusern, mit seinem Gärten und holländischen Windmühlen das Ufer, wie ein bunter Kranz. Links und rechts lachen dem Auge schöne grüne Fluren entgegen. Über die Stadt hin ragen hohe Berge empor und die Schiffe auf der Reede geben dem Blicke noch einen Ruhepunkt, ehe er sich in das grenzenlose Meer verliert.
*) Ich habe oft gehört, daß es zu verwundern sei, wie sich der ganze Himmel auf einmal in wenigen Minuten beziehen und eben so schnell wieder aufklären könne; und da sogar Naturforscher nötig gefunden haben, eine mühsame Erklärung davon zu geben: so will ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß das Beziehen des ganzen Himmels eine bloße optische Täuschung sei. Wenn eine niedrig ziehende Wolke die Luft um uns her undurchsichtig macht: so glauben wir, daß der ganze Himmel, so weit der Horizont reicht, trübe sei; da er es doch nur so weit ist, als wir eben um uns sehen können. Oft ist dies keine halbe Meile! Wird nun die Wolke von dem. Winde weiter geführt, oder hat sie den Vorrat ihrer Dünste herabfallen lassen: so muss uns notwendig der ganze heitre Himmel wieder sichtbar werden, dessen Anblick uns durch jene Dünste entzogen ward.
