Swienemünde. Hohe schäumende Wellen.
Brief 6 - Misdroy/Swienemünde
Wir hatten einen sehr lebhaften Wind, und sonderlich auf der Platte brachen sich hohe weißschäumende Wellen, welches die Schiffer ausdrückten: „die Schafe laufen auf der Platte.“ Ich war sehr überzeugt, daß wir keiner Gefahr ausgesetzt wären; weil weder unser Führer noch die Bootsleute sich, bloß zu unserem Vergnügen, mit uns einem Unglück würden Preis gegeben haben; aber es hatte doch ganz das Ansehn davon, und wir lernten bald, was die Schiffer gemeint hatten, wenn sie uns sagten, wir würden Wasser übernehmen müssen. Von Zeit zu Zeit schlug nämlich eine Welle so kräftig an unsern Bord, das wir über und über bespritzt wurden. Ungeachtet unser Boot in jedem Augenblicke bald von den Wogen hoch empor gehoben ward und bald wieder in die Tiefe hinabschoss, so machte doch die Gleichförmigkeit der Bewegung, daß wir ganz ruhig dabei blieben; und erst der Anblick eines anderen Bootes, das in einigem Entfernung bei uns vorüber segelte, erregte in uns eine lebhafte Vorstellung von dem Ungestüm der Wogen. Auf jenem Boote fuhren zwei Lootsen einem ankommenden Schiffe entgegen. Wir sahen es immer nur, wenn es gerade auf dem Rücken einer Welle mit seinem Vorderteile in der freien Luft schwebte; sobald es sich dagegen senkte, schien es samt seiner Mannschaft von den Fluten begraben zu sein. Es blieb uns nichts davon sichtbar, als die Segel, und wir harrten mit Ängstlichkeit auf den Augenblick, wo es von einer neuen Welle wieder aus dem Abgrunde herauf gebracht ward. Endlich ereichten wir glücklich unser Ziel. eine englische Pinke von 600 Lasten, die zu den größten Kaufarthey - Schiffen gehörte, welche je hier auf der Reede gelegen haben.
Es kostete sehr viele Mühe, aus unserm Boote an den Bord des Skiffes zu kommen, denn beide schwankten gewaltig und wenn wir uns bisweilen an dem uns zugeworfenen Seile schon ganz nahe hinan gezogen hatten, so warf uns mit einmal eine Welle, die sich an dem Bauche der Pinke brach, wieder zurück. Die Vorsicht und Ruhe der Schiffsleute dabei machte mir so viel Vergnügen, als ihr dienstfertiges Bestreben, uns auf alle Weise behilflich zu sein.
Das Schiff war auf Rechnung eines Engländers in Archangel gebaut und durchaus von Fichtenholz. Es hatte Steinsalz hergebracht und nahm bloß Ballast ein, um auf Spekulation nach Petersburg zu fahren. Der Kapitän war nicht selbst am Bord; aber der Steuermann vertrat seine Stelle und bewirtete uns mit Liqueurs und mit Schiffszwieback. So ungeheuer auch die Masse eines solchen dreideckigen Schiffes ist, so ward es doch dergestalt von den Wellen geschaukelt, das wir oben auf dem Verdecke beständig taumelten und in der Kajüte einem meiner Gefährten von dem Schwanken eine Übelkeit anwandeln wollte. Wir eilten also mit dem Besehen des schönen Gebäudes so sehr wir konnten, und fuhren dann wieder nach dem Hafen zurück.
Daß wir auf dieser Fahrt einen scharfen Wind gegen uns hatten, machte sie zwar langsam und für die Schiffer beschwerlich; aber für meine Freunde desto interessanter, weil sie dabei eine Erfahrung vom Lavieren machten. Wir kamen mit vieler Mühe an den Bord einer Amerikanischen Galliote, Fama genannt. Sie war zu Bedford in der Grafschaft York in Amerika gebaut und hatte Reiß und Zucker hierher gebracht. Die Fahrt hatte nicht länger als 6 Wochen gedauert. Der Schiffskapitän, noch ein sehr junger Mann, war außerordentlich ernsthaft, aber eben so höflich. Zu unserer großen Freude sprach er so gut Englisch, daß wir uns ohne Schwierigkeit mit ihm unterhalten und über alles, was unsere Neugierde auf d em Schiffe reizte, Auskunft bekommen konnten. Er setzte uns vortrefflichen Rum, Schiffszwieback, Chesterkäse und Amerikanisches gepökeltes Rindfleisch vor. Ungeachtet dies unser drittes Frühstück war, so taten wir doch unser Äußerstes, um seiner Gastfreundlichkeit Ehre zu machen. Mit allem übrigen gelang es uns ziemlich, aber von dem harten Rindfleisch konnten wir nicht einen Bissen zermalmen. Die Schiffsleute, lauter Amerikaner, sahn unser Unvermögen im Käuen mit eben so vielem Mitleid an, wie sie schon vorher unsere Unfähigkeit aus dem Verdecke zu stehn angesehn hatten. Hätte uns der Schiffkapitän nicht gesagt, daß sie Englisch sprachen, so hätte ich ihre Antworten eben so wenig für Englisch gehalten, als sie vermutlich meine Anreden dafür hielten.
Das Kiekhaus, d. h. die Warte der Lootsen, begnügten wir uns bloß in der Ferne zu sehen. Auf demselben hat beständig ein Lootse die Wache, um zu sehen, ob sich Schiffe auf dem Meere zeigen, die eines Wegweisers oder sonstigen Beistandes bedürfen und sobald er ein solches entdeckt, benachrichtigt er durch das Läuten einer Glocke seine Gefährten davon. Der Sturm mag so schrecklich sein als er will, die Lootsen bleiben gewiss nicht zurück, wenn er es ihnen nur nicht schlechterdings unmöglich macht, den Gegenstand ihrer Hilfe zu erreichen; denn diese Menschen sind von Kindheit an mit der Gefahr vertraut, und kennen keine andere Ehre, als ihr zu trotzen. In Gegenden, wo noch das barbarische Strandrecht geübt wird, hat man bisweilen die Lootsen in Verdacht, daß sie nicht alle ihre Kunst und Kraft anwenden, um ein Schiff vor Unglück zu sichern, weil ihnen, wenn es scheitert, das Bergen der Ladung einträglicher ist. Aber an der Küste von Pommern hat man längst schon anfgehört, sich deswegen ein Recht auf die Güter eines Fremden anzumaßen, weil er ein Unglück gehabt hatte, gleichsam als wären die Strandbewohner berufen, dnrch ihre Raubsucht das Werk der empörten Elemente zu vollenden. Schon Bogislav X. tat in Jerusalem das Gelübde, daß er gleich nach seinem Rückkunft in sein Vaterland die böse Gewohnheit, sich die Güter der Gestrandeten zuzueignen, abschaffen wolle.
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Swinemünde, Stadtansicht, Westen 1922
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