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Kleine Stubbenkammer auf Rügen Wanderungen an der Ostsee von Ernst Willkomm, 1850.
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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

In Swienemünde.

Brief 6 - Misdroy/Swienemünde


In Ostswiene gingen unsere Pferde zurück. Unser Wagen ward auf zwei an einander befestigten Booten übergefahren und wir selbst gingen an den Bord eines dritten.

In Swienemünde könnte man glauben, auf einmal nach den Niederlanden versetzt zu sein. Die neuen Häuser sind im holländischen Geschmack gebaut. Vor den meisten ist ein Stacket mit einer Reihe beschnittener und in Bogen gezogener Bäume. Die Haustür schmückt eine Vorlaube mit Bänken. Die Straßen sind breit und die meisten sind gerade, aberkeine ist gepflastert, weil, wie man sagt, der Boden aus lauter trockenem Sande besteht, den die beständigen Seewinde immer zwischen den Steinen fortführen würden. Vor vielen Häusern ist indessen ein erhöheter und fester Fußweg angelegt. Der große, schöne Marktplatz, auf den die Hauptstraßen stoßen, gibt der Stadt eine vorzügliche Zierde. Die neuerbaute, und erst 1792 eingeweihte Kirche ist äußerst hübsch und geschmackvoll. Alle Stände und Klassen haben in derselben ihre eigenen Chöre und Bänke. Auf den Chören sitzen die Männer, unten in den Bänken und Logen die Frauen. Die Einrichtung der Schule verdiente Nachahmung. Sie hat zwei Klassen für die Knaben, und eine für die Mädchen. Aber auch in dieser letztern, deren eigentlicher Lehrer der Küster ist, muss der Rector und Conrector einige Stunden unterrichten. Die Kinder machten uns mit ihren Kenntnissen und ihrer freimüthigen Offenheit viel Freude.

Sobald wir die Stadt ein wenig durchstrichen hatten, machten wir uns auf den Weg nach dem Hafenbau. Dicht vor der Stadt auf der nordöstlichen Seite zieht sich eine Art von Damm hin, der dort, vor dem Beginn der jetzigen Anlagen, das Ufer des Meers war, und aus einer Reihe von Dühnen gebildet ist. Seit dem Jahre 1740 ist das Meer, Anfangs nur wenig, aber je länger je mehr zurück gedrängt worden. Längst dem Ausflusse der Swiene hat man ins Meer hinein ein sogenanntes Packwerk von Faschienen und großen Feldsteinen fortgeführt und hinter demselben ist der Sand, den die See absetzte, zuerst durch hingeworfenes Strauchwerk aufgefangen und dann in festem Boden verwandelt worden. Noch jetzt fährt man mit dieser Erweiterung des neuen Landes auf Unkosten des Meeres emsig fort. Sobald sich ein Strich Sand angesetzt hat, wird derselbe, um ihm Festigkeit zu geben, mit Strandhafer (Elymus arenarius) besäet, und wenn dieser sich fortrankt und eingewurzelt hat, pflanzt man Erlen und Weiden hin. Auf diese Weise entstand da, wo sonst Schiffe segelten und Seegeschöpfe wohnten, die sogenannte Plantage, ein Gebüsch von Erlen und Weiden, das einige tausend Quadratruten im Umfange hat und in allerlei Richtungen mit Alleen durchschnitten ist. Ein paar runde Plätze in der Mittel auf die mehrere gerade Gänge stoßen, sind in der Tat sehr angenehm. Beim ersten Anblick hat es etwas Befremdendes, Bäume und Gesträuche von einem frischen, fast üppigen Wuchse in dem kiesigten Meerstrandssande zu finden. Aber unstreitig trägt dazu die falzige Feuchtigkeit des Grundes und der eingemischte faulende Seetang bei.

Bis jetzt hat sich der König die Plantage noch vorbehalten, um jede Einrichtung, welche dem Anlegen des Hafens vorteilhaft ist, desto unbehinderter v ornehlnen zu können. Wenn diese aber einst vollende sein werden: so soll die ganze Anpflanzung der Stadt als ein Eigentum anheim fallen. Vielleicht werden die Einwohner dann lieber auf ihrem eigenen Grunde spazieren gehnen; denn bis jetzt besuchen sie diese schöne Anlage sehr sparsam. Eine Dame, die sich in einem dunkelgrauen Anzuge am Strande badete, gewährte uns ein sehr interessantes Schauspiel. Die See war ziemlich ungestüm. Die Badende war etwa zehn Schritt weit ins Wasser gegangen und empfing jede auf sie zuströmende Welle mit ausgebreiteten Armen und vorwärts gebogenem Körper. Kaum hatte sie diese Bewegung gemacht: so ward sie von dem rauschenden Wasser über und über bedeckt, und im Augenblicke stand sie wieder frei da, um die nächste Welle auf eben die Art zu empfangen. Je inniger die Idee der Zartheit an die weibliche Gestalt geknüpft ist, desto anziehender war dies Spiel mit der anscheinenden Gewalt der schäumenden Wellen; und wir würden demselben vielleicht lange zugesehen haben, wenn wir nicht gefürchtet hätten, daß wir die Unbekannte durch unsere Gegenwart hindern würden, nach Gefallen zu ihrer Begleiterinn ans Ufer zurück zu kehren.

Herr Hafenbauinspektor Ruskow hatte die Gefälligkeit, uns ausführliche Auskunft über den Fortgang des Hafenbaus und über die Art zu geben, wie durch d ie Anlagen des Packwerks eine bessere Fahrt von der Swiene ins Meer bewirkt werden sollte. Von der ungeheuren Gewalt, die dieser Bau auszuhalten hat, bekamen wir durch den bloßen Anblick der anströhmenden Fluten einen lebhaften Begriff; denn, ungeachtet bei weiten kein Sturm, sondern nur ein lebhafter Wind die Wellen jagte, so schlug doch eine nach der andern so heftig gegen das Packwerk, daß überall das Wasser, wie aus kleinen Springbrunnen, in Bogen empor spritzte. Man hätte sich einbilden können, es sei in jeder Woge innere Wut, die sie triebe, den ihr entgegen gesetzten Widerstand zu zertrümmern.

Der eigentliche Zweck des Baues ist, die Swiene, durch die Verengung ihres Ausflusses, zu nötigen, daß sie sich ein tieferes Bette grabe, und teils dadurch, teils durch die veränderte Richtung, welche nun die auströhmeuden Fluten des Meeres bekommen, eine Sandbank hinweg zu schaffen, die vor der Mündung des Strohmes liegt und über der das Wasser so flach steht, daß ganz große Schiffe gar nicht, und die kleineren selten ohne Mühe und Gefahr den Hafen erreichen können. Diese Sandbank, die Platte genannt, soll ehedem eine Erdzunge gewesen sein, die mit der Insel Usedom zusammen gehangen hat. Von dieser soll sie einst durch die Gewalt der See abgerissen worden und unter dem Namen der Joachimsinsel bekannt gewesen sein, wie sie auch wol jetzt noch die Joachimsbank genannt wird **).



Swienemünde, den 29. Jul. 1795

Wie unbequem die Platte, von der ich Dir gestern schieb, für die Schiffahrt sei, davon haben wir heute eine kleine Erfahrung gehabt. Hr. Senator Krause, an den wir von Stettin aus empfohlen waren, hatte veranstaltet, daß wir auf einem Segelboote aus dem Hafen nach der Reede fuhren. Den Hafen bildet die Swiene selbst, die vornehmlich unterhalb der Stadt ihr Bett so erweitert, daß sie einem ansehnlichen See gleicht. Die Schiffe liegen in der ganzen Gegend vor der Stadt und sogar noch oberhalb derselben bis zur Mündung des Flusses zerstreut vor Anker. Die Reede ist eine kleine halbe Meile von der Stadt im offenen Meere. Sie hat einen blauen Ton zum Ankergrunde, den man für den besten hält. Dort ankern die Schiffe nicht nur, die aus dem Hafen kommen, um auf guten Segelwind zu warten, sondern hauptsächlich die großen Fahrzeuge, die entweder gar nicht Tiefe genug auf der Platte finden, oder doch erst einen Teil ihrer Fracht ausladen müssen, ehe sie hinüber kommen können. Will ein Schiff auf der Reede sich seiner Fracht ganz oder zum Teil entledigen, oder Ladung einnehmen: so werden dazu die sogenannten Leichterschiffe ***) aus der Stadt gebraucht, welche zu der Zwischenfahrt zwischen dem Hafen und der Reede bestimmt sind. Ein Schiff, das auf der Reede ausladet, bezahlt eben so, als wenn es vor dem Stettiner Packhofe läge.




**) Eine vollständige Geschichte des Hafenbaues nebst einer dazu gehörigen Karte s. in der dritten Beilage am Ende des Bandes.
***) Sie haben diesen Namen, weil sie die ankommenden Schiffe leichter machen. Hier spricht man Leuchter. Im Niedersächs. sagt man Lichter.

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Swinemünde, Osternothafen, Leuchtturm 1913
Swinemünde, Osternothafen, Leuchtturm 1913