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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Wollin. Einwohner in der Vorstadt.



Brief 5 – Wollin


Alle diese Fischer machen den größten Teil der Einwohner in der Vorstadt an der Divenow, die Wieke genannt, aus. Sie sind mit einander zu einer Innung verbunden, welche die Tuckerinnung heißt, ihren eigenen Aldermann hat und unter der Aufsicht des Königlichen Amtes steht. In ihren Gebräuchen und Sitten halten sie fest an der hergebrachten Gewohnheit. Sie verheiraten sich nur unter einander und machen bei ihren Hochzeiten einen verschwenderischen Aufwand. Die Mahlzeit dabei wird auf dem Hofe unter einem von Masten und Segeln aufgerichteten Zelte gehalten, und die wohlhabenden schlachten dazu einen Ochsen, ein Paar Kälber und Schweine, vier bis fünf Hammel und wenigstens eine Mandel Hühner. Mehr, als die Gäste verzehren, wird ihnen von den aufgetragenen Speisen nach Hanse geschickt. Die guten Leute sehn ein solches Fest als eine Schadloshaltung für die unsägliche Beschwerlichkeit an, die ihre Lebensart mit sich führt. Gerade dann, wenn ihr Gewerbe mit der wenigsten Gefahr und Anstrengung verbunden ist, bei stiller und heiterer Luft, ist es auch am wenigsten einträglich; wenn dagegen der Sturm aus Norden sie unter den Wellen zu begraben droht, werden die meisten Fische aus der See in ihre Netze getrieben. Die Hälfte ihres Gewinns geht auf die Erhaltung der Schiffe und der Netze, die selten über ein Jahr brauchbar bleiben, wieder hin. An Abgaben entrichtet jeder Tuckerkahn jährlich 38 ½ Thlr., jeder Zesener 31 ½, der Zollner 27 Thlr. 8 Gr., jedes Boot 2 Thlr. und der Senker 8 Gr.

Die Fische, die hier am häufigsten gefangen werden, sind Aale, Zander, Hechte, Plötzen, Barsche, Ukeleie, Zährten, Bleie, Gründlinge, Stinte, zuweilen auch Lachse. Die Stinte werden zum Verspeisen allein im Winter gefangen. Im Sommer, wo sie größer und fetter sind, vermutlich gegen die Laichzeit, fischt man sie häufig, um einen weißen Tran daraus zu sieden, welches die Fischer selbst tun. Die Aale werden von der Mitte des März an, den größten Teil des Sommers hindurch gefangen, und teils frisch, teils geräuchert verkauft. Das Räuchern ist eine Beschäftigung der Weiber. Die sogenannten Spickaale werden, wenn sie, wie die gewöhnlichen geräucherten, gehörig eingesalzen sind, in kochendes Wasser getaucht und erst dann, ein Spieß voll neben dem andern, in den Rauch von Sägespänen gehangen. Wenn sie die erste fast bratende Hitze erhalten haben, hängt man sie immer höher und höher in den Rauchfang, bis sie genugsam gedürrt und vom Rauch durchzogen sind. Die kleineren Aale können mit einem sehr starken Rauche in ein paar Stunden völlig gut gemacht werden. Zu den größeren, die bei einem allzuschnellen Räuchern nicht gut zu geraten pflegen, sind einige Tage nötig. Mit den geräucherten Aalen wird, gößtenteils unter dem Namen der Pritter-Aale, ein ansehnlicher Handel nicht nur durch die Provinz, sondern auch nach der Mark, vornehmlich nach Berlin und Frankfurt, und nach Schlesien getrieben.

Wir besuchten einige Fischerwohnungen in der Wieke, wohin wir über den ehemaligen Wall zwischen lauter Gärten gingen, und fanden die Leute alle sehr freundlich und bereitwillig, uns alles zu zeigen. Unterandern gab uns ein gesprächiger alter Mann umständliche Auskunft über die Verfertigung, das Räuchern und Ausbessern der Netze und über die Lebensweise der Fischer; auch zeigte er uns, wie sie mit der Gliepe (vielleicht Griepe, einem Sacke von Netz, der zu beiden Seiten an zwei langen Stöcken befestige ist,) die Fische aus dem Tuckerkahne herausgreifen und sie aus dieser mit dem Kescher der hier Kesser gesprochen wird,) holen. Wir fragten ihn, ob der Aal sich durch Gebären lebendiger Jungen, oder durch Eier fortpflanze. „Ja, sagte er, ich bin ein alter Mann, und habe in meinem Leben viel tausend Aale gefangen; aber wenn ich das sagen sollte, müßte ichs lügen. Kleine Aale, wie eine Segelnadel oder eine Gabelspitze habe ich genug gesehen, aber niemals welche im Bauche einer Aalmutter. Eben so wenig habe ich Aaleier gefunden.“

Einen wichtigen Nahrungszweig für Wollin gewährt auch der Schiffsbau. Eben letzt lagen nur zwei neue Schiffe auf dem Stapel, und zwar ein sehr ansehnliches von zwei Masten, eine sogenannte Galiasse. Der Baumeister desselben hieß Wittholz. Es hatte etwas rührendes für mich, wie er erzählte, daß er als eine arme verlassene Waise sich dem Seedienste gewidmet habe, zu einem Schiffszimmermeister in die Lehre gekommen sei, und es durch unsäglichen Fleiß ohne sonderlich schreiben und ohne kunstmäßig rechnen zu können, endlich dahin gebracht habe, jedes schiff, das hier verlangt werden könnte, zu bauen. Im amerikanischen Kriege, wo überhaupt der Schiffsbau hier den höchsten Flor erreicht hatte, baute er sogar auf dem hiesigen Stapel ein großes dreimastiges Schiff. Das gegenwärtige, von 70 Lasten, kostet bloß an Holz und Arbeit 2000 Thlr. Der Schiffsherr liefert alles Eisen, und unterhält zu diesem Ende einen Schiffer hier. Es wird ihm an 1000 Thlr. und das Takelwerk noch gegen 5000 Thlr. kosten. Zehn Zimmerleute und zwei Tischler arbeiten an einem solchen Schiffe etwa drei Monate; und Hr. Wittholz meinte, wenn er es bloß auf Beil und Bohrer(d. h. auf die bloße Zimmerarbeit) hätte verdingen sollen: so würde er 1000 Thlr. erhalten haben.

Von dem Haff muss ich noch bemerken, daß es im Winter bei starkem Frost mit anderthalb bis zwei Zoll dickem Eise belegt wird. Wenn der Wind aus Norden weht: so steigt das Wasser in demselben beträchtlich, und bekommt einen etwas salzigen Geschmack von dem hinein getriebenen Seewasser. Selbst allerlei Sachen schwimmen dann aus dem Meere mit hinein. So fischten vor einigen Jahren ein paar Tucker eine Kiste Champagner Wein aus, die vermutlich von einem verunglücken Schiffe aus der Ostsee war hergetrieben worden.

Die Stadt Wollin hat sich seit der Erscheinung von Brüggemanns Topographie um etwas vergrößert. Sie hat letzt, statt der damaligen 199 Häuser, deren 208, ohne die Vorstädte, und überhaupt 2435 Seelen. Acker haben die Bürg fast gar nicht, sondern nähren sich bloß von Handwerken. Schuhmacher sind allein über 50 hier. Juden werden gar nicht geduldet. Die Anzahl der Katholiken beläuft sich auf 15 und der Reformierten auf 4 Personen. Die ersteren werden alle Jahre von einem katholischen Priester aus Stettin besucht. Die letztern erbauen sich in der lutherischen Kirche und gehn in Camin, wohin von Zeit zu Zeit ein Prediger aus Colberg kommt, zum heiligen Abendmahl.




Sie sind im Kapitel Wollin. Einwohner in der Vorstadt.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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Buchtipp

Kleine Stubbenkammer auf Rügen Wanderungen an der Ostsee von Ernst Willkomm, 1850.
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