Wollin. Der Vorsatz jeden Tag zu schreiben.
Brief 5 – Wollin
Wollin, den 27. Jul. 1795
Gestern habe ich meinem Vorsatze, Dir jeden Tag zu schreiben, ungetreu werden müssen. Es sind neun abscheuliche Meilen von Stettin bis hierher, und wir haben vom frühen Morgen bis zum späten Abend darauf zugebracht. Wir heißt jetzt Hr. Prof. Klaproth mit seinem Sohne, Hr. Referendarius Wackenroder und ich. Die Meile von Stettin bis Damm ist, trotz dem gepflasterten Wege und den vielen Brücken, ganz angenehm. Man hat beständig zu beiden Seiten schöne Wiesen und zur Linken den großen Dammischen See bald näher bald entfernter vor sich. Den Hintergrund dieser schönen Landschaft, auf der sich der hohe dammische Turm recht stattlich ausnimmt, machen die Podejucher Berge, die mit Wald bekränzt sind.
Damm, oder richtiger Alt - Damm (zum Unteschiede von meinem vaterstädtischen Neudamm in der Neumark,) ist ein unerheblicher Ort, in welchem sich die Einwohner von Handwerken, Fischerei, Ackerwirtschaft und dem Verkehre nähren, den der Handel zwischen Stettin und Hinterpommern auf seinem Wege durch die Stadt verursacht. Mit seinen Festungswerken, die seit 1758 bedeutender als sonst geworden sind, dient es von dieser Seite der Festung Stettin zur Vormauer.
Hinter Damm kommt man bis Gollnow ununterbrochen durch Wald und Sand. Eine Station von fünf Meilen erregt immer eine peinliche Vorstellung, zumal wenn die Pferde so kraftlos aussehn, wie die, welche man uns in Stettin vorgespannt hatte. Wir fuhren indessen noch schnell genug, und hielten unterwegs nur einmal in einem Dorfe (Christinenberg,) eine kurze Zeit an. Die Leute waren gerade in der Kirche, oder vielmehr in einem kleinen Hause, wo die Gemeine in einem artigen reinlichen Saale versammelt war. Der Küster hielt, anstatt abzulesen, eine ordentliche Predigt. Amtshalber musste ich meien Ärger daran haben; aber als bloßer Zuhörer betrachtet freute ich mich herzlich über die zweckmäßigen Wahrheiten, die der Mann in einer verständlichen und doch würdigen Sprache mit einem guten Zustande und in einem sanften, treuherzigen Tone vortrug. Die Gemeinde hörte andächtig zu, und eine Frau im Wirtshause rühmte ihren herrlichen Küster aus allen Kräften. Die Kinder, die wir auf der Straße anredeten, hielten ihm eine tätige Lobrede durch ihre verständigen, höflichen und freimütigen Antworten. Du glaubst nicht, wie tröstlich mir diese Erscheinung war; denn bei der zunehmenden Armseligkeit der meisten Landpfarren in Pommern und der Mark, bei dem immer größeren Verfall der Kirchen, der Pfarr- und Schulgebäude, und bei der immer mehr verbreiteten Einsicht, daß ohne verbesserten Schulunterricht der Nutzen des Predigtamtes höchst eingeschränkt bleibt, wird man doch unausbleiblich dahin kommen, eine Menge von Landpfarren einziehen zu müssen, und aus ihren Einkünften teils die übrigen Prediger, denen nun mehrere Dörfer zugelegt würden, zu verbessern, teils Katecheten zu besolden, welche Schule halten und in der Regel auch des Sonntags für dte Erbauung der Gemeine sorgen müssten. Kommt einst, dachte ich, diese Zeit, so werden Katecheten, wie dieser Küster, Landleute bald beruhigen, wenn sie nur etwa alle Monate den Vortrag eines Geistlichen hören. Nebenher war es mir bemerkenswert, wie doch überall für die Herstellung des Gleichgewichts gesorgt ist. Dieser Küster predigte, anstatt aus der Postille zu lesen, und kurzvorher hatte man mir von einem Prediger in Hinterpommern erzählt, der seiner Gemeinde etwas aus der Postille vorlieset, an statt zu predigen.
Gollnow ist ein kleiner nahrhafter Ort an der Ihne. Die ehemaligen Befestigungsanstalten sind in einem traurigen Zustande. In Frauendorf hatte einer unserer Begleiter behauptet, das kleine Türmchen, welches wir durch das Fernglas sahn, stünde auf einem Tore; aber so kraus das Tor mit Gothischen Schnörkeln verziert ist, so hat es doch keinen Turm; sondern beide Türme, über die man sich den Kopf zerbrach, gehören zur Kirche, und zwar steht der kleine auf dem östlichen Ende des Daches.
Von Gollnow bis hierher sind vier Meilen, aber sie sind wenigstens so lang, als die fünf die wir von Stettin zurückgelegt hatten. Der Weg ist indessen größtenteils besser und die Gegend angenehmer, sobald man den anfänglichen Moorgrund, der mit Heide bewachsen ist, überstanden hat. Zwei Meilen von Gollnow liegt die Hohenbrücksche Mühle sehr mahlerisch an einem Teiche im Gebüsche, und der darauf folgende Wald besteht aus Buchen, Fichten und Eichen, gegen welche die Ebereschen, Ahorn und andere Bäume, womit der Weg eingefasst ist, ungemein gut abstechen. Auch der Jassower Wald ist angenehm.
Man wird indessen auch der schönsten Bäume müde, wenn man nirgends eine Spur des Lebens findet. Selbst ein Försterhaus mitten in einem dicken Gehölz weckte nur noch mehr die Idee, von Abgeschiedenheit und einsamer Stille in uns; und die ersten Menschen, die uns wieder (im Dorfe Sarnow) zu Gesichte kamen, machten uns durch ihren Anblick eine wahre Freude. Zum Unglück war sie von keiner langen Dauer. Am Ende des Dorfs standen ein paar Bauern neben dem offenen Heck. Wie wir kaum noch hundert Schritte von ihnen entfernt waren, machten sie das Heck zu und gingen davon. Unser Postknecht murrte, daß er nun abzusteigen gnötigt war, und ließ, sei es aus Rache, oder weil er sich jämmerlich beim Aufmachen die Finger geklemmt hatten das Heck offen. Kaum hatte er sich wieder auf den Bock gesetzt, so sprangen dieselben Bauern hinter einem Zaune hervor, fielen den Pferden in die Zügel und wollten uns pfänden. Jemehr wir ihnen das Unrecht ihres Mutwillens zu Gemüte führten, desto höher stiegen ihre Forderungen. In Kurzem hatte uns das halbe Dorf umringt. Ich holte den Schulzen, der sich auf nichts weiter einließ, als uns zu versichern, es sei bei der Gemeine ausgemacht, daß jeder das Heck zumachen müsse, damit nicht das Vieh ins Korn laufe, und wer es nicht tue, bezahle ein Maß Brandtwein. Mir fiel ein, daß die Litauer an ihrem Heck eine Stange aufgerichtet haben, woran ein Tonnenband und ein Knüppel hängt, welches von dem Reisenden also zu deuten ist: „wer das Heck nicht zumacht gibt eine Tonne Bier, oder bekommt Prügel.“ Wir musten also am Ende, nach dorfrichterlicher Entscheidnng, 6 Groschen entrichten. Herzlich gern hätte ich viermal so viel für einen Zug von hinterpommerischer Gutmütigkeit gegeben! Oder hat auch hier die leidige Aufklärung die Gutmütigkeit verdrängt? Etwas muss wenigstens die Aufklärung auch auf den Dörfern um sich gegriffen haben; denn in einem Walde fanden wir eine Tafel, auf der die Bauern vor einem Forstverbrechen mit lateinischer Schrift gewarnt wurden.
Hinter Sarnow ging unser Weg durch eine große Ebene, die teils Getreide trug, teils wüste und ungebaut lag. Der tiefe Kiessand, durch den wir fort-schlichen, erinnerte uns, daß wir die Ostsee in der Nähe hätten. Zur Linken erblickten wir das Haff, als einen breiten lichtblauen Streifen, jenseit dessen sich die hohen bewaldeten Ufer der Insel Wollin in einem äußerst schönen Dunkelblau erhoben. Die letzte Meile schien immer länger zu werden, je weiter wir fuhren. Es ward spät Abend ehe wir die Stadt erreichten, und nun war uns der Zeitverlust, den uns die Bauern in Sarnow gemacht hatten, um so unangenehmer, da wir wegen unseres Unterkommens in Sorge standen. Man hatte uns nämlich in Gollnow gesagt, es gebe kein Wirtshaus in Wollin; jedoch würden Fremde bisweilen von einem Kaufmanne beherbergt. Dies Bisweilen war nicht sehr tröstlich. Wenigstens ward uns um das Abendbrod bange, wenn wir uns auch entschlossen hätten, uns, statt des Nachtlagers, mit unsern Sitzen im Wagen zu begnügen. Nach einer so traurigen Aussicht wurden wir desto angenehmer durch unsere Aufnahme im Posthause überrascht. Zwar äußerten die guten Leute auch hier Anfangs, daß ihnen vier Personen zu viele wären:, aber auf unsere Versicherung, daß sie Freude an unserer Genügsamkeit haben sollten, nahmen sie uns ein, und am Ende hatten wir alle Ursache, mehr als zufrieden zu sein; zumal da wir nachher erfuhren, daß der Kaufmann, der bisweilen einen Fremden bewirte, auch bisweilen zu viel trinke und dann, wie man sich ausdrückte, wild und tobend werde, und wohl gar bisweilen seine Gäste mit Prügeln bediene. Bis zum Abendessen gingen wir noch auf die nächste von den drei Brücken, welche von dem festen Lande nach der Stadt über die Divenow führen. Es war ein angenehmes Dämmerlicht und eine milde freundliche Luft. Neben der Brücke hielt ein Schiff, welches ein Mann, durch einen an die Brückenbalken gestemmten Hebel, unaufhörlich in eine wiegende Bewegung setzte. Ein paar Fräulein aus der Stadt, die der schöne Abend auch auf die Brücke gelockt hatte, unterrichteten uns mit vieler Artigkeit, daß dies Schaukeln des Schiffes nötig sei, um die in dem durchlöcherten Bauche desselben befindlichen Fische, durch das beständige Zuströhmen des frischen Wassers, lebendig zu erhalten. Sie erzählten uns noch mancherlei von den hiesigen Fischern und deren Gewerbe, was wir aber größtenteils nicht verstanden. Denn sie gebrauchten eine Menge von Kunstwörtern, die uns nie zu Ohren gekommen waren, und wir wagten es nicht, sie mit einer Erklärung derselben zu bemühen. Es sei Dir überlassen, ob Du uns diese Zurückhaltung als Höflichkeit, oder als Scham unsere Unwissenheit zu gestehen, anrechnen willst. Mangel an Wissbegierde war es wenigstens nicht; denn kaum hatten die schönen Erzählerinnen ihren Weg nach dem Tore angetreten, so stiegen wir zu dem schaukelnden Manne hinab und versuchten, von ihm Belehrung zu erhalten. Er hatte Anfangs nicht Lust, sich in ein Gespräch mit uns einzulassen. Da wir uns seinen wenigen Humor nicht sowohl aus seinem Alter, welches sonst gesprächig zu sein pflegt, als daraus erklärten, daß er bei einer Arbeit begriffen war, die ihn um seinen nächtlichen Schlaf brachte und doch nicht mehr als drei Groschen eintrug; so schlugen wir den Weg der Pränumeration ein. Aber es ging uns, wie es den gutmütigen Pränumeranten öfters geht. Er öffnete uns den Schatz seiner Kenntnisse reichlich genug; nur wir konnten herzlich wenig davon gebrauchen. Sein ganzer Vortrag war ein Gewebe von Fischerausdrücken, die wir nicht verstanden, und die Erklärungen, die wir ihm abfragten, gab er uns in einem Dialekte, der wieder eines Kommentars bedurft hätte.
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Die deutsche Historikerin Gertrude Aretz befasste sich insbesondere mit Lebensläufen berühmter historischer Persönlichkeiten. 1940 erschien posthum Berühmte Frauen der Weltgeschichte.
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