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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Stettin. Für die Schüler des Gymnasiums.



Brief 4 – Stettin


Nützlicher, als der größte Teil dieser Bücher, sind für die Schüler des Gymnasiums in einem Nebenzimmer die Sammlungen von Mineralien, von Conchylien, von physikalischen und mathematischen Instrumenten. Die ersteren hat Hr. Prof. Kölpin, welcher auf dem Gymnasium die Naturgeschichte und Physik lehrt, mit vieler Einsicht und Fleiß gesammelt und geordnet; die Conchylien hat der berühmte Prediger Chemnitz in Kopenhagen auf Bitte des Herrn Kölpin auserlesen, und die Instrumente sind teils geschenkt, teils allmählig angekauft worden. Man hat sich in Ansehung der letzteren freilich auf wenige und vornehmlich auf wohlfeile einschränken müssen, da der ganze Fonds, aus welchem die Bibliothek und diese Sammlungen vermehrt werden sollen, nur etwa zwanzig Taler jährlich beträgt. Bei dem unglücklichen Brande der Marienkirche rettete man, wie gewöhnlich, mit übertriebener Eile die Bücher und Naturalien größtenteils zum Fenster hinaus, wodurch denn manches verdorben ward, manches auch in Hände fiel, die des Wiedergebens nicht gewohnt waren. Wenn sich einst die Kasse des Stifts von dem Unglücke des Brandes erholt hat, und die Erspahrungen eintreten, wegen deren die Marienkirche eingegangen ist: so werden ansehnliche Ausgaben auf die Verbesserung des Gymnasiums gewandt werden können, und deren bedarf es in der Tat sehr. Das ganze Land verdiente umgeschaffen zu werden. Die meisten Lehrerwohnungen sind zwar gut und anständig; aber die Klassen tragen das Gepräge ihrer uralten Erbauung. Das große Auditorium, worin feierliche Actus gehalten werden, ist ein ganz abgelegener Saal, der ein höchst finsteres Ansehen hat, ungeachtet man auf seine Verschönerung bedacht gewesen ist Es hängen darin die Bildnisse Friedrich Wilhelms I, Friedrichs II, des jetzigen Königs und des Grafen v. Herzberg, der ausdrücklich verlangt hat, daß man sein Bild zum Seitenstück eines recht schöben Porträts von seinem berühmten Landsmann Micrälius machen sollte, welches auch geschehen ist.

Die Anzahl der Zöglinge auf dem Gymnasio beläuft sich jetzt auf zweiunddreißig, im Convictorio sind etwa zwölf. Man sollte ungleich mehrere erwarten, wenn man bedenkt, daß die Anstalt immer berühmte Lehrer gehabt hat, und es ihr auch jetzt nicht daran fehlt. Aber die Vermehrung guter Schulen hat überall die Frequenz der wenigen vormals allein besuchten Anstalten verminderte und akademische Gymnasien nach dem alten Zuschnitte passen überhaupt nicht mehr recht in den jetzigen Gang der jugendlichen Bildung. Ein hauptsächliches Übel entspringt daraus, daß sich mehrere junge Leute zur Aufnahme melden, die noch nicht hinlänglich vorbereitet sind, um die Vorlesungen der Prosessoren zu benutzen. Abweisen will man sie nicht gern, zumal wenn in den Klassen noch leerer Raum ist; und doch fehlt es an Hilfsmitteln, dem Zöglingein dem Versäumten nachzuhelfen. Überdies läßt sich der Unterricht in den höheren Wissenschaften und in den Vorkenntnissen niemals wohl mit einander verbinden. Lehrer und Schüler, die sich zu den ersteren bestimmt glauben, empfinden so leicht an den letzteren einen Ekel, und der Jüngling, der in diesen noch zurück ist, kann sich nie mit Glück zu jenen empor schwingen. Dies alles ist auch bei dem hiesigen Gymnasium seit einiger Zeit erwogen worden. Man hat den Vortrag der eigentlichen Fakultäts-Wissenschaften ganz eingestellt und unter den Zöglingen eine Abteilung gemacht, so daß die, welche zu dem wissenschaftlichen Unterrichte noch nicht reif genug sind, zuvor in Vorbereitungskenntnissen gebildet werden können.

Von der Stadtschule oder dem sogenannten Lyceum habe ich leider nichts, als im Vorbeigehen, das Gebäude sehen können. Über dem kleinen offenen Vorsprunge, der die Tür verziert, steht auf einer Seite: Pax Intrantibus (Friede den Eingehenden) auf der andern: Salus exeuntibus (Heil den Ausgehenden.) Gleich unter diesen Inschriften sind so abscheuliche Fratzengesichter angebracht, daß man kaum für ihren Anblick durch jene frommen Wünsche entschädigt wird. Auch diese Anstalt hat in neueren Zeiten mancherlei Verbesserungen erfahren, und man verspricht sich mit großem Rechte von dem jetzigen Direktor derselben, Herrn Koch, einem Bruder meines Adjunctus, daß sie unter seiner Leitung in Kurzem einen größeren Flor erlangen werde.

Da ich eben von gelehrten Anstalten schreibe, muss ich noch nachholen, daß wir uns gestern auch in das Versammlungshaus einer Freimaurer-Loge führen ließen. Du wunderst Dich, daß ich von Gelehrsamkeit auf die Freimaurer komme? Diesmal ist aber der Zusammenhang sehr natürlich. Die Loge hat eine artige Bibliothek von historischen, schönen wissenschaftlichen, physikalischen, ökonomischen und literarischem Werken, zum Teil von ansehnlichem Werte gesammelt. Besonders schätzbar ist die Sammlung von Bibeln fast in allen Sprachen und in sehr alten Abdrücken. Außer den Büchern ist noch ein Cabinet von Naturalien und einigen physikalischen Instrumenten vorhanden. Unter den erstern bemerkte ich den Embryo eines Moren in Spiritus, und unter den letztern standen ein paar schöne Upsalische Globen und eine vom verstorbenen Professor Bischof verfertigte Sphaera artisicialis, welche durch ein Uhrwerk bewegt wird und mit vieler Genauigkeit und Sauberkeit gearbeitet ist. Ehedem gehörte das Haus der Loge eigentümlich, sie hat es aber jetzt unter der Bedingung verkauft, daß der Besitzer ihr das dritte Stockwerk auf immer gegen eine bestimmte Miete überlassen muss. Die ganze Einrichtung ist äußerst bequem und geschmackvoll.

Noch habe ich von gestern die Bibliothek des Hrn. Consistorialrats Brüggemann nachzuholen. Sie ist sehr zahlreich und wird vornehmlich durch englische Werke (mehr als 2000 Bände an der Zahl) im historischen, philosophischen, literarischen und andern Fächern, durch viele englische periodische Schriften und durch viele und vortreffliche Ausgaben der Klassiker wichtig. Schwerlich gibt es eine zweite Sammlung dieser Art in Deutschland. Insonderheit besitzt Herr Brüggemann eine sehr seltene Sammlung von englischen Ausgaben der klaffischen Schriftsteller, von welchen er eine vollständige Literatur herausgeben will 7).

Und nun bist Du wahrscheinlich müde noch länger von Bibliotheken und Kabinetten zu lesen. Ich gehe also zu Stubenöfen und Spaziergängen über. Die erste Rubrik wird bald abgefertigt sein. Sie betrifft nemlich den alten großen Ofen in der Amtswohnung des Hrn. Cons. Rats Brüggemann, auf dessen Kacheln die Bildnisse der Herzoge von Pommern recht gut in basrelief angebracht sind. Da man diesen Einfall vielleicht vor mehr als dreihundert Jahren gehabt hat: so wundert es mich in der Tat, daß die Kunst, die Öfen zu verschönern, noch bis jetzt nicht weiter gediehen ist. Von Spaziergängen habe ich etwas mehr zu erzählen. Herr Wackenroder und ich besuchten Hrn. Präsidenten v. Massow, der zu den Männern gehört, welche der Provinz in jedem Betrachte Ehre machen. Er war eben auf einem Sommeraufenthalte in Grabow, einem Dorfe, welches als Vorstadt von Stettin zu betrachten ist. Es schließt sich nämlich an die letzten Häuser der Unter-Wieke, einer wirklichen Vorstadt, fast unmittelbar an. Der Weg ist überaus angenehm, und wir fanden ihn überall voll Menschen, die dort spazierten, in Gärten und Lauben Bier oder Kaffee tranken, oder sich in den Häusern bei Musik lustig machten. In der Unter-Wieke und in Grabow sahn wir mehrere Schiffe im Entstehen: von einigen erst das bloße Geribbe, andere schon mit Planken bekleidet, noch andere im Begriffe vom Stapel zu laufen.




7) Er hat bereits eine Probe davon unter dem Titel: A View of the English Editions, Translations and Gommentaries of Marcus Tullius Gicero, with Remarks. Stettin : printed for the Editor. 1795. 8. 36 Seiten, drucken lassen, und ist seit der Zeit mit einem so glücklichen Erfolge bemüht gewesen, die schon besessenen Hilfsmittel zu vermehren, daß zu der bevorstehenden Leipziger Ostermesse das ganze Werk in zwei Octav-Bänden erscheinen wird.




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im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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