Abschnitt 2 - Schiffbauer-Lastadie, Lastadie, Velthusen, Speicher, Holzhandel, Amerikanischer Krieg, Landgüter im Mecklenburgischen.
Brief 3 – Stettin
Von dieser Fabrik gingen wir nach der Lastadie **) einer Vorstadt, jenseits der Oder, zu der man über die lange Brücke kommt. Die östliche Seite derselben heißt die Schiffbauer-Lastadie. Längst dem Ufer des Flusses sind fast lauter Speicher: tiefe Gebäude, die viele Böden übereinander haben, um für Kaufmannswaren als Niederlagen zu dienen. Hinter den meisten derselben sind kleine Gärten, die gewöhnlich neben ihrer Bestimmung zum Vergnügen auch auf einen oder den andern Erwerb berechnet sind. Unsere Absicht war diesmal, den Speicher des Herrn Velthusen zu besuchend Dieser tätige und unternehmende Mann, den wir leider nicht kennen gelernt haben, ist ein Vetter des bekannten Abtes Velthusen in Stade, und hat den Grund zu seinem jetzigen Reichtume durch den Holzhandel im Amerikanischen Kriege gelegt. Vor mehrern Jahren kaufte er Landgüter im Mecklenburgischen, und hat sie nun mit einem großen Vorteile wieder verkauft. So wohl in Wismar als hier hat er Zuckersiedereien, und in dem erwähnten Speicher eine Schnupftabaksmühle nach neuerer Einrichtung angelegt. Vier Pferde treiben, mittelst eines einfachen Göpels zwei große Mühlen steine um, welche den Tabak zerreiben. Ich äußerte, daß mich dünke, als wenn die Kraft bei dieser Maschiene viel zu wenig zu Rate gehalten würde, und erfuhr, daß Hr. Prof. Huth in Frankfurt bereits den Auftrag habe, diesem Übel abzuhelfen. In dem Garten, wo die Mühle steht, machte mir der An blick großer Glashäuser keine geringe Freude, weil ich entweder ausländische Gewächse oder schöne Früchte hinter denselben vermutete; aber diesmal war mehr für das Nützliche, als das Angenehme gesorgt. Hinter den Fenstern lagen in langen Reihen über einander lauter kleine Fässchen, und diese Glashäuser waren eine Essigsbrauerei.
Auf unserem Rückwege nach der Stadt sahn wir auf dem Stettinischen Schiffe: Floreat Commercium, das eben aus Russland mit Talg und Öl kam, das Einziehen der Segel. Du erinnerst Dich der herrlichen Beschreibung, die Forster in seinem Cook der Entdecker ***), davon macht, und im Grunde war es auch diese Beschreibung, die uns vor der Seele schwebte, wodurch dieser Anblick so sehr auf uns wirkte. Zwar flößt es an sich schon eine Art von Ehrfurcht für einen Menschen ein, zu sehen, wie er in einer schwindelnden Höhe mit seinen Füßen auf einem schwankenden Seile steht, und mit Zuversicht, als hätte er Laub unter sich, hin und her darauf geht; wie er sich über eine schaukelnde Stange hinbeugt, daß es in jedem Augenblicke scheint, als müsste der Oberleib unvermeidlich das Übergewicht bekommen und ein Sturz Kopfüber erfolgen; wie er mit herkuli scher Muskelkraft das flatternde Segel ergreift und zusammenfaltet, und bei dem allen nur ein gewöhn-liches Geschäft zu tun glaubt. Aber unser Gefühl bei diesem Anblick ward offenbar dadurch erhöht, daß wir uns zufolge der Försterischen Schilderung sagten: diese Männer würden eben das tun, wenn ein Sturm in die Segel brauste, wenn das Schiff von tobenden Wellen bald zu den Wolken erhoben, bald in den Abgrund gestürzt würde, wenn ihnen nicht Sonne und nicht Mond leuchtete, sondern sie sich bloß auf das Tasten ihrer harten Hände verlassen müßten. Einer der Matrosen bestieg auf unsere Bitte den Mastbaum auf der Strickleiter und erreichte die letzte Spitze desselben, wo auch kein Seil mehr seinen Füßen einen Ruhepunkt gab, mit großer Behendigkeit dadurch, daß er mit den Händen und Füßen die glatte Spitze umklammerte und wechselweise sich mit den Armen und Schenkeln höher hob ****).
Unter den hiesigen Weinkellern begnügten wir uns, drei der größten zu sehen. Zwei des Hrn. Sali nger, wovon der eine mehr als hundert und fünfzig Fuß lang, wie die Gänge im Wieliczkaer Salzwerke, nach verschiedenen Richtungen unter dem Hause fortgeht, und eine ungeheure Anzahl von Fässern, jedes zu zwanzig bis zweiundzwanzig und mehr Oxhoften, enthält. In dem andern sind nicht so viele, aber desto größere, zum Teil ovale Fässer. Das größte fasst hundertunddreiundsechszig Oxhoft. Es kostet ein paar tausend Taler, und doch ist Ersparnis dabei, weil es nicht so viel Raum einnimmt, als wenn der Wein in mehrere Gefäße verteilt wäre, und überdies beim Auffüllen größere Bequemlichkeit gewährt.Die Handlung, welche unter der Firma Vanselow und Compagnie bekannt ist, hat einen Keller, der unter einem Flügel des Schlosses fortgeht. Er ist in gerader Linie der größeste in Stettin. Hr. Wißmann, der jetzt die Vanselowsche Handlung dirigiert, hatte veranstaltet, daß wir beim Eintritt in dies lange Gewölbe durch die Erleuchtung desselben überrascht wurden. Diese Reihen von Lichtern in einem dunklen, einsamen, unterirdischen Gange erinnerten mich im ersten Augenblicke zu lebhaft an die erleuchteten Totengrüfte, mit denen ich unter meinen Begleitern am bekanntesten war, als daß ich den angenehmen Eindruck davon ganz rein hätte empfinden können. Allmählich ward indessen auch dies Gefühl durch die Vorstellung des Kreislaufs von Geschäften verdrängt, wodurch ein solcher Vorrat eines fremden Produkts hier an einem Orte zusammen gebracht und weiter in die fernsten Gegenden versendet wird. Von den Fässern enthält jedes zweiundzwanzig Oxhoft und zwei derselben enthalten jedes fünfzig.
Man handelt hier meistenteils mit Franzwein, und zwar vornehmlich mit mittleren und leichten Sorten, die am häufigsten gesucht werden. Mit alten Weinen werden wenige Geschäfte gemacht, und Rheinwein wird nur von etlichen Häusern verschrieben. Natürlich hat also der Französische Krieg auf die hiesige Weinhandlung einen sehr ungünstigen Einfluss gehabt. Es gibt zwar Keller, in denen noch ein Vorrat von vier bis fünftausend Oxhoften ist; aber in dem abgewichenen Jahre hat man doch den gewöhnlichen Ankauf nicht machen können. Jetzt ist zwar unser Handel mit Frankreich nicht mehr gesperrt, aber an die völlige Herstellung des alten Verkehrs ist nicht zu gedenken, so lange der zerrüttete Zustand des Reichs fortdauert, die inneren Gährungen den Erwerbfleiß hemmen, und der sinkende Credit der Assignaten einen so schwankenden Maßstab des Preises der Waren gibt. Und wenn dies alles auch mit der Zeit anders wird, so dürfen unsere Weintrinker doch nicht darauf rechnen, daß sie ihren Durst wieder so wohlfeil, als ehemals, werden löschen können. Viele Weinberge in Frankreich sind in Kornfelder umgeschaffen worden, weil die Regierung den Ackerbau auf alle Weise begünstigt hat, dagegen in manchen Gebenden sonst der Landbesitzer wider Willen Reben pflanzen musste, damit sein Boden der Schatzkammer einträglicher würde. Überdies hat der Französische Weinbauer, der sonst nur Wasser trank, während der Anarchie die Entdeckung gemacht, daß er nicht bloß Wein ernten, sondern auch trinken könne; und aller Wahrscheinlichkeit nach wird er dieser Entdeckung so viel Geschmack abgewinnen, daß er nur durch einen ausglichen Preis wird gereizt werden können, seinen gewohnten Genus den Fremden abzutreten. ? Wen diese Aussicht beunruhigt, dem wollte ich raten, seine Betrachtungen darüber, wie wir es taten, in einem großen Weinkeller anzustellen, wo uns der Geruch alle Gedanken ans Trinken verekelte.
Einen froheren Genus gewährte uns die Pommerische Münzsammlung des Hrn. Kaufmanns Flecke Mit außerordentlicher Betriebsamkeit hat dieser tätige, geschmack- und kenntnisvolle Mann eine Reihe von Münzen zusammen gebracht, die für den Forscher der Pommerischen Geschichte und für den Liebhaber der Künste gleich interessant ist. Sie nehmen zwölf Schubkästchen ein, und Hr. Fleck hat ein schätzbares räsonnierendes Verzeichnis davon angefertigt. Unter denen, die auch Dir wegen ihrer Schönheit, oder ihrer sinnreichen Erfindungen und Inschriften Vergnügen gemacht haben würden, will ich nur folgende anführen. Eine auf die Reformation geschlagene silberne Jubelmünze (ein Loth schwer) Auf der Hauptseite reißt Simson dem Löwen den Rachen auf. Die Umschrift heißt: Obthuravit os leonis 1517. (Er hat den Rachen des Löwen verschlossen.) Auf der Kehrseite steht: In memoriam Jubilei Evangelici A. MDCXVII celebrati Philippus II Dux Pom. FF. ( Zum Andenken des im Jahr 1617 gefeierten evangelischen Jubiläums vom Herzog von Pommern Philipp II. Madai 1422. Schlegels B. e. 12. p. 23.) Die Anspielung mit dem Löwen (lat. Leo) auf den Pabst Leo X, dem Luther das Maul stopfte, ist nicht übel. Aber freilich wäre sie schöner, wenn die Inschrift sich auf Simson bezöge; anstatt daß die Worte aus Dan. 6, 22. zu dem Sinnbilde gar nicht passen.
**) Lastadie heißen an der Ostsee, Örter, wo Schiffe aus- und eingeladen werden, oder Ballast ausladen, oder Zoll bezahlen. In Koppenhagen, Riga u. a. O. heißt das Ufer Lastadie. Es kommt aus dem mittleren Latein von Lastadium und Lastagium, welches Ballast und Abgaben von Kaufmannswaren bedeutet.
***) Geschichte der Seereisen, 4ter Band, Berlin 1778.
****) Leser, denen die Beschäftigungen der Matrosen, und was ich in der Folge noch von der Schifffahrt beschreiben werde, alltägliche Dinge sind, werden hoffentlich meinen Schilderungen den kleinen Raum, welchen sie einnehmen, um derentwillen gönnen, die sich freuen, durch ein Bild in der Phantasie, den wirklichen Anblick einigermaßen ersten zu können.
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im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
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August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.Impressum
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