Abschnitt 1 - Prof. Klaproth, Nassenheide, Graf von Lepel, Hofapotheker Meyer, Mineralien, Kräutersammlung, Wasserfahrt nach Frauendorf.
Brief 3 – Stettin
Stettin, den 24 Jul. 1795.
Gestern ist Hr. Prof. Klaproth mit seinem Sohne hier angekommen. Er hat sich um einen Tag länger in Nassenheide beim Hrn. Gr. v. Lepel aufgehalten, als er es bei seiner Abreise von Berlin versprach. Aber ich kann es ihm nicht verdenken; denn der Graf hat seinen drittehalbjährigen Aufenthalt in Italien benutzt, eine Menge von sehenswürdigen Sachen zu sammeln, an denen sich Freund Klaproth sehr ergötzt hat. *) Der Graf selbst hat ihn hierher begleitet, und erhöhte das Vergnügen unserer Unterhaltung bei bei Hrn. Hofapotheker Meyer durch seine Erzählung von den Schätzen Italiens, und durch eine Menge von Anekdoten über die dortigen Gelehrten und Künstler.
Hr. Hofapotheker Meyer besitzt eine sehr sehenswerte Sammlung von Mineralien und von Kräutern. Sie ordentlich zu besehen würden mehrere Tage erfordert werden. Wir begnügten uns also, wie es Reisenden ziemt, einen flüchtigen Blick auf das Ganze zu werfen, und uns die merkwürdigsten einzelnen Stücke zeigen zu lassen. In seinem Garten zieht Hr. M. einige seltene Pflanzen, und neben demselben hat er eine Anstalt, wo er mineralische Wasser in großen Quantitäten nachmacht. Es ist doch ein großes Vergnügen, einen Mann zu sehen, der für jede Art von Kenntnissen Sinn hat, eine solche Mannigfaltigkeit von Gegenständen umfasst, und die Kunst versteht, neben seinen eigentlichen Berufsgeschäften noch Zeit zu finden, um in solchen Fächern etwas zu leisten, denen sich tausend andere ganz widmen, ohne sich mit gleichem Glücke darin hervor zu tun.
Nachmittag machten wir eine Wasserfahrt nach Frauendorf, eine starke halbe Meile von der Stadt. Dies Dorf wird von den Stettinern ohngefähr so besucht, wie unsere Landsleute Charlottenburg besuchen, und es verdient diese Vorliebe ganz. Der Weg dort hin gewährt einen unterhaltenden Anblick. Am linken Ufer sind gleich an die Vorstadt (die Niederwieke genannt) ein paar Dörfer gereiht. Man sieht überall Schiffe, hier in ihrem Entstehen auf dem Stapel, dort vor Anker am Ufer, dort mitten auf dem Strohm in vollem Segeln. Unsere schnelle Fahrt die Oder hinab machte, daß diese wechselnden Bilder, wie in der Zauberlaterne vor uns vorüber zogen, und mit jedem Ruderschlage veränderte sich die Ansicht Unsere Matrosen freuten sich, daß sie eine Gelegenheit fanden, die Kenntnisse, worin sie uns überlegen waren, an den Mann zu bringen, und erklärten uns die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten der Schiffe, den Briggen, Galiassen, Galiotten, Schnaken etc. so kunstmäßig, daß wir mehrenteils die Hälfte ihres Vortrags, die wir verstanden hatten, über die andere Hälfte, die wir nicht verstanden, vergaßen.
Frauendorf hat am Ufer der Oder eine ergötzende Lage: buschigte Gänge am Abhange der Berge, Hütten, die hinter Hügeln versteckt sind, Anhöhen, von denen man weit umher sieht usw. Der schönste Standpunkt ist bei dem Wirtshause auf einer geebneten Bergspitze, die hoch über ihre Nachbarn empor ragt, und nach der Oder hin vorspringt. Vor sich hat man diesen Fluss, eine große Wiesenfläche, den Dammischen See, den man über eine Meile weit verfolgen kann, dann die Stadt Damm mit ihrem Turm, hinter derselben noch eine Ebene, die endlich mit Wald und Bergen begrenzt ist. Links von Damm sieht man eine hohe Kirche und einen Turm von Stargardt. Nordöstlich liegt Gollnow, das uns viel Kopfbrechens machte, weil die, welche das Stadtchen kannten, sich's schlechterdings nicht erklären können, wie es auf einmal zu zwei Türmen, einem großen und einem ungleich kleinern käme. Gegen Abend zieht sich eine Reihe von Anhöhen fort, und südlich gen Westen liegt Stettin. ? Der Berg selbst, auf dem man sich befindet, ist am Abhange schön bewachsen. Alles ist lachend umher! Leider war unser Genuss von keiner langen Dauer. Der Himmel hüllte sich plötzlich in düstre Wolken, und in weniger als einer halben Stunde war die ganze Landschaft, wie mit einen dicken Schleier bedeckt. Da es schlechterdings kein Mittel gab, auf dem Rückwege dem Nasswerden zu entgehen: so gingen wir unverdrossen unserm Schicksal entgegen und kamen zu Abend in Stettin an, als wären wir, mit Yoriks Perückenmacher zu reden, in einen Ocean getaucht gewesen. Freund B** versicherte uns indessen, daß dies nicht immer das Ende der Wasserfahrten nach Frauendorf sei. ?
Den gestrigen und heutigen Vormittag haben wir mit dem Besehen einiger Fabriken, einiger Weinkeller, einer einer Münzsammlung, und der Pommerischen Bibliothek im Landschaftshause zugebracht.
Die Salingersche Tabaksfabrik ist eine der ältesten in Stettin, und wird auch immer noch nach der alten Art fortgeführt. Der Schnupftabak wird teils durch eine Stampfmühle, welche vier Menschen durch Umdrehung zweier Räder in Bewegung setzen, gestampft, teils auf vierunddreißig neben einander liegenden Sägen zerrieben. Das Ziehen der Karotten, das Spinnen des Presstabaks, den vorzüglich die Matrosen kaufen, und alle übrigen Handarbeiten geschehen, wie in den gewöhnlichen Fabriken. Ungemein vergnügte uns indessen das Einpapieren der schlechtern Sorten des Rauchtabaks. Zwei Knaben und ein Mann verrichten das Abwägen des Tabaks, das Falten des Papiers um das Ende eines viereckigten Trichters, das Einfüllen durch diesen Trichter und das Zusiegeln des fertigen Päckchens mit einer solchen Geschwindigkeit, daß keinen Augenblick die Bewegung unterbrochen wird, daß man beim Zusehen immer besorgt ist, der erste werde dem zweiten und dieser dem dritten zu viel in die Hände arbeiten, und daß es das Ansehen gewinnt, als gingen alle drei darauf aus, es in der Eile einander zuvor zu tun. So sehr ich weis, wie viel die Gewohnheit beim Menschen vermag, so begreife ich doch kaum, wie die Muskeln im Stande sind, eine solche schnelle Bewegung, die an Leidenschaft grenzt, mehrere Stunden hintereinander auszuhalten. Wenigstens kenne ich unter allen Handarbeiten kein zweites Beispiel davon.
Die Fabrik beschäftigt einhundertundfünfzig Menschen. Eine Menge von Kinder, erhalten dabei Arbeit; sogar Knaben von sieben Jahren drehen ein Rad und verdienen zwölf bis sechszehn Groschen die Woche. Ich konnte mich indessen nicht enthalten, die armen Geschöpfe zu bedauern; denn unmöglich kann dieser Staub und diese Ausdünstung, die mich ? einen Tabaksschnupfer ? betäubte, der Brust und den Augen zuträglich sein. ? Wie sonderbar ist doch der Zusammenhang der Dinge in der Welt! Weil es Menschen eingefallen ist, den Rauch eines Krautes in den Mund und den Staub desselben in die Nase zu ziehn, müssen Tausende ihre Gesundheit Preis geben, und tun es gern um sich zu nähren, so lange sie essen können.
*) Je seltener Nachrichten von den Schätzen, die ein einzelner Landsitz enthält, ins Publikum kommen, und je angenehmer es nicht nur für manchen Reisenden, sondern auch für viele Bewohner der Nachbarschaft ist, davon unterrichtet zu sein, desto eher hoffe ich die Verzeihung meiner Leser, daß ich folgende Nachricht beifüge. Zu den vorzüglichsten Kunstsachen, die der Hr. Graf auf seinen Reisen gesammelt hat, gehören ein ausnehmend schönes Gemälde von Angelica Kaufmann in Rom: Agrippina, mit der Urne ihres Gemahls, des Germanikus. Statuen von Bronze, z.E.Mercur, auf einem, von mehreren Marmorarten zusammen gesetzten, Piedestal. Fortuna, auf einem Fußgestell von Porphyr.Viele Gipsabgüsse, z E. ein kolossalischer Kopf des Jupiters, ein
kolossalischer Kopf der Juno, aus der Villa Ludovist, den Winkelmann für den schönsten unter den vorhandenen erklärt. (Gesch. der K. Wiener Ausg. S. 302.)
Ein Bas relief des Antinous in der Villa Albani. (Winkelm. S. 842)
Ein Kopf des Apollo (in Villa Giustiniani). Der Florentinische Apollo. Ein Altar mit Amorinos. Eine sitzende Agrippina, usw. Der vielen Gipsabgüsse und Statuen von neuern Künstlern nicht zu gedenken.
Von Marmor und Alabaster sind: eine kleine Kolumne von Verdantique, ein Sphinx von schwarzem Marmor, zwei Leuchter von Porzellan in Form einer Isis. Ein Obelisk von weißem Marmor, desgleichen vier Vasen, eine kleine Büste des Mark-Aurel, ein Medusenkopf und drei Grazien von Alabaster etc.
Eine große Sammlung von Kupferstichen von der Hand der besten italienischen, englischen und französischen Meister nach Raphae; Caravaggio; Giulio Romano; Poussin; Rubens; Ludwig, August und Annibal Caracci; Guido Reni; Titian; Correggio; Tintoretto; Domenichino; van Dyk; Hackert; Reynolds; West; Angelika Kaufmann; C. le Brun; Cipriani usw.
Vornehmlich eine sehr ansehnliche und auserlesene Sammlung von Schriften über Altertümer und Kunstwerke mit Kupfern, z. E. die schönen Werke von Piranesi, die Beschreibungen des Florentinischen, Capitolinischen, Elementinischen Museums; die kostbarsten und schönsten Beschreibungen und Abbildungen alter griechischer und Römischer Statuen, Gefäße, geschnittener Steine und anderer Kunstwerke, in lateinischer, italienischer, französischer und englischer Sprache; Hamiltons Campi Phlegräi etc.
Verschiedene schöne Ausgaben von klassischen Schriftstellern etc.
Hierzu kommt noch ein Mineralien - Kabinett, welches sich insonderheit durch eine sehr vollständige und schöne Sammlung von Vesuvianis auszeichnet.
Sie sind im Kapitel Abschnitt 1 - Prof. Klaproth, Nassenheide, Graf von Lepel, Hofapotheker Meyer, Mineralien, Kräutersammlung, Wasserfahrt nach Frauendorf.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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Willibald Alexis (1798-1871): Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815. Erscheinungsjahr: 1815.
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