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Kurt Faber Eine Abenteuergeschichte von Kurt Faber: Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Erscheinungsjahr: 1930
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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Abschnitt 3 - Klosterkirche, Zeughaus, Zisterzienser Nonnen, Rüstungen, Harnische, Säbel, Kanonen.

Brief 2 – Stettin


Von dieser in einen Begräbnisplatz verwandelten Kirche gingen wir zu einer andern, die aus einer Klosterkirche ein Zeughaus geworden ist. Sie war lange, seitdem die Zisterzienser Nonnen aufgehört hatten, ihr Wesen darin zu treiben, unbenutzt geblieben, bis Friedrich Wilhelm I. sie zu ihrer jetzigen Bestimmung einrichten ließ. Einige alte Rüstungen, Harnische, Fahnen und Säbel können nur dem Merkwürdigsein, der sie nicht besser gesehen hat, und die Kanonen, wie alle neueren Mordgewehre, hatten vollends kein Interesse für uns. Eine eigene Empfindung erregten indessen die Sensen, die auf eine plumpe Art zu Waffen zum Stechen und Hauen eingerichtet waren. Je reizender mir immer der Zug von den Segnungen des Friedens gewesen ist:

Statt des blut'gen Schwerdtes glänzen
In der Hand die Sicheln nun;

ein desto abscheulicheres Bild drängte sich mir von einem Kriege auf, wo die Sichel von der Hand des Landmanns als ein Mordgewehr geführt wird. Einigermaßen ward ich beim Hinausgehe aus diesem sogenannten alten Zeughause für diese unangenehme Empfindung und für meinen Zeitverlust durch ein. Denkmahl aufwendig an der Mauer entschädigt. Es ist an sich von gar keiner Bedeutung: ein großer Sandstein, auf welchem Herzog Barnim IV in seinem Ritteranzuge abgebildet steht, und neben sich einen Helm auf seinem Wappen ruhen hat. Aber die Inschrift freute mich wegen ihrer Treuherzigkeit; und ihr Schluss könnte noch heut zu Tage denen Grabschriftmachern zum Muster dienen, die mit kanzelleimäßiger Höflichkeit die Titulaturschleppe ihrer lobgepriesenen Helden nicht genug verlängern können. Sie heißt nach heutiger Orthographie folgendergestalt: Barnim seines Namens der IV. Herzog Otten Sohn zu Stettin, Pommern der Cassuben und Wenden Herzog, ein sehr löblicher, guter, glückseliger Fried- und Kriegsfürst, der sein Geschlecht und Herzogtum mit fürstlicher Mannheit zu den alten fürstlichen Freiheiten wiederum bracht, großen Krieg zu Ende geführt, Lob und langen Frieden auf seine Nachkommen vererbet, diese und andere Kirchen gestiftet und erbauet, seiner Tugend und Gnade halben mit dem Zunamen groß und gütig genannt, im Jahr 1368 verstorben und alhier begraben. Barnim 10 des alten Herzogs Bugslafs Sohn hat diesen Gedächtnisstein obgedachten seinem Vettern Barnim dem guten und großen in dieser Kapelle setzen lassen 1543 am 10. Juli. Nebenher kann diese Inschrift zu einem Beweise dienen, mit welcher Vorsicht alte Denkmäler als Urkunden für die Geschichte zu gebrauchen sind. Wer würde nicht, wenn er diesen Grabstein sähe, mit Zuversicht behaupten, daß Barnim IV diese Kirche gestiftet habe. Und doch wäre es ein Irrtum; denn dieser Stein ist unter den Trümmern der alten Oderburg gefunden und von dort hierher gebracht worden.

Auf dem Hofe des Zeughauses liegen etliche und siebenzig Kanonen, die im letztern Kriege den Franzosen bei verschiedenen Gelegenheiten sind abgenommen worden. Jede hat ihren eigenen Namen, der als eine Inschrift daraufgegossen ist. Z. E. La Gourmande, le Grondeur, l'Indevot, la Corneille, usw. Wahrscheinlich sind sie bestimmt, als ein stetes Denkmahl dieses Kriegs aufbewahrt zu werden. Denn da sie nicht von dem Caliber der unsrigen sind; so müssten sie umgegossen werden, und in Stettin ist keine Stückgießerei.

Zu den Merkwürdigkeiten Stettins gehört auch das Seeglerhaus, wegen seines Alters und seiner Bestimmung. Diese letztere ist vornehmlich, der Kaufmannschaft und den Alterleuten sowohl von dieser, als von den neun Hauptgewerken, samt dem Seegericht, zum Versammlungsorte zu dienen. An und in dem Gebäude selbst ist wenig zu sehen. In dem Hauptsaale des zweiten Stockwerks hängen verschiedene Schildereien die von geringem Werte sind. Am meisten interessierte uns eine Abbildung der Stadt Stettin, wie sie sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts von der See-Seite her ausgenommen hat. Man sieht noch die hohen Türme von Marien und Jacobi, deren Spitzen nachmals bei Belagerungen der Stadt sind abgeschossen worden, und gegen Osten erhebt sich noch die, jetzt zerstörte, Oderburg. Dieses Bild ist 1659 auf Kosten der Stadt gemacht worden. An der Decke sind einundzwanzig Brustbilder von Pommerischen Herzogen ****) en medaillon gemalt, in eben so vielen Feldern, worin der Plasond abgeteilt ist. Die Mühe, mit übergebogenem Nacken zu diesen Herrschaften hinauf zu sehen, wird nichtgelohnt, denn es sind höchst mittelmäßige Pinsel gewesen, die sich durch diese Contrefaits verewigt haben. Nur ein einziger hat sich unter seinen Collegen so hervor getan, daß das Auge auf seiner Arbeit mit einigen Wohlbehagen ruhten kann. Der Schauspielsaal, welchen eine Gesellschaft von Kaufleuten, in eben diesem Seglerhause, hat aufführen lassen, ist ganz artig, und da das Parterre so hoch kann aufgeschroben werden, daß es mit dem Theater gleich kommt, so wird es zugleich als ein großer Tanzsaal benutzt. Von Zeit zu Zeit besteigt hier Karl Döbbelin mit seiner Truppe die Bühne. Eben jetzt hatte Hr. Pagés (der sich sonst als Peintre sans couleurs der Welt ankündigte, und seine gepappten Vorstellungen, wie er in den Zeitungen versicherte, keineswegs aus Liebe zum Gewinn, sondern bloß zur Aufnahme der Kunst ohne Farben zu malen, sehen ließ) achtundvierzig Wachs-Figuren aufgestellt, die sich gewiss, wenn sie auf einmal belebt werden könnten, gewaltig wundern würden, welche Zauberei sie in eine Gesellschaft zusammen gebracht hätte. Wahrscheinlich würden indessen nur wenige sich in diesen Bildern selbst wieder erkennen, und wahrscheinlich macht Hr. Pages mit allen achtundvierzigen nicht so viel Glück, als mit Friederich II., den er bald nach dessen Tode in einer Kleidung, die der Stolz seines Jahrhunderts selbst getragen hatte, in halb Europa zur Schau ausstellte.

Von Gemälden und Wachsfiguren gingen wir zu Denkmünzen über. Wir sahen nämlich die goldenen Medaillen, welche die Kaiserin von Russland dem Stettinischen Magistrate geschenkt hat. Du weißt, daß sie in Stettin geboren ist; und zum Beweise, daß sie sich jedes mal an ihrem Geburtstage ihrer Vaterstadt erinnert, pflegt sie an demselben die Schaumünzen zu übersenden, die sie im zurückgelegten Jahre hat schlagen lassen. Sie werden auf dem Rathause in einem sauberen Kästchen aufbewahrt. Es sind ihrer dreiundzwanzig, und ihr innerer Wert soll etwa 4.000 Rthlr. betragen. Fast auf jeder Rückseite steht ihr Bildnis, in welchem man sogleich mit dem ersten Blicke die Selbstherrscherin erkennt. Nur wenige werden den Namen des Stempelschneiders mit Ruhm auf die Nachwelt bringen. Die Errungen sind selten sinnreich, und unter den Gelegenheiten, worauf sie geschlagen wurden, sind auch die meisten von der Art, daß ein eigentlich schöpferisches Genie erfordert wurde, um sie für ein Kunstwerk zu benutzen. Eine der schönsten ist auf die Geburt des Großfürsten Constantin geprägt. Auf der Kehrseite hält eine weibliche Figur ein Kind im Arm, ihr zur Linken steht die Hoffnung mit ihrem Anker, zur Rechten die Religion mit dem Kreuze. Alle drei richten den Blick zu den glänzenden Wolken hinauf. Seitwärts segeln einige Schiffe auf dem Meere, über dessen Horizont eben ein Stern aufgeht. ? Möge der Künstler ein eben so guter Prophet gewesen sein, als er ein guter Poet gewesen ist! ? Viele der übrigen sind so simpel, daß man sie deuten kann, wie man will. Vielleicht wären sie uns indessen interessanter gewesen, wenn wir die Russischen Inschriften verstanden hätten. So muss man seine Unwissenheit doch überall büßen! Oder sollte man wenigstens den studierten Leuten aller Länder den Verdruss über ihre Unwissenheit bei den Denkmünzen durch lateinische Inschriften erspahren? In dem Bilde des Feldmarschalls Suwarof, dem zu Ehren gleichfalls eine Denkmünze geschlagen ist, konnten wir indessen den Charakter des Mannes, so wie seine Geschichte ihn malt, hinlänglich lesen, ohne Russisch zu verstehn.

Da diese Sammlung uns so lebhaft daran erinnerte, daß Catharina II. hier zu leben anfing, so nahmen wir mit desto größerem Vergnügen eine Einladung in eine Ressource an, die unter ihre Versammlungszimmer auch dasjenige zählt, in welchem die Kaiserin ist geboren worden; unsere Zeit war indessen zu beschränkt, um die angenehme Gesellschaft, die wir dort fanden, zu genießen. Wenn ich nicht irre, sagte man uns, daß noch sechs andre Ressourcen hie r sind.




****) Ein Verzeichnis derselben steht in Oelrichs gepriesenem Andenken der Pommerschen Herzoge etc. S. 106

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