Abschnitt 1 - Brüggemann, Wutrstrack, Topographie, Pommern, Jakobiturm, Marienkirche, Festungswerk.
Brief 2 – Stettin
Stettin, den 23. Juli 1795
Da Du Brüggemanns und allenfalls auch Wutstracks Topographien von Pommern ohnehin bei diesem Briefe zur Hand haben wirst: so übergehe ich alles, was Du in diesen lesen kannst; zumal da ich Dir von hier so viel zuschreiben habe, daß ich nicht weis, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll.
Wir sahn Stettin, da wir noch über eine Meile davon entfernt waren, oder vielmehr dort erblickten wir zuerst den Jacobiturm, und allmälig stieg dann die Stadt über den Horizont empor. Sehr viel hat der Anblick durch die Einäscherung der Marienkirche, wovon ich Dir ein andermal umständlicher schreiben werde, verloren. Sie stand auf der höchsten Anhöhe der Stadt, und ragte mit ihrem schönen, 344 Fuß hohen Turme, majestätisch über alle andere Gebäude hervor. Doch auch jetzt noch hat die Ansicht der Stadt ihre Reize. Die Häuser umlagern und krönen in einem bunten Gemische, wogegen die regelmäßigen Festungswerke sehr gut abstechen, von unten hinauf einen Berg, und ungeachtet die meisten Türme abgestumpft und mit geschmacklosen Spitzen geziert sind: so gewähren sie doch in der Ferne einen malerischen Anblick, der durch die schönen Alleen vor den Toren und auf dem Walle sehr verschönert wird.
Im Ganzen kann man Stettin keinen schön gebauten Ort nennen. Einzelne Häuser sind im besten Geschmack angelegt. Viele Straßen sind breit und gerade, und ein paar Plätze machen einen angenehmen Eindruck. Aber mehrere Straßen sind schmal und krumm, in manchen stehen fast lauter schlechte Gebäude, und in einigen Gegenden hat man sich sogar genötigt gesehen, quer über die Straße, zwischen die obern Stockwerke der Häuser, einen Bogen zu wölben, damit sich die Giebel nicht allzu vertraut gegen einander neigen. Selbst in den schöneren Straßen sieht man noch Giebelhäuser, und wenn sie gleich so verziert sind, daß sie sich oberwärts nicht, wie weiland unsere Grenadiere, in eine, das Auge beleidigende Spitze verlieren, so stechen sie doch gegen die Gebäude im neueren Geschmack auf eine unangenehme Art ab. Ich weiß sehr wohl, daß man bei manchen Häusern diese Bauart beibehält, um durch eine desto ansehnlichere Tiefe mehr Raum zu gewinnen. Aber dann könnte man doch, wie z. B. in Lübeck, auch dafür sorgen, den großen Hausstüren ein besseres Ansehen zu geben, und überhaupt in der inneren Einteilung der Gebäude von der hergebrachten Gewohnheit abzugehen. Die größte Unannehmlichkeit ist die Finsternis der hinten hinaus gelegenen Zimmer, und der Mangel an geräumigen Höfen, woran die hohen und enge zusammengebauten Seiten- und Hintergebäude Schuld sind; ein Übel, dem nun nicht mehr abzuhelfen ist! Mich hat, beim Eintritt in einige so dunkle Zimmer, eine wahre Beklemmung überfallen, und bei einem längeren Aufenthalte in denselben würde ich gebeten haben, die Fensterladen zumachen und Licht anzünden zu lassen. Den übelsten Eindruck machen die Straßen, welche bergan gehen. Man steigt nicht nur mit Beschwerde auf und ab, sondern die Häuser bekommen auch durch die Schiefe ihrer Grundfläche ein so widriges Ansehen, daß alle Hilfsmittel der Kunst, das Auge zu täuschen, vergeblich sind. Am meisten ist dies der mit dem sogenannten alten Peterberge, der so steil hinangeht, daß der Abhang von einer Querstraße zur andern gerade so viel beträgt, als eine Windeltreppe von 21 Stufen, auf der man von dem Schweizerhofe in die Fuhrstraße (vielleicht Vorstraße) kommt.
Die schönste Gegend der Stadt ist der große und freie weiße *) Paradeplatz, wo die Statue Friedrichs II. errichtet ist. Auf der einen Seite umschließen denselben ansehnliche, zum Teil schön gebaute Häuser, und gegenüber erhebt sich der Wall.
Diese Stelle hätte Friedrichs Denkmahl einnehmen müssen, wenn auch nicht der zufällige Vorteil hinzugekommen wäre, daß es nun gerade auf die Mühlenstraße steht, wo die Post ist, und also jeder Fremde, der mit der Post kommt, sich sogleich daran ergötzen kann. Von der Statue selbst, die dem Meißel unseres trefflichen Schadow so viele Ehre macht, sage ich Dir nichts, weil Du sie in Berlin gesehen hast. Ich bemerke nur, daß sie sich auf diesem Platze vortrefflich ausnimmt. Man sieht von der Mühlenstraße her die ganze Figur von vorn. Das Gesicht ist nach dem größten Teile der Stadt zu gerichtet, wo eigentlich die Seele des Orts, die Handlung, ihren Sitz hat. Der Glanz des weißen karrarischen Marmors wird durch den grünen Wall und die hintenstehenden Linden vortrefflich gehoben, und der Maßstab des Ganzen steht mit der Größe des Platzes in einem sehr guten Verhältnisse.
Ich wünsche daher herzlich, daß dieses schöne Kunstwerk recht lange möge wohlbehalten bleiben. Aber es ist wenig Anschein dazu. Der karrarische Marmor widersteht zu wenig einem Klima, das, in Vergleichung mit der milden Luft, die seine Geburtsstätte umweht, so sehr unfreundlich ist; und wenn wir Deutschen in keiner Tugend von den Italienern übertroffen werden, so übertreffen sie uns in der Ehrfurcht für öffentliche Denkmähler. Trotz der Schildwache, die bei diesem hier steht, haben schon in der kurzen Zeit, seit seiner Aufstellung, frevelhafte Hände das eiserne Gitter, womit es eingefasst ist, einiger Zierraten beraubt.
*) Er heißt der weiße im Gegensatz gegen einen mehr mit Gras bewachsenen, welcher der grüne genannt wird.
Sie sind im Kapitel Abschnitt 1 - Brüggemann, Wutrstrack, Topographie, Pommern, Jakobiturm, Marienkirche, Festungswerk.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
Blättern sie zum nächsten Kapitel Abschnitt 2 - Spaziergang, Standpunkt, hohe Batterie, Oder, Greyffenhagen, Damm, Dammische See, Ober-Wiecke.
oder wechseln sie zur vorherigen Seite Abschnitt 2 - Zehdenick, Freiherr von Hertefeld, Liebenberg, Templin, Hasleben, Auferweckung des Lazarus, Löcknitz, 1795, Morgenschlummer.
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Die deutsche Historikerin Gertrude Aretz befasste sich insbesondere mit Lebensläufen berühmter historischer Persönlichkeiten. 1940 erschien posthum Berühmte Frauen der Weltgeschichte.
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