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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Herthadienst.



Brief 13 – Spiker


Da man glaubte, daß Tacitus die Ostsee niemals den Ocean nenne, welches aber falsch ist; denn er gibt ihr offenbar diesen Namen, wenn er von den Rugiern und Lemoviern, auch von den Nordischen Reichen redet: so hat man sich auch in der Nordsee nach einer Insel umgesehn, wohin man den Herthadienst verlegen könnte.

Man fiel auf Helgoland 11), wohin sonst auch ein Tempel der Fosia oder Phoseta gesetzt, oder höchst wahrscheinlich bloß gefabelt wird. Aber Helgoland liegt vielen weit von der Gebend entfernt, wo die sieben genannten Völkerstämme möglicherweise gewohnt haben können, und es ist schlechterdings kein andrer Grund bei der Stelle des Tacitus an diese Insel zu denken, als daß sie im Ocean liegt. Als ich vor zwei Jahren auf Helgoland war, habe ich diese Insel, (die übrigens interessant genug ist, um einer aufgebürdeten antiquarischen Merkwürdigkeit entbehren zu können), genau darauf angesehen, ob vielleicht irgend ein Ort auf derselben die Vermutung des ehrlichen Pontanus und seiner Nachfolger begünstigen könne; und ich muss gestehen, daß ich nicht begreife, wie jemand, der dort gewesen wäre, einen solchen Einfall hätte haben können. Die sogenannten Sapskuhlen, d. i. Gruben, die man gemacht hat, um das Regenwasser darin aufzufangen, würden armselige Teiche zum Baden einer Göttin sein; und dort wäre sie anstatt verborgen zu bleiben, vielmehr den Blicken der ganzen Insel ausgesetzt gewesen. An einen Hain ist auf Helgoland vollends nicht zu denken; denn wenn man die paar kleinen Obstbäumchen nicht rechnet, die ein Prediger vor kurzem in seinen Garten gepflanzt hat, so gibt es anf der ganzen Insel nur einen einzigen Baum, und noch dazu einen Maulbeerbaum, der weder einen Hain vorstellen kann, noch ein Alter hat, das bis an die Zeiten des Tacitus reichte. Freilich kann die Insel in jenem Zeitalter eine ganz andere Gestalt gehabt haben; wenigstens ist sie gewiss ungleich größer gewesen als jetzt, aber welche Beweise gibt es dafür, daß damals die Erzählung des Römers auf sie passen konnte? Und daß nie ein Wald daraufgestanden habe, läßt sich mit großer Zuverlässigkeit wegen der heftigen Stürme behaupten, die auf dieser Höhe im offenen Meere schwerlich jemals einen keuschen Hain werden aufkommen lassen, und vermutlich um die Zeit der Geburt Christi nicht glimpflicher wehten, als jetzt!

Freilich auch die Bäume der Stubnitz sind nicht so alt, daß Tacitus von ihnen reden könnte, und wenn der gute Schwarz sagt:,,wie alt dieses Werk (de r Burgwall) sei, das stehet daraus zu erkennen, daß die größten Bäume darauf stehen, und die gegenwärtigen doch noch nicht einmal die ersten sein müssen, die darauf erzeugt worden sind, weil sichs an einigen befindet, daß sie nur neben den noch älteren Stämmen, der, wer weis wie lange schon gefällten, und teils auch aus ihren Wurzeln hervor gegangen“: so scheint er sich nicht erinnert zu haben, daß Buchen, wie diese, keine 200 Jahr alt sind, und daß ein paar Generationen solcher Bäume, wenn nicht etwa von sehr starken Eichen die Rede ist, wenig in Anschlag kommen, wo es achtzehn Jahrhunderte gilt. Indessen das tut wenig zur Sache! Genug hier ist ein Wald, und der höchsten Wahrscheinlichkeit nach ist immer hier einer gewesen, und der Wall und der See haben, wie ich gleich Anfangs erwähnte, durchaus das Ansehn uralter Heiligtümer; ja, wenn es irgend einen Ort gibt, auf den die Beschreibung des alten römischen Geschichtschreibers gedeutet werden kann; so ist es dieser auf Jasmund.

Ich könnte mich noch auf mehrere Sagen berufen, die sich unter dem hiesigen Landvolke erhalten haben.,,De Herthe gifft Gras, un füllt Schünen un Faß“ soll ein Sprichwort sein, das sonst noch wol ist gehört worden; und Micrälius erzählt als ob es sein Ernst wäre:,,da vor Zeiten sich etliche unterstanden, mit einem Kahn auf den Burgsee zu fahren, haben sie denselben des folgenden Tags auf einem Buchbaume suchen müssen, da ihn ein Geist des Nachts hinauf gebracht, und haben auch noch daneben des Teufels Gespött mit deutlichen Worten hören müssen, da er gesaget: Er und sein Bruder Nickel hätten solches gethan. ? Wird vermutlich der Ort seyn, an welchem der Teufel unter der Erd-Mutter Götzenbild ist verehret worden, und dessentwegen sich noch so viele hundertJahre hernach über denselben eine Gerechtigkeit zuschreibet.“ Und bis auf den heutigen Tag erzählen Leute, die nie ein Wort vom Tacitus gehört haben, alles was er in der angeführten Stelle sagt, als eine weltkundige Sache, deren Andenken sich hier vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt habe.

Aber auf Sagen dieser Art ist durchaus nicht zu achten; denn sobald sie auf Jahrtausende hinauf gehn: so verlieren sie ganz die Natur der Überlieferungen, zumal in einem Lande, wo die Einwohner so gewechselt haben, wie in Pommern unter der Wendischen und Sächsischen Periode. Wahrscheinlich hat schon in älteren Zeiten irgend jemand, der den Tacitus gelesen hatte, und seine Erzählung vom Herthadienst auf den hiesigen Burgwall deutete, mehreren hiesigen Einwohnern seiner Gelehrsam mit mitgeteilt, und dies hat sich denn bald von Mund zu Munde fortgepflanzt. Wie viele Sagen gibt es nicht unter dem gemeinen Manne, die sich schlechterdings nicht auf eine alte Geschichte gründen können, weil sie geradezu eine Unmöglichkeit enthalten, und die dennoch immerfort den Söhnen .und Enkeln von den Vätern und Großvätern überliefert werden; wie dies ja sichtbar genug der Fall mit Micrälii Fabel von dem Kahne ist! Daß übrigens ein heiliger Schauder auf dem Wall und See ruht, ist wol eine natürliche Folge von der feierlichen Stille und dem Dunkel der Schatten umher! Und die Fischerei ward unstreitig deswegen lange dort gescheut, weil teils der Grund des Sees voll von Baumstämmen und Ästen ist, in die sich die Netze verwickeln, teils die Menge der herabfallenden und im Wasser verwesenden Buchenblätter denselben dergestalt mit einem schwarzen Moore anfüllen, daß die Fische über und über ganz schwarz aussehn, ungeachtet ihr Fleisch weiß ist und nur einen wenig moorigten Geschmack hat.

Nordwestlich von dem Burgwall sind einige eckige Steine, die im Viereck gelegt sind. Die hiesigen Einwohner nennen sie den Pfennig-Kasten. Vermutlich sind auch sie Überbleibsel von irgend einer Anstalt zum heidnischen Götzendienste. Aus ihrer jetzigen Gestalt und Lage ist indessen auf ihre ursprüngliche Bestimmmung nicht zu schließen. Man sagte uns, sie hätten sonst noch mehr das Ansehn eines Altars gehabt aber im siebenjährigen Kriege hätten Soldaten, in Hoffnung große Schätze zu finden, alles umgewühlt. Einen andern Steinhaufen, den die Anwohner sonst den Steinkeller, oder die Steinkisten nannten, wusste man uns nicht nachzuweisen.

Etliche hundert Schritte von dem Burgsee nord-westlich ist die berühmte Stubbenkammer, die man den Juweel der Insel Rügen nennen könnte. Ich wünschte in dem Augenblicke, daß ich nichts davon gehört oder gelesen hätte, und ganz unbefangen an diese zaubervolle Stelle gekommen wäre. Dieser Eindruck hätte außerordentlich sein müssen! So viel ich indessen auch davon wusste, so sehr ward ich dennoch überrascht.

Wir fuhren noch immer im Walde, allmählig bergan, zwischen hohen Buchen, Wacholdersträuchern und Farrenkräutern auf einem frischen Rasen. Der Wald ward nach und nach lichter, und wir sahn uns die See in der Ferne entgegen schimmern; aber noch kam keine Ahnung in unsere Seele von der Größe und Majestät des Anblicks, der sich nun uns plötzlich darbot. Wir fliegen mitten unter dunkeln Bäumen vom Wagen und gingen etwa hundert Schritt auf ebenem Boden vorwärts. Auf einmal standen wir am Rande des hohen Ufers, etwa zweimal so hoch als unser höchster Turm über der Fläche des Meeres, das sich zu unseren Füßen in seiner ganzen unbeschreiblichen Herrlichkeit ausbreitete.

Die ganze nördliche Seite der Halbinsel Jasmund ist nämlich ein hohes Kreidegebirge, das sich aus den Fluten des Meeres erhebt. Der Standpunkt, welchen wir jetzt einnahmen, ist der oberste Rand eines weiten rundlichen Einschnitts in dieses Kreidegebirge, dessen Seitenwände in einem unregelmäßigen Halbkreise vorspringen und hier ganz steil, dort ein wenig abhängig, an einigen Stellen wie eine aufgemauerte Wand, an andern wie zersplitterte Pfeiler fortlaufen. Ganz oben deckt eine fruchtbare Dammerde den Boden, und hohe Buchen verbreiten dichten Schatten umher; der ganze Abhang ist eine unreine aber doch ziemlich weiße Kreide, die nur in einzelnen Strichen mit Kräutern oder kleinem Strauchwerke bewachsen, und von oben bis unten mit horizontalen parallel laufenden Schichten von Feuersteinen, mehr auch weniger als zwei Fuß über einander, durchzogen ist. Den Fuß des Abgrundes fassen wieder ansehnliche Buchen ein, die, von oben gesehen, eine ebene Fläche zu decken scheinen, ungeachtet sie an einer Lehne, fünfzig und mehr Schritte hinauf über einander stehen. Dann schließt sich ganz in der Tiefe der Strand des Meeres an, der mit unzähligen größern und kleineren Steinen bedeckt ist.




11) S. Pontanus in rerum Danic. histor. (Mallet Introduction a l'histoire de Dannemark p.57, lässt die Wahl zwischen Rügen, Helgoland und Seland.)




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August Neidhardt von Gneisenau August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
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