Eine herrliche Fahrt.
Brief 13 – Spiker
Spiker, den 6ten August 95.
Auf alles, was wir bisher auf Rügen genossen haben, könntest Du willig Verzicht tun, wenn Du uns heute begleitet hättest; und gerade davon werde ich Dir am wenigsten ein treues Gemälde liefern können!
Um acht Uhr früh fuhren wir auf fünf Wagen von hier ab. Die Zahl der Wagen ist zwar ansehnlich aber so gewaltig groß, wie Du es daraus vermuten wirst, war unsere Gesellschaft doch nicht, denn auf einem so schmalen Wagen, wie man ihn hier haben muss, um durch die engen Wege zu kommen, sitzen immer, außer dem Kutscher, nur drei Personen, eine hinter der andern.
Schon die erste Meile war herrlich. Die Fruchtbarkeit der Felder, an die wir nun schon gewöhnt sind, gewann hier einen neuen Reiz durch tüchtige Mauern von Feldsteinen, die an manchen Stellen den Acker bloß einfassen, an anderen aber gegen eine Anhöhe zu angelegt sind, um das Nachsinken der Erde zu verhüten. Und diese bunten Felder, die sich zum Teil wie zierliche Gartenbeete ausnahmen, wechselten bald mit weiten Aussichten, bald mit ländlichen Wohnungen in der Nähe ab; hier führte unserWeg durch ein wohlgebautes Dorf, dort lachte uns ein anderes oder ein einzelnerHofvon weitem entgegen. Da wir gen Osten fuhren, hatten wir das Meer zur Linken und vor uns, ohne genau zu wissen in welcher Entfernung, und es überraschte uns nicht wenig, als wir auf einmal von einer Anhöhe hin, über die weite Ebene von grünenden Gersten- und Weizenfeldern, die offene See erblickten. Arkona ward gerade von der Sonne erleuchtet, und glänzte uns mit seinem hohen Kreideufer im Norden herrlich entgegen. Ich freute mich bisweilen, wenn wir ringsum nichts als einförmige Gerstenbeete s ahn, nicht bloß weil auch diese Fülle des Segens der Natur etwas erquickendes hat; sondern weil ich nun von dieser Landschaft im voraus weis, daß das Auge nicht lange beschränkt bleibt, und dafür immer durch irgend etwas Neues entschädigt wird.
Nachdem wir eine Meile zurück gelegt hatten, erreichten wir einen kleinen Wald, den Vorläufer der Stubnitz und dann die Stubnitz selbst. Dies ist der Name eines Buchenwaldes längst dem Meeresufer, der in der Länge zwei Meilen, in der Breite aber nur eine halbe, und an vielen Stellen weniger beträgt. Ehedem waren die Wege hindurch ausnehmend schlecht; denn da sich die Einwohner beider Halbinseln aus diesem der Krone zugehörigen Walde, mit ihrem Holz-Bedarf versorgen: so werden während der nassen Jahreszeiten die Gleise alle so tief und uneben gefahren, und von den Anhöhen zu beiden Seiten der Hohlwege rollen unzählige große Steine hinein, ohne daß irgend jemand an Wegebesserung dachte weswegen, ich weiß nicht gleich, welcher Reisende sagte:,,er habe, was Wege beträfe, auf einer Reise durch Deutschland alle mögliche Erfahrungen gemacht; denn im Reiche habe er sie schön, im Preußischen schlecht, und auf Rügen gar keine gefunden.“ Seit einiger Zeit sind die großen Steine hinweg geräumte und zum Teil zu Mauern um die Äcker benutzt worden; und bei dieser Gelegenheit hat man die gefährlichsten Stellen so ausgebessert, daß wir mit unsern schmalen Wagen, die eine ganz besondere Neigung zum Umfallen haben, überall sicher fuhren. *)
Man würde mit Vergnügen durch diese Buchen fahren, die so frisch sind und durch schönes Unterholz tausendfache Abwechselung erhalten, wenn der Wald auch k ein weiteres Interesse hätte. Aber er enthält zugleich alte Denkmähler des vormaligen heidnischen Götzendienstes, dergleichen es im ganzen Europa nur noch wenige gibt, weil man sichs überall nach Einführung des Christentums angelegen sein ließ, diese sogenannten Werke des Teufels zu vernichten. Ich weiß nicht, welcher günstige Zufall in dieser äußersten Ecke v on Deutschland der Erhaltung so vieler Reste aus der heidnischen Vorzeit zu Statten gekommen ist. Genug si e sind noch da, und dies gibt dieser Insel keinen geringen Reiz.
Ein Wegekundiger Jäger führte uns nach dem sogenannten Borgsee, der auch der schwarze See genannt wird. Du findest ihn auf jeder Spezial-Karte von Rügen angedeutet, nur ist er auf den meisten bei weitem zu groß, und nicht nach seiner wahren Gestalt bezeichnet. Die hohen Ufer, welche ihn umgeben, bilden fast ein regelmäßiges Oval, und sind mit dichten Buchen umkränzt. Das Ganze hat ein so abgemessenes Ansehn, daß man kaum umhin kann, menschlicher Kunst irgend einen Anteil daran zuzuschreiben; wenn auch nur hie und da eine Unebenheit gleich gemacht, oder dem Abhange des Ufers nachgeholfen sein sollte. Gesetzt indessen der ganze See wäre, so wie er ist, durch bloße Naturkräfte geformt worden: so ist offenbar gleich neben demselben eine uralte Anlage menschlicher Kunst. Westwärts stößt nämlich unmittelbar daran ein Wall, (der Burgwall genannt,) der einen ovalen Platz einschließt. Er hat bei einem Umfange von fünfhundert Schritten in seinem längsten Durchmesser hundert Schritt. Der steile Abhang des Walles beträgt nach außen hin, an den meisten Stellen mehr als hundert Fuß, nach innen dreißig bis vierzig, und an manchen Orten weniger. Nördlich läßt er einen schmalen Zugang zu dem innern Raume und nach der See zu, gleichfalls einen Ausweg offen. Westlich wird er fast in einem Viertelkreise von einem zweiten Walle eingefasst, der ihm von dort her zum Schutze dient, aber nicht so regelmäßig angelegt ist, so daß er wol der Überrest einer natürlichen Anhöhe sein könnte, die man vielleicht so weit abgetragen hat, um die Erde zu dem eigentlichen Walle zu erhalten. Alles ist jetzt mit hohen Buchen bewachsen.
Da dies offenbar ein Kunstwerk ist, und der Mensch überall nichts, zumal nicht etwas Mühsames, ohne Zweck zu machen pflegt: so entsteht bei diesem Anblick sehr natürlich die Frage, zu welcher Bestimmung diese Anlage ursprünglich gedient habe? Die erste Vermutung, auf die man fallen möchte, ist die, daß vielleicht dieser Wall ehemals ein altes Schloss umgeben hat. Die Namen Burgwall und Borgsee, der offenbar so viel als Burg-See heißt, scheinen dies zu bestätigen, und man ist desto geneigter, es anzunehmen, wenn man eben den Rugard gesehen hat, wo gleichfalls die alte Burg in der Mitte eines ähnlichen, obgleich eckigen Walles stand. Zwar findet sich keine Spur von einem ehemaligen Gebäude; denn einige große Steine in der Mitte des inwendigen Raumes haben nicht das Ansehen eines zertrümmerten Mauerwerks; und hätte ein solches vor Zeiten dort gestanden, so würden sich unstreitig mehrere Überreste davon zeigen, da man sich schwerlich möchte die Mühe begeben haben, den Schutt aus dem Walle hinweg zu schaffen. Aber teils bauten die alten Slaven von Holz und Lehm, so daß es vergeblich ist, nach Jahrhunderten Ruinen ihrer Gebäude zu suchen; teils haben die abfallenden Buchenblätter, die vom Winde im Innern des Walls zusammen geweht sind, den Boden dergestalt mit Gartenerde bedeckt, daß man viele Fuß tief graben müsste, um auf etwanige alte Rudera zu kommen. Und fände man vielleicht auch die Reste eines alten Gemäuers oder Gebälkes, was würde dadurch aufgeklärt werden; da die Geschichte der Vorzeit keinen Wink enthält, an den sich diese Entdeckung anschließen könnte? Überdies ist der Name Burgwall hier von jeder Art Wall, die zu einer Schutzwehr gedient zu haben scheint, gebräuchlich, und es wird durch andere Umstände unwahrscheinlich, daß einst hier eine Burg gestanden habe; denn obgleich die alten Bewohner des nördlichen Europa ihre Schlösser mit rundlichen Wällen umgaben, weswegen sie bildlich sagten: eine Schlange oder ein Drache bewahre ihre Schätze **), so ist dieser Wall, ganz gegen ihre Gewohnheit, nicht auf dem Gipfel eines Bergen, sondern in einem Tale angelegt, und gewannt dadurch nicht sowohl das Ansehn eines Ortes, wo man auf den Feind lauern, oder gegen seinen Angriff gesichert sein wollte, als vielmehr einer stillen friedlichen Zuflucht, wo man abgesondert von der Welt irgend ein Heiligtum bewahrte, oder ein feierliches Geschäft dem Anblick der Menge entzog; knrz, das Ansehn eines heiligen Haines und eines Opferplatzes, dergleichen die nordischen Völker gleichfalls mit runden Wällen oder Mauern zu umgeben pflegten ***)
*) Herr Pastor von Willich hat bereits im vorigen Jahre den Anfang gemacht, diese Wege noch mehr ebnen, und sie so einrichten zu lassen, daß die Brunnengäste von Sagard sogar mit breitgleisigten Wagen durch die Stubnitz fahren konnen.
**) S. Ol. Dalil's Geschichte v. Schweden. Th. 1. S. 200.
***) S. Dalin a. a. O. S. 139
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