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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.
Band II, Band III
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Fesselballon, Herr der Welt, Karl May, Captain Grant, Indianer Nordamerikas, Old Surehand, Robur der Sieger, Selinde, Tahiti
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Eine Abenteuergeschichte von Kurt Faber: Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Erscheinungsjahr: 1930
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Die Stubbenkammer und der Königsstuhl auf Rügen.
Brief 13 – Spiker
Ähnlicher Einschnitte gibt es drei oder viere, deren hervorspringende Spitzen eben so viele kleine Vorgebirge bilden, und die alle unter dem Namen Stubbenkammer 12) zusammen gefasst werden. Die höchste hervorragende Spitze, von der man den weitesten und überraschendsten Anblick hat, heißt der Königsstuhl 13). Das Kreidegebirge erhebt sich dort in Gestalt einer unförmlichen Pyramide, deren Gipfel der höchste Punkt des ganzen Ufers ist, und nach dem Lande zu mit der ganzen Gebirgsmasse zusammen gegen das Meer hin aber fast senkrecht abgeschnitten wird. Weiter hinab lehnen sich immer mehr abgerissene Pfeiler an den Abhang dieser kolossalischen Masse, und gewähren bis an das Ufer des Meeres hinunter den Anblick der wunderbarsten Gestalten, die aufs seltsamste über einander aufgetürmt sind. Es ist sehr angenehm, daß gerade auf der höchsten Spitze einige Bäume stehn, an die man sich halten kann, um mit Sicherheit bis an den äußersten Rand zu treten, und zu beiden Seiten in den Abgrund hinunter zu sehen.
Der Einschnitt links vom Königsstuhle, der auch wol die große Stubbenkammer genannt wird, hat das meiste Eigentümliche. Von oben herab ist die zerbröckelte Kreide, womit der schräge Abhang bedeckt ist, mit frischen Kräutern bewachsen. Etwa hundert Fuß tief wird der Abgrund steiler, und die feste weiße Kreide liegt nackt zu Tage. Dann zieht sich, fast in der Mitte der Schlucht eine Reihe von weißen Kreidepfeilern, die sich auf ihrem Grunde zu einer Art von Wand vereinigen, queer hindurch, und schließen die ganze Schlucht zu, so daß sie das Ansehen eines tiefen Kessels bekommt. Die meisten von diesen Pfeilern haben durchaus unregelmäßige Gestalten, so wie der Zufall die Masse, die einst zusammen hing, zerklüftet hat. Aber fast in der Mitte sind ihrer zwei, die am höchsten hervorragen, an den Seiten, welche sie einander zu kehren, so gerade abgeschnitten, daß sie eine Öffnung bilden, die man für ein künstlich gemachtes Tor halten möchte.
Diesem Tore, wie ich es der Kürze wegen nennen will, gegen über, hat Herr Pastor v. Willich oben auf dem Rande unter dem Schatten der Buchen eine Rasenbank angelegt, auf der man in sicherer Ruhe umher sehen kann. Man weis in der Tat nicht, wohin man das Auge zuerst wenden, wo man mit dem Blicke ruhen soll. Man möchte alles auf einmal fassen und hat alle Besonnenheit nötig, um nicht im ersten Entzücken immer weiter vorwärts in den steilen Abgrund hinunter zu gehen. Ich hatte mehrere Minuten im stummen Erstaunen das Ganze überschaut, ehe ich es über mich erhalten konnte, an die Zergliederung des Einzelnen zu denken. Der Anblick dieser grotesken Gestalten der Kreidepfeiler, und der mannichfaltigen Gruppen von Bäumen und Gebirgsmassen umher würde an sich schon groß und erschütternd sein; aber nun kommt noch etwas hinzu, was bei allen ähnlichen hohen Standpunkten, die ich jemals betrat, mangelte: das offene unübersehbareMeer, das sich bis an den Fuß des schroffen Ufers ergießt, und mit seiner unermesslichen, majestätischen Fläche, das Gefühl der Unendlichkeit in der Seele weckt.
Dies Gefühl der Unendlichkeit, wodurch wir gleichsam über uns selbst erhoben werden, begleitet zwar überall den Anblick des Weltmeers, so lange uns derselbe noch nicht alltäglich geworden ist; aber es kommt auch dabei ungemein viel auf den Standort an, von welchem man es sieht. Der Eindruck, den die Nordsee auf mich machte, als ich sie von der Höhe auf Helgoland sah, war ungleich größer und gab meiner Phantasie einen weit stärkern Schwung, als ich es zuvor an dem flachen Strande, wo ich doch diesen Anblick zum erstenmale genoß, empfunden hatte. Hier stand ich nun fast noch einmal so hoch als anf Helgoland, und auch diesem Umstande schreibe ich, außer dem Romantischen des Ufers, einen großen Anteil an meiner Entzückung zu. Je höher man nämlich steht, eine desto größere Masse des furchtbar schönen Elementes umspannt das Auge, und indem das Gemüt sich vergeblich bestrebt, dies ungeheure Bild in Eins zusammen zu fassen, schwebt die Phantasie mit desto mächtigerem Fluge in die Unbegränztheit hin! Hierzu kommt, daß man in dieser Höhe das Rauschen des tobenden Wellenschlags zusehen glaubt, und es nicht hört, sich folglich desto sicherer, unverletzlicher dünkt; und schon daß man diese große Szene zu seinen Füßen hat, erhöht die Empfindung, wie man immer mit einem größeren Selbstgefühle von dem Gipfel eines Berges hinab, als von dem Fuße desselben hinaufsieht, ? hoher Stand gibt Mut!
Ein zweiter Einschnitt der auch die kleine Stubbenkammer genannt wird, hat den Vorzug, daß man fast senkrecht von dem oberen Rande bis unten ins Tal sehen kann. Man glaubt, durch einen mäßigen Sprung sich gerade in die Meeresfluten hinab stürzen zu können. Ein dritter senkt sich Anfangs allmählig, dann wechselsweise steiler und sanfter bis er sich in einen jähen Abhang endigt. Auch dieser Standpunkt fesselt das Ange durch die tausenderlei Gestalten der hervortretenden Spitzen des Kreidegebirges in der Nähe und durch die Ansicht des hohen Arkona nord-westlich über dem Meere. Endlich ist ostwärts eine weite Schlucht, die von oben bis unten allenthalben mit Buchen und niederen Gesträuchen bewachsen ist. Hier geht nach dem Meere hinunter ein Weg, oder vielmehr ein steiler Fußsteig, der sonst nicht ohne große Beschwerde zu erklettern gewesen ist, den aber Herr Pastor v. Willich jetzt durch eingegrabene Stufen (deren etwa 600 sind,) ziemlich bequem gemacht hat. rechts von diesem Fußsteige rieselt eine Quelle durch das Gebüsch. Ihr crystallhelles Wasser sammelt sich in einen kleinen rundlichen Kessel, und ergießt sich dann in die Tiefe und endlich ins Meer. Emsiger ist der wollusttrunkene Jüngling nicht, unter wechselnden Freuden sich schnell in den Abgrund des Verderbens zu stürzen, als diese Quelle zwischen Blumen und schattigten Gebüschen hindurch eilt, den alles verschlingenden Ozean zu erreichen. Wir hatten nicht Muße genug, uns lange an dem Spiele ihrer kleinen Wellen und ih-rem traulichen Gemurmel zu ergötzen, und begnügten uns mit der hohlen Hand in der brennenden Mittagshitze aus ihr Equickung zu schöpfen.
So angenehm dies alles war, so befanden wir uns hier doch in dem Falle der getäuschten Erwartung, wie einer, der einen tausendjährigen Eichbaum aufsucht und eine zarte Geisblattranke findet; denn die Beschreibung im Büsching hatte uns nicht eine rieselnde Quelle, sondern einen schauderlich schönen Wassersturz versprochen.,,Neben dem Königsstuhle gegen Süden“, sagt er 14), ist ein tiefer Abgrund, den die hohen Landesufer als ein Amphitheater umfassen, aus welchem unaufhörlich ein starkes und sehr klares Wasser mit großem Geräusch auf das in der Tiefe stehende Gebüsch herab stürzt, und hierauf nach der See eilet.“ Büsching ist indessen an dieser Vergrößerung unschuldig. Er hat sie von Schwarz 15) entlehnt, der sogar einen immer wäh-renden starken Strom herunter stürzen lässt.
Vielleicht ist in der feuchteren Jahreszeit wirklich die Menge Wasser, die sich herab stürzt, um ein beträchtliches größer; vielleicht ist sogar in älteren Zeiten, die Beschreibung, die Schwarz davon macht, wahr gewesen; denn diese Ufer leiden mit jedem Jahre einige Veränderung. Die Kreide wird von der Witterung gebröckelt, Regengüsse spühlen die lose gewordenen Stücke hinweg. Es entstehen an manchen Stellen schluchten artige Einschnitte, an anderen senkrechte Abhänge. Was seine Unterlage verloren hat, löset sich allmählig von der Masse des Gebirges ab, und stürzt hinunter, und die obere Dammerde schießt nach. Wir sahn auf dem Strande sehr große Granitblöcke, die jetzt von den Fluten bespühlt wurden, von denen man uns aber versicherte, daß sie noch bei Menschengedenken oben auf dem höchsten Rande gelegen hätten, und samt dem Erdreiche und den darauf stehenden B?umen hinunter gerollt wären. Eine Menge von Buchen haben durch das Einstürzen des Abhangcs einen Teil ihres ursprünglichen Wurzellandes verloren, und neigen sich nun mit ihren Wipfeln dem Abgrunde zu. Manche drohen mit jedem Augenblicke sich nach zu stürzen. Eine derselben verdient als eine naturhistorische Merkwürdigkeit eine besondere Erwähnung. Sie hat aus ihren ganz entblößten, in den Abgrund hinunter hängenden Wurzeln grüne Zweige getrieben, und steht nun als Baum mit einem Teile seiner Äste aufwärts gen Himmel, und mit einem andern niederwärts zur Erde, indem sie nur in der Mitte durch starke Seitenwurzeln an dem Boden haftet.
12) Schwarz (a.a.O.S.96) bemerkt, daß es richtiger Stubben-Cammen oder Camin heißen würde; weil Camen in der slawischen Sprache ein Stein oder Felsen heiße.
13) Dieser Name soll daher rühren, daß einst, ich weis nicht welcher König von Schweden auf dieser höchsten Spitze gesessen, und von dort einer Seeschlacht zu gesehen habe.
14) Neue Erdbeschreibung, Teil 3. Bd. 2. Seite 1244 in der 6ten Auflage.
15) Einleitung zur Geographie des Norder-Teutschl. S.97.
