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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Der Heilige Hain.



Brief 13 – Spiker


Was ich hier als bloße Vermutung vortrage, pflegt als entschiedene Gewissheit angegeben zu werden, und zwar hält man diese Stelle geradezu für eben dieselbe, welche schon ein Römischer Schriftsteller (Tacitus) am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt beschreibt. Hier sind seine Worte in einer treuen Übersetzung ****).

„Hinter den Longobarden werden die Reudiger, Arionen, Anglen, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithonen von Flüssen oder Wäldern geschützt. Von keinem dieser Völker ist etwas besonderes zu bemerken, außer daß sie insgesammt die Hertha 5), d. i. die Mutter Erde verehren, und meinen, daß sie sich in die Angelegenheiten der Menschen mische und über Völker schalte. Es gibt auf einer Insel des Oceans einen heiligen (eigentlich keuschen) Hain, und in demselben einen geweihten Wagen, der mit einem Gewande bedeckt ist, und nur vom Priester berührt werden darf. Dieser bemerkt, wenn die Göttin in dem Heiligtume ist, und auf ihrer Fahrt, von Kühen gezogen, folgt er ihr mit vieler Ehrfurcht nach. Dann sind fröhlich die Tage, und festlich die Oerter, die sie ihrer Ankunft und ihres Besuches würdigt. Man beginnt keinen Krieg, man nimmt kein Schwert in die Hand, alles Eisen ist untätig (verschlossen). Nur dann kennt, nur dann liebt man Frieden und Ruhm, bis der Priester die Göttinn, vom Umgange mit Sterblichen gesättigt, in den Tempel zurück bringt. Alsbald wird der Wagen und die Gewänder, und wenn mans glauben will, die Gottheit selbst, in einem verborgenem See gewaschen, wobei Sklaven Handreichung tun, welche sogleich eben dieser See verschlingt. Daher das geheime Schrecken und die heilige Unwissenheit, was das seyn möge, was nur zum Untergang bestimmte sehn.“

Du siehst, Tacitus redet von einem heiligen Haine; ein solcher ist hier, und zwar gerade das Wort dessen er sich bedient (nemus,) welches nur ein kleineres Gehölz, nicht eine große Waldung (sylva,) beeutet, passt auf die Stubnitz, wenigstens in ihrem jetzigen Zustande. 6) Von eine Tempel ist zwar keine Spur vorhanden; aber zuvörderst heißt das lateinische Wort Templum ein jeder heiliger Ort, sogar eine am Himmel zum Behuf der Weissagung aus dem Vogelfluge bezeichnete Stelle. Es könnte also sehr wohl damit eine heilige Stätte des Hains, und sonderlich der Wall gemeint sein, der doch eine Art von offenem Tempel vorstellte, wenigstens wirtlich die Stelle desselben vertrat, und noch obenein die Eigenschaft hatte, die ein anderer römischer Schriftsteller etwas sonderbar von einem Tempel verlangt 7), daß er von allen Seiten eingeschlossen war, und nur einen einzigen Eingang hatte. Hiernächst ists auch möglich, daß in dem Walle noch ein kleiner Tempel gestanden, und man in demselben das Bild der Göttin aufbewahrt hätte.

Am merkwürdigsten ist der See, dessen Tacitus erwähnt. Der hiesige verdient das Beiwort verborgen um so mehr, da er ringsum von einem hohen Ufer umgeben wird, und von der einzigen Seite, wo der Zugang eben ist, den Wall zur Einfassung hat. Hier konnte die Göttin, wenn irgendwo, beim Waschen allen fremden Blicken entzogen bleiben. Die Ausfahrt aus dem Burgwalle nach dem See, scheint zu keinem andern Behufe so bequem, als zu einer solchen geheimen Unternehmung, und die Tiefe des Wassers gleich nahe am Rande ist vorzüglich geschickt, um arme Sklaven ein Glück, das ihnen aufgedrungen war, auf der Stelle mit dem Tode bezahlen zu lassen. Wenn man will, so konnte auch der zweite Wall dazu dienen, die Spazierfahrt der Göttin außer ihrem innern Heiligtume zu decken.

So viel ist, diesem gemäß, entschieden, die Stelle im Tacitus kann auf diesen See und diesen Wall gedeutet werden, und es war für uns kein geringes Vergnügen, die Beschreibung des alten Römers in der Hand, hier umher zu gehn, und uns in jene Zeiten des grauen Altertums zu versetzen. Die Frage, ob wirklich der Römer, als er dies schrieb, die Insel Rügen dabei im Sinne gehabt habe, wird immer nur mit Wahrscheinlichkeit zu beantworten sein. Wüßten wir, was das eigentlich für sieben Völker sind, denen er den gemeinsamen Dienst der Hertha beilegt, und könnten wir bestimmt ihren Wohnort ausmitteln: so ließe sich die Sache bald zur Entscheidung bringen. Da es aber bloß heißt, sie würden hinter den Longobarden von Flüssen und Ländern umgeben, und da man nicht wohl absehen kann, in welcher Richtung er durch das Land seiner Longobarden, welches ohnehin nicht ganz genau zu bestimmen ist, zu ihnen kommt: so ist von dieser Seite wenig Zuverlässigkeit zu erwarten. Gewiss hatte Tacitus selbst nicht die klarsten Begriffe von der Lage der Wohnörter, die er den deutschen Völkerstämmen anweiset; und gewiss sind die Namen, die er ihnen gibt, über die Maaßen verstümmelt, und bedeuten zum Teil zufällige Eigenschaften, welche durchaus nicht als etwas Charakteristisches eines eigenen Völkerstammes gelten können 8) Du würdest lachen, wenn ich Dir alle die Künsteleien herzählen wollte, die von den Gelehrten sind angewandt worden, um endlich aus einem solchen Namen irgend etwas verständeliches zu machen. So verwandelt z. E. der gelehrte Conring die Suardonen und Nuithonen in Suartonen und Vithonen, und macht daraus Swarten und Witten, d. h. Schwarze und Weiße. Und die Anglen sind beim Micrälius ohne alle Umstände die Anklamer; nachdem er sie zuvor in Angkler umgeschaffen hat.

Noch ist zu bedenken, daß es gar keinen Grund gibt, anzunehmen, es sei nur ein einziger Tempel dieser Art unter allen jenen Völkerstämmen gewesen. Wie wennTacitus nur von einem Nachricht gehabt, und fälschlich geglaubt hätte, es sei überall nur einer vorhanden? Aber auch dies folgt nicht einmal aus seinen Worten.,,Auf einer Insel des Oceans, sagt er, ist ein heiliger Hain usw.“ Leugnet er damit, daß es ähnliche Örter auf andern Inseln, oder in andern Gegenden gebe? Wirklich glaubt man noch auch in Pommern Spuren anderer, der Hertha geweihter Tempel zu finden 9).

Wenn man indessen beides, teils die Lage, welche Tacitus den sieben Völkerstämmen anweiset, teils die Nachricht, daß der Herthadienst auf einer Insel im Ozean gewesen sei, mit einander verbindet: so würde man auf Rügen raten müssen, selbst wenn sich hier nach siebenzehnhundert Jahren gar kein Ort mehr fände, den man in jener Nachricht zu erkennen glaubte. Denn wie unbestimmt die geographische Angabe auch sein möge, immer trifft sie doch auf die Gegend diesseit der Elbe nach der Oder zu, und zwar, da von der Nachbarschaft des Meeres die Rede ist, auf das jetzige Mecklenburg und Pommern. Und welche Insel könnte da anders gemeint sein, als Rügen, wo wiederum Jasmund mit seinen hohen Ufern, die wie ein Vorgebirge in das Meer hineintreten, und mit dichten Wäldern bedeckt sind, sich ganz vorzüglich schickte, die Göttinn vor aller Entweihung von fremden Völkern zu sichern, und ihren Dienst mit einem geheimen Schauder zu bedecken. Auf die Inseln Usedom und Wollin ist zwar die ohngefähre Angabe der Lage, aber nicht der Ausdruck, ,,eine Insel im Ozean,“ anwendbar; da beide bloß durch Flüsse vom festen Lande abgeschnitten werden; und an eine der Scandinavischen Inseln, wohin man gleichfalls den Herthadienst hat verlegen wollen 10), ist noch weniger zu denken. Wie wären doch die germanischen Völkerstämme im nördlichen Deutschlande dazu gekommen, den Hauptsitz ihrer Gottheit jenseit des Meeres zu verlegen? Und wie ist es zu begreifen, daß sie die Tage, während welcher in einer so großen Entfernung sich die Göttin zum Umgange mit den Sterblichen herab ließ, in ihrer Heimath weit davon gefeiert haben sollten. Oder wollen wir sie mit Mühe, Not und Gefahr hinüber schiffen lassen, um ein Fest zu begehen, wovon niemand etwas zu sehen bekam?




****) Tacitus de situ, moribus et populis Germaniae. C 4o.
5) Die gewöhnliche Leseart ist Herthum, wofür andere Nerthum und Verthunm lesen. Lipsius zog Herthum vor. Noch andere wählen Hertham, welches ich aufgenommen habe, da allgemein von der Göttin Hertha geredet wird. Schilter im Glossar will lieber Ertham lesen, um damit dem Worte Erde, (Earth) näher zu kommen. Vergl. die Note zu dieser Stelle in der Zweibrückschen Ausgabe des Tacitus T. IV. p. 46. Schedius (de Diis Germanis p. 221.) sagt sehr richtig, Tacitus habe den Namen der Göttin nach der Römischen Sprachweise verändert, wie er es gewöhnlich mit Deutschen Wörtern macht. Wie ähnlich indessen wirklich ihr Name unserem heutigen Worte Erde gelautet haben möge, ist wol schwerlich auszumachen.
6) Auch vastum, statt castum, wie Freinsheim und Conring lieber lesen wollen, würde noch auf die Stubnitz passen.
7) Varro de lingua latina, Lib. VI. p. 83 Edit. Biponr.
8) Etwa wie, wenn heut zu Tage ein ausländischer Schriftsteller die Völker, die unter dem Preußischen Scepter vereinige sind, aufzählte, und sagte: es sind die Husaren, die Reiter, die Jäger, die Musketiere, die Scharfschützen, die Grenadiere, die Kanoniere, die Feldbäcker usw.
9) S. Schwarz Einleitung zur Geographie des Nordder-Teutschl. S.211.
10) Dies haben Rudbeck, Dalin, Münter u.a. getan. Dalin (Th.I. S123) sagt ganz kurz: „Tacitus beschreibt den Hain und Gottesdienst der Hertha auf einer Insel, daher es nirgends als in Scandinavien gewesen sein kann.“ ? Dachte Dalin gar nicht an Rügen, oder setzte er voraus, daß es damals noch keine Insel gewesen sei? Dies letztere ist wenigstens nicht zu erweisen, und ist unwahrscheinlich, obgleich die Meerenge, die es vom festen Lande trennt, seit jener Zeit sich ansehnlich erweitert hat.




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