<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>


Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Die Verbindung von Rügen mit Jasmund.



Brief 12 - Wostewitz auf Jasmund/Spiker


Wostewitz, auf der Halbinsel Jasmund, den 4ten 95.


Von Bergen an war unser Weg fast eine Meile so wie der, den wir Vormittag gehabt hatten, bis wir die Prora erreichten. Dies ist eine emporragende Bergreihe, durch welche ein Hohlweg nach der Halbinsel Jasmund, oder vielmehr nach der Landenge führt, welche Rügen mit Jasmund verbindet. Da sich zwischen den steilen Berglehnen keine Wagen ausweichen können, so rufen die Fuhrleute, ehe sie hineinfahren, aus Leibeskräften:,,Halt vor der Prora.“ und das Echo wiederholt mehrmals diesen Zuruf.

In einer so brennenden Hitze, wie die heutige, kann man sich kaum eine erquickendere Fahrt wünschen, als die durch diesen Hohlweg. Beide Seiten desselben sind von unten bis oben mit dichten Gebüschen von Eichen, Eschen, Haselstauden, Espen, Wacholder, Birken, wilden Birnen usw. bewachsen. Man sieht oft vor sich keine zwanzig Schritte, und über sich kaum ein Streifchen vom Himmel. Wenn man aber die .höchste Anhöhe erreicht hat, und nun die Pferde alle Kräfte aufbieten müssen, um den herabrollenden Wagen aufzu¬halten, so öffnet sich einmal über das andere durch das bunte Gemisch der Gesträuche ein überraschender Anblick des Meeres und der gekrümmten Gestade. Endlich verliert sich das Gebüsch, die Gegend wird flach, und bekommt allmählich das Ansehn einer unfruchtbaren Heide, bis man die schmale Erdenge erreicht, vermittelst deren Jasmund allein an Rügen hängt. Links hat man das oben beschriebene Binnenwasser und kann nicht ohne Ergötzen zurück auf die Berge der Prora sehn, durch die man eben gekommen ist. Sie bilden von dieser Seite eine gerade Linie, die sich auf einmal nach der Ostsee zu, fast in einem rechten Winkel beugt, und sind von unten bis oben mit frischem mannichfaltigen Grün geschmückt.

Das Ufer des Binnenwassers ist mit so vielen Feuersteinen bedeckt, daß man ihre fortlaufenden weißen Lagen in der Ferne, für übergetretenes Wasser hält. Sie bilden lange Strecken fort eine Art von Chanssee, und rauschen unter den Rädern des Wagens und den Huftritten der Pferde in Harmonie mit den Wellen. Noch schöner wird der Anblick, wenn sich auf einmal rechts die hohen Sanddühnen verlieren, die bis dahin von dieser Seite die Aussicht verdeckten. Nun liegt plötzlich die offene See da, die längst der gekrümmten Erdenge einen Busen bildet, welcher die Prorer-Wyk genannt wird. Auch diese Ufer werden überall von Feuersteinen eingefasst, die in hohen Lagen übereinander gehäuft sind. Wir konnten uns nicht enthalten, ein wenig auszusteigen, und unter den Millionen von Feuersteinen, von Granit- und Porphyr-Geschieben diejenigen zu sammeln, die von dem Wellenschlage, vielleicht Jahrhunderte lang gerüttelt, sich unter einander am schönsten abgerundet hatten.

Es verdient bemerkt zu werden, daß man bei Swienemünde und längst der Insel Wollin und Usedom nur selten Feuersteine in Menge findet, dagegen hier an beiden Seiten der Landenge von dem Wasser fast nichts ausgeworfen wird, als sie. Offenbar ward also in dieser Gegend einst ein großes Kreidegebirge zerstöhrt, die Kreide ward von der Gewalt der Fluten zerrieben, und die Feuersteine wurden fortgerollt, und durch das ewige Reiben abgeschliffen. Vielleicht hing das Meer einst hier, wo jetzt die Landenge hindurch geht, zusammen. Jasmund war damals entweder eine Insel, oder es ward mit Rügen an einer andern Stelle, die jetzt vom Wasser bedeckt ist, verbunden. Da es nicht wohl zu begreifen ist, daß die Steine, die etwa in dieser Gegend einem zerstöhrten Gebirge geraubt worden sind, nicht nach und nach überall längst dem Ufer der Ostsee wären hingeworsen worden: so entsteht die Vermutung, daß wirklich an der Pommerschen Küste tiefer landeinwärts ähnliche Lagen von Feuersteinen vorhanden sind, die aber jetzt von den hohen Sanddühnen, welche das Wasser darüber hin geführt hat, verdeckt werden. Dagegen scheint es wunderbar, daß diese Erdenge, die nur ein schwacher Damm gegen die brausenden Wogen ist, nicht von den anströhmenden Fluten hinweg gerissen und auch nicht mit Sand verschüttet wird.

Auf dem Felde diesseit der Prora bemerkte Herr Professor Klaproth eine große Menge von der gemeinen Stechpalme (Ilex aquifolium) die bei uns in Gärten gezogen wird, oder wild nur einzeln wächst, wie in den thüringer Wäldern, hier aber ganze Strecken fort in dicken Gebüschen steht.

Wostewitz liegt zwei Meilen von Bergen. Etwa zwei Dritteile davon gehören dem Grafen v. Brahe, der in Stockholm lebt. Den übrigen Anteil, der eigentlich ein Gräflich Putbussches Afterlehn ist, besitzt ein Herr v. d. Lanken. Wir sind bei dem Pächter des ersteren Herrn Döhn eingekehrt. Dies scheint ein wohlhabender Mann zu sein, ungeachtet er ein ganz schlichtes Ansehn hat. Du weißt, wie ich mich immer freue, wenn ich Leute finde, die sich in ihrem Hausgeräte und in der Kleidung bei den alten einfachen Sitten erhalten haben, ungeachtet man gewahr wird, daß es ihnen nicht an Vermögen fehlte, sich den Launen der Mode anzuschmiegen. Diese Pächterfamilie hat so viel Zutrauen erweckendes, und der Mann selbst verräth so viel Herzlichkeit, daß ich gern noch morgen Vormittag hier verweilen würde, wenn auch die Gegend weiter kein Interesse hätte. In dem Zimmer, wo ich dies schreibe stehen ringsum an der Wand die Stühle in abgemessener Entfernung, und von einem Fuße derselben zum andern sind zerpflückte Wacholderästchen in gerader Linie, zwischen den Füßen des Sopha aber in zierlichen Schlangenlinien, wie eine grüne Schnur gelegt, welches in der Tat ungemein nett aussieht. Unser Abendbrod machte der Kochkunst und dem Geschmacke der Wirtin alle Ehre. Vornehmlich ließ ich mir die Forellen schmecken, die dicht vor dem Hofe in einem Bächlein gefangen werden; auch habe ich die Bekanntschaft eines Erzbischofs gemacht, der den Vorzug hat, daß man sehr bald mit ihm vertraut wird. Man nennt hier nämlich Erzbischof, Rheinwein mit gerösteten Pomeranzen und Zucker bereitet, wie man bei uns den Bischof aus Cahors macht.



Fortgesetzt, den 5ten Aug.

Heute Vormittag machten wir einen höchst angenehmen Spaziergang nach dem Borower Heideberge, einige tausend Schritte von hier. Gleich bei dem Hofe fließt das Bächlein, welches uns die gestrigen schönen Forellen geliefert hatte. Es schlängelt sich murmelnd durch Buschwerke fort, und bewässert eine Reihe von lieblichen kleinen Wiesen. Unmöglich können Kräuter dichter zusammengedrängt stehn, als auf diesen Auen. Wie unendlich die Farben der Blumen gemischt sind, wie die ganze Flur von Kraft des Wachstums strotzt! Man glaubt zu sehen wie fett die Butter davon werden wird. Ich dachte auf der Stelle an Düpatti, der bei den Cascatellen seinen Kindern schreibt.,,dies Gras würdet ihr unmöglich alles niedertreten können!“ Ich rief wirklich, in diesen Anblick versunken, für mich aus:,,Ferdinand, Minchen, Jettchen, Karl, hier würdet ihr euch im Grase wälzen, Blumen pflücken, Kränze winden können, und niemand würde, wie in unserm dürren Weinberge, fürchten, daß ihr die Flur kahl machen möchtet! Ihr Mädchen könnte euch nach Herzenslust hier Kronen flechten, wie die liebe Carolinchen Nagel *) es euch gelehrt hat, und eure gute Mutter könnte mit mir in der schönen Laube sitzen, und sich über eure Geschicklichkeit freuen.“ Diese Laube ist, wegen ihrer Lage und ihrer Kunstlosigkeit, eine der lieblichsten, die ich jemals sah: ein natürlicher Divan am Abhang eines Berges, mit Rasen belegt, mit Kreuzdorn umgeben, von uralten Bäumen beschattet, im Angesicht einer entzückenden Flur! Hinter der Wiese erhebt sich die Landschast immer höher. Selbst die steilsten Berglehnen hinan, wächst auf dem fetten Lehmboden herrlicher Weizen, nur auf den Gipfeln der höchsten Hügel wachsen die Pflanzen alpenartig. Wir fanden unter andern **) kleine Haselstauden, die kaum einen oder anderthalb Fuß hoch waren und Nüsse trugen. Überall liegen unzählige Geschiebe von Feuersteinen und Hornblende, vornehmlich Stücke Granit, die eine so beträchtliche Größe haben, daß man nicht umhin kann, darüber nachzudenken, wie diese schweren Massen auf eine solche Höhe gekommen sein mögen. Wahrlich vor Zeiten muss diese Gegend eine andere Gestalt und ein ganz anderes Verhältnis zum Wasserstande des Meeres gehabt haben!




*) So sorgfältig ich beim Abdruck dieser Briefe alle die Stellen hinweg gestrichen habe, die sich bloß auf mein Individuum oder auf meine Familienverhältnisse bezogen; so habe ich doch diese, als ein Blümchen auf dem Grabe eines früh verblühten Mädchens, stehen lassen, das durch die ausgezeichnetsten Vorzüge des Charakters noch mehr als durch eine glückliche Bildung und seltene Talente die Freude des ganzen Kreises seiner Bekannten war, um bei dieser Gelegenheit meinen jungen Leserinnen, wenn ich deren haben sollte, die Bemerkung ans Herz zu legen, daß gerade die Bemühungen der Eitelkeit, die bloß darauf ausgeht, zu gefallen, diesen Zweck am wenigsten erreichen, daß dagegen ein anspruchloses, unbefangenes Herz in der Gesellschaft mit seines Gleichen, herablassende Freundlichkeit gegen Niedere, herzliche Teilnehmung an den Freuden und Leiden seiner Freunde, und das Bestreben dadurch für sein Vergnügen zu sorgen, daß man immer darauf denkt, andere froh zu machen, das eigentliche Geheimnis ist, wahrhaft geschätzt und geliebt zu werden. Dies war es, wodurch Carolinchen Nagel sich auszeichnete, und warum Greise und Kinder, Männer und Jünglinge, Frauen und Mädchen, die sie näher kannten, fast mit gleicher Teilnehmung ihren frühen Tod beweinten.
**) z.E. Campanula perficifolia, Anagallis phoenicia, Gasione montana etc.




Sie sind im Kapitel Die Verbindung von Rügen mit Jasmund.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
Blättern sie zum nächsten Kapitel Denkmähler der Vorzeit.
oder wechseln sie zur vorherigen Seite Bergen auf Rügen. Schöne Ansichten.


Bücher, Kapitel und Auszüge finden
 

Gern gelesen:

August Neidhardt von Gneisenau August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
über Lexikus
Impressum
Impressum Impressum