Denkmähler der Vorzeit.
Brief 12 - Wostewitz auf Jasmund/Spiker
Einer von den höchsten Berggipfeln ist mit einer Art von künstlichen Hügeln geschmückt, welche uralte Gräber und Opferhügel der ehemaligen Einwohner von Jasmund sind. Zum Glück hat man Sinn genug für das ehrwürdige Altertum dieser Denkmähler der Vorzeit gehabt, um diese sogenannten runden Bergen unversehrt zu erhalten, und Wissbegierde genug, um. einige derselben näher zu untersuchen. Wenn man (so sagte uns unser Führer), etwa zwei Ellen tief gräbt, so findet man große Feldsteine, in einem Vierecke neben einander gelegt; darunter wieder aufgehäufte Erde, und dann abermals Steine im Kreise oder Viereck, welche Urnen umschließen, in denen sich Gebeine mit Asche befinden. Einer von diesen Hügeln wird noch dadurch besonders interessant, daß er eine der schönsten Aussichten über die ganze Insel Rügen, d. h. über das eigentliche Rügen nicht nur, sondern auch über die beiden Halbinseln Jasmund und Wittow und über die kleinen Nebeninseln Hiddensö und Ummanz gewährt. Hier wird man es, wie auf einer Landkarte gewahr, wie sehr das Wasser in tausenderlei Richtungen diese Ecke von Deutschland zerrissen hat. Wir hatten fast dieselben Gegenstände, die wir gestern vom Rugard sahn, vor Augen; aber alle von andern Seiten und in andern Durchsichtslinien. Die Berge und Wälder der Prora, der Rugard selbst, die Stadt Bergen, die Erdzungen, die in das Binnenwasser streifen, die Höhen der Stubnitz, die kleine Landenge zwischen Jasmund und Rügen; dies alles nahm sich jetzt ganz anders aus. Die Ostsee blieb dem Auge durch die Wälder der Stubnitz entzogen. Nordwestlich trat das prächtige Arkona so keck in die See vor, daß man es ihm anzusehen glaubt, es werde noch Jahrhunderte dem tobenden Elemente trotzen. Über Rügen hin sahn wir wieder Greifswald, mittäglich Stralsund, und ganz im Abend Hiddensö. Am sonderbarsten zeigte sich die kleine Erdenge zwischen Jasmund und Wittow. Und wenn wir lange genug mit unsern Blicken alle diese zauberischen Gemälde in der Ferne durchirrt hatten, so ruhte das Auge wieder mit einem eigentümlichen Wohlbehagen auf den fetten Äckern und bunten Wiesen zu unsern Füßen, wo die beiden einzigen Teiche von süßem Wasser auf der ganzen Halbinsel gar reizend gegen die ungeheure Masse der Meerbusen abstechen. Von diesen Teichen ergießt sich der kleinere in den größeren, und dieser in das Binnenwasser, so daß auch hier der Arme den Wohlhabenden, und beide den Reichen speisen.
Spiker, den 5. Aug. 1795
Jemehr ich dies Land sehe, und durch Umgang mit den Einwohnern und aus Erzählungen kennen lerne, desto interessanter wird es mir. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar. Ungeachtet gewöhnlich in den Pachtanschlägen nur das fünfte oder sechste Korn gerechnet wird, so erndtet man doch im Durchschnitt das achte oder neunte, und in glücklichen Jahren wol das zwölfte. Herr Döhn hat an manchen, freilich nicht großen Stellen das achtzehnte Korn gewonnen ***). Diese Fruchtbarkeit und die Spuren einer höchst sorgfältigen Kultur geben der Reise durch diese Landschaft eine ganz eigentümliche Annehmlichkeit. Wo man sonst gleichfalls weite und schöne Aussichten genießt, muss man oft Meilen lange Wege machen, oder doch steile unfruchtbare Berge ersteigen, um zu einem interessanten Standpunkte zu kommen. Hier fährt man fast überall durch angebaute lachende Gefilde, und hat auf je dem Wege eine ergötzende Ansicht. Oft glaubt man in einer magdeburger Fläche zu sein; allmählig erhebt sich der Weg; es steigt eine weite Landschaft gleichsam aus dem Boden hervor, und auf einmal ist der ganze Gesichtskreis mit dem Meere, mit dem herrlichen Gemische von Bergen und Thälern, von Wiesen und ährenschwangeren Fluren gefüllt. Dies schöne Schauspiel wechselte auf unserem heutigen Wege von Wostewitz nach Sagard unaufhörlich ab.
Sagard ist, wegen seines Gesundbrunnens, auch außer Schwedisch - Pommern bekannt. Es ist ein Flecken von etwa 200 Häusern und 700 Einwohnern, mit einer Pfarrkirche. Ein Teil davon gehört als Königliche Domäne zum Amte Bergen, ein anderer der Kirche, ein dritter dem Pastorate, ein vierter nach Spiker, (folglich dem Gr. v. Brahe) und ein fünfter dem Herrn v. Barnekow zu Ralswiek. Mit dem gräflich v. Braheschen Anteil ist das Patronat der Pfarre verbundene der jetzige Pastor ist Herr v. Willich, ein Bruder meines alten Freundes, des Herrn Majors v. Willich, unter dem v. Wolkyschen Husaren-Regimente. Fast auf englischen Fuß beruft und unterhält der Pastor den Diaconus, welches, so viel ich weis, in ganz Schwedisch-Pommern nur noch bei dem Praepositus in Gingst der Fall ist.
Der Pastor ist auch Besitzer des hiesigen Gesund-Brunnens, der mit seiner Haupte und seinen Nebenquellen auf der zur Pfarre gehörigen Wiese, oder Koppel, etwa zwei hundert Schritte vom Pfarrhofe, entspringt. Die mineralische Beschaffenheit des Wassers war längst in der Gegend bekannt, und einzelne Personen bedienten sich auch von Zeit zu Zeit desselben, zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit. Ums Jahr 1750 fingen mehrere Familien an, sich des Bades wegen, einen Teil des Sommers in Sagard aufzuhalten, und es fanden sich bisweilen dreißig bis vierzig Personnen zugleich ein. Da aber weder für gehörige Badeanstalten, noch für Bequemlichkeit des Aufenthaltes und Vergnügungen gesorgt war: so verlor sich der Zufluss der Fremden allmählig wieder, und hörte ums Jahr 1765 fast ganz auf. Erst im vorigen Jahre fassten der Herr Pastor v. Willich, durch mehrere Ärzte, sonderlich durch seinen Bruder, den ersten Herrn Landphysikus im Fürstentum Rügen, ermuntert, den Entschluss, dieses Geschenk der Natur für Einheimische und Fremde nutzbarer zu machen; und es verdient Bewunderung, was in dieser kurzen Zeit ist geleistet worden.
Auf einer quellreichen Stelle der Aue, die von einend kleinen Bache umflossen wird, ist ein Brunnen- und ein Badehaus erbaut worden. Der Haupteingang dieses Gebäudes führt in einen Saal, der zum Versammlungsorte der Badenden bestimmt ist, und Nachmittags zugleich zur gemeinschaftlichen Belustigung der Brunnengäste dient. Im Hintergrunde des Gebäudes ist ein Sturzbad, und zur Seite desselben ein Zimmer zu warmen Bädern eingerichtet. Die rechte Seite des Hauses enthält zwei von einander abgesonderte steinerne Bäder, die mit den nötigen Bequemlichkeiten versehen sind, und nach Gefallen zu warmen oder kalten Bädern gebraucht werden können, auch zum Spritz-, Tropf-, Knie- oder Fußbade angelegt sind.
***) Eine vorzüglich kultivierte Kornpflanze brachte 1800 Körner aus einem einzigen Samenkorn. Erfahrungen, wie diese, dergleichen man freilich öfter angestellt hat, die eine noch ungleich größere Fruchtbarkeit des Getreide bewiesen haben, können denen zur Beruhigung dienen, die in Sorge stehn, daß einst das menschliche Geschlecht, zumal wenn einst die Kriege aufhören sollten, zu zahlreich werden, und endlich Mangel an Nahrung leiden würde. Der Mangel an Händen, die sich mit dem Landbau beschäftigen, ist die Hauptursache, warum der Boden nicht mehr bringt, und warum selbst von dem, was wirklich wächst, ein beträchtlicher Teil verloren geht. Denn selbst die Unmöglichkeit, bei der Erndte behutsamer mit dem Binden und Einfahren der Garben umzugehn, welche aus dem Mangel mehrerer Arbeiter entsteht, entzieht vielleicht den fünften, oft sogar den vierten Teil des Erzeugten dem Genusse. Mehr Menschen werden also mehr zu leben haben; aber freilich müssen sie sich nicht in große Städte einsperren!
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Theodor Herzl war ein österreichisch-jüdischer Schriftsteller, Journalist und Publizist. Wir gratulieren dem Begründer des politischen Zionismus zum 150. Geburtstag.
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