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Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Die Dörfer und ihre Einwohner.



Brief 11 - Bergen auf Rügen


Auch dem flüchtigsten Blicke kommen überall die Beweise einer ausgezeichneten Betriebsamkeit der Einwohner entgegen. Die Dörfer liegen wie hingesäet; Dächer, Wände und Zäune sind sorgfältig erhalten, selbst in einer ansehnlichen Entfernung vom Meere bedeckt und behängt man die Flechtzäune mit Seetang weil von diesem das Regenwasser schnell abläuft. Um von Gottes Erde so wenig als möglich ungenutzt zu lassen, macht man die Wege ungemein schmal; und wenn während der feuchten Jahreszeiten Nebenwege entstanden sind: so wissen die Landlente gegen die Rückkehr des Sommers den Reisenden bald wieder auf den kleinen Raum einzuschränken, den sie von ihrem Acker zum allgemeinen Gebrauch Preis geben müssen. Sie ziehen nämlich, statt der Quergräben, die bei uns Sitte sind, zu beiden Seiten des Weges durch die Aftergleise mit dem Pfluge tiefe Furchen, die sich in Gestalt einer Achte durcheinander schlängeln und mit dem aufgeworfenen Erdreiche so viele Erhöhungen und Vertiefungen bilden, daß es niemanden leicht gelüstete sich darüber hinweg rütteln zu lassen

Drei Meilen vom Ufer landeinwärts liegt Bergen, die Hauptstadt der Insel. Sie hat ihren Namen von ihrer Lage, an und auf einem Berge, wie sie auch zu der Slaven Zeiten Gora oder Göra hieß, welches gleichfalls einen Berg bedeutet. Auf der beträchtlichsten Anhöhe liegt die Kirche mit einem spitzen Turme, den man fast überall auf der Insel vor Augen hat. In der Entfernung verspricht indessen die Stadt mehr als man findet. Die Häuser sind meistenteils klein und niedrig, wiewohl nicht übel gebaut; wenigstens hätte manche Gegend unserer Vorstädte sich ihrer nicht zu schämen. Die Straßen gehen bergan und bergab. Das Pflaster ist übel gemacht und noch übler erhalten, und gerade jetzt gab der Marktplatz einen häßlichen Anblick, weil eben ein Teich auf dem selben vom Schlamm gereinigt, und dadurch ein Schmutz verbreitet ward, an dem die Nase noch weniger Wohlgefallen, als das Auge fand.

Auf dem Ratskeller fanden wir eine sehr gute Bewirtung. ? Wundre Dich nicht, daß ich, der unter allen Genüssen des Lebens die Freuden der Tafel am wenigsten schätzt, auf einmal anfange ein Wirtshaus zu loben. Da ich hoffe, durch diese Briefe, wenn sie einst ins Publikum kommen, mehreren Freunden der schönen Natur Lust zu einer Reise nach Rügen zu machen; so durfte ichs nicht übergehen, daß hier auch für des Leibes Nahrung und Notdurft auf eine anständige Weise gesorgt ist. ? Wir sahn vor dem Essen noch geschwinde das Inwendige der Kirche. Für wen indessen eine Hand, die zufolge der Legende aus dem Grabe eines Vatermörders hervor gewachsen ist (dergleichen auch auf der Bibliothek zu Stralsund aufbewahrt wird,) und einige Reliquien, die etwa eben so viel wert sind, kein Interesse haben, der wird so wenig durch die Bauart, und durch die innere Einrichtung der Kirche, als durch die geschnitzten Figuren am Altar und durch die gekünstelten Träger des Taufsteins für seinen kleinen Zeitverlust entschädigt.

Was eigentlich einen Reisenden nach Bergen ziehen kann, ist der Rugard. So heißt der höchste Berg in dieser Gegend, einige tausend Schritte von der Stadt nordöstlich. Vor alten Zeiten hat auf dem Gipfel desselben ein Schloss gestanden, von welchem noch der jetzige Name des Berges herrührt; denn Rugard, oder wie alte Urkunden sagen: Rugegard (Rugigard) heißt soviel als eine Burg der Rügen. Der tapfre Rügenfürst Jaromar I. baute sich hier ums Jahr 1168 ein Schloss, von dem er fast die ganze Insel, wie aus ihrem Mittelpunkte übersehen konnte, und befestigte es dergestalt, daß er sich darin noch dann gegen seine Erzfeinde, die Pommern, behauptete, als sie sein ganzes übriges Land überschwemmt und verheert, und ihm bloß noch diesen Zufluchtsort übrig gelassen hatten.

Jetzt ist von der Burg seit langer Zeit nichts mehr vorhanden, als ein ziemlich gut erhaltener hoher Wall, der dem ehemaligen Schlosse zur Schutzwehr gedient hat. Der mittlere Raum, der davon eingeschlossen wird, und den sonst die Burg eingenommen hat, ist jetzt ein Kornfeld. Der Wall selbst ist, so wie die nahe gelegenen Hügel mit Heidekraut und niedern Dornsträuchen bewachsen. In sofern hat man an dem Rugard selbst keine andere Freude, als die man sich durch Zurückerinnerung an die Vorzeit verschafft. Aber welch eine herrliche, reiche mannichfaltige Aussicht.

Tritt in Gedanken einen Augenblick auf eine der Höhen des Walles. Da übersiehst Du rings um Dich her im Kreise den größten Teil der Insel nicht nur, sondern auch südlich, süd-, ost- und westlich einen ansehnlichen Strich von Pommern. Obgleich die Stadt Bergen selbst schon hoch liegt, so ragt doch der Rugard genug über sie empor, um von hier über die Dächer hin Stralsund und eine unabsehbare Fläche von Schwedisch Pommern zu erblicken. Rechts und links begrübt das Auge eine Menge von Dörfern und mehrere Städte, unter welchen Greifswald besonders hervorsticht. Östlich hat man gleich unter den Füßen schöne Ackerfelder, auf die man, wie auf einen ausgebreiteten Teppich hinabsieht. gerade jetzt, da hier noch wenig an die Ernte gedacht wird, stechen das gelbe Korn, die dunkelgrüne Gerste, der bläuliche Hafer, der vergoldete Weizen, die bunten Wicken, die kaum vor der gelben Wucherblume aufkommen können, aufs mannichfaltigste gegen einander ab. Weiter hin, wo sich der Boden bald senkt, bald erhebt, wechseln Hügel, deren Gipfel nackt, und deren Lehnen bebaut sind, mit kleinen und größern Gebüschen. In der Ferne umkränzen Wälder die Ufer, bis sich endlich der Blick über den östlichen Meerbusen und die Meerenge, welche die Insel umschließt, ins unendliche verliert. Am stärksten fesselte mich die Aussicht nordwestwärts. Wenn Du nur die Karte zur Hand nimmst, so wirst Du bemerken, daß kaum irgendein zweites Land inso vielerlei Richtungen vom Meere durchbrochen und vom Binnenwasser durchkreuzt wird, wie diese Insel. Wie majestätisch sich der Meerbusen ausbreitet, der zwischen dem eigentlichen Rügen und der HalbInsel Jasmund hinein tritt! Eine Menge von Erdzungen strecken ihre Spitzen weit in die grünlichen Fluten. Die eine ist bis an den äußersten Rand mit Getreide besäet, eine andre wird von Gebüschen bedeckt, auf einer dritten stehn kleine ländliche Häuser die von Obstgärten umgeben sind. Unter andern ladet ein Halbinselchen, von frischen Gesträuchen und Bäumen beschattet, so lieblich zu einem Spaziergange ein, daß mir war, als wenn ich die Equickung fühlte, welche jene Schatten und die kühlenden Lüftchen, die das sanftwallende Meer durch die zitternden Blätter haucht dort während der Mittagshitze verbreiten. Überall, wo man weiter hin das Ufer erblickt, scheint ein nachdenkender Künstler der Einförmigkeit vorgebeugt zu haben: bald ist es bergigt, bald flach, hier decken blos Steine, dort Gebüsche oder Waldungen den Boden. Einen ungewöhnlichen Eindruck macht die schmale Erdenge, durch welche Rügen mit Jasmund verbunden wird. Sie gleicht einem zarten Gürtel, der den lieblichen Busen des Meeres umschlingt: diesseit desselben das oben beschriebene Binnenwasser, jenseit die unabsehbare Ostsee, aus der nordwärts das hohe Arkona majestätisch hervortritt. Du könntest Tage lang hier stehn, ohne alle einzelne Schönheiten aufzufinden, und Dich an ihnen zu sättigen. Wenige Standpunkte in der Welt können so viel Großes und Liebliches mit einander vereinigen; denn wo man auch sonst den Anblick des Meeres hat, da sieht man gewöhnlich auf einem Ufer, das landeinwärts entweder gar keine oder nur eine einfache Aussicht gewährt; oder man hat doch nur auf der einen Seite den Ozean, und auf der andern Land; hier aber darf man nur das Auge ein wenig wenden, um zu den verschiedenartigsten Gegenständen über zu gehen; und da man nicht allzu hoch steht, so bleibt alles noch deutlich genug, um sich ganze Massen und Gruppen vereinzeln zu können.




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im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
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Bergen (Rügen), Marktplatz 1917
Bergen (Rügen), Marktplatz 1917

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