Bergen auf Rügen. Schöne Ansichten.
Brief 11 - Bergen auf Rügen
Herr Landvoigteisekretär von Santen, der die Güte hatte, uns zu führen, erhöhte uns die Süßigkeit des Genusses dadurch, daß er einen Weg nahm, auf dem wir Anfangs nur eine schöne Ansicht nach der andern bekamen und nicht ahnen konnten, welche Fülle wir zu erwarten hätten, bis sich auf einmal die ganze große Szene vor unsern Augen entfaltete. Es gehört in der Tat zu der feineren Gastfreundlichkeit, wenn man eine schöne Gegend bewohnt, daß man sichs angelegen sein läßt, für einen Fremden die reizendsten Standpunkte auszuwählen, und ihm die Freuden des Genusses durch eine überdachte Anordnung dessen ben zu würzen. Wie oft bin ich in einer schönen Landschaft Tage lang umhergegangen, ehe ich die Stellen auffand, wo eben die Gegenstände eine herrliche Wirkung machten, die aus andern Gesichtspunkten wenig Interesse für mich gehabt hatten. Dergleichen Stellen sollten die, welche das Glück zu Besitzern schöner Blätter im Buche der Natur gemacht hat, für den Wanderer wenigstens durch einen Fußsteig zugänglich machen, und sie auf irgend eine Weise bezeichnen. Eine Rasenbank, ein Stein, eine Hütte von Strauchwerk, eine Laube, ein Lusthäuschen, eine durch Gesträuche oder Bäumen gemachte Durchsicht würde mit lebhaftem Dank die wenigen darauf verwandten Kosten reichlich belohn nen und zugleich zu einem Denkmahle dienen, daß der, dessen Herz empfindsam genug war, um dem Unbekannten einen Mitgenuß zu bereiten, nicht unwürdig wäre, vom Schicksal begünstigt zu sein!
Ich hatte die Absicht, die Höhe des Rugard mit dem Barometer zu messen; aber ich fand bei Öffnung des Futterals, daß die Schraubenmutter, die Hr. Prof. Brismann fest zu kütten die Güte gehabt hatte wieder los gegangen und der größte Teil des Quecksilbers ausgelaufen war **). So wenig mir diese Entdeckungzur Freude gereichte, so lieb war es mir doch, sie hier gemacht zu haben; denn ich fand bei dem geschickten Apotheker, Herrn Struck, in Bergen gereinigtes Quecksilber, womit ich mich versorgte, um in dem ersten bequemen Nachtquartiere die Röhre wieder zu füllen. Der gute Mann trennte sich ungern von seinem kleinen merkurialischen Schatze, weil ihm die Reinigung desselben allzuviel Mühe gemacht habe, und erbot sich, was ich nicht gebrauchen möchte, für den Verkaufspreis zurück zu nehmen.
Nach unserer Rückkunft vom Rugard machten wir in der Stadt noch einen Besuch im Fräulein-Kloster, womit es folgende Bewandnis hat. Jaromar I. legte bald nach der Erbauung seiner Burg, in der Nähe derselben einen Flecken an, und bevölkerte denselben mit deutschen Kolonisten. Es war nämlich damals gewöhnlich, daß bei jedem Schlosse eine sogenannte Burg-Wyk erbaut ward, deren Einwohner ein gewisses Ackerfeld erhielten, und dafür verpflichtet waren, allerlei Burgdienste zu tun. Da aber Rügen durch anhaltende Kriege eben so sehr entvölkert war, so sah sich Jaromar genötigt, nach dem Beispiele der Pommerischen Herzoge Bogislav und Casimir I. fremde Kolonisten aus Deutschland in sein Gebiet zu ziehn, und gab diesen den neuerbauten Flecken ein, den sie Bergen, und die Slaven in ihrer Sprache Gora nannten. Späterhin, nämlich im Jahre 1193, nachdem Jaromar einen glücklichen Krieg gegen die Pommern geendigt hatte, stiftete er zum Beweise seiner Dankbarkeit gegen Gott, in seiner neuen Pflanzstatt ein Zisterzienser-Nonnenkloster, und stattete daßelbe nicht nur für die damalige Zeit reichlich aus, sondern legte den Nonnen auch die Gerichtsbarkeit über den Ort bei ***). Nach und nach erhielt Bergen allerlei städtische Rechte und Einrichtungen; es lebten Kaufleute, Gewandschneider, Brauer und verschiedene Gewerke darin, die zum Teil eine förmliche zunftmäßige Verfassung hatten. Endlich ward es im Jahre 1613 von Philipp Julius, dem letzten Pommerischen Herzoge aus dem Wolgastischen Hause, feierlich zu einer Stadt erhoben, und nun hörte die Gerichtsbarkeit des Klosters über die neue Stadt auf. Schon bei der Einführung der Reformation in Rügen war jedoch das katholische Kloster in ein Fräulein-Stift verwandelt worden, in welches nur lutherische, auf der Insel Rügen geborne Fräulein aufgenommen werden. Gegenwärtig sind außer der Priorinn, zwölf sogenannte Canonissinnen in demselben. Jede hat vier Zimmer zu ihrer Wohnung, und bekommt, nebst der Heizung und einigen andern Vorteilen, etwa fünzig Taler jährlich. Der Priorinn fällt eine doppelte Präbende anheim, und von den Exspektantinnen erhalten ein paar, so wie sie an die Reihe kommen, jährlich fünfundzwanzig Taler. Seit kurzem genießt auch ein dreizehntes Fräulein die volle Präbende, ohne im Kloster zu wohnen.
Von den uralten Gebäude sind kaum noch einige Spuren vorhanden. Das jetzige ist ziemlich bequem und anständig gebaut. In dem Betsaale, dessen große Reinlichkeit uns vergnügte, hängt das Bildnis der Schwester Karls XII. Königin Ulrike Eleonore, die den Orden gestiftet hat, dessen Kreuz die Nonnen tragen. Ich nenne sie Nonnen, ungeachtet sie sich wesentlich von den eigentlichen Nonnen dadurch untere scheiden, daß sie sich verheiraten können, wenn sie Liebhaber finden, und Neigung dazu haben. Einige halten Kostgängerinnen, mit deren Erziehung sie ihre Muße, die durch zwei tägliche Betstunden nicht sehr beschränkt wird, nützlich und angenehm ausfüllend und zugleich ihre Einnahme vermehren.
Da der Adel aus der Insel verhältnismäßig zahlreich und in der Regel nicht sehr begütert ist: so gehört diese Stiftung in ihrer jetzigen Gestalt zu den wahrhaft wohltätigen. Ohne sie würden manche Fräulein, deren Brüder in fremde, vornehmlich Preußische Kriegsdienste gehen, in Verlegenheit geraten; und da von der andern Seite, die Vorteile, die sie ge-währt, nicht allzu beträchtlich sind: so gibt sie keinen Reiz ehelos zu bleiben. Freilich wäre zu wünschen, daß die Einkünfte hinreichten, mehrere Präbenden zu bestreiten; denn auch hier sind, wie bei allen Stiftungen, der Verlangenden weit mehr als der Genießenden. Eben jetzt haben über dreißig Fräulein die Anwartschaft.
Erst nach unserer Zurückkunft aus dem Kloster erfuhr ich, daß Fräulein v. Platen, die sich als Dichterinn ****) bekannt gemacht hat, eine Einwohnerinn desselben sei. Bei dem vielen Guten, das ihre Freunde von ihr rühmen, ists zu bedauern, daß sie sich durch eine, vielleicht allzu strenge Kritik hat abschrecken lassen, an ihre späteren Arbeiten die letzte Hand zu legen, um sie dem Publikum mitzuteilen. Ich habe einige derselben in der Handschrift vor mir, und ergötze mich an manchem Zuge, der von eben so feinem Beobachtungsgeiste als einem zarten Gefühle zeugt; wenigstens sind sie alle ihrer ursprünglichen Bestimmung, einem Kreise von vertrauten Freunden ein wertes Geschenk zu machen, vollkommen angemessen.
Von Bergen muss ich Dir noch sagen: daß es etwa 270 Häuser und 1470 Einwohner hat. Die Hauptnahrung besteht in Ackerbau und städtischen Gewerben. Mit Braugerechtigkeit sind sechzehn Häuser versehen. Krämerei, Branntweinbrennen und Hökerei kann jeder Bürger treiben. Mit dem Pastorate, dessen Patronat dem Könige zusteht, ist eine Präpositur verbunden, zu welcher sechs Pastores in der umliegenden Gegend gehören. Auch den Diaconus beruft der König.
**) Seit dem Abdruck der Stelle, wo ich von dem Trallesschen Messbarometer geredet habe, hat Herr A.v. Humbold sein sogenanntes Senkbarometer erfunden, und bis zu einem bewundernswürdigen Grade der Vollkommenheit gebracht. Ich liefere keine Beschreibung davon, da es gewiss in kurzer Zeit in den Händen aller Freunde der Barometermessungen sein wird.
***) Die Stiftungsurkunde, (die älteste, welche es von einem Rügischen Fürsten gibt) hat Herr von Schwarz in der dipl. Geschichte Pommerischer Städte etcc. S. 532 aus der alten Pergament-Matrikel des Klosters abdrucken lassen.
****) Geschichte. Stralsund, 1767. 68 S. in 4.
Sie sind im Kapitel Bergen auf Rügen. Schöne Ansichten.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
Blättern sie zum nächsten Kapitel Die Verbindung von Rügen mit Jasmund.
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Bergen (Rügen), Marktplatz 1921
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Willibald Alexis (1798-1871): Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815. Erscheinungsjahr: 1815.
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