<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>


Buch: Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen

Bergen auf Rügen. Mit der alten Fähre auf die Insel.



Brief 11 - Bergen auf Rügen


Bergen, auf der Insel Rügen, den 4ten August 1791.


Seit etlichen Stunden bin ich nun durch ein Meer von Dir getrennt. Wäre dies der Fall heute vor dreizehn Jahren gewesen: so hätte ich mich wahrscheinlich auf eine Schilderung des eigentümlichen Gefühls eingelassen, womit der Gedanke, durch Länder und Meere von seinen Lieben geschieden zu sein, das Herz unwiderstehlich erfüllt; und es wäre vielleicht für den Bräutigam etwas unverzeihliches gewesen, wenn er sich nicht ein wenig empfindsam darüber ausgelassen hätte. Den ernsthafteren Ehemann ziemen reellere Beweise deines Gefühls. Ich will also versuchen, durch eine Darstellung unserer heutigen Genüsse, Dich so viel als möglich für diese Trennung zu entschädigen.

Die Meerenge, oder, wie man hier sagt, das Binnenwasser, wodurch die Insel Rügen vom festen Lande abgesondert wird, ist eine kleine halbe Meile breit. Die Überfahrt geschieht auf einem Prahm, das heißt, einer Art von Fähre, die nur nicht so breit und flach ist, wie diejenigen, womit man über unsere Flüsse setzte sondern mehr das Ansehn eines Ruderschiffes hat. Wenn der Wind nicht günstig ist, um das Segel zu gebrauchen, so bedienen die Bootsleute sich der Ruder, die sie Rehms *) nennen. Wir fuhren um sieben Uhr früh von der Brücke in Stralsund ab und erreichten in dreiundvierzig Minuten das Rügensche Ufer, bei der sogenannten alten Fähre. Das Wasser war ziemlich unruhig, wenigstens schäumten die Wellen so, daß die Schiffer mit einem Witze, den wir schon von Swinemünde her kannten, lächelnd sagten: die Schafe gehn auf der See. An Gefahr war nicht zu denken; denn so weit sich Menschen erinnern können, ist kein Fahrzeug in diesem Meerenge verunglückt; und desto angenehmer war uns das Wiegen des Prahms, der doch nicht so heftig schwankte, wie die vorüber rudernden Kähne.

Stralsund nimmt sich, während der Überfahrt, vortrefflich aus; und je weiter wir uns davon entfernten, desto reicher ward die Aussicht zu beiden Seiten der Stadt und weit hinüber auf das feste Land, vor-nehmlich gen Westen. Ich weiß nichts wieviel Mühe es gekostet haben mag, die Wälle und Mauern, an welche die Fluten spühlen, aufzuführen; aber wenn man bei etwas stürmischem Wetter die schäumendem Wogen sieht, denen diese Werke trotzend so fühlt man sich zu einer stolzen Freude über die Kühnheit hingerissen, womit der Mensch sich dem übermütigen Elemente entgegen stemmt.

Im Genusse des reizenden Anblicks der Stadt und der Gegend umher, mahlten wir uns das Bild der Anstrengung undGeschäftigkeit aus, womit Tausende von Menschen in einer langen Reihe von Jahren diese Wälle aufgeführt, diese Häuser, Kirchen und Türme gebaut, diese Felder urbar gemacht, diese ganze, einst rauhe und öde Landschaft zu einem nährenden und lieblichen Aufenthalte umgeschaffen haben. Desto empörender ward uns, bei der Erinnerung an die Geschichte der Stadt, der Gedanke, wie viel Tausende, die alle auch Kraft und Beruf hatten, der Natur durch wohltätigen Fleiß Vermehrung der Lebensgenüsse abzugewinnen, von Zeit zu Zeit, durch Eroberungs- und Streitsucht getrieben, sichs vielleicht noch größere Anstrengung kosten ließen, in wenigen Tagen zu zerstöhren, was die rastlose friedliche Emsigkeit Menschenalter hin- durch hervorgebracht hatte! Wir sahn die Stellen, wo einst feindliche Schiffe gelandet, und wo fremde Kriegsheere ihre Reihen und ihre Geschütze zum Morden und zur Verwüstung aufgepflanzt hatten! Hätte ich mich doch mit der Vorstellung erquicken können, daß dies alles zwar einst war, aber nicht wieder sein wird! Aber, ach Gott! noch ist es der Vernunft und dem Gefühle der Menschlichkeit nicht gelungen, die schrecklichste Ausgeburt der Barbarei, den Krieg, zu verbannen! Man sieht es, und mit Recht, als ein unverkennbares Zeichen der niedrigsten Rohheit an, wenn in einem Volke noch so wenig Sinn ist, daß jeder mit Gewalt durchsetzt, was ihn gelüstet, oder wenn jeder, um sein Recht zu beschützen und Beeinträchtigungen desselben zu ergänzen, immer Gewalt anzuwenden genötigt ist. Und es ergreift uns kein Schauder, wenn wirimmer noch Nationen, die sich gesittet und ausgeklärt nennen, mit einander im wilden Kampfe sehn, und sogar keinem Anstalt bemerken, wodurch endlich einmal dieser Unmenschlichkeit vorgebeugt werden könnte? Ich habe mir freilich oft genug zum Troste gesagt, was man gewöhnlich anführt, um den Eindruck, den die Greuel des Kriegs machen, zu mildern: daß durch ihn das menschliche Geschlecht vor dem Versinken in üppiger Weichlichkeit verwahrt, und angespornt wird, Kräfte zu entwickeln, die sonst vielleicht auf immer in trägem Schlummer ruhen würden. Allein gerade im Angesicht einer Seestadt scheint diese Schutzschrift am wenigstem zu genügen. Fürwahr, so lange es noch Meere gibt denen man Wälle und Dämme entgegen setzen kann; so lange die Wogen nicht aufhören, den Kampf mit der Gewalt, die sie einschränken will, unablässig zu erneuern; so lange die Schifffahrt in entfernte Weltgegenden den Menschen fast in jedem Augenblicke dringt, alle seine körperliche und geistige Kraft aufzubieten, um stets drohende Gefahren zu verhüten oder zu besiegen, u nd mit kleinerem Aufwande größere Vorteile zu erringen: so lange bedarf es wohl des Wütens der Brüder gegen Brüder nicht, um Wohlleben und Bequemlichkeit liebende Geschöpfe zur Tätigkeit zu reizen, und in ihnen Entschlossenheit, Geistesgegenwart, Mut und Schreckenlosigkeit zu wecken. Oder entwickelte etwa Potemkin z.B. durch die Gemetzel vor und in Otschakow mehr Tugenden und Talente, als, ich will nicht sagen Cook, sondern nur als der gemeinste Schiffskapitän auf einer Fahrt von Stralsund nach Hamburg? Oder sollte die Regierung, zumal eines größern Reiches, nicht allmählig tausend Mittel entdecken, körperliche und geistige Kraftübung unter der Nation zu begünstigen; wenn die Summen und die Hände, die so lange dem Morden gewidmet wurden, auf dem Altare der Volkswohlfahrt geopfert werden, und die Herrschersorgen, anstatt auf eine verderbliche Staatskunst gerichtet sein zu müssen, ungeteilt ihrer wahren Bestimmung geheiligt sein könnten?

Mitten in Betrachtungen dieser Art erreichten wir die Insel und bewillkommten uns am Ufer, als hätten wir uns zu einer großen vollendeten Unternehmung Glück zu wünschen. Das Ufer der Insel ragt an manchen Stellen etwa zwanzig an andern mehr oder weniger Fuß über der Meeresfläche hervor. Wir bestiegen die höchste Anhöhe bei dem Fährhause, und genossen noch einmal den Anblick von Stralsund, das im Meere zu schwimmen schien, und überall von kleinern und größern Fahrzeugen umkränzt war.

Unsere Gesellschaft gleicht nun einer kleinen Karavane, wenigstens nehmen wir drei Wagen ein, worunter eine viersitzige Kutsche und eine halbbedeckte Kalesche, nach Art der Hamburger Stuhlwagen ist. Eine Zeitlang geht der Weg auf der Insel immer bergan; aber sehr allmählich; dann hebt und senkt sich der Boden nach allerlei Richtungen. Die erste Merkwürdigkeit, die wir auf der Insel fanden, waren in der Nähe von dem Dorfe Rambin sieben kleine Hügel, die an ihrem Fuße mit Dornsträuchen bewachsen sind, und fast in einer geraden Linie stehn. Ohne Zweifel sind es uralte Begrähnishügel, von denen jedoch weder die Überlieferung noch die Geschichte eine bestimmte Auskunft gibt. Das Dorf Rothenkirchen, wobei unser Weg uns vorüberführte, würde unsere Aufmerksamkeit wenig an sich gezogen habend wenn desselben nicht schon in sehr alten Urkunden Erwähnung geschähe. Im Jahre 1406 nämlich ward der dritte Teil diesem Ortes, der damals den Namen einer Stadt führte, zur Stiftung eines Altars in einer Stralsundischen Kirche und zur Erhaltung eines Priesters bei demselben angewiesen. Wahrscheinlich ist durch die Verheerungen des Krieges, die überhaupt auf der Insel so manches umgeschaffen haben, da ehemalige Städtchen (oppidum Rodenkerken oder Routhenkyrka, wie es in den Urkunden heißt), zu dem jetzt unbedeutenden Dorfe herab gesunken.

Im Ganzen ist das Erdreich fruchtbar, wie der fast üppige Wuchs des Weizens, der Gerste und des Hafers beweiset. Hie und da erheben sich jedoch über der lehmigten Fläche auch Stellen, die wegen ihres undankbaren Sandes gar nicht angebaut werden, so daß Wachholder und andere Sträuche nach Gefallen darauf wuchern können. An andern Orten ist ein armseliger Torfgrund mit Moos nnd Heidekraut überwachsen. Indessen werden auch diese Striche immer mehr in nutzbaren Acker verwandelt, zumal in der Nähe des Ufers, wo der Dünger aus Stralsund der Zeugungskraft des Bodens zu Hilfe kommt.




*) Unstreitig einerlei Wort mit dem lateinischen Re???? (Ruder).




Sie sind im Kapitel Bergen auf Rügen. Mit der alten Fähre auf die Insel.
im Werk Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen
Blättern sie zum nächsten Kapitel Die Dörfer und ihre Einwohner.
oder wechseln sie zur vorherigen Seite Die Königin der Insel Hiddensö.


Bergen (Rügen), Jagdschloss Granitz
Bergen (Rügen), Jagdschloss Granitz

Bücher, Kapitel und Auszüge finden
 

Thema: Liebe in der Geschichte

Lola Montez Eine Sammlung von Texten über Liebe und Beziehung in der Geschichte.
über Lexikus
Impressum
Impressum Impressum