Die Königin der Insel Hiddensö.
Brief 10 – Stralsund
Äußerst angenehm ist es mir gewesen, die Frau Kammerrätin von Giese noch kennen zu lernen. Sie war sonst Besitzerin der Insel Hiddensö, deren Königin sie im Scherz genannt zu werden pflegte: eine höchst interessante Frau, die mit einem durchdringenden Verstande eine ungemeine Feinheit und eine liebenswürdige Denkungsart vereinigt. Man kann nicht leicht eine Gestalt sehn, die zugleich mehr Zutrauen und mehr Ehrerbietung einflößte. Ihre Tochter, die eben jetzt Braut ist, scheint ganz die verjüngte Mutter zu sein. Wir brachten in ihrer Gesellschaft bei Herrn Kammerrat Pommer-Esche noch heute einige sehr frohe Stunden zu. Unter andern ward der Nachtisch durch Stellen aus Gedichten eines ehemaligen alten Kandidaten der Theologie, Jacob Bossert, gewürzt.
Dieser ehrliche Mann hat hier und in der Gegend umher jede Gelegenheit benutzt, seinen Gönnern und Bekannten mit seinen Reimereien Stoff zum Lachen zu geben. Bei jedem ansehnlichen Hochzeitfeste, Kindtaufen oder Leichenbegängnis hat man sich schon im Voraus davon unterhalten, was Bossert dabei ans T agslicht bringen werde; und er hat fast immer die Erwartung, durch Aberwitz oder Possierlichkeit *) der durch die Kunst seinen Vers zu füllen und einen Reim zu finden **), übertroffen. Er ist nun seit dreißig Jahren tot; aber man hat noch eine Menge von den lächerlichsten Stellen seiner Gedichte im Gedächtnis, die nie ihre Wirkung verfehlen, wenn sie eben auf einen vorkommenden Fall angewandt werden.
Gegen Abend gingen wir noch einmal längst der Meerenge vor dem Wassertore spazieren, und nahmen von dem lieben Rügen Abschied, dessen Ufer von den letzten Sonnenstrahlen so lieblich gerötet wurden. Leider muss ich auch von Stralsund Abschied nehmen, ohne über einen wichtigen Gegenstand meiner Nachforschungen, den jetzigen Zustand des hiesigen Handels, etwas Befriedigendes erfahren zu haben.
Die Hauptausfuhre besteht in Getreide, Rindvieh, Schweine (welche häusig nach Quedlinburg gehen, wo sie aus den Branntweinbrennereien gemästet werden,) Wolle, Fische, Butter, Federspuhlen etc. Ehedem wurden noch viele Heringe, einheimische Manufaktur-Waaren, vornehmlich Bücher, Malz, Bier u. dergl. ins Ausland gesendet. Aber diese Handlungszweige sind seit dem vorigen Jahrhundert immer mehr abgestorben, nachdem die nordischen Reiche selbst Manufakturen, Mälzereien und Brauereien angelegt, die Schweden den Heringsfang gelernt, und überhaupt auch diejenigen Länder, die sonst wenig von Erwerbsfleiß wussten, sich ihre eigenen Bedürfnisse zu erzeugen gesucht haben. Auch der dreißigjährige Krieg und verschiedene Feuersbrünste, besonders die im Jahre 1680, zerrütteten den Flor des hiesigen Handels. Zwar hat seit dem siebenjährigen Kriege sich der Ort wieder sehr erholt und an Häusern und Menschen vermehrt; aber auf den Gipfel, auf welchem er im dreizehnten Jahrhundert stand, möchte er sich schwerlich wieder erheben könnend wenn die Regierung auch mehr, als bisher geschehen ist, die Gewerbe und den Handel unterstützen. Wo ein Ort nicht an einem großen Strohme liegt, der den Handel landeinwärts begünstigt, da müssen ausserordentliche Umstände zusammentreffen, wenn er in unserem Zeitalter große Handlungsvorteile an sich reißen soll.
*) Auf die Hochzeit eines Herrn Gesterding zu Greifswald, der eine Jungfer Marie Regine Ungern heiratete, hat er ein Gedicht gemacht, wo der ganze Spaß auf Spielen mit den Namen und Versetzung ihrer Buchstaben und Sylben (welches er Verletterung nennt) beruhet. Z. E.
Maria. Bitterkeit und Königin, Regina
Die Jungfer Ungern heißt. Sie schenket einen Ring
Dem Bräutigam, der da ist ihr Herr Gesterding.
In ehelicher Lust ist sie nun seine Dina.
Ringe die Dinge zusammen verbinden:
So dann nebst Un - gern ein Ja - gern wir finden.
Die Braut lässt er unter andern sagen :
Dies Ding kam aus dem Wald zu mir, und wollt' mich
greifen.
Wie? sollt' ich weigern mich? Es lässt mich doch ungern.
**) Ein Hochzeitgedicht, welches er: das neuangehenden Eheleuten aus Gottes-Wort erklärte Brautbett betitelt, fängt er folgendergestalt an:
Gleichwie die Menschen überhaupt in ihrem Leben Betten brauchen,
Also auch und insonderheit, so lange einer hat das Hauchen
Hat er sie nötig immerdar. Und eben dieses trift auch zu,
Fürnemlich bei denselbigen, die in der Ehe gehn zur Ruh.
Einen Christian Friedrich Pritz redet er also an:
Mein lieber Christian und Friedrich Pritz merk eben
Dies ist ein klein Gedicht auf deinen Namen hier etc.
In einem Dankgedichte an einen Wohlthäter heißt es:
Herr, halte seinen Gang allstets in Schutz und Schirm,
Sein Haus, Hof, Hab' und Gut verletze kein Gewürm etc. Ferner:
Der Wind sey Nord, Süd, Ost entweder oder West
Des Wohltätigen Haus, das stehet immer fest etc.
Auch: Nun so gesegnet sei dein Korb und übriges,
Es müsse stets darin sein was Ergiebiges!
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Die deutsche Historikerin Gertrude Aretz befasste sich insbesondere mit Lebensläufen berühmter historischer Persönlichkeiten. 1940 erschien posthum Berühmte Frauen der Weltgeschichte.
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