Stralsund, Meersund, Gellen, Schwedisch-Pommern, Neu-Vorpommern, Jaromir I., 1209, Dänholm, 1212, 1234.

Eine der interessantesten und in früheren Jahrhunderten mächtigsten Städte der Ostseeküsten war Stralsund, das durch seine Geschicke einen welthistorischen Namen erhalten hat. Die alte, aus der Ferne durch ihre gewaltigen Thürme sich großartig präsentirende Stadt ist von Rostock gegen 9 Meilen entfernt und liegt der romantischen Insel Rügen gegenüber, von diesem Eilande getrennt durch einen schmalen Meersund, den Gellen.

So lange die pommerschen Küstenländer unter schwedischer Herrschaft standen, war Stralsund die Hauptstadt von Schwedisch-Pommern, jetzt ist sie Hauptort des Regierungsbezirkes Neu-Vorpommern. Die Zahl ihrer Einwohner, die sich auf 16 bis 18,000 beläuft, entspricht nicht ihrer Größe, wie denn überhaupt der äußere Anblick der Stadt den Reisenden besticht und täuscht über Das, was er innerhalb ihrer Thore findet.

Seine Entstehung verdankt Stralsund einem Fürsten von Rügen, Jaromir I., welcher es im Jahre 1209 unter dänischer Hoheit gründete. Die Insel Dänholm, auf welcher gegenwärtig Preußen einen Kriegshafen anlegen will, damals Strale genannt, und die Meerenge Sund gaben ihr den Namen. Jaromir lebte nicht im besten Einverständnisse mit den pommerschen Herzögen, auf welche in damaliger mittelalterlicher Zeit das Sprichwort von der pommerschen Grobheit wohl besser gepaßt haben mag, als in unserm civilisirten Jahrhundert. Deshalb statteten ihm die Beherrscher Pommerns auch schon im Jahre 1212 einen Besuch in der kaum entstandenen Stadt ab, verheerten sie mit Feuer und Schwert und hätten wohl auch dem kühnen Jaromir das Garaus gemacht, wäre es diesem nicht gelungen, umgeben von tapfern Bürgern sich in die verschont gebliebene Kirche zurückzuziehen und von da aus die Feinde mit Glück zu bekämpfen. Als die Stadt wieder aufgebaut war, erhielt sie 1234 von Witzlav I. lübisches Recht, wie viele an der Ostsee und in Nordalbingien gelegene Städte, die von Lübecks Macht und Einfluß abhängig waren und sich gern der schützenden Metropole an der Trave anschlössen. Weil aber Stralsund rasch aufblühte und in Handel und Wandel sogar mit Lübeck zu wetteifern begann, verstanden die auf ihre Macht eifersüchtigen Lübecker unrecht, überfielen die Stadt unvermuthet, plünderten und zerstörten sie und führten viele ihrer ersten Bürger in die Gefangenschaft. Dies geschah 1238. Indeß sollte die Freude der Lübecker über diesen Freibeuterzug nicht gar lange dauern. Fürst Witzlav sah nicht ruhig zu, zog gegen die Handelsstadt mit Heeresmacht nnd erzwang nicht allein Herausgabe der Gefangenen, sondern ließ sich auch noch eine sehr bedeutende Summe als Schadenersatz von den reichen Handelsherren bezahlen. Diese Befehdung Stralsunds durch Lübeck wiederholte sich zum zweiten Male 1277; erst mit der Begründung des Hansabundes, dem Stralsund beitrat und in welchem es bald eine sehr wichtige Rolle spielte, hörte diese Rivalität zwischen beiden Städten auf.
Im Jahre 1316 kehrte Stralsund die Waffen gegen seinen eigenen Herrn, zerstörte mit Hilfe der Herzöge von Pommern dessen Burg Rugigard und trat nach dem Aussterben des Geschlechtes der Witzlav mit sammt Rügen als Theil Pommerns zum deutschen Reiche (1325). Beinahe zwei Jahrhunderte lang bewahrte sich von nun an Stralsund eine Macht und Unabhängigkeit, die sich nur vergleichen läßt mit jener Lübecks. Die Stadt war so frei, wie irgend eine in Deutschland, obwohl sie dem Herzoge von Pommern gehörte. Sie eroberte sich unter andern Privilegien das Recht, Krieg und Frieden zu schließen, Bündnisse mit fremden Mächten einzugehen und, falls der Herzog irgendwie an einem ihrer Gerechtsame rütteln sollte, sich ein anderes Oberhaupt zu wählen. Sie allein von allen Städten im Lande Pommern durfte Seehandel treiben, Rügen war gehalten, all seine Erzeugnisse nur nach Stralsund zu bringen. Kein Bürger der Stadt brauchte Zoll im Lande zu entrichten.

Um diese Zeit stieg ihre Einwohnerzahl bis auf 50,000 Seelen, doch schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts trat ein Stillstand im Wachsen der Stadt ein. Sie hatte ihre größte Blüthe erreicht und fing mit Beginn des 16. Jahrhunderts an zu sinken, erst unmerklich, späterhin rascher. Der Verfall der Hansa ward auch der Ruin Stralsunds. Unglückliche Kriege kosteten ihr große Summen und entzogen ihr die großen Geldmittel, welche einer Handel treibenden Stadt so nöthig sind. Auch die Reformation, die im Innern zu allerhand Wirren Anlaß gab, zerrüttete Wohlstand und Macht; Fehde folgte auf Fehde, Umwälzung auf Umwälzung. Dadurch ward eine gänzliche Umgestaltung der Stadt Verfassung herbeigeführt. Ein unternehmender, feuriger junger Mann, Roloff Moller, erregte einen Aufstand, wodurch er dem Rathe seine bisherige Macht entzog und dieselbe in die Hände eines durch die Bürgerschaft gewählten Ausschusses von 48 Männern legte. Wurde auch Moller später ebenfalls gestürzt, so blieb die durch ihn erkämpfte freiere Stadtverfassung doch in Kraft. Leider bildete sich dadurch später eine ungestüme Volksherrschaft aus, die ihren Höhepunkt bekanntlich durch die überwiegende Energie Wullenwebers in Lübeck erreichte und die bekannte Grafenfehde herbeiführte, deren Ausgang so unglücklich war und mit dem Sturz der Achtundvierzig in Stralsund endigte (1537).


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