Kiel, 1665, Herzog Christian Albrecht, Universität, Rendsburg, 1242, Schleswig-Holstein, Gottorp.

Wenige Städte sind so ungewöhnlich freundlich gelegen wie Kiel. Die tiefe Bucht, welche die Wogen der Ostsee eingewühlt haben in das fruchtbare Küstenland, wird auf beiden Ufern von malerischen, schön bewaldeten Hügeln umgeben und weitet sich gegen das Meer zu so bedeutend aus, dass man schon in geringer Entfernung von der Stadt den Spiegel der Ostsee entdecken kann.

Kiel ist nicht schön, doch ziemlich regelmäßig gebaut, gewährt aber durch seine alten malerischen Giebelhäuser und die ansehnlichen türme seiner Kirchen von allen Seiten einen lockenden Anblick. Es besteht eigentlich aus drei Stadtteilen, der Altstadt, östlich am Meerbusen gelegen, der neugebauten Vorstadt südlich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes und dem westlich etwas bergan steigenden Kuhberg. Die Altstadt liegt auf einer Halbinsel zwischen dem Meerbusen und einem mit diesem zusammenhängenden kleineren Seearme, dem so genannten kleinen Kiel.

Obwohl Kiel nicht rivalisieren kann mit der beträchtlichen Handelstätigkeit der benachbarten größeren Küstenstädte der Ostsee, ist die Stadt doch belebt, macht stets einen heiteren Eindruck und gibt sich dem Fremden gleich auf den ersten Blick als ein strebsamer, geistige Kräfte in sich bergender Ort zu erkennen. Diesen Charakter verleiht ihr vorzugsweise die Universität, im Jahre 1665 von Herzog Christian Albrecht gestiftet. Da meistenteils nur Landeskinder, d. h. Schleswig-Holsteiner hier studieren, so ist die Zahl der Studenten nicht all zu groß. Durchschnittlich zählt man deren etwa 200. Professoren sind: 30 angestellt außer einer Menge auf keiner Hochschule fehlender Dozenten.

Durch diesen Zusammenfluss geistiger Kräfte wird Kiel nicht allein in geselliger Beziehung der angenehmste Aufenthaltsort in ganz Schleswig-Holstein, es war als Mittelpunkt deutscher Intelligenz auch von jeher die Pflanzstätte deutschen Sinnes, deutscher Kraft. Die Universität Kiel mit ihrer frischen, empfänglichen jungen Männerwelt, die immer von Frischem sich ergänzt durch neue Ankömmlinge, hat wesentlich beigetragen zur Wahrung deutscher Nationalität in dem so eng verbundenen Bruderlande. Hier fand die anfangs nur geistig sich den dänischen Übergriffen opponierende Bewegung einen festen Mittelpunkt, der bei der später folgenden Erhebung von unberechenbarem Einfluss war. Ohne die Kieler Studentenschaft, die sogleich als Freikorps sich stellte, würde die so glücklich ausgeführte Überrumpelung Rendsburgs kaum ausführbar gewesen sein;, ohne den Besitz dieser Festung aber fehlte der Bewegung der Kopf, denn Rendsburg allein besaß Alles, was man brauchte, um dem feindlich auftretenden Dänemark getrost die Spitze bieten zu können.

Schon im Jahr 1242 erhielt Kiel Stadtgerechtigkeit und nahm, begünstigt durch seine Lage an der tiefen Seebucht, schnell an Bedeutsamkeit zu.

Dieser Meeresarm der Ostsee ist von solcher Tiefe, dass die größten Kriegsschiffe bis dicht an die Stadt heraufsegeln können, was ja auch die Dänen im vorigen Jahre zu dem Entschlusse bewog, die Strandbatterien bei Eckernförde und Kiel durch ihre Kriegsschiffe vernichten zu lassen, um sodann Truppen an’s Land zu werfen, ein Plan, den freilich der starke Ostwind des 5. April und die gut gezielten Kugeln der schleswig - holsteinschen und nassauschen Artillerie gänzlich zerstörten.

Bis zu Anfang des 14. Jahrhunderts residirte in Kiel eine schauenburgsche Grafenlinie, in neuerer Zeit ließen sich die Mitglieder des aus Schleswig vertriebenen Hauses Gottorp daselbst nieder, bis dasselbe den russischen Czarenthron bestieg. Katharina II., diese in ihrer Art große Fürstin, verlebte auf dem Kieler Schlosse ihre Jugendjahre, das derselben großentheils seine gegenwärtige Gestalt verdankt. Dies Schloss hat, obwohl es kein Gebäude in gutem und schönem Style genannt werden kann, ein malerisches Aeußere und bietet von der Plattform seines schlanken und ziemlich hohen Turmes eine entzückende Aussicht auf das blühende Land, den Meerbusen und seine lachenden, mit Landhäusern und anmuthigen Dörfern eingefaßten Gestade dar.

Dicht hinter diesem unfangreichen Gebäude liegt der Schlossgarten, geräumig, mit herrlichen Anlagen geziert und als öffentliche Promenade jedem zugänglich. Verläßt man den Garten, so gelangt man auf die breite, mit majestätischen Bäumen eingefaßte Straße, die nach Düsternbrook führt, zur Rechten den spiegelnden Meerbusen mit seinen Segelbooten und geräuschlos dahinziehenden Schiffen und den darüber in reizender Mannigfaltigkeit leis ansteigenden Uferhöhen.

Durch sehenswerte Kirchen kann sich Kiel mit andern Städten nicht messen. Die Nicolaikirche in der Nähe des Marktes ist zwar ein ziemlich großer Bau und ursprünglich in ächt gothischem Style aufgeführt, was schon ihr hohes Alter beweist - sie stammt aus dem 13. Jahrhundert -, allein spätere Zeiten haben so viel nicht dazu Gehöriges angefügt, dass sie dadurch sowohl im Innern wie äußerlich verloren hat.

Interessant ist die alte Klosterkirche in der Nähe des erwähnten kleinen Kiel durch das Grabmal Graf Adolphs IV welcher den berühmten Sieg bei Bornhöved erfocht. Gleich Karl v. ging er in seinen späteren Jahren in’s Kloster und starb als Franziscanermönch in Kiel. Gegenwärtig ist das alte Franziscanerkloster nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt vorhanden. Ein Teil desselben ward abgebrochen. In seinen nicht unbedeutenden Räumlichkeiten befand sich früher die Universität, bis sie in das nahe beim Schlosse gelegene, von Sonnie aufgeführte Gebäude verlegt ward.

Ich habe schon angedeutet, wie unberechenbar auf ganz Schleswig-Holstein der geistige Einfluss dieser Bildungsanstalt von jeher war und noch ist. Kiels Universität besaß immer mehrere Lehrer von anerkanntem Namen und wissenschaftlichem Rufe und suchte abgehende Lehrer meistentheils durch tüchtige Nachfolger zu ersetzen. An ausreichenden wissenschaftlichen Hilfsmitteln ist ebenfalls kein Mangel.

Sie besitzt eine Bibliothek von nahe an 100,000 Bänden, ein reich ausgestattetes naturhistorisches Museum nebst einem anatomischen Theater, die beide Fremden gern und mit größter Zuvorkommenheit geöffnet werden. Eben so leicht erhält der wißbegierige Reisende Zutritt zu den ornithologischen und zoologischen Privatsammlungen Bries, wie zu den sehenswerthen entomologischen Schätzen Wiedemanns; Züge nordischer Gastfreundschaft, die auf jeden Reisenden die angenehmste Wirkung machen und stets ihm eine freundliche Erinnerung bleiben.


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