Buch: Umrisse einer Reise
Wanderung in Böhmen hinein. - Rückreise über Pirna. - Sonnenstein. - Die letzten Tage in Dresden.
Mit dem Frührot waren wir alle wieder auf den Beinen; das Nachtlager war zwar nicht das beste, allein doch untadelhaft gewesen. Das Hôtel de Kuhstall, wenn man es so nennen kann, ist fast nur von rohen Planken errichtet; es ward uns mitten auf dem Boom ein Familienbett zurechtgemacht; eine große Klippe ragte einem Schornsteine gleich ins Zimmer, wo wir in unsern Kleidern Mann an Mann schliefen; während die Damen im oberen Stock in ein ähnliches Bett untergebracht waren. Die Vögel trillerten lustig, allein dieselben hatten gewiss auch besser geschlafen als wir, mindestens hatten sie das Bett gehabt, welches sie gewohnt waren. Der Nebelschleier hing der ganzen Natur wie Schlaf in den Augen, so dass sie eben nicht vergnüglich aussah. Endlich brach die Sonne hindurch; allein ich war des steten Fichtenholzes endlich müde, selbst in der besten Beleuchtung sieht es kalt und steif aus. Der Weg ging über Basaltstücken in einem beständigen Zickzack bergauf; wir kamen so zum kleinen Winterberge. Hier soll Kurfürst August von Sachsen 1588 einen mächtigen Hirsch bis zum äußersten Felsenrande verfolgt haben; der Kurfürst stand auf dem engen Pfade unterm Felsen; das von den Hunden verfolgte Tier über ihm; es war im Begriff auf ihn herabzuspringen und alsdann stürzte er unfehlbar in den Abgrund; zur Rettung war nur die Erlegung des Tieres das einzige Mittel; er legte an und war glücklich. Sein Sohn ließ nachmals auf dieser Stelle ein Jagdhaus erbauen, das noch steht und dessen Dach mit dem Geweihe dieses Tieres geschmückt ist.
Nach einer etwas ermüdenden Wanderung hörten die Fichten auf und wir standen unter grünen, herrlichen Buchen; ringsum hüpften Quellen auf dem freundlichen Grunde und noch einige Schritt, so standen wir 1780 Pariser Fuß über der Meeresfläche. Welche Unendlichkeit breitete sich um uns her aus; tief unten in der waldgrünen Tiefe schlängelt die Elbe wie ein schmales Band sich allmählich verlierend gegen Dresden, dessen Kuppeln und Türme sich vor den blaulichten Bergen von Meißen erheben. Es war doch herrlich in Böhmen; nie habe ich mir den dunkelblauen Schein der Berge vorstellen können; wie ein verkleinertes Meer lagen sie vor mir und draußen am fernen Horizonte erhob sich das Riesengebirge mit seinem Schnee wie ein luftiges Schattenland, wo man bis zum Kolmberg schaut, obgleich 4 - 5 Meilen dazwischen liegen. Dicke Wolken zogen an den Seiten der Berge hin; hier lag eine Partie völlig im Schatten, während eine andere sich in dem hellen Sonnenschein erhob. Auch in meinem Herzen leuchtete die Sonne, während dichte Wolken über die innere Welt hinfuhren. Es liegt etwas mächtig Ergreifendes darin, so ein großes Land zu überschauen; wie manches Herz klopft vor Sehnsucht und Freude tief unten im Tale; wie manche Zähre fällt nicht brennend heiß hoch über den Wolken auf den stolzen Bergen. Könnte man im Herzen des Fremdlings lesen, welcher hier unter dem Heidekraut sitzt, welche Idylle oder Epos würde man da nicht finden! Er sieht auf die freundliche Landschaft unter den wilden Felsenmassen nieder, und auf die wogenden Wolken, welche sich bald schließen, bald öffnen und dieses friedliche Paradies sehen lassen.
Hoch auf Bergen, wo die Wolken gehn,
Wo die schwarzen Fichten stehen,
Wo der Quell rieselt ins Felsengestein
Sitz' ich allein!
Eine Insel ist des Felsens Höh',
Der Himmel umgibt sie als mächtige See.
Ein Riss fällt in die Wolken hinein
Und im Sonnnenschein
Seh' ich drunten die grüne Welt,
Wo ich die Heimat einst hatte.
Dort, wo die Vöglein schlagen,
Wo die dunkeln Hütten ragen,
Wo Rauch in blaulichter Weite
Wirbelt an des Berges Seite,
Da kehrt' ich sonst heimwärts
Und fand ein liebend Herz.
Seel' und Sinne mochten allein
Ihr, der Einzigen, sich weihn.
Sie liebte mich, war mir treu -
Treu? - Drum schied man uns zwei.
Braut ward sie - dort auf den Matten,
Wo Eichen ihre Hütte beschatten,
Wo Wipfel den Rauch zerteilen,
Da wird ihr Sinnen weilen,
Sie wagt nicht zu denken an mich,
Doch mein Herz träumt nur Dich.
Sünd' auf Sünde häuf' ich im Schmerz,
Du mir bewahrst beständig mein Herz.
O du wogendes Wolkenmeer,
Zeig meiner Liebe Grab mir nicht mehr.
Zuweilen kann eine einzige Melodie, welche wir nur einmal hören, einen so mächtigen Eindruck auf unser Herz machen, dass sie mitten unter der Eiligkeit unserer Welt uns wieder ertönt, ohne dass wir sie laut zu singen vermögen, indess sie lebendig durch unser Innerstes brauset; so geht mir's auch mit den herrlichen Natur-Szenen und dem in Farben und Licht hervortretenden Tonstücke, welches ich auf meiner mehrstündigen Wanderung in den böhmischen Bergen kennen lernte. Vieles trug hierzu auch der Umstand bei, dass hier die südlichste Partie war, welche ich sehen wollte, und ich, nachdem ich den Rücken gewandt, beständig nordwärts reisen musste. In der schönsten Sonnenbeleuchtung liegt die ganze Landschaft in meiner Erinnerung; ich sehe jeden Punkt lebendig und wie entschwundene Melodien tönt es oft durch meine Seele, ohne das ich es recht in Tönen oder Gesang auszusprechen vermöchte. Ich sehe den großen Platz im Walde mit den umgehauenen Fichten, wo man uns sagte, wir treten nun über die Grenze; ich sehe das von der Sonne gebräunte böhmische Mädchen mit dem weißen Tuche um den Kopf und den entblößten Füßen, die uns im dunkeln Walde begegnete; und nun die milde Partie Prebischtor, wo wir unter dem mächtigen Felsenbogen standen, den der mächtige Naturgeist keck über unserm Haupte gewölbt hatte. Ich erblicke die unabsehliche schwarze Waldung tief unter uns und die fernen Berge mit ihrem Schnee, den helle Sonnenstrahlen bescheinen. Nur in dies Tal hinab, dachte ich, und nicht weiter! und doch öffnet sich hinter jenen Bergen ein noch schöneres Tal, wo man Tirols Grenze erblickt, wo man auf den hohen Bergen bereits Italiens Lüfte einatmet. Nur in dies Tal noch und dann heimwärts - heimwärts gegen Norden, um vielleicht nie mehr hierher zurückzukehren, nie wieder Berge mit ihrer dunklen Waldung zu sehen, hoch im weißblauen Gewölk; ich geriet recht in die Betrachtung der Schattenseite meiner Heimat; ich sah recht leibhaft die Ostergasse an einem hagelreichen Herbsttage, worauf die großen und kleinen Leute eilig auf und ab laufen. Statt der Vögel Gesang hörte ich das nichtssagende Geschwätz, die frischen Kritiker, die Bitterkeit und den vornehmen Ton, womit alle mir ent- gegenkommen werden.
Ein Dichter ist ein kleiner Singvogel, der seinen Sang zwitschern mag, allein er ist kein Aar, den die Menge fürchtet oder eine Schwalbe, welche man blindhin nicht anfallen zu dürfen glaubt, und er muss sich gefallen lassen, dass jeder Junge, dem es einfällt, einen Stein nach ihm werfen kann.
Wäre ich allein hier zwischen den Felsen gewesen, ich möchte geweint haben und dann würden gewiss wieder Bilder von daheim in meinem Herzen erwacht sein, welche mich mit der Welt wieder würden versöhnt haben.
Wir liefen den steilen Berghang hinab, an dem der Pfad sich in weiten Beugungen hinschlängelte; durch „die heiligen Hallen", eine romantische Felsen- Parthie unter dem Berge, kamen wir auf die breite Landstraße im Walde; böhmische Bauern fuhren vorbei; große stark gebaute Ochsen zogen die Wagen, das Holz durchtönten Axtschläge, wir kamen bei mehreren Holzhauern vorbei, welche unter Singen die Bäume fällten. Die Böhmen haben einen angebornen Hang zur Musik, fast jeder Bauer spielt die Violine oder bläst die Flöte. Das allein macht mir die Leute lieb, denn wer Musik liebt, muss auch ein gutes, offenes Herz haben. Die Töne sind doch der Irisbogen, welcher den Himmel mit dem Irdischen verknüpft. Farbe, Ton und Gedanken sind doch eigentlich des großen Alls Dreieinigkeit. Das Irdische spricht sich in der Macht der verschiedenen Farben aus und diese offenbaren sich wiederum geistig in den mächtigen Tönen, welche wiederum der Schlüssel zu des Herzens tiefstem Verwahrsam sind. Die Töne allein sind es, welche in diesen Gedankenrätseln, die sich in unserer Seele erheben, zu lesen vermögen.
Wir kamen vor einem, kleinen freundlichen Hause mit rot angestrichenem Holzwerke und Weinranken an der Wand vorbei; hier saß ein Kleiner, von der Sonne gebräunter Knabe mit silberweißem Haar und übte sich auf einer alten Violine; vielleicht wird der kleine einst ein großer Virtuos, setzt die Welt durch sein Spiel in Erstaunen, wird bewundert und verehrt, während ein geheimer Wurm alle grünen Blätter seines Lebensbaums hinwegnagt. Das Holz verlor sich inzwischen immer mehr; der Weg lief zwischen wilden Felswänden, ein kleiner Fluss gab dem Ganzen Abwechselung, Mühle lag an Mühle, wo große Planken und Stämme zersägt wurden; an mehreren Stellen fanden wir zum Übergange über den Fluss nur ein kleines Brett ohne Geländer. Endlich traten wir ein in die böhmische Grenzstadt: Hirniskretzschen.
Alles um mich her hatte einen ganz neuen Charakter! Das Ganze trug ein fremdes eigentümliches Gepräge; ich sehe noch so lebendig unter den gelb- grauen Felsen mit dem grünen Buschwerke die netten rot gemalten Häuser mit ihren hölzernen Altanen, hohen Treppen und Geländern, dem Christusbilde oder der Madonna über der Tür, welche, wie schlecht sie auch gemalt waren, dem Ganzen doch einen inter- essanten Anstrich gaben. Ich sehe noch die vielen Weiber, die muntern Mädchen und Knaben, welche mit entblößten Füßen im Flusse standen und mit langen Stangen die Holzscheite, welche hergeflößt waren, ans Land zogen. Ich sehe das alte gelbbraune Böhmerweib am offenen Fenster, die uns in des heiligen Josephs und Marias Namen grüßte. Ich sehe das wunderbare, bunte Bild mit dem frischen Blumenkranze mitten auf dem Markt, wo ein alter Bauer kniend sein Ave Maria abliest, und wo das junge, hübsche vorbeigehende Mädchen sich tief verneigt und das Zeichen des Kreuzes macht.
Hier sah ich auch ein Bild des böhmischen Schutzpatrons, des Heiligen Nepomuck. Es kam mir ganz sonderbar vor, mich in einem Lande zu wissen, wo ich für einen Ketzer galt. Die katholische Kirche in Dresden mit ihren Zeremonien und ihrer Kirchenmusik versetzte mich dem päpstlichen Stuhle nicht so nahe, als diese Heiligenbilder unter dem freien Himmel und der Gruß der katholischen Alten. Wir gingen eine Strecke längs der Elbe, wo wir auf österre- ichische Grenzsoldaten stießen, welche aus der Stummen sangen; die bekannte Melodie bewirkte, dass ich mich der Heimat näher träumte, als ich war. Die böhmischen Ruderer warteten mit einer Gondel, welche uns nach Sachsen zurückbringen sollte. Der Wind blies in die Segel, auf beiden Seiten erhoben sich bewaldete Berge; wir kamen an mehreren großen Schiffen vorbei, welche mit Zimmerholz und Planken tief aus Böhmen herkamen; dicht bei der Elbe sahen wir einen großen Steinbruch, welcher für einen Dänen besonders merkwürdig ist, weil hier die Steine zum Schlosse Christianborg gebrochen sind. Nicht weit von hier erhob sich über den Pfad, welcher längs der Elbe läuft, ein Felsen, welcher in der Ferne von Natur ganz wunderbar Ludwig XVI. Büste glich und hievon auch seinen Namen hatte; es war der ganze Ausdruck seines Gesichts, auch die große Allongeperücke hing um das Riesenhaupt; kommt man dicht unter die Klippe, so wird das Ganze undeutlich und man sieht nur die wilden Felsenstücke übereinander mit grünen Büschen an den tiefen Klüften.
Bei Schandau stiegen wir ans Land, in der Absicht am nämlichen Abend nach Dresden zurück- zukehren; allein wir hatten erst noch eine Felsenpartie, den bekannten Lilienstein, zu besuchen. Senkrecht erheben sich die stolzen Felsblöcke, wir standen unten an ihrem Fuße unter der alten Linde, welche auch Friedrich II. ihren Schatten bot. Eine Menge Fußsteige kreuzten einander hinaufwärts; bald sanken wir ein im tiefen Sand, bald mussten wir fast lotrecht eine Treppe hinaufsteigen, welche in die Felsen eingehauen war. Über einer gähnenden Kluft lag eine kleine hölzerne Brücke, der Pfad wand sich immer mehr; endlich standen wir da auf der obersten Spitze, welche eine große Fläche bildet und den ganzen Umfang des Felsens einnimmt, mit Fichten bedeckt. Auf einer hervorspringenden Klippe stand eine Säule zur Erinnerung ans Jahr 1708, wo König Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, den Lilienstein bestieg. Welch' eine herrliche Aussicht hat man nicht von hier oben über Schandau bis zu den böhmischen Bergen. Tief unten zwischen sandigen grünen Matten lief die Elbe und jenseits zeigte sich der Flecken Königsstein unter dem stolzen Felsen, worauf die Festung liegt. Die ganze Gegend unter diesen Bergen ist, wie bekannt, merkwürdig durch Friedrich II. glücklichen Feldzug gegen die Sachsen 1756, welche er hier einschloss und zur Übergabe zwang.
Weder der Lilienstein noch der Königsstein hatten übrigens für mein Auge aus der Ferne etwas Malerisches, sie waren mir zu gerundet. Beide erheben sich gleich zwei ungeheuren Torten, auf denen das Gehölz für einen Aufsatz und die Gebäude selbst mit ihren roten Dächern für einen Putz gelten konnte, welcher auf den Kuchen gelegt wird. Unser Führer erzählte uns, dass es hier unten am Liliensteine nicht ganz richtig sei: Es liege dort ein böser Schatz, den böse Geister bewachten. Zuzeiten sahen die Schiffer, welche in mondhellen Nächten die Elbe hinabsegelten, Lichtflammen hier oben sich bewegen und der einsame Wanderer, dessen Weg zur Nachtzeit hier vorüber- führte, hörte tiefes Dröhnen im Felsen; das waren die Geister, welche die Schätze hin und her schafften.
Ein kleiner Steg längs der Elbe führte uns unter hohen Felsenwänden nach Pirna. Wir kamen vor der Bastei vorbei, die Reisenden droben sahen kaum aus wie schwarze bewegliche Punkte auf den himmelhohen Felsenspitzen. An mehreren Steinbrüchen waren hölzerne Tafeln aufgeschlagen, worauf man die Warnung las, sich nicht länger, als nötig, hier aufzuhalten, da öfters Steinblöcke sich ablösen und niederstürzen; wir sahen umher Felsenstücke im Tal zerstreut liegen. Bald gelangten wir zu freundlichen Bauerhäusern mit großen Küchen und Hopfen-Gärten; die Kirschen waren reif und hingen rot und saftig unter grünen Blättern. Das freundliche Pirna dehnt sich mit seinen roten Dächern am jenseitigen Ufer und die Sonne warf ihre letzten Strahlen gegen das hohe Bergschloss Sonnenstein, welches sich neben der Stadt erhebt. In einer großen Fähre wurden wir über die Elbe gesetzt und traten nun in die hübsche, freundliche Stadt; sie soll 5000 Einwohner zählen und sah auch recht ansehnlich aus. Die gotische große Hauptkirche erhob sich stolz mit ihren alten Glasmalereien in den spitzen Fenstern; Spaliere mit schönen, gefüllten Moosrosen richteten sich an den Wänden mehrerer Häuser empor.
Eine hohe Treppe führte zum Altane von Sonnenstein hinauf, von wo aus man über den großen Elbstrom nach Dresden schaute. Fast aus ganz Deutschland werden Wahnsinnige hierher gesandt und sie erhalten hier neben der besten Pflege oft ihre Gesundheit wieder.
Ein ganz wunderliches Gefühl muss einen jeden, bei einem Besuche in diesen Mauern, ergreifen, welche eine Welt für sich umschließen, eine Welt, welche aus ihrer natürlichen Bahn gerissen ist, und wo deshalb das lebensgrüne, junge Spross zusammen- schrumpft oder sich zu einer geistigen Missgestalt entwickelt. Die Phantasie dieses Lebens bester Cherub, welcher uns den Sand der Wüste in ein Eden umza- ubert, die uns mit ihren starken Armen über den tiefsten Abgrund hinweghebt, über den höchsten Berg und in Gottes herrlichen Himmel hinauf, ist hier eine furchtbare Chimäre, deren Medusenhaupt die Ideen der Vernunft versteinert, und haucht einen magischen Kreis um das unglückliche Opfer, welches für die Welt verloren ist.
Siehst du das kleine viereckige Zimmer mit dem eisenvergitterten Fenster oben? Mitten unter Stroh auf dem Boden sitzt der nackte Mann mit dem schwarzen Barte und dem Strohkranze um das Haupt, der seine Krone ist; eine Distel, welche er im Stroh fand, ist sein Zepter; er schlägt nach den Fliegen, welche ihn umsummen, denn er ist König, er ist Despot; die Fliegen sind seine Untertanen, sie haben sich, sagt er, empört, sie wollen seinen Kopf, sie sind darin zusammengedrängt; er begreift selbst nicht, wie? Allein er fühlt, wie sie drinnen stürmen und ihm den Kopf doch nicht von den Schultern reißen können. Hier nahet sich uns ein Frauenzimmer, sie ist hübsch gewesen, allein der Schmerz hat ihre Züge verzerrt. „Ich bin Tassos Leonore! Heine hat mich auch besungen! Ach ja, manche Dichter haben mich besungen, und das kann ein weibliches Herz recht kitzeln, das ist mein Triumph; da war auch einer, doch er konnte mich nicht besingen, da schoss er sich ins Herz und das war doch ebenso gut als ein Gesang; nur ist nun die ganze Welt rasend aus Liebe zu mir, desbalb bin ich heraus und auf dies fremde Schloss gebracht, allein hier sind sie, da sie mich sehen, alle zusammen närrisch geworden, allein ich kann doch nichts dazu tun!" Am offenen Fenster sitzt ein junger, bleicher Mann; er stützt den Kopf auf den Arm und sieht hinaus in den roten Abendhimmel und auf die Schiffe, welche mit ausgespannten Segeln im Winde die Elbe hinangleiten. Als wir uns nähern, stört ihn dies nicht in seinen Betrachtungen; er sieht sein ganzes Dasein für einen Traum an, erinnert sich einer glücklichern Zeit, die er erlebt hat und betrachtet nur uns und die ganze Natur als Traumbilder.
Einer hat die fixe Idee, er könne jeden klopfenden Herzens-Pulsschlag vernehmen, könne es im Tode brechen hören, - es bricht für ihn in den wildesten Tönen, so wird er rasend. Man bindet ihn auf einen Stuhl, welcher mittelst eines Rades in eine wirbelnde Drehung versetzt werden kann. Mit einem wilden Schrei saust er herum, bis ihm das Bewusstsein vergehet, dann hält man das Rad auf.
Doch hinweg mit diesen furchtbaren Bildern, der Wagen, welcher uns in einigen Stunden nach Dresden zurückbringen soll, erwartet uns bereits. Vor der Stadt sah ich in einem Sumpf zum ersten Mal in meinem Leben ein Irrlicht, es hüpfte lustig mit weißblauer Flamme am Boden hin; es war bereits ganz finster, da wir zur Stadt hineinrollten. Nur noch drei Tage konnte ich hier bleiben und noch waren so manche Dinge zu sehen, vieles andere wollte ich auch noch einmal sehen. Wie Wolken in einer stürmischen Nacht jagen die Bilder dieser Tage vor meiner Seele vorüber; jede Stunde brachte mir etwas Interessantes. Ich war auf der Bilder-Galerie, sah noch einmal die Werke der großen Meister und prägte mir die her- rlichen Bilder ins Herz, hörte die Messe in der katholischen Kirche und bestieg noch einmal zum Abschiede die Berge im Plauenschen Grunde, einer romantischen Gegend nahe bei Dresden, welche mich an Rübeland erinnerte, obwohl sie weit reichere Abwechselung darbietet, als jene Harzgegend. Der Weg lief durch die jähen Klippen; da war ein Bach, welcher einen Wasserfall bildete, dabei lag eine Mühle, Köhler fuhren in den Wald und oben auf dem Felsenhang saß ein Knabe und hütete Gänse. In der ganzen Dresdner Bilder-Galerie war kein Gemälde, auf welchem die Figuren besser angebracht sein konnten, als es hier der Fall war. Eine lebende Ruhe lag auf der freundlichen Landschaft, es war als ob Felsen, Wald und Blumen einen südlichern Himmel träumten, während der Fluss zwischen Steinen fortrieselte und der ganzen Natur ein mächtiges, Schlaf bringendes Wiegenlied sang. Dresden selbst lag so freundlich zwischen den grünen Weinbergen, die ganze Landschaft war ein Bild von des Kindes Frieden, von des unschuldigen Herzens roman- tischen Träumereien. Manche ziehen Tharand dem Plauenschen Grunde vor, andere tun das Umgekehrte, ich weiß nicht, welchem Urteile ich beitreten soll. Beide haben für mich etwas Eigentümliches, etwas, welches macht, dass man sich darin ungemein wohl fühlt. Die Beleuchtung einer Gegend und die Beleuchtung unseres eigenen Herzens während des Anschauens wirkt unendlich viel. Der Plauensche Grund mit seinem unter Klippen sich einwindenden Wege, wo Leben und Treiben ist, kommt mir lebendiger vor und veranschaulicht mehr einen männlichen Charakter, wogegen Tharand mit seiner Ruine, seinem spiegelk- laren See, seiner tiefen Einsamkeit, etwas mehr Passives, Weibliches zeigt.
Ich musste recht an den alten Schulmeister denken und mit ihm sagen: „Hier ist guter Platz, hier können sich doch viele Menschen der Herrlichkeit freuen!" Allein wie wenige gibt es doch, welche alles das Prächtige sehen, womit Gott unsere Erde geschmückt hat. - Bisweilen ist doch nur ein geringer Unterschied zwischen dem Menschen und dem Hunde, der an sein Gehäus gekettet nur ein paar Sprünge auf seinem gewöhnlichen Tummelplatz zu machen imstande ist.
Auch die Bibliothek und Antiken hatte ich noch nicht gesehen, der Ober-Bibliothekar, Hofrat Ebert, ein herzlicher Mann, an welchen mich unser Molbech empfohlen hatte, zeigte mir viel Zuvorkommenheit. Alles war geschmückt und hell, der Boden in den großen Sälen war poliert wie ein Spiegel und durch die Fenster - - ja ich vergaß ganz die gelehrte Welt um mich her. - Welches Panorama da draußen! Berge mit lichtgrünen Reben und drunter schwarze Waldung, die Elbe, welche sich in großen Krümmungen schlang, auf welchem Kähne mit weißen Segeln und große Bauholzflöße herabgleiten, nur ein paar Kerle mit bloßen Füßen, kurzen weißen Beinkleidern, ausgeschürzt und mit weißen Strohhüten auf dem Kopfe, steuerten die ganze Holzmasse. Es ist unmöglich hier Sinn für die Bücher zu behalten, wenn man tiefe Natur draußen im hellsten Sonnenschein sieht.
Dass Dresden als Übergangspunkt zwischen dem nördlichen und südlichen Deutschland auch jenen Charakter zeigen kann, davon erhielt ich am letzten Vormittage meines Aufenthalts eine Vorstellung. Es war kalt, so dass mich fror, der Regen strömte nieder und alles erhielt ein finsteres nördliches Ansehen, Träger liefen mit Portechaisen in den Gassen umher, hinter deren roten Vorhängen Damen hervorsahen. Die Elbe sah aus wie Kaffee gelb und dick; fast nie- mand ließ sich auf den Gassen sehen.
Es rauschet der Regen, der Himmel ist grau,
Fern stehen die Berge in nebligem Tau,
Die Elbe fließt her aus Bohemiens Land,
Wo im Lehm sie gelbliche Farbe fand.
Ein Krieger geht, in den Mantel gehüllt,
Über die Brücke, wo steht des Gekreuzigten Bild
.An Sturm und Regen denkt nicht sein Herz,
Sein Sinnen richtet er heimwärts.
Da scheinet die Sonne, da ist es nicht trüb',
Denn da weilt seines Herzens Lieb
Sie denket er - Was mag sie nun wohl tun?
Sie ist ein Weib - nichts andres- ja nun -
Die Treue ist trübe als hier die Elb',
Laß sie gleich dieser werden auch gelb!
Höher am Tage ward es wieder sonnenklar und sonnenwarm, das Menschengetümmel regte sich wieder auf der Brühlschen Terrasse, wo die Bäume, vom Regen erfrischt, dufteten. Oben brauste Musik, Gondeln, Boote und Schiffe kreuzten einander auf der Elbe. Dahl hatte am Abend eine kleine Gesellschaft von Norwegern und Dänen versammelt, er war ein munterer freundlicher Wirt, wir sprachen alle Dänisch und träumten uns in die Heimat zurück ans herrliche Meer. Spät schieden wir, am nächsten Tage zogen einige nach Osten, andere gen Westen, zwei gingen nach Rom und Neapel - ich - triste dictu nach Berlin.
Der letzte Morgen in Dresden brach mir nun an. Ich musste hinauf, um nochmals die herrlichen Töne unterm Kirchengewölbe brausen zu hören, um noch einmal die grünen Weinberge in der Morgenbeleuchtung zu sehen. Der Tag war so schön, die ganze Gegend an der Elbe lag im herrlichsten Sonnenschein, mir war's als habe alles Sonntagskleider angezogen, um mir Lebewohl zu sagen! Dies fühlte ich denn auch um so stärker. Es war keine Messe in der katholischen Kirche, die Orgel spielte nur ihre ein- fachen Melodien, allein es war ja der Abschiedsgesang, die letzten tiefen Töne, welche ich vielleicht in meinem Leben hier vernahm. In einem Beichtstuhle sah ich einen alten Priester mit einem ehrwürdigen Gesichte, ein junges Mädchen kniete auf der andern Seite vor dem Gitter und beichtete; ich wünschte mir auch einen solchen Freund, einen Vater, vor dem ich meine Gefühle recht ausschütten könnte, die so mächtig in meiner Brust beim Abschiede von der teuren fremden Stadt sich regten, die dem Herzen nicht länger fremd war.
Was ich mich nicht scheue dem Papier anzuver- trauen, dessen Blatt doch ein Midas-Sieb ist, wodurch alles der Welt ausgeplaudert wird, dass muss ich doch vor den Menschen verhelen, wenn ich selber mit ihnen zusammentreffe. In meiner Jugend war ich meiner natürlichen Empfindsamkeit wegen verspottet, die doch keine Empfindelei war, so dass ich mit meinem eigenen Herzen und den besten Gefühlen spielen musste, um nicht zwischen andern vernünftigen Leuten für einen fühlenden Narren zu gelten; derselbe eisige Schreck überfällt mich noch jetzt, wenn mein Herz es selbst wird, und ich mache dann oft ein lächerliches Gesicht, um nicht zu zeigen, dass ich weine. So schämte ich mich auch als ich Dahl Lebewohl sagen wollte, dass derselbe meine innere Betrübtheit bemerken würde, ich lachte und scherzte, bis ich ins Freie kam, wo mir Sand in die Augen wehte, dass sie vom Wasser überliefen. Dahl gab mir beim Abschiede einige Zeichnungen zur Erinnerung und eine Skizze in Öl, damit ich doch sagen könne, ich habe etwas Gemaltes von ihm, dass ganze Stück war so groß, das ich's in der flachen Hand verbergen konnte. „Im nächsten Sommer", sagte er, „seh ich sicherlich Dänemark und alle guten Freunde und Bekannte." Er reichte mir die Hand zum Abschiede, „Das ist auf Dänisch," sprach er, „und dies," fügte er hinzu, indem er mich küsste, „ist auf Deutsch." Wie werden uns in dieser Welt noch öfters sehen! Ich konnte jetzt Tieck nicht Lebewohl sagen, ich musste in Gottes freie Luft laufen, bis die bunten Waldbilder ringsum sich in Herz und Sinn wieder abzuspiegeln anfingen, denn diese sind wie das Meer, wenn es stürmt, kann kein Stern sich abspiegeln, doch erblickt man erst die grünen Küsten und zeigen sich des Alltagslebens rotgedeckte Häuser auf der Flut, so ist es auch wieder ruhig.
Tieck empfing mich in seinem Arbeitszimmer und sah mich mit seinen großen, klugen Augen recht herzlich an, ich machte mich stark, da ich die jüngst gedämpfte Wehmut stärker wiederkehren fühlte. Er schien gütig von mir zu denken, rühmte diejenigen meiner Produktionen, welche er kannte und da ich kein Stammbuch bei mir führte, schrieb er mir auf einen Bogen Papier folgende Zeilen zur Erinnerung:
Gedenken Sie auch in der Ferne meiner, wandeln Sie wohlgemut und heiter auf dem Wege der Poesie fort, den Sie so schön und mutig betreten haben. Verlieren Sie nicht den Mut, wenn nüchterne Kritik Sie ärgern will. Grüßen Sie den teuren Ingemann und alle Befreundete und kehren Sie uns bald einmal frisch, gesund und reichbegabt von den Musen nach Deutschland zurück.
Dresden, den 10. Junius 1831.
Ihr wahrer Freund
Ludwig Tieck.
Ich sagte ihm Lebewohl! Kein Fremder sah zu und darum durfte ich weinen, er drückte mich an sein Herz, weissagte mir eine glückliche Zukunft als Dichter und - dachte sicherlich, ich sei ein weit besserer Mensch, als ich bin. Sein Kuss glühte auf meiner Stirn, ich weiß nicht, was ich fühlte, allein ich liebte alle Menschen, könnte ich doch einst als Dichter der Welt etwas schenken, wodurch ich dem großen Dichter beweisen dürfte, dass er in dem Fremdlinge sich nicht irrte.
Es war 6 Uhr abends, als ich mit der Schnellpost aus Dresden wegfuhr; ich sah nun zum letzten Male die katholische Kirche und die Brühlsche Terrasse, indem wir vorbeifuhren. Von der Augustbrücke konnte mein Blick über die Elbe nach Dahls Hause hinüber; ich glaubte ihn am offenen Fenster zu bemerken.
Bald lag die Neustadt hinter uns; Felder und Wiesen erstreckten sich zu beiden Seiten; wir waren unserer neun im Wagen und in diesem Kegelspiel saß ich als König in der Mitte. Gott weiß, dachte ich, wen der Tod zuerst aus uns hinauswirft? Wir alle werden wohl nicht auf einmal geworfen, vielleicht aber die Erdkugel. In der einen Ecke saß ein junger russischer Woiwode. Er kam von Paris, ging über Dresden und Berlin nach Bremen und wollte von dort nach Italien; er hielt nicht viel vom kürzesten Weg. In der anderen Ecke saß ein Engländer, der Dänemark sehr her- ausstrich, wo er gewesen war, und dem nach seiner Ansicht nichts fehlte, als dass es englisch wäre, um die erste Perle in Europas Krone zu sein; allein ich dankte ihm für sein Kompliment. In der dritten Ecke saß ein reisender Schauspieler, woher? Weiß ich nicht mehr; und in der vierten ein junger Wollhändler mit seiner noch jungen Frau, welche aus den Rheingegenden kamen und sich nun in Berlin etablieren wollten; kaum 14 Tage waren seit ihrer Verheiratung verflogen, und deshalb küssten sie einander in einem fort, spielten mit ihren Händen und rezitierten aus Don Carlos. Übrigens waren sie sehr gute Leute, welche mich mit Wein und Karbonade traktierten; die mittelaltrige Schwiegermutter war mit ihnen. Ich hatte dieselbe gerade hinter mir und hörte ihr Klagen, da die Gegend flach zu werden begann; sie hatte nämlich nicht die Vorstellung des Jeppe vom Berg und seines Nachbarn, dass die Erde flach sei; allein dieselbe begann hier auf ihrer ersten Reise nach Berlin sich bei ihr zu bilden. Ich selbst saß zwischen einem Priester und - bald hätt' ich gesagt, einer Priesterin. Ich glaube bestimmt, es war der „Gott und die Bajadere".
Es mangelte also nicht an Gesellschaft; die Gegend war auch schöner als die Lüneburger Heide; aber kein Charakter entwickelte sich recht, keine Elfen spielten hier in Träumen, und der Berliner Sirocco blies mir so viel Prosa ins Herz, dass mein ganzer Zustand auf dieser Nacht- und Tagreise ganz der anderer Situationsmenschen war, ein beständiges Wogen zwischen Schlafen und Wachen. Das Ganze erschien mir als ein Traum, worin die acht Kegel, nämlich die Passagiere, wie menschliche Figuren ohne Bedeutung standen. Dorf folgte auf Dorf, indess die ganze Gegend allmählich von einer vollen, gesundheits- blühenden Natur zur personifizierten Schwindsucht überging. Nur einzelne Bilder traten recht aus diesem Traum-Chaos hervor. So sah ich auf der flachen Ebene in der dämmernden Sommernacht einen Marktflecken, Namens Gerstenhain, liegen. Hier war eine Kirche, deren sämtliche Fenster und Türen zugemauert waren; das Ganze bildete ein hohes Steingewölbe, wo hinein niemand gelangen konnte, und man erzählte, dass sei zur Zeit der Pest geschehen; die Kranken waren hierher gebracht, und als der letzte das Auge schloss, verschloss man auch die ganze Kirche und wagte dieselbe nicht wieder zu öffnen.
Ich sehe früh am Morgen in Jüterbog die fette Wirtin mit dem bedeutungsvollen Lächeln über meine Unwissenheit, da ich nach einem draußen am Rathause aufgestellten steinernen Ritterbilde fragte. Jedes Kind kenne ja den alten Mauritius, meinte sie. Ich mochte wohl der Erste sein, welcher ihr diese wunderliche Frage vorgelegt hatte.
Ich sehe die weltberühmte Mühle bei Sanssouci, welche ihre großen Flügel so langsam drehte, als könne sie bei deren großen Ruhme ihres Namens nicht länger, wie andere bürgerliche Mühlen sich bewegen; aber hier bekam ich doch etwas Grünes vors Auge, hier war auch ein Binnensee; leichte Kähne mit weißen Segeln schwammen auf der Havel dahin. Sanssouci erhob sich auf seinen Terrassen und schaute auf das steife Potsdam; dieses sah so militärisch und schnurgerade aus. Ich sehe das große Schloss mit den langen Kolonnaden, eine lange Reihe von Säulen, mit den vielen Gruppen von Statuen und lebenden Soldaten, welche auch wie Bildsäulen aussahen, hübsch formiert vom Schöpfer und vom Schneider, und nicht minder hübsch dressiert vom Korporale. Potsdam gibt wirklich einen guten Vorgeschmack von Berlin; nur hat Berlin kaum einen grünen Halm vor seinen Toren, wenn man diejenigen ausnimmt, welche durch Anpflanzung, also künstlich gewachsen sind. Allein die Stadt selbst ist auf dieselbe Weise emporgewachsen.
Es war bereits Abend, als wir in ihre Straßen hineinrollten, welche mit ihrer ganzen Unendlichkeit vor und neben uns lagen. Alles sah mir so vornehm aus! Es imponierte durch seine Größe, alles war Reichtum und Pracht; alle Leute schienen mir auch so geputzt. „Es ist doch heute nicht Sonntag?", fragte ich. Nein, im Kalender war Sonnabend, aber Berlin sieht stets aus, als müsste es Sonntagnachmittag, sein.
Wo sollte ich meinen Wohnsitz hier aufschlagen? Da schwebte mir der alte König aus „drei Tage aus dem Leben eines Spielers" vor, den wir alle aus dem Kapitel von Braunschweig kennen. Louis Angely, der Übersetzer der „drei Tage" etc. und Verfasser vieler Vaudevilles, besitzt in Berlin einen der ersten Gasthöfe, den „Kaiser von Russland"; wie konnte ich also wegen der Wahl des Logis in Zweifel sein? Hier wollte und musste ich einkehren.
Nach einer etwas ermüdenden Wanderung hörten die Fichten auf und wir standen unter grünen, herrlichen Buchen; ringsum hüpften Quellen auf dem freundlichen Grunde und noch einige Schritt, so standen wir 1780 Pariser Fuß über der Meeresfläche. Welche Unendlichkeit breitete sich um uns her aus; tief unten in der waldgrünen Tiefe schlängelt die Elbe wie ein schmales Band sich allmählich verlierend gegen Dresden, dessen Kuppeln und Türme sich vor den blaulichten Bergen von Meißen erheben. Es war doch herrlich in Böhmen; nie habe ich mir den dunkelblauen Schein der Berge vorstellen können; wie ein verkleinertes Meer lagen sie vor mir und draußen am fernen Horizonte erhob sich das Riesengebirge mit seinem Schnee wie ein luftiges Schattenland, wo man bis zum Kolmberg schaut, obgleich 4 - 5 Meilen dazwischen liegen. Dicke Wolken zogen an den Seiten der Berge hin; hier lag eine Partie völlig im Schatten, während eine andere sich in dem hellen Sonnenschein erhob. Auch in meinem Herzen leuchtete die Sonne, während dichte Wolken über die innere Welt hinfuhren. Es liegt etwas mächtig Ergreifendes darin, so ein großes Land zu überschauen; wie manches Herz klopft vor Sehnsucht und Freude tief unten im Tale; wie manche Zähre fällt nicht brennend heiß hoch über den Wolken auf den stolzen Bergen. Könnte man im Herzen des Fremdlings lesen, welcher hier unter dem Heidekraut sitzt, welche Idylle oder Epos würde man da nicht finden! Er sieht auf die freundliche Landschaft unter den wilden Felsenmassen nieder, und auf die wogenden Wolken, welche sich bald schließen, bald öffnen und dieses friedliche Paradies sehen lassen.
Hoch auf Bergen, wo die Wolken gehn,
Wo die schwarzen Fichten stehen,
Wo der Quell rieselt ins Felsengestein
Sitz' ich allein!
Eine Insel ist des Felsens Höh',
Der Himmel umgibt sie als mächtige See.
Ein Riss fällt in die Wolken hinein
Und im Sonnnenschein
Seh' ich drunten die grüne Welt,
Wo ich die Heimat einst hatte.
Dort, wo die Vöglein schlagen,
Wo die dunkeln Hütten ragen,
Wo Rauch in blaulichter Weite
Wirbelt an des Berges Seite,
Da kehrt' ich sonst heimwärts
Und fand ein liebend Herz.
Seel' und Sinne mochten allein
Ihr, der Einzigen, sich weihn.
Sie liebte mich, war mir treu -
Treu? - Drum schied man uns zwei.
Braut ward sie - dort auf den Matten,
Wo Eichen ihre Hütte beschatten,
Wo Wipfel den Rauch zerteilen,
Da wird ihr Sinnen weilen,
Sie wagt nicht zu denken an mich,
Doch mein Herz träumt nur Dich.
Sünd' auf Sünde häuf' ich im Schmerz,
Du mir bewahrst beständig mein Herz.
O du wogendes Wolkenmeer,
Zeig meiner Liebe Grab mir nicht mehr.
Zuweilen kann eine einzige Melodie, welche wir nur einmal hören, einen so mächtigen Eindruck auf unser Herz machen, dass sie mitten unter der Eiligkeit unserer Welt uns wieder ertönt, ohne dass wir sie laut zu singen vermögen, indess sie lebendig durch unser Innerstes brauset; so geht mir's auch mit den herrlichen Natur-Szenen und dem in Farben und Licht hervortretenden Tonstücke, welches ich auf meiner mehrstündigen Wanderung in den böhmischen Bergen kennen lernte. Vieles trug hierzu auch der Umstand bei, dass hier die südlichste Partie war, welche ich sehen wollte, und ich, nachdem ich den Rücken gewandt, beständig nordwärts reisen musste. In der schönsten Sonnenbeleuchtung liegt die ganze Landschaft in meiner Erinnerung; ich sehe jeden Punkt lebendig und wie entschwundene Melodien tönt es oft durch meine Seele, ohne das ich es recht in Tönen oder Gesang auszusprechen vermöchte. Ich sehe den großen Platz im Walde mit den umgehauenen Fichten, wo man uns sagte, wir treten nun über die Grenze; ich sehe das von der Sonne gebräunte böhmische Mädchen mit dem weißen Tuche um den Kopf und den entblößten Füßen, die uns im dunkeln Walde begegnete; und nun die milde Partie Prebischtor, wo wir unter dem mächtigen Felsenbogen standen, den der mächtige Naturgeist keck über unserm Haupte gewölbt hatte. Ich erblicke die unabsehliche schwarze Waldung tief unter uns und die fernen Berge mit ihrem Schnee, den helle Sonnenstrahlen bescheinen. Nur in dies Tal hinab, dachte ich, und nicht weiter! und doch öffnet sich hinter jenen Bergen ein noch schöneres Tal, wo man Tirols Grenze erblickt, wo man auf den hohen Bergen bereits Italiens Lüfte einatmet. Nur in dies Tal noch und dann heimwärts - heimwärts gegen Norden, um vielleicht nie mehr hierher zurückzukehren, nie wieder Berge mit ihrer dunklen Waldung zu sehen, hoch im weißblauen Gewölk; ich geriet recht in die Betrachtung der Schattenseite meiner Heimat; ich sah recht leibhaft die Ostergasse an einem hagelreichen Herbsttage, worauf die großen und kleinen Leute eilig auf und ab laufen. Statt der Vögel Gesang hörte ich das nichtssagende Geschwätz, die frischen Kritiker, die Bitterkeit und den vornehmen Ton, womit alle mir ent- gegenkommen werden.
Ein Dichter ist ein kleiner Singvogel, der seinen Sang zwitschern mag, allein er ist kein Aar, den die Menge fürchtet oder eine Schwalbe, welche man blindhin nicht anfallen zu dürfen glaubt, und er muss sich gefallen lassen, dass jeder Junge, dem es einfällt, einen Stein nach ihm werfen kann.
Wäre ich allein hier zwischen den Felsen gewesen, ich möchte geweint haben und dann würden gewiss wieder Bilder von daheim in meinem Herzen erwacht sein, welche mich mit der Welt wieder würden versöhnt haben.
Wir liefen den steilen Berghang hinab, an dem der Pfad sich in weiten Beugungen hinschlängelte; durch „die heiligen Hallen", eine romantische Felsen- Parthie unter dem Berge, kamen wir auf die breite Landstraße im Walde; böhmische Bauern fuhren vorbei; große stark gebaute Ochsen zogen die Wagen, das Holz durchtönten Axtschläge, wir kamen bei mehreren Holzhauern vorbei, welche unter Singen die Bäume fällten. Die Böhmen haben einen angebornen Hang zur Musik, fast jeder Bauer spielt die Violine oder bläst die Flöte. Das allein macht mir die Leute lieb, denn wer Musik liebt, muss auch ein gutes, offenes Herz haben. Die Töne sind doch der Irisbogen, welcher den Himmel mit dem Irdischen verknüpft. Farbe, Ton und Gedanken sind doch eigentlich des großen Alls Dreieinigkeit. Das Irdische spricht sich in der Macht der verschiedenen Farben aus und diese offenbaren sich wiederum geistig in den mächtigen Tönen, welche wiederum der Schlüssel zu des Herzens tiefstem Verwahrsam sind. Die Töne allein sind es, welche in diesen Gedankenrätseln, die sich in unserer Seele erheben, zu lesen vermögen.
Wir kamen vor einem, kleinen freundlichen Hause mit rot angestrichenem Holzwerke und Weinranken an der Wand vorbei; hier saß ein Kleiner, von der Sonne gebräunter Knabe mit silberweißem Haar und übte sich auf einer alten Violine; vielleicht wird der kleine einst ein großer Virtuos, setzt die Welt durch sein Spiel in Erstaunen, wird bewundert und verehrt, während ein geheimer Wurm alle grünen Blätter seines Lebensbaums hinwegnagt. Das Holz verlor sich inzwischen immer mehr; der Weg lief zwischen wilden Felswänden, ein kleiner Fluss gab dem Ganzen Abwechselung, Mühle lag an Mühle, wo große Planken und Stämme zersägt wurden; an mehreren Stellen fanden wir zum Übergange über den Fluss nur ein kleines Brett ohne Geländer. Endlich traten wir ein in die böhmische Grenzstadt: Hirniskretzschen.
Alles um mich her hatte einen ganz neuen Charakter! Das Ganze trug ein fremdes eigentümliches Gepräge; ich sehe noch so lebendig unter den gelb- grauen Felsen mit dem grünen Buschwerke die netten rot gemalten Häuser mit ihren hölzernen Altanen, hohen Treppen und Geländern, dem Christusbilde oder der Madonna über der Tür, welche, wie schlecht sie auch gemalt waren, dem Ganzen doch einen inter- essanten Anstrich gaben. Ich sehe noch die vielen Weiber, die muntern Mädchen und Knaben, welche mit entblößten Füßen im Flusse standen und mit langen Stangen die Holzscheite, welche hergeflößt waren, ans Land zogen. Ich sehe das alte gelbbraune Böhmerweib am offenen Fenster, die uns in des heiligen Josephs und Marias Namen grüßte. Ich sehe das wunderbare, bunte Bild mit dem frischen Blumenkranze mitten auf dem Markt, wo ein alter Bauer kniend sein Ave Maria abliest, und wo das junge, hübsche vorbeigehende Mädchen sich tief verneigt und das Zeichen des Kreuzes macht.
Hier sah ich auch ein Bild des böhmischen Schutzpatrons, des Heiligen Nepomuck. Es kam mir ganz sonderbar vor, mich in einem Lande zu wissen, wo ich für einen Ketzer galt. Die katholische Kirche in Dresden mit ihren Zeremonien und ihrer Kirchenmusik versetzte mich dem päpstlichen Stuhle nicht so nahe, als diese Heiligenbilder unter dem freien Himmel und der Gruß der katholischen Alten. Wir gingen eine Strecke längs der Elbe, wo wir auf österre- ichische Grenzsoldaten stießen, welche aus der Stummen sangen; die bekannte Melodie bewirkte, dass ich mich der Heimat näher träumte, als ich war. Die böhmischen Ruderer warteten mit einer Gondel, welche uns nach Sachsen zurückbringen sollte. Der Wind blies in die Segel, auf beiden Seiten erhoben sich bewaldete Berge; wir kamen an mehreren großen Schiffen vorbei, welche mit Zimmerholz und Planken tief aus Böhmen herkamen; dicht bei der Elbe sahen wir einen großen Steinbruch, welcher für einen Dänen besonders merkwürdig ist, weil hier die Steine zum Schlosse Christianborg gebrochen sind. Nicht weit von hier erhob sich über den Pfad, welcher längs der Elbe läuft, ein Felsen, welcher in der Ferne von Natur ganz wunderbar Ludwig XVI. Büste glich und hievon auch seinen Namen hatte; es war der ganze Ausdruck seines Gesichts, auch die große Allongeperücke hing um das Riesenhaupt; kommt man dicht unter die Klippe, so wird das Ganze undeutlich und man sieht nur die wilden Felsenstücke übereinander mit grünen Büschen an den tiefen Klüften.
Bei Schandau stiegen wir ans Land, in der Absicht am nämlichen Abend nach Dresden zurück- zukehren; allein wir hatten erst noch eine Felsenpartie, den bekannten Lilienstein, zu besuchen. Senkrecht erheben sich die stolzen Felsblöcke, wir standen unten an ihrem Fuße unter der alten Linde, welche auch Friedrich II. ihren Schatten bot. Eine Menge Fußsteige kreuzten einander hinaufwärts; bald sanken wir ein im tiefen Sand, bald mussten wir fast lotrecht eine Treppe hinaufsteigen, welche in die Felsen eingehauen war. Über einer gähnenden Kluft lag eine kleine hölzerne Brücke, der Pfad wand sich immer mehr; endlich standen wir da auf der obersten Spitze, welche eine große Fläche bildet und den ganzen Umfang des Felsens einnimmt, mit Fichten bedeckt. Auf einer hervorspringenden Klippe stand eine Säule zur Erinnerung ans Jahr 1708, wo König Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, den Lilienstein bestieg. Welch' eine herrliche Aussicht hat man nicht von hier oben über Schandau bis zu den böhmischen Bergen. Tief unten zwischen sandigen grünen Matten lief die Elbe und jenseits zeigte sich der Flecken Königsstein unter dem stolzen Felsen, worauf die Festung liegt. Die ganze Gegend unter diesen Bergen ist, wie bekannt, merkwürdig durch Friedrich II. glücklichen Feldzug gegen die Sachsen 1756, welche er hier einschloss und zur Übergabe zwang.
Weder der Lilienstein noch der Königsstein hatten übrigens für mein Auge aus der Ferne etwas Malerisches, sie waren mir zu gerundet. Beide erheben sich gleich zwei ungeheuren Torten, auf denen das Gehölz für einen Aufsatz und die Gebäude selbst mit ihren roten Dächern für einen Putz gelten konnte, welcher auf den Kuchen gelegt wird. Unser Führer erzählte uns, dass es hier unten am Liliensteine nicht ganz richtig sei: Es liege dort ein böser Schatz, den böse Geister bewachten. Zuzeiten sahen die Schiffer, welche in mondhellen Nächten die Elbe hinabsegelten, Lichtflammen hier oben sich bewegen und der einsame Wanderer, dessen Weg zur Nachtzeit hier vorüber- führte, hörte tiefes Dröhnen im Felsen; das waren die Geister, welche die Schätze hin und her schafften.
Ein kleiner Steg längs der Elbe führte uns unter hohen Felsenwänden nach Pirna. Wir kamen vor der Bastei vorbei, die Reisenden droben sahen kaum aus wie schwarze bewegliche Punkte auf den himmelhohen Felsenspitzen. An mehreren Steinbrüchen waren hölzerne Tafeln aufgeschlagen, worauf man die Warnung las, sich nicht länger, als nötig, hier aufzuhalten, da öfters Steinblöcke sich ablösen und niederstürzen; wir sahen umher Felsenstücke im Tal zerstreut liegen. Bald gelangten wir zu freundlichen Bauerhäusern mit großen Küchen und Hopfen-Gärten; die Kirschen waren reif und hingen rot und saftig unter grünen Blättern. Das freundliche Pirna dehnt sich mit seinen roten Dächern am jenseitigen Ufer und die Sonne warf ihre letzten Strahlen gegen das hohe Bergschloss Sonnenstein, welches sich neben der Stadt erhebt. In einer großen Fähre wurden wir über die Elbe gesetzt und traten nun in die hübsche, freundliche Stadt; sie soll 5000 Einwohner zählen und sah auch recht ansehnlich aus. Die gotische große Hauptkirche erhob sich stolz mit ihren alten Glasmalereien in den spitzen Fenstern; Spaliere mit schönen, gefüllten Moosrosen richteten sich an den Wänden mehrerer Häuser empor.
Eine hohe Treppe führte zum Altane von Sonnenstein hinauf, von wo aus man über den großen Elbstrom nach Dresden schaute. Fast aus ganz Deutschland werden Wahnsinnige hierher gesandt und sie erhalten hier neben der besten Pflege oft ihre Gesundheit wieder.
Ein ganz wunderliches Gefühl muss einen jeden, bei einem Besuche in diesen Mauern, ergreifen, welche eine Welt für sich umschließen, eine Welt, welche aus ihrer natürlichen Bahn gerissen ist, und wo deshalb das lebensgrüne, junge Spross zusammen- schrumpft oder sich zu einer geistigen Missgestalt entwickelt. Die Phantasie dieses Lebens bester Cherub, welcher uns den Sand der Wüste in ein Eden umza- ubert, die uns mit ihren starken Armen über den tiefsten Abgrund hinweghebt, über den höchsten Berg und in Gottes herrlichen Himmel hinauf, ist hier eine furchtbare Chimäre, deren Medusenhaupt die Ideen der Vernunft versteinert, und haucht einen magischen Kreis um das unglückliche Opfer, welches für die Welt verloren ist.
Siehst du das kleine viereckige Zimmer mit dem eisenvergitterten Fenster oben? Mitten unter Stroh auf dem Boden sitzt der nackte Mann mit dem schwarzen Barte und dem Strohkranze um das Haupt, der seine Krone ist; eine Distel, welche er im Stroh fand, ist sein Zepter; er schlägt nach den Fliegen, welche ihn umsummen, denn er ist König, er ist Despot; die Fliegen sind seine Untertanen, sie haben sich, sagt er, empört, sie wollen seinen Kopf, sie sind darin zusammengedrängt; er begreift selbst nicht, wie? Allein er fühlt, wie sie drinnen stürmen und ihm den Kopf doch nicht von den Schultern reißen können. Hier nahet sich uns ein Frauenzimmer, sie ist hübsch gewesen, allein der Schmerz hat ihre Züge verzerrt. „Ich bin Tassos Leonore! Heine hat mich auch besungen! Ach ja, manche Dichter haben mich besungen, und das kann ein weibliches Herz recht kitzeln, das ist mein Triumph; da war auch einer, doch er konnte mich nicht besingen, da schoss er sich ins Herz und das war doch ebenso gut als ein Gesang; nur ist nun die ganze Welt rasend aus Liebe zu mir, desbalb bin ich heraus und auf dies fremde Schloss gebracht, allein hier sind sie, da sie mich sehen, alle zusammen närrisch geworden, allein ich kann doch nichts dazu tun!" Am offenen Fenster sitzt ein junger, bleicher Mann; er stützt den Kopf auf den Arm und sieht hinaus in den roten Abendhimmel und auf die Schiffe, welche mit ausgespannten Segeln im Winde die Elbe hinangleiten. Als wir uns nähern, stört ihn dies nicht in seinen Betrachtungen; er sieht sein ganzes Dasein für einen Traum an, erinnert sich einer glücklichern Zeit, die er erlebt hat und betrachtet nur uns und die ganze Natur als Traumbilder.
Einer hat die fixe Idee, er könne jeden klopfenden Herzens-Pulsschlag vernehmen, könne es im Tode brechen hören, - es bricht für ihn in den wildesten Tönen, so wird er rasend. Man bindet ihn auf einen Stuhl, welcher mittelst eines Rades in eine wirbelnde Drehung versetzt werden kann. Mit einem wilden Schrei saust er herum, bis ihm das Bewusstsein vergehet, dann hält man das Rad auf.
Doch hinweg mit diesen furchtbaren Bildern, der Wagen, welcher uns in einigen Stunden nach Dresden zurückbringen soll, erwartet uns bereits. Vor der Stadt sah ich in einem Sumpf zum ersten Mal in meinem Leben ein Irrlicht, es hüpfte lustig mit weißblauer Flamme am Boden hin; es war bereits ganz finster, da wir zur Stadt hineinrollten. Nur noch drei Tage konnte ich hier bleiben und noch waren so manche Dinge zu sehen, vieles andere wollte ich auch noch einmal sehen. Wie Wolken in einer stürmischen Nacht jagen die Bilder dieser Tage vor meiner Seele vorüber; jede Stunde brachte mir etwas Interessantes. Ich war auf der Bilder-Galerie, sah noch einmal die Werke der großen Meister und prägte mir die her- rlichen Bilder ins Herz, hörte die Messe in der katholischen Kirche und bestieg noch einmal zum Abschiede die Berge im Plauenschen Grunde, einer romantischen Gegend nahe bei Dresden, welche mich an Rübeland erinnerte, obwohl sie weit reichere Abwechselung darbietet, als jene Harzgegend. Der Weg lief durch die jähen Klippen; da war ein Bach, welcher einen Wasserfall bildete, dabei lag eine Mühle, Köhler fuhren in den Wald und oben auf dem Felsenhang saß ein Knabe und hütete Gänse. In der ganzen Dresdner Bilder-Galerie war kein Gemälde, auf welchem die Figuren besser angebracht sein konnten, als es hier der Fall war. Eine lebende Ruhe lag auf der freundlichen Landschaft, es war als ob Felsen, Wald und Blumen einen südlichern Himmel träumten, während der Fluss zwischen Steinen fortrieselte und der ganzen Natur ein mächtiges, Schlaf bringendes Wiegenlied sang. Dresden selbst lag so freundlich zwischen den grünen Weinbergen, die ganze Landschaft war ein Bild von des Kindes Frieden, von des unschuldigen Herzens roman- tischen Träumereien. Manche ziehen Tharand dem Plauenschen Grunde vor, andere tun das Umgekehrte, ich weiß nicht, welchem Urteile ich beitreten soll. Beide haben für mich etwas Eigentümliches, etwas, welches macht, dass man sich darin ungemein wohl fühlt. Die Beleuchtung einer Gegend und die Beleuchtung unseres eigenen Herzens während des Anschauens wirkt unendlich viel. Der Plauensche Grund mit seinem unter Klippen sich einwindenden Wege, wo Leben und Treiben ist, kommt mir lebendiger vor und veranschaulicht mehr einen männlichen Charakter, wogegen Tharand mit seiner Ruine, seinem spiegelk- laren See, seiner tiefen Einsamkeit, etwas mehr Passives, Weibliches zeigt.
Ich musste recht an den alten Schulmeister denken und mit ihm sagen: „Hier ist guter Platz, hier können sich doch viele Menschen der Herrlichkeit freuen!" Allein wie wenige gibt es doch, welche alles das Prächtige sehen, womit Gott unsere Erde geschmückt hat. - Bisweilen ist doch nur ein geringer Unterschied zwischen dem Menschen und dem Hunde, der an sein Gehäus gekettet nur ein paar Sprünge auf seinem gewöhnlichen Tummelplatz zu machen imstande ist.
Auch die Bibliothek und Antiken hatte ich noch nicht gesehen, der Ober-Bibliothekar, Hofrat Ebert, ein herzlicher Mann, an welchen mich unser Molbech empfohlen hatte, zeigte mir viel Zuvorkommenheit. Alles war geschmückt und hell, der Boden in den großen Sälen war poliert wie ein Spiegel und durch die Fenster - - ja ich vergaß ganz die gelehrte Welt um mich her. - Welches Panorama da draußen! Berge mit lichtgrünen Reben und drunter schwarze Waldung, die Elbe, welche sich in großen Krümmungen schlang, auf welchem Kähne mit weißen Segeln und große Bauholzflöße herabgleiten, nur ein paar Kerle mit bloßen Füßen, kurzen weißen Beinkleidern, ausgeschürzt und mit weißen Strohhüten auf dem Kopfe, steuerten die ganze Holzmasse. Es ist unmöglich hier Sinn für die Bücher zu behalten, wenn man tiefe Natur draußen im hellsten Sonnenschein sieht.
Dass Dresden als Übergangspunkt zwischen dem nördlichen und südlichen Deutschland auch jenen Charakter zeigen kann, davon erhielt ich am letzten Vormittage meines Aufenthalts eine Vorstellung. Es war kalt, so dass mich fror, der Regen strömte nieder und alles erhielt ein finsteres nördliches Ansehen, Träger liefen mit Portechaisen in den Gassen umher, hinter deren roten Vorhängen Damen hervorsahen. Die Elbe sah aus wie Kaffee gelb und dick; fast nie- mand ließ sich auf den Gassen sehen.
Es rauschet der Regen, der Himmel ist grau,
Fern stehen die Berge in nebligem Tau,
Die Elbe fließt her aus Bohemiens Land,
Wo im Lehm sie gelbliche Farbe fand.
Ein Krieger geht, in den Mantel gehüllt,
Über die Brücke, wo steht des Gekreuzigten Bild
.An Sturm und Regen denkt nicht sein Herz,
Sein Sinnen richtet er heimwärts.
Da scheinet die Sonne, da ist es nicht trüb',
Denn da weilt seines Herzens Lieb
Sie denket er - Was mag sie nun wohl tun?
Sie ist ein Weib - nichts andres- ja nun -
Die Treue ist trübe als hier die Elb',
Laß sie gleich dieser werden auch gelb!
Höher am Tage ward es wieder sonnenklar und sonnenwarm, das Menschengetümmel regte sich wieder auf der Brühlschen Terrasse, wo die Bäume, vom Regen erfrischt, dufteten. Oben brauste Musik, Gondeln, Boote und Schiffe kreuzten einander auf der Elbe. Dahl hatte am Abend eine kleine Gesellschaft von Norwegern und Dänen versammelt, er war ein munterer freundlicher Wirt, wir sprachen alle Dänisch und träumten uns in die Heimat zurück ans herrliche Meer. Spät schieden wir, am nächsten Tage zogen einige nach Osten, andere gen Westen, zwei gingen nach Rom und Neapel - ich - triste dictu nach Berlin.
Der letzte Morgen in Dresden brach mir nun an. Ich musste hinauf, um nochmals die herrlichen Töne unterm Kirchengewölbe brausen zu hören, um noch einmal die grünen Weinberge in der Morgenbeleuchtung zu sehen. Der Tag war so schön, die ganze Gegend an der Elbe lag im herrlichsten Sonnenschein, mir war's als habe alles Sonntagskleider angezogen, um mir Lebewohl zu sagen! Dies fühlte ich denn auch um so stärker. Es war keine Messe in der katholischen Kirche, die Orgel spielte nur ihre ein- fachen Melodien, allein es war ja der Abschiedsgesang, die letzten tiefen Töne, welche ich vielleicht in meinem Leben hier vernahm. In einem Beichtstuhle sah ich einen alten Priester mit einem ehrwürdigen Gesichte, ein junges Mädchen kniete auf der andern Seite vor dem Gitter und beichtete; ich wünschte mir auch einen solchen Freund, einen Vater, vor dem ich meine Gefühle recht ausschütten könnte, die so mächtig in meiner Brust beim Abschiede von der teuren fremden Stadt sich regten, die dem Herzen nicht länger fremd war.
Was ich mich nicht scheue dem Papier anzuver- trauen, dessen Blatt doch ein Midas-Sieb ist, wodurch alles der Welt ausgeplaudert wird, dass muss ich doch vor den Menschen verhelen, wenn ich selber mit ihnen zusammentreffe. In meiner Jugend war ich meiner natürlichen Empfindsamkeit wegen verspottet, die doch keine Empfindelei war, so dass ich mit meinem eigenen Herzen und den besten Gefühlen spielen musste, um nicht zwischen andern vernünftigen Leuten für einen fühlenden Narren zu gelten; derselbe eisige Schreck überfällt mich noch jetzt, wenn mein Herz es selbst wird, und ich mache dann oft ein lächerliches Gesicht, um nicht zu zeigen, dass ich weine. So schämte ich mich auch als ich Dahl Lebewohl sagen wollte, dass derselbe meine innere Betrübtheit bemerken würde, ich lachte und scherzte, bis ich ins Freie kam, wo mir Sand in die Augen wehte, dass sie vom Wasser überliefen. Dahl gab mir beim Abschiede einige Zeichnungen zur Erinnerung und eine Skizze in Öl, damit ich doch sagen könne, ich habe etwas Gemaltes von ihm, dass ganze Stück war so groß, das ich's in der flachen Hand verbergen konnte. „Im nächsten Sommer", sagte er, „seh ich sicherlich Dänemark und alle guten Freunde und Bekannte." Er reichte mir die Hand zum Abschiede, „Das ist auf Dänisch," sprach er, „und dies," fügte er hinzu, indem er mich küsste, „ist auf Deutsch." Wie werden uns in dieser Welt noch öfters sehen! Ich konnte jetzt Tieck nicht Lebewohl sagen, ich musste in Gottes freie Luft laufen, bis die bunten Waldbilder ringsum sich in Herz und Sinn wieder abzuspiegeln anfingen, denn diese sind wie das Meer, wenn es stürmt, kann kein Stern sich abspiegeln, doch erblickt man erst die grünen Küsten und zeigen sich des Alltagslebens rotgedeckte Häuser auf der Flut, so ist es auch wieder ruhig.
Tieck empfing mich in seinem Arbeitszimmer und sah mich mit seinen großen, klugen Augen recht herzlich an, ich machte mich stark, da ich die jüngst gedämpfte Wehmut stärker wiederkehren fühlte. Er schien gütig von mir zu denken, rühmte diejenigen meiner Produktionen, welche er kannte und da ich kein Stammbuch bei mir führte, schrieb er mir auf einen Bogen Papier folgende Zeilen zur Erinnerung:
Gedenken Sie auch in der Ferne meiner, wandeln Sie wohlgemut und heiter auf dem Wege der Poesie fort, den Sie so schön und mutig betreten haben. Verlieren Sie nicht den Mut, wenn nüchterne Kritik Sie ärgern will. Grüßen Sie den teuren Ingemann und alle Befreundete und kehren Sie uns bald einmal frisch, gesund und reichbegabt von den Musen nach Deutschland zurück.
Dresden, den 10. Junius 1831.
Ihr wahrer Freund
Ludwig Tieck.
Ich sagte ihm Lebewohl! Kein Fremder sah zu und darum durfte ich weinen, er drückte mich an sein Herz, weissagte mir eine glückliche Zukunft als Dichter und - dachte sicherlich, ich sei ein weit besserer Mensch, als ich bin. Sein Kuss glühte auf meiner Stirn, ich weiß nicht, was ich fühlte, allein ich liebte alle Menschen, könnte ich doch einst als Dichter der Welt etwas schenken, wodurch ich dem großen Dichter beweisen dürfte, dass er in dem Fremdlinge sich nicht irrte.
Es war 6 Uhr abends, als ich mit der Schnellpost aus Dresden wegfuhr; ich sah nun zum letzten Male die katholische Kirche und die Brühlsche Terrasse, indem wir vorbeifuhren. Von der Augustbrücke konnte mein Blick über die Elbe nach Dahls Hause hinüber; ich glaubte ihn am offenen Fenster zu bemerken.
Bald lag die Neustadt hinter uns; Felder und Wiesen erstreckten sich zu beiden Seiten; wir waren unserer neun im Wagen und in diesem Kegelspiel saß ich als König in der Mitte. Gott weiß, dachte ich, wen der Tod zuerst aus uns hinauswirft? Wir alle werden wohl nicht auf einmal geworfen, vielleicht aber die Erdkugel. In der einen Ecke saß ein junger russischer Woiwode. Er kam von Paris, ging über Dresden und Berlin nach Bremen und wollte von dort nach Italien; er hielt nicht viel vom kürzesten Weg. In der anderen Ecke saß ein Engländer, der Dänemark sehr her- ausstrich, wo er gewesen war, und dem nach seiner Ansicht nichts fehlte, als dass es englisch wäre, um die erste Perle in Europas Krone zu sein; allein ich dankte ihm für sein Kompliment. In der dritten Ecke saß ein reisender Schauspieler, woher? Weiß ich nicht mehr; und in der vierten ein junger Wollhändler mit seiner noch jungen Frau, welche aus den Rheingegenden kamen und sich nun in Berlin etablieren wollten; kaum 14 Tage waren seit ihrer Verheiratung verflogen, und deshalb küssten sie einander in einem fort, spielten mit ihren Händen und rezitierten aus Don Carlos. Übrigens waren sie sehr gute Leute, welche mich mit Wein und Karbonade traktierten; die mittelaltrige Schwiegermutter war mit ihnen. Ich hatte dieselbe gerade hinter mir und hörte ihr Klagen, da die Gegend flach zu werden begann; sie hatte nämlich nicht die Vorstellung des Jeppe vom Berg und seines Nachbarn, dass die Erde flach sei; allein dieselbe begann hier auf ihrer ersten Reise nach Berlin sich bei ihr zu bilden. Ich selbst saß zwischen einem Priester und - bald hätt' ich gesagt, einer Priesterin. Ich glaube bestimmt, es war der „Gott und die Bajadere".
Es mangelte also nicht an Gesellschaft; die Gegend war auch schöner als die Lüneburger Heide; aber kein Charakter entwickelte sich recht, keine Elfen spielten hier in Träumen, und der Berliner Sirocco blies mir so viel Prosa ins Herz, dass mein ganzer Zustand auf dieser Nacht- und Tagreise ganz der anderer Situationsmenschen war, ein beständiges Wogen zwischen Schlafen und Wachen. Das Ganze erschien mir als ein Traum, worin die acht Kegel, nämlich die Passagiere, wie menschliche Figuren ohne Bedeutung standen. Dorf folgte auf Dorf, indess die ganze Gegend allmählich von einer vollen, gesundheits- blühenden Natur zur personifizierten Schwindsucht überging. Nur einzelne Bilder traten recht aus diesem Traum-Chaos hervor. So sah ich auf der flachen Ebene in der dämmernden Sommernacht einen Marktflecken, Namens Gerstenhain, liegen. Hier war eine Kirche, deren sämtliche Fenster und Türen zugemauert waren; das Ganze bildete ein hohes Steingewölbe, wo hinein niemand gelangen konnte, und man erzählte, dass sei zur Zeit der Pest geschehen; die Kranken waren hierher gebracht, und als der letzte das Auge schloss, verschloss man auch die ganze Kirche und wagte dieselbe nicht wieder zu öffnen.
Ich sehe früh am Morgen in Jüterbog die fette Wirtin mit dem bedeutungsvollen Lächeln über meine Unwissenheit, da ich nach einem draußen am Rathause aufgestellten steinernen Ritterbilde fragte. Jedes Kind kenne ja den alten Mauritius, meinte sie. Ich mochte wohl der Erste sein, welcher ihr diese wunderliche Frage vorgelegt hatte.
Ich sehe die weltberühmte Mühle bei Sanssouci, welche ihre großen Flügel so langsam drehte, als könne sie bei deren großen Ruhme ihres Namens nicht länger, wie andere bürgerliche Mühlen sich bewegen; aber hier bekam ich doch etwas Grünes vors Auge, hier war auch ein Binnensee; leichte Kähne mit weißen Segeln schwammen auf der Havel dahin. Sanssouci erhob sich auf seinen Terrassen und schaute auf das steife Potsdam; dieses sah so militärisch und schnurgerade aus. Ich sehe das große Schloss mit den langen Kolonnaden, eine lange Reihe von Säulen, mit den vielen Gruppen von Statuen und lebenden Soldaten, welche auch wie Bildsäulen aussahen, hübsch formiert vom Schöpfer und vom Schneider, und nicht minder hübsch dressiert vom Korporale. Potsdam gibt wirklich einen guten Vorgeschmack von Berlin; nur hat Berlin kaum einen grünen Halm vor seinen Toren, wenn man diejenigen ausnimmt, welche durch Anpflanzung, also künstlich gewachsen sind. Allein die Stadt selbst ist auf dieselbe Weise emporgewachsen.
Es war bereits Abend, als wir in ihre Straßen hineinrollten, welche mit ihrer ganzen Unendlichkeit vor und neben uns lagen. Alles sah mir so vornehm aus! Es imponierte durch seine Größe, alles war Reichtum und Pracht; alle Leute schienen mir auch so geputzt. „Es ist doch heute nicht Sonntag?", fragte ich. Nein, im Kalender war Sonnabend, aber Berlin sieht stets aus, als müsste es Sonntagnachmittag, sein.
Wo sollte ich meinen Wohnsitz hier aufschlagen? Da schwebte mir der alte König aus „drei Tage aus dem Leben eines Spielers" vor, den wir alle aus dem Kapitel von Braunschweig kennen. Louis Angely, der Übersetzer der „drei Tage" etc. und Verfasser vieler Vaudevilles, besitzt in Berlin einen der ersten Gasthöfe, den „Kaiser von Russland"; wie konnte ich also wegen der Wahl des Logis in Zweifel sein? Hier wollte und musste ich einkehren.
Sie sind im Kapitel Wanderung in Böhmen hinein. - Rückreise über Pirna. - Sonnenstein. - Die letzten Tage in Dresden.
im Werk Umrisse einer Reise
Blättern sie zum nächsten Kapitel Berlin, - Abelbert v. Chamisso. - Theater. - Tiergarten. - Bilder Galerie. - Reisegesellschaft. - Drei Tage aus dem Leben eines Gauners. - Der Vogel. - Ende der Reise.
oder wechseln sie zur vorherigen Seite Bildergalerie. - Das Linkesche Bad. - Das grüne Gewölbe. - Ausflug nach der Sächsischen Schweiz. - Pillnitz. - Liebenthaler Grund. - Lohmen, Ottowalder Grund. - Amor als Führer. - Die Bastei. - Wolfsschlucht. - Hohenstein.- Der Kuhstall.
im Werk Umrisse einer Reise
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