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Buch: Umrisse einer Reise

Situationsbilder auf der Wanderung nach Eisleben. - Martin Luther. - Reise nach Halle. - Merseburg.



Es ist ein wunderbares Eilen mit allem was in mir und eigentlich meinen Grundcharakter ausmacht; je anziehender ein Buch für mich ist, desto mehr eile ich zum Ende, um den ganzen Eindruck zu haben; selbst auf meiner Reise ist es nicht das Gegenwärtige, das mich erfreut, ich eile zu etwas Neuem, um sodann wieder zu etwas anderen zu kommen; jeden Abend, wenn ich zur Ruhe gehe, sehne ich mich nach dem folgenden Tage und wünsche, derselbe möge da sein; ist er gekommen, dann beschäftigt mich sofort meine weitere Zukunft. Der Tod selbst hat für mich etwas Interessantes, Herrliches; denn eine neue Welt wird sich mir alsdann eröffnen. Was mag es eigentlich sein, dem mein unruhiges Ich nachjagt?

Lebensfrisch und herrlich umgab mich die frühlingsgrüne Natur und atmete Freude und Ruhe, während gleichsam ein dunkler Flor über meinem Herzen lag; doch, dachte ich, wozu die frischen, bunten Blumen beneiden? Lass sie duften; in einigen Monaten werden sie gewesen sein; die Quelle, welche jetzt so lustig plätschert, zergeht ins Meer und dieses selbst, welches in seiner Größe schwillt, muss verdunsten. Lass die Sonne spielen mit ihren heißen Strahlen, auch sie wird mit dem Himmel älter, wie ein Kleid, während mein eigenes Herz, das jetzt in Wehmut über seine eigenen Träume hinschmilzt, lebensfroh mit steigender Seligkeit dem Unendlichen entgegenjubelt.

Auch an diesem Morgen hatte ich keine Ruhe bei mir, ich verließ Harzgerode; ein Bild wechselte mit dem andern, und indem sie vorbeiflatterten, prägten sich kaum einige kleine Partien als nette Genre-Stücke in meiner Phantasie ab. So steht bei Königerode ein großes, kahles Feld vor mir, hier lag dicht an einem Kreuzwege ein kleines Wirtshaus; die Fenster waren in die Wand hineingemauert, und nur ein einziges Fenster war geöffnet; ein hübscher, gesunder, starker Bauer hielt draußen auf seinem Pferde und trank einen Schnaps; den ihm das magre, tartargelbe Weib durchs offene Fenster hinausreichte. Dergleichen Situationen hatte ich in Bildern und Zeichnungen schon gesehen; als Wirklichkeit machte dieselbe hier doppelten Eindruck auf mich, ein anderes Bild, welches andern gewiss sehr unbedeutend scheinen mag, aber noch so lebendig, als die Aussicht vom Brocken und der Rosstrappe, ja noch stärker vor mir steht, trat mir ungefähr eine Meile von jener Stelle entfernt, entgegen.

In Klaus, einem Dorfe, welches, wie ich glaube, nur aus drei Häusern besteht, ging ich in das Wirtshaus, das eine von diesen; alles war hier so malerisch, aber so ganz aus der holländischen Schule, dass ich's gern auf der Leinwand gesehen hätte. Ein Kätzchen wälzte sich zwischen meinen Füßen; zwei junge Hähne kämpften am Boden und die Aufwärterin, die im Grunde schmuck bäurisch gekleidet und bäurisch gesund war, reichte mir mit solcher Gleichgültigkeit ein Glas Milch, als ob es eine Tat der Barmherzigkeit wäre; sie küm- merte sich so wenig um mich, dass sie vor den Spiegel trat, ihre Toilette machte, ihre langen Haare losband und dieselben über die Schultern und den Nacken her- abfallen ließ; ich sehe es noch lebhaft und wünschte, mein Leser, sähest es mit; denn es war so übel nicht!

Zwei oder drei Stunden ging ich, ohne auf eine menschliche Seele zu treffen. Bald war der Weg so breit als zehn andere, bald so schmal, dass auch nicht ein Wagen darauf fahren konnte. Ich trieb mich wild umher und fragte zwei ansehnliche Buchen, die mir wie Landsleute aussahen, nach dem Wege; allein sie schüt- telten die Wipfel und - wussten nichts. Auf einer Wiese traf ich ein menschliches Wesen, einen Hirten, einen wirklichen, echten Hirten mit Tasche und Stab, ja oben- drein mit einem Strohhute auf dem Kopfe, welcher das Aussehen hatte, als ob er bereits einmal in Schäferstücken auf dem Theater debütiert hätte. Er machte sich aus der Ferne mit dem großen Herdengewimmel um sich sehr gut; allein man musste ihn auch nur aus der Ferne beschauen, in der Nähe sahen er und seine Schutzbefohlnen sehr schattiert aus. Er saß auf einem Steine unter einer erwachsenen Eiche, und die beiden großen, grimmigen Köter lagen vor ihm und sahen ihm klug in die Augen.

Den rechten Weg erfuhr ich hier nun, allein nicht lange befand ich mich auf demselben, so war ich mitten in einem Kornfelde, wo nur ein schmaler, kleiner Pfad ging, der an manchen Stellen selbst nicht recht wusste, wohin er sich wenden solle. Ein kleines Bauermädchen begegnete mir hier und bat mich, ihr den Weg zu einem benachbarten Dorfe zu weisen, dessen Namen ich nie gehört hätte; allein mit dem besten Willen vermochte ich's nicht.

Der Fußsteig führte mich auf ein kleines Dorf, wo auf einem großen Platze vor einem Hause Tanz und Fröhlichkeit war. Ganz junge, halb erwachsene Mädchen walzten zusammen nach einer Violine, welche ein alter Holzbein-Orpheus spielte. Die Mütter und Dorf-Ältestinnen saßen ringsum auf Gartenbänken, die Hände im Schoß und schauten zu, ohne des Fremden zu achten, der neben ihnen stand. Das älteste Mütterchen, das hier mit dem kleinen, schwarzen Hute über dem grauen Haare saß, dachte vielleicht an ihre schöne Jugend, da sie auch nach der Violine unter Gottes blauem Himmel sprang. Die Sprünge waren jetzt vorbei, ja der beste Tänzer lag vielleicht bereits lange und schlief unterm kühlen Rasen und sprang längst nicht mehr.

Allein Bild auf Bild ermüdet; das Kind selbst wird es überdrüssig im buntesten Bilderbuche zu blättern; wir wollen daher keine weiter sehen, obgleich das folgende hübsch, sehr hübsch war. Ich möchte noch das malerische Leimbach beschreiben, dass nicht weit von da in einem Tale lag, fast verhüllt in Rauch und ver- steckt hinter hohen Hügeln von Schlacken. Ich möchte noch den steilen Hohlweg zeigen, welcher jäh gegen den Kirchturm herabfiel, und wie dennoch ein großer Frachtwagen durch vier Pferde hinaufgeschleppt ward; allein -- wie gesagt - das ermüdet; ich will daher ganz einfach auf die gewöhnliche Manier erzählen, damit der Leser und ich uns erholen mögen. Leimbach, eine offene Mediatstadt mit 660 Einwohnern, Kupferschmelzöfen, Silberhütten, Rathaus etc.

Die folgende Stadt nehmen wir ebenso vor; es ist ohnehin sehr bequem. Mansfeld, eine halbe Meile von Leimbach, hat 1600 Einwohner und einen Gasthof: zum braunen Hirsch. Nun habe ich mich ausgeruht! Ich weiß nicht, ob der Leser auch. Wir sind inzwischen zu Eisleben.

Zwischen hohen, grünen Hügeln
Streckt sich hin die kleine Stadt;
Lange Strahlen wirft die Sonne
Durch das dunkle Firmament.
Scheinet an die hohen Türme,
Deren Glocken alle tönen;
Und auf Sraß' und Gasse stehet
Alles Volk im Sonntagsschmuck;
Mönche mit Gesang und Fahnen
Treten aus der Stadt hervor.
Was hat dieses zu bedeuten?
Ist ein Fest, ist Hochzeit hier?
Doch zwei hohe Herren kommen
Mit Gefolg' und All' zu Ross.
Mit dem Bischof ist zu Gaste
Heut der Herzog bei der Stadt.
An der Mauer, an den Toren
Ist ein wimmelnd bunter Schwarm.
Männer, Weiber, Jung' und Alte
Liegen, stehn und sitzen hier.
Doch mit seinem Weib' ein Bergmann
Stehet still in jener Schar;
Und der kleine Sohn zur Seite
Hat ein schönes blondes Haar.
Fromm hat er die Händ' gefalten,
Schaut die ganze Pracht sich an;
Bischofskleid und Fürstensäbel,
Die behagen ihm gar sehr,
Wunderbar brennt's ihm im Herzen,
Tummelnder Gedanken voll.
Volk, von jener Seit' der Berge,
Kommt, die Pracht sich anzuschauen.
Zwischen hohen, grünen Hügeln
Streckt sich hin die kleine Stadt.
Lange Strahlen wirft die Sonne
Durch das dunkle Firmament,
Scheinet an die hohen Türme -
Doch nun ist es stille hier,
Denn nicht Bischof oder Herzog
Halten ihren Einzug jetzt.
Gleichwohl pocht das Herz beweget,
Denkt für jetzt nicht seines Weh's.
Was will ich, was wollen andre
In der kleinen Stadt doch sehn?
„Bischofskleid und Fürstensäbel"
Die sind jetzt nur Asch' und Staub!
Nein, wir wallen her als Pilger,
Um zu sehn ein ärmlich Haus.
Enge ist die kleine Gasse
Und ringsum ist es wie tot;
Hier wohnt' einst der alte Bergmann
Und der Knab' ward hier geboren.
Bischof, Herzog sind vergessen,
Und die Mau'r der Stadt ist Schutt
Doch erhebt sich alles wieder,
Steht man in dem kleinen Haus.


Die Stadt hatte für mich etwas sehr Freundliches. Ein kleiner Knabe spielte vor der alten Kirche und zeichnete mit Kreide auf den großen Feldsteinen; vielleicht waren diese auch einst Luthers Schreibtafel, als derselbe hier spielte. Das Rathaus hat ein eckiges finsteres Aussehen, wie sein Zeitalter; es hat natürlich in seiner Zeit wohl ebenso ausgesehen als jetzt; Luthers Haus dagegen hat manche Veränderungen erlitten. Es wird jetzt als Schule benutzt. An einem Fenster befinden sich Luther und Melanchthon in Glasmalerei und über der Tür liest man rings um ein illuminiertes Basrelief mit Luthers Portrait:

Gottes Wort ist Luthers Lehr',
Darum weicht sie nimmer mehr.

Auf der Straße stand ein alter Bauer mit seiner Frau; sie buchstabierten jenen Vers und ich konnte auf ihrem Angesichte erkennen, welche Masse von tiefer und herrlicher Poesie für sie in jedem Worte lag; denn ihr Blick verklärte sich wunderbar, und als er das letzte sprach, war es, als hätte er eines Engels Offenbarung gesprochen und glaubte dieselbe. „Luther!" sagte Jean Paul, „du gleichst dem Rheinfalle; wie mächtig stürmest und donnerst du nicht; wie aber ein Regenbogen unbeweglich über jenem Strome schwebt. So wohnt auch der Bogen der Gnade, Friede mit Gott und den Menschen in deiner Brust. Du erschütterst nur deine Erde, aber nicht deinen Himmel!"

Das ist recht poetisch; für mich lag aber in dem Tone und Ausdrucke, womit der Alte zu seinem Weibe sprach: Das war ein Mann! Etwas Stärkeres, Richtigeres, Größeres. Ich glaube, Jean Paul selbst würde dies gefunden haben, hätte er's gehört. Luther „das war ein Mann", drum brach er des Papsttums Joch, drum sang er:

Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang!

Deshalb warf er dem Fürsten der Hölle das Tintenfass ans Haupt, denn wie ein deutscher Dichter, ich glaube Börne, sagt: „Tinte und Druckerschwärze sind dem Teufel die gefährlichsten Waffen; sie werden ihn einst ganz aus der Welt vertreiben."




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