Buch: Umrisse einer Reise
Ruinen des Regenstein. - Schneiderfrau. - Rosstrappe. - Wanderung nach Alexisbad.
Um vier Uhr morgens waren wir wieder auf den Beinen; unsere Brockensträußer saßen noch ganz frisch an unsern Mützen; ein weiblicher Führer harrte unser draußen und so zogen wir nun unserer sechs Studiosen aus der Stadt heraus nach den Ruinen des alten Bergschlosses Regenstein, welches dicht vor Blankenburg liegt. Das Feld stand unter Tau, welcher beim stärkern Sonnenlichte sich in Tropfen verwandelte und als Wasser an Gras und Blumen her- ablief; wir gingen durch eine Kirschbaum-Allee, hüpften über das feuchte Land und sangen lustig ein jeder auf seine Weise. Die Vögel nahmen sich ein Beispiel an uns, so dass die ganze Gegend von Studenten- und Vögel-Tremulanten ertönte. Wir stiegen den Felsen hinauf, dessen höchste Spitze die Ruine des Schlosses Regenstein einnimmt. Das Mauerwerk ist verschwunden; aber alles, was in den Felsen selbst eingehauen worden, steht wie eine mächtige Riesen-Mumie und erzählt von alten Zeiten, ohne ein Wort reden zu können. Dies machte einen so mächtigen Eindruck auf mich, dass selbst, eh' ich es selbst es wusste, der Bleistift in meiner Hand sich bewegte und von dem kolossalem Bilde einen Abriss in mein Tagebuch entwarf, wobei ich, ohne jemals Unterricht darin erhalten zu haben, zum Zeichner ward. Tief unten lagen die Felder wie Beete in einem Küchengarten; der Bauer hinter seinem Pfluge glich einer Schnecke mit ihrem Hause, welche an der Erde dahinkroch. Die Kirche, in die Felsen eingehöhlt, wölbt sich nun schon seit Jahrhunderten; allein sie ist nur eine große Höhle ohne Form; die Gemächer, in denen die Schlafstellen gewesen, sind nur Vertiefungen in Felsen, wo die großen Steinmassen über den Kopf herabhängen; wir warfen Steine in den tiefen Brunnen und waren schon bereit wieder wegzugehen, als wir sie erst niederfallen hörten.
„Vermochten die Steine hier zu reden", sagte ich, „was würden sie uns nicht erzählen können von den Begebenheiten, welche sich in der langen Zeit begeben, seit Heinrich der Vogelsteller die Burg anlegte, bis ich aus Dänemark kam und mir ihre Ruinen besah; da erhielten wir sicher Beiträge zu Wallensteins Geschichte und der des Dreißigjährigen Krieges; auch vom Siebenjährigen Kriege würden wir artige Sachen hören, und ich würde die Idee zu einem oder dem andern Rittergedichte erhalten." - Als ich dies sagte, nickten die Blumen um mich her mit ihren großen Häuptern und sahen dabei so recht dumm und stolz aus, gleichsam als wollten sie sagen: Ja du hast Recht; wollten wir reden, so würden wir erzählen! Und doch wussten sie nichts, sie waren alle Kinder des Jahres, alle mit ihren Stängeln in jetzigem Lenze erst aufgeschossen.
Auf des Felsens höchster Spitze nahmen wir Platz; er bildet die Decke der Kirche und schaut vergnüglich hinaus in die weite Welt; unter uns hatten vor Jahrhunderten Messgesänge ertönt und Lampen um der Madonna heiliges Bild gebrannt; nun saßen wir, profane Vögel, doch ohne etwas Schlimmes dabei zu denken, darüber, sangen Opern-Arien und machten Witze, so gut es jeder vermochte. Ich musste von Dänemark und dem Meere erzählen - vom Meere, welches das herrliche Gebirgsland hier nicht kennt; doch wie beschreibt mau das Meer einem, der es nie sah? Ich wüsste nichts Besseres zu tun, als dasselbe mit dem großen blauen Himmel zu vergleichen, wenn man ihn über das flache Feld bis zur Grenze des Horizonts ausspannen könnte, so würde er ein Meer sein. Es schien, als ob sie dies Bild fassten.
Mit Aug' und Gedanken trank ich gleichsam die weite Aussicht von den Ruinen des alten Bergschlosses ein. Ich blickte in die Tiefe und schloss alsdann die Augen, nachdem ich geschaut hatte, gleichsam um zu prüfen, ob ich die ganze Tiefe erfasst hätte; allein öffnete ich hernach das Auge und blickte niederwärts, so war es doch weit tiefer, als ich mir vorgestellt hatte, die Ausdehnung nach allen Seiten hin war weit größer als die Erinnerung zu umfassen vermochte. Ich ging das ganze Bild, welches ich in Gedanken hatte, durch, verglich dasselbe mit der Wirklichkeit. Landstädte und Flecken erheben sich in dieser weiten Umgegend, die Berge mit ihren Waldungen, Blankenburg mit seinem Schlosse und selbst die kleinen Menschen- und Tiergestalten tief unten traten stärker hervor. Der Regenstein selbst mit seinen engen Behältnissen, eingestürzten Brunnen und Treppen, die nur aus der freien Luft in dasselbe Element führten, erhielten jegliches wie ein Bild für sich ihren eigenen Platz im Pantheon meiner Erinnerung. Jede Ruine steht da wie eine leibliche Riesen-Epopöe, welche uns zurückversetzt in Zeiten mit andern Menschen und Sitten; je höher das Gras in den Rittersälen wächst, je langsamer der Fluss über abgebrochene Säulen dahingleitet, desto höhere Poesie findet das Herz im steinernen Epos; einst werden die Ruinen ganz verschwinden, selbst die letzte Spur von des Regensteins ausgehauenem Felsen wird zerbröckeln und dahinstürzen; dann aber wird die Sage noch lange um die Stätte leben, wie jetzt noch die Erinnerung an manches Werk der Alten, das bereits verschwunden ist.
Noch an diesem Vormittage rollten wir nach der Rosstrappe, einer der romantischen Partien des Harzes. Wir sagten dem alten Schlosse Lebewohl; ein kleiner Steig, welcher sich zwischen den mit Buschwerk überwachsenen Felsstücken hinschlang, brachte uns nach Blankenburg zurück, von wo mir nun eine Strecke lang die breite Landstraße verfolgten, welche mit gelben aufgeblühten Rosen bepflanzt war. Unser weiblicher Führer, mit welchem wir unser Frühstück teilten, war gesprächig und erzählte uns in der freien Natur von ihrem häuslichen Glücke und Leiden. Ihr Mann trieb die Schneiderkunst, war aber für etwas Höheres geboren als den Tisch, auf welchem er saß; vor zwei Jahren hatte hier in der Gegend eine Hinrichtung stattgefunden; diese hatte seine schlummernden Anlagen geweckt: Er war ein Poet geworden, hatte des Mörders ganzes Leben und Ende in einer elegischenArt geschildert; das Ganze war stilisiert wie der Verbrecher selbst, welcher es auf seiner letzten Ausflucht sang und ging nach der Melodie: Wir winden dir den Jungfernkranz. „Damit verdiente er doch vier Taler", sagte das Weib, „und in diesem Frühjahr noch zwei Taler für eins auf eine Hebamme, welche in einer Straßenpfütze ertrunken war. DieVerskunst wirft mehr ab als die Nadel; sie hat aber bewirkt, dass er ganz ungereimt geworden ist und so viel von Tränen hält; nun da es nichts mehr zu Schreiben gibt und er die Nadel nicht brauchen mag, würde es sehr übel ausse- hen, wenn ich nicht mit dem Führen der Reisenden etwas verdiente - dort, unterbrach sie sich selbst und zeigte mit der Linken über die Felder hin - „liegt die Teufelsmauer, welche der Teufel erbaute, als er mit unserm Herrn um die Herrschaft auf Erden stritt." -
Wirklich erhob sich uns zur Seite dieser wunderbar gestaltete Bergrücken, welcher das Ansehen der Ruinen von einer ungeheuren Schanze hat und sich lang hin erstreckt; das Auge kann an ihm entlang sehen. Die Sage meldet, dass, als Satanas unzufrieden darüber, dass er nur über die halbe Erde die Herrschaft erhalten, den Streit erneuerte, worin er sie ganz hergeben musste, seine ungeheure Feste hier zertrümmert worden; andere sagen, sie sei von den bösen Geistern aufgerichtet als eine Mauer gegen Christi Lehre, damit dieselbe sich nicht weiter verbreiten möchte; allein die Steine mussten vor dem lebendigen Worte zerbröckeln.
Als ich die Schneidersfrau ausfragte, ob es nicht möglich sei, die edle Verskunst zu erlernen, vertraute sie mir, dass ihr Mann ein altes deutsches Psalmenbuch besitze, und manche Stellen und die besten Reime da heraus nähme, deshalb hätten alle seine Gedichte so etwas Geistliches an sich, was sie so rührend macht. Wir verließen nun die Landstraße und gelangten über Felder und Wiesen in das grüne Laubholz; nie hörte ich so viele Nachtigallen als hier. Die Sonne stand hoch am Himmel, aber jene schienen in dem dichten Buschwerke dies nicht zu verspüren. Gott weiß, wie man von diesem Gesange hat sagen können, dass darin Sehnen und Klagen liege; nein nichts weniger; die Nachtigall hat vielmehr italienische Manieren; das meiste sind Triller und Läufe; sie klagt nicht nur nicht, sondern singt mit voller Kehle ihre stolzen Bravur-Arien. Etwas Tieferes, Feierlicheres liegt im Gesange der Drossel; sie flötet uns eine nordische Kämpferweise, einfach, aber rührend, wenn sie in den Morgenstunden daheim in Dänemark auf bemoostem Gemäuer sitzt.
Bald eröffnete sich eine weitere Aussicht; der schöne Thale-Grund lag in seiner ganzen Ausdehnung vor uns; nun hatten wir wieder Berge zu ersteigen; wir rasteten, um wieder Kräfte zu sammeln. Es ging bergauf, wir wurden ganz abgemattet, während zwei weiße Schmetterlinge im großen kreisenden Rundtanze uns bis oben hinauf folgten und uns schwacher Menschenkinder zu spotten schienen. Oben verloren wir unsern weiblichen Führer und erhielten dafür einen männlichen, der hier oben wohnte; er nahm sein Pistol und nachdem wir sein Birkenwasser gekostet hatten, welches wie Champagner brauste, folgten wir ihm nach der so genannten Rosstrappe, der wildesten und romantischsten Partie im ganzen Harze. Senkrecht fallen die hohen Felsstücke in den tiefen Abgrund ab. Man blickt in eine große herrliche Bergnatur, wo Fels an Fels mit dunklen Fichten sich erbebt; in der Tiefe, in welche man nur schwindelnd hinabsehen kann, braust der Bodefluss; wir sahen dort unten einen Haufen Reisender; sie glichen Blumen auf einem Beete. Die Brücke über den Fluss erschien als ein Spielzeug, wie von einer einzelnen Haselgerte gebildet; es wurde eine Pistole abgefeuert, der Knall ertönte in den Bergen wie der stärkste Donner. In der Felsenwand zeigte man uns eine Vertiefung, welche das Ansehen eines kolossalen Pferdetrittes hatte und wonach die Stelle den Namen führt. Der kleine Junge, welcher dem Führer hierher gefolgt war, schöpfte mit der flachen Hand sich das Regenwasser zum Trank, welches sich darin gesammelt hatte, während die Phantasie ihm, vielleicht klarer als uns die Sage von der flüchtigen Prinzessin, der schönen Emma aus dem Riesengebirge vorstellte. Älter geworden wird er dereinst seinem Vater als Führer im Amte folgen und alsdann so ruhig als derselbe gegenwärtig erzählen, vor wie vielen tausend Jahren Riesen und Zauberer hier lebten, welche hundertjährige Eichen aus den Bergen rissen und solche als Keulen gebrauchten, womit sie Weiber und Kinder mordeten; er wird erzählen, wie der starke Bodo, welcher die schöne Emma liebte, dieselbe bis hierher verfolgte, wo sie ihr Ross hinüberspringen ließ; dann aber wird er nicht wie jetzt das große herrliche Bild mit den Farben der jugendlichen Phantasie erblicken. Jetzt sieht er sie mit der großen, schweren Goldkrone und dem flatternden Gewande von Berg zu Berg fliehen, von Klippe zu Klippe durch Tal und Wald, hohe Eichen und Buchen stürzen unter dem Hufe ihres Rosses; hinter ihr ist der wilde Bodo, Funken sprühen aus den Felsen hervor und leuchten rings im Tale. Jetzt ist sie hier am Abgrunde; sie erblickt die Tiefe vor sich, wo der Fluss schäumend über Felsstücke braust und doch scheint ihr die entgegengesetzte Felsspitze entfernter, als diese ungeheure Tiefe; hinter sich vernimmt sie Bodos Ross, in der Verzweiflung Angst ruft sie den Ewigen über sich an, drückt ihrem Pferde die scharfen Sporen in die Seite; dieses tritt auf den Felsen, dass es Jahrtausende zu sehen bleibt, fliegt mit einem Sprunge über den Abgrund hinweg - und sie ist frei; nur die goldene Krone fällt von ihrem Haupte in die Tiefe, in den Wirbel des Stromes, wohin ihr der wilde Bodo nachfolgt und zerschmettert an den harten Felsen niedergestürzt ist. Alle diese Träume der Phantasie wer- den verflogen sein, wenn der Kleine einst, wie jetzt sein Vater, ruhig steht und seine Pistole abfeuert, höchstens aber sich zu der Berechnung erhebt, wie stark seine Einnahme an dem Tage von den Reisenden gewesen ist. Aber Träume sind ja Blumen: es gibt deren böse und gute. Die Blumen mögen vergehen, allein aus dem alten Stamme entsprießen frische. Für eine neue Kinderwelt wird die Prinzessin mit der goldenen Krone gleichfalls auf dem fliegenden Rosse vorbeijagen, sie wird wie dieser Kleine in den Bodefluss hinabschauen und das rote Gold durch das Wasser glänzen zu sehen wähnen; sonst war dieses so groß und tief, dass ein Taucher vor einer versammelten Menge herniederstieg, auch die goldene Krone auffand; er hob sie auch so weit, dass die Spitze über dem Wasser zum Vorschein kam; doch war sie groß und schwer; zweimal entfiel sie seinen Händen; das Volk verlangte, dass er noch einmal zur Tiefe fahren möchte - er tat's - ein Blutstrahl schoss aus dem Wasser empor - und goldene Krone und Taucher sah man niemals wieder.
Hier verließ ich die lustigen Kandidaten und zog weiter in die große, schöne Welt hinaus. Unter den Felsen lagen die Blechhütten, die ich zu passieren hatte; eines Führers bedurfte ich also nicht; man schwang die Hüte beim Abschied und ließ die Taschentücher flattern, da sie mich halb unten erblickten; es war mir wunderbar, ihr Lebewohl anzunehmen, das letzte vielleicht in diesem Leben; denn wo sollten wir alle in dieser Welt wohl wieder zusammenkommen. Es liegt etwas Interessantes im Begegnen, Bekannt werden und im Scheiden für immer.
Alsbald war ich die Rosstrappe herunter; der Bodefluss strömte vor mir über die großen Steine; auf der anderen Seite führte der Weg neben den rotgedeckten Häusern vorbei; allein ich gewahrte keine Brücke; hinüber musste ich, allein wie? Ich lief lange das Flussbett entlang, allein so weit ich auf beiden Seiten sehen konnte; es gab keinen andern Übergang als durchzuwaten oder von Felsen zu Felsen zu springen; ich wählte letzteres, kam jedoch nicht weiter als mitten in den Fluss, wo der Strom auf beiden Seiten den großen Felsenblock, worauf ich stand, umbrauste. Hier nahm übrigens die ganze Gegend sich am besten aus; wär ich Maler gewesen, so hätt' ich das Papier her- vorgezogen, zuerst mit einigen Strichen das unendliche, große Tal mit seinen Dörfern und Kirchtürmen angedeutet, dann mit stärkerem Umriss die freundlichen Gebäude angedeutet, um deren rote Dächer gerade der Rauch schlug, zuförderst aber die wilde Bergpartie mit dem brausenden Bodeflusse gezeichnet; - ich war nun kein Maler: Ich sah mir in dem Augenblicke das Ganze nur an, um eine Brücke zu finden, welche ich denn zuletzt auch eine ziemliche Strecke von da entdeckte, an einer Stelle, wo der Fluss eine Biegung machte. Als ich zu den Blechhütten kam und mich dem Wirtshaus näherte, glaubte ich, ein feindlicher Hüne habe darin sein Lager aufgeschlagen. Es war ein Gelärm, als ob Tische und Stühle durcheinander geworfen würden; ich trat in die große Stube und die ganze Mannschaft bestand in vier Studenten aus Jena. Sie waren völlig in Burschentracht und hatten jeder einen grünen Eichenkranz um den Kopf, unter welchen ihre Haare in langen Locken über den weißen gestickten Halskragen herabhingen. Sie sangen alle aus vollem Halse und trommelten mit den Bierflaschen auf dem Tische, so das Gläser und Teller umhertanzten. Sie sahen übrigens recht gutmütig aus und machten eine Pause in ihrer musikalischen Übung, als ich eintrat. Bald kamen wir miteinander ins Gespräch; sie wollten eine Brockenreise machen und waren zu Fuß von Jena hierher gekommen. Als sie hörten, dass ich ein Däne und Student sei, wurden mancherlei Fragen an mich gerichtet; sie erkundigten sich, ob wir keine Burschenschaften hätten und welche Farbe ich trüge; als ich versicherte, dass wir dergleichen nicht kennen, zeigten sie mir ihre Mützen und erzählten, dass sie Sand's Farben trügen. Ob ich Sand kenne! Indem sie dieses sagten, flammten ihre Augen, weil er ein so herrlicher Mensch gewesen; als er hingerichtet ward, waren sie Kinder, aber sie erinnerten sich seiner und hatten im lebhaften Andenken, wie sein Haupt durch den Henker viel.
Ihre Vorstellungen von Dänemark waren übrigens sehr unvollkommen; so glaubten sie, dass nur die niedere Klasse bei uns Dänisch spreche, dass aber am Hofe und unter den Gebildeten das französische gebräuchlich sei. Als ich Dehlenschläger nannte, fragten sie, ob wir einige Stücke von demselben bei uns in Übersetzungen hätten; ich erwiderte, dass wir dieselben im Originale besäßen, und nun waren sie nicht wenig ver- wundert, zu hören, dass Dehlenschläger ein Däne sei und in Dänemark lebe und schreibe. Ich musste sein Aussehen beschreiben und ihnen von seinen Werken erzählen; als sie nun hörten, dass ich den Dichter per- sönlich kenne und derselbe sich zur Zeit in Deutschland befinde, blickten sie mir recht freundlich ins Gesicht und verehrten mir, da wir schieden, einen Eichenkranz, welchen der eine sich vom Kopfe nahm und an meine Mütze steckte; natürlich empfing ich denselben um Dehlenschlägers willen.
Mein Weg ging nun nach Gernrode; allein, hätte eine reisende Harfenistin sich des friedlichen Wanderers nicht angenommen, so wäre ich wild im grünen Laubwalde umhergelaufen. Ich fragte: Ob sie nicht vom Riesengebirge sei, allein sie war von einer andern Seite her, und mit der Lafontaineschen nicht aus einer Familie. Nachdem sie mich auf den rechten Weg geleitet hatte, setzte sie sich auf einem Steine unter einem großen Haselbusche nieder und spielte mir ein Stück in den Kauf, und so schieden wir, sie mit ihrer Harfe auf dem Rücken, ich mit der Harfe im Herzen, beide mit der Absicht, der Welt etwas zu singen.
Wald und Wiese wechselten miteinander; ich sah auch eine alte Burg-Ruine mitten aus dem hohen Buschwerk hervorragen; sie sah sehr zerstört aus und machte sich doch eben in ihrer Verfallenheit so sehr schön. Es war als ob Ossiant sie gemeint hätte, da er sang: „Hier schüttelt die Distel einsam ihr Haupt und der Fuchs schaut zum Fenster hinaus." Es waren die letzten Überreste des Schlosses Lauenburg.
Gernrode ist ein kleines stilles Städtchen, wo ich fast niemand auf der Straße erblickte; ein Fenster an einem kleinen Hause stand offen und ich hörte eine weibliche Stimme sehr schön von der Liebe singen. Ich lauschte, und da die Unsichtbare nicht zum Vorschein kam, nahm ich mir den Eichenkranz von der Mütze und legte denselben, nachdem ich ein Blatt davon für mich behalten hatte, zum Dank für den Gesang schweigend an der Türe nieder und wanderte aus der Stadt hinaus. Der Weg führt steil bergauf; der kahle gelbe Boden stach mächtig gegen den veilchenblauen Himmel ab; etliche alte Weiber und ermüdete Kinder kamen mit Brennholz auf dem Rücken, das sie im Holze gesammelt hatten, herab; ich setzte mich nieder und schrieb in mein Tagebuch, eine Biene schwirrte um eine Blume mir zur Seite und so waren alle Figuren auf diesem Gemälde in Tätigkeit. Als ich mich dem Mägdesprunge näherte, neigte sich die Sonne zum Untergange; auf dem Wege zwischen den Bergwänden war es halbdunkel, desto stärker fiel aber das Licht auf die Baumkuppen, welche lange schwarze Schatten warfen. Ich holte hier zwei Schüler ein; einen Magdeburger und einen Berliner, mit denen ich bereits auf dem Brocken gewesen war; während ihrer Schulferien waren sie in die große Natur hinausgeflogen. Auch einen Häscher trafen wir auf der Straße, welcher aussah, als ob er lebend aus einer Räuberhistorie gesprungen wäre; er tat uns jedoch nichts, weil er uns so stark an Zahl fand; wir taten ihm dagegen auch nichts, und so war die Artigkeit bezahlt.
Bald sahen wir das schwarze eiserne Kreuz auf dem Felsen über uns, wo ein junges Mädchen, der Sage nach, sich herabstürzte, als der fürstliche Liebhaber sie verfolgte; doch fand sie den Tod nicht, Gott ließ sie von seinen Winden sanft hinabtragen auf die wilden Brombeersträucher, zwischen den Felsstücken. Ob die Gegend hiervon den Namen Mägdesprung erhalten hat, weiß ich nicht. Ottomar erzählt: das zwei Riesenmädchen auf dem steilen Bergrücken gespielt hätten; die eine hüpfte über den steilen Abgrund, wo nun der Weg läuft, allein die andere fand den Sprung noch zu bedenklich; sie zögerte ein wenig, sprang aber dennoch, und so, dass ein Abdruck ihres Fußes im Steine blieb. Ein Bauer, welcher hier ging und pflügte, sah dies und lachte über die große Dame; dafür nahm sie ihn nebst Ochsen und Pflug in ihre Schürze und trug ihn mit sich Heim auf das Gebirge.
Obgleich ich, als ein großer, vernünftiger, konfirmierter Mensch wohl wusste, dass alles nur eine ländliche Phantasie war, dass keine Bergdame hier- herüber gehüpft, noch sonst ein menschliches Wesen herabgesprungen ist, ohne den Hals zu brechen, musste ich doch die Stelle genauer betrachten, welche jeden so recht ergreifen muss, der die große Natur liebt.
Nicht bloß die stolzen Felsenmassen mit ihrem unübersehlichen Walde, die hohen Gebüsche, welche sich über dem brausenden Busche verschlingen, oder die toten Steinmassen eines halb zerfallenen Gebäudes machen eine Gegend romantisch; erst wenn diese Natur eine oder die andere Sage hat, empfängt das Ganze seine vollkommene magische Beleuchtung, welche es recht vor's Auge der Seele bringt; dann erhalten die toten Massen Leben, es ist nicht länger eine leere Dekoration, es wird Handlung; jedes Blatt, jede Blume steht da, wie ein redender Vogel, die Quelle wie ein singender Wasserfall, welcher seine ewigen rieselnden Akkorde zu diesem geistigen Melodrama ertönen lässt.
Die Gegend ward mir durch ihre Sagen doppelt schön; auch auf dem Wege war Bewegung und Leben; wir begegneten Kohlenbrennern mit dunkeln, charakteristischen Gesichtern, und Bauerndirnen, welche wie Milch und Blut aussahen. Geschwätzig rauschte die Selke vorbei; sie erzählte sicher, was wir selbst noch sahen, dass das Ganze sehr gut sei. Bald hörten wir Lärmen aus zahlreichen Werkstätten; wir stiegen hinauf zu dem merkwürdigen Eisen-Obelisken, welchen der Herzog im Jahre 1812 seinem verstorbenen Vater errichtet hat; er ist gänzlich von Eisen und soll in Deutschland der höchste sein. Wir schrieben unsere Namen mit Bleistift daran, wie so manche vor uns bereits getan. „Unsterblich zu werden" ist ein Gedanke, welcher selbst auf kindische Weise aus dem armen Menschenherzen sich hervordrängt. Bald werden Schnee und Regen diese Bleistifts- Unsterblichkeit auslöschen, ein neues Geschlecht wird dafür seine Namen anschreiben, bis den Obelisken selber die Zeit zerstört. So suchen auch wir auf des Lebens Reise unsern Namen an den großen Welt- Obelisken zu schreiben, wo ein Name dem andern weisen muss, bis die große Schreibtafel selbst in Trümmer zerfällt. Gott weiß, welche Namen zuletzt daran stehen werden; ordentlicher Weise der des Baumeisters, welcher dieselbe zu seiner Ehre und zur Verschönerung des Ganzen erschuf.
In Alexisbad waren noch keine Gäste eingetroffen, denn diese pflegen erst in den warmen Sommermonaten anzukommen. Die Quelle befand sich in einem tempelförmigen Gebäude; man steigt zu derselben auf breiten steinernen Treppen hinab. Es saß dort ein junges Mädchen mit ihrem Füllkruge; es war Rachel am Brunnen. Der Mann, welcher uns das Wasser reichte, war auch was man hier bei uns in Dänemark einen langen Laban nennt. Die Schüler und ich standen gleich durstigen Kamelen, welche von des Tages Last und Wanderung erschöpft waren; so bildeten wir zusammen ein vollkommenes biblisches Gemälde.
Nicht weit von hier liegt der Flecken Harzgerode; hier wollte ich übernachten. Was mir hier am besten gefiel, war, dass es auf elf Uhr abends ging, als ich eintraf; ich durfte also nur 4 - 5 Stunden hier bleiben. Übrigens war die Stadt wirklich ein seltener Ort; die Straßen sind mit schwarz- und weißadrigem Marmor gepflastert. Ich fühlte einen ungeheuren Drang in mir, wieder fortzukommen, ja ich wünschte wirklich, im Galopp schlafen zu können und Zeit zu haben, in gleichem Tempo mitlaufen zu können.
„Vermochten die Steine hier zu reden", sagte ich, „was würden sie uns nicht erzählen können von den Begebenheiten, welche sich in der langen Zeit begeben, seit Heinrich der Vogelsteller die Burg anlegte, bis ich aus Dänemark kam und mir ihre Ruinen besah; da erhielten wir sicher Beiträge zu Wallensteins Geschichte und der des Dreißigjährigen Krieges; auch vom Siebenjährigen Kriege würden wir artige Sachen hören, und ich würde die Idee zu einem oder dem andern Rittergedichte erhalten." - Als ich dies sagte, nickten die Blumen um mich her mit ihren großen Häuptern und sahen dabei so recht dumm und stolz aus, gleichsam als wollten sie sagen: Ja du hast Recht; wollten wir reden, so würden wir erzählen! Und doch wussten sie nichts, sie waren alle Kinder des Jahres, alle mit ihren Stängeln in jetzigem Lenze erst aufgeschossen.
Auf des Felsens höchster Spitze nahmen wir Platz; er bildet die Decke der Kirche und schaut vergnüglich hinaus in die weite Welt; unter uns hatten vor Jahrhunderten Messgesänge ertönt und Lampen um der Madonna heiliges Bild gebrannt; nun saßen wir, profane Vögel, doch ohne etwas Schlimmes dabei zu denken, darüber, sangen Opern-Arien und machten Witze, so gut es jeder vermochte. Ich musste von Dänemark und dem Meere erzählen - vom Meere, welches das herrliche Gebirgsland hier nicht kennt; doch wie beschreibt mau das Meer einem, der es nie sah? Ich wüsste nichts Besseres zu tun, als dasselbe mit dem großen blauen Himmel zu vergleichen, wenn man ihn über das flache Feld bis zur Grenze des Horizonts ausspannen könnte, so würde er ein Meer sein. Es schien, als ob sie dies Bild fassten.
Mit Aug' und Gedanken trank ich gleichsam die weite Aussicht von den Ruinen des alten Bergschlosses ein. Ich blickte in die Tiefe und schloss alsdann die Augen, nachdem ich geschaut hatte, gleichsam um zu prüfen, ob ich die ganze Tiefe erfasst hätte; allein öffnete ich hernach das Auge und blickte niederwärts, so war es doch weit tiefer, als ich mir vorgestellt hatte, die Ausdehnung nach allen Seiten hin war weit größer als die Erinnerung zu umfassen vermochte. Ich ging das ganze Bild, welches ich in Gedanken hatte, durch, verglich dasselbe mit der Wirklichkeit. Landstädte und Flecken erheben sich in dieser weiten Umgegend, die Berge mit ihren Waldungen, Blankenburg mit seinem Schlosse und selbst die kleinen Menschen- und Tiergestalten tief unten traten stärker hervor. Der Regenstein selbst mit seinen engen Behältnissen, eingestürzten Brunnen und Treppen, die nur aus der freien Luft in dasselbe Element führten, erhielten jegliches wie ein Bild für sich ihren eigenen Platz im Pantheon meiner Erinnerung. Jede Ruine steht da wie eine leibliche Riesen-Epopöe, welche uns zurückversetzt in Zeiten mit andern Menschen und Sitten; je höher das Gras in den Rittersälen wächst, je langsamer der Fluss über abgebrochene Säulen dahingleitet, desto höhere Poesie findet das Herz im steinernen Epos; einst werden die Ruinen ganz verschwinden, selbst die letzte Spur von des Regensteins ausgehauenem Felsen wird zerbröckeln und dahinstürzen; dann aber wird die Sage noch lange um die Stätte leben, wie jetzt noch die Erinnerung an manches Werk der Alten, das bereits verschwunden ist.
Noch an diesem Vormittage rollten wir nach der Rosstrappe, einer der romantischen Partien des Harzes. Wir sagten dem alten Schlosse Lebewohl; ein kleiner Steig, welcher sich zwischen den mit Buschwerk überwachsenen Felsstücken hinschlang, brachte uns nach Blankenburg zurück, von wo mir nun eine Strecke lang die breite Landstraße verfolgten, welche mit gelben aufgeblühten Rosen bepflanzt war. Unser weiblicher Führer, mit welchem wir unser Frühstück teilten, war gesprächig und erzählte uns in der freien Natur von ihrem häuslichen Glücke und Leiden. Ihr Mann trieb die Schneiderkunst, war aber für etwas Höheres geboren als den Tisch, auf welchem er saß; vor zwei Jahren hatte hier in der Gegend eine Hinrichtung stattgefunden; diese hatte seine schlummernden Anlagen geweckt: Er war ein Poet geworden, hatte des Mörders ganzes Leben und Ende in einer elegischenArt geschildert; das Ganze war stilisiert wie der Verbrecher selbst, welcher es auf seiner letzten Ausflucht sang und ging nach der Melodie: Wir winden dir den Jungfernkranz. „Damit verdiente er doch vier Taler", sagte das Weib, „und in diesem Frühjahr noch zwei Taler für eins auf eine Hebamme, welche in einer Straßenpfütze ertrunken war. DieVerskunst wirft mehr ab als die Nadel; sie hat aber bewirkt, dass er ganz ungereimt geworden ist und so viel von Tränen hält; nun da es nichts mehr zu Schreiben gibt und er die Nadel nicht brauchen mag, würde es sehr übel ausse- hen, wenn ich nicht mit dem Führen der Reisenden etwas verdiente - dort, unterbrach sie sich selbst und zeigte mit der Linken über die Felder hin - „liegt die Teufelsmauer, welche der Teufel erbaute, als er mit unserm Herrn um die Herrschaft auf Erden stritt." -
Wirklich erhob sich uns zur Seite dieser wunderbar gestaltete Bergrücken, welcher das Ansehen der Ruinen von einer ungeheuren Schanze hat und sich lang hin erstreckt; das Auge kann an ihm entlang sehen. Die Sage meldet, dass, als Satanas unzufrieden darüber, dass er nur über die halbe Erde die Herrschaft erhalten, den Streit erneuerte, worin er sie ganz hergeben musste, seine ungeheure Feste hier zertrümmert worden; andere sagen, sie sei von den bösen Geistern aufgerichtet als eine Mauer gegen Christi Lehre, damit dieselbe sich nicht weiter verbreiten möchte; allein die Steine mussten vor dem lebendigen Worte zerbröckeln.
Als ich die Schneidersfrau ausfragte, ob es nicht möglich sei, die edle Verskunst zu erlernen, vertraute sie mir, dass ihr Mann ein altes deutsches Psalmenbuch besitze, und manche Stellen und die besten Reime da heraus nähme, deshalb hätten alle seine Gedichte so etwas Geistliches an sich, was sie so rührend macht. Wir verließen nun die Landstraße und gelangten über Felder und Wiesen in das grüne Laubholz; nie hörte ich so viele Nachtigallen als hier. Die Sonne stand hoch am Himmel, aber jene schienen in dem dichten Buschwerke dies nicht zu verspüren. Gott weiß, wie man von diesem Gesange hat sagen können, dass darin Sehnen und Klagen liege; nein nichts weniger; die Nachtigall hat vielmehr italienische Manieren; das meiste sind Triller und Läufe; sie klagt nicht nur nicht, sondern singt mit voller Kehle ihre stolzen Bravur-Arien. Etwas Tieferes, Feierlicheres liegt im Gesange der Drossel; sie flötet uns eine nordische Kämpferweise, einfach, aber rührend, wenn sie in den Morgenstunden daheim in Dänemark auf bemoostem Gemäuer sitzt.
Bald eröffnete sich eine weitere Aussicht; der schöne Thale-Grund lag in seiner ganzen Ausdehnung vor uns; nun hatten wir wieder Berge zu ersteigen; wir rasteten, um wieder Kräfte zu sammeln. Es ging bergauf, wir wurden ganz abgemattet, während zwei weiße Schmetterlinge im großen kreisenden Rundtanze uns bis oben hinauf folgten und uns schwacher Menschenkinder zu spotten schienen. Oben verloren wir unsern weiblichen Führer und erhielten dafür einen männlichen, der hier oben wohnte; er nahm sein Pistol und nachdem wir sein Birkenwasser gekostet hatten, welches wie Champagner brauste, folgten wir ihm nach der so genannten Rosstrappe, der wildesten und romantischsten Partie im ganzen Harze. Senkrecht fallen die hohen Felsstücke in den tiefen Abgrund ab. Man blickt in eine große herrliche Bergnatur, wo Fels an Fels mit dunklen Fichten sich erbebt; in der Tiefe, in welche man nur schwindelnd hinabsehen kann, braust der Bodefluss; wir sahen dort unten einen Haufen Reisender; sie glichen Blumen auf einem Beete. Die Brücke über den Fluss erschien als ein Spielzeug, wie von einer einzelnen Haselgerte gebildet; es wurde eine Pistole abgefeuert, der Knall ertönte in den Bergen wie der stärkste Donner. In der Felsenwand zeigte man uns eine Vertiefung, welche das Ansehen eines kolossalen Pferdetrittes hatte und wonach die Stelle den Namen führt. Der kleine Junge, welcher dem Führer hierher gefolgt war, schöpfte mit der flachen Hand sich das Regenwasser zum Trank, welches sich darin gesammelt hatte, während die Phantasie ihm, vielleicht klarer als uns die Sage von der flüchtigen Prinzessin, der schönen Emma aus dem Riesengebirge vorstellte. Älter geworden wird er dereinst seinem Vater als Führer im Amte folgen und alsdann so ruhig als derselbe gegenwärtig erzählen, vor wie vielen tausend Jahren Riesen und Zauberer hier lebten, welche hundertjährige Eichen aus den Bergen rissen und solche als Keulen gebrauchten, womit sie Weiber und Kinder mordeten; er wird erzählen, wie der starke Bodo, welcher die schöne Emma liebte, dieselbe bis hierher verfolgte, wo sie ihr Ross hinüberspringen ließ; dann aber wird er nicht wie jetzt das große herrliche Bild mit den Farben der jugendlichen Phantasie erblicken. Jetzt sieht er sie mit der großen, schweren Goldkrone und dem flatternden Gewande von Berg zu Berg fliehen, von Klippe zu Klippe durch Tal und Wald, hohe Eichen und Buchen stürzen unter dem Hufe ihres Rosses; hinter ihr ist der wilde Bodo, Funken sprühen aus den Felsen hervor und leuchten rings im Tale. Jetzt ist sie hier am Abgrunde; sie erblickt die Tiefe vor sich, wo der Fluss schäumend über Felsstücke braust und doch scheint ihr die entgegengesetzte Felsspitze entfernter, als diese ungeheure Tiefe; hinter sich vernimmt sie Bodos Ross, in der Verzweiflung Angst ruft sie den Ewigen über sich an, drückt ihrem Pferde die scharfen Sporen in die Seite; dieses tritt auf den Felsen, dass es Jahrtausende zu sehen bleibt, fliegt mit einem Sprunge über den Abgrund hinweg - und sie ist frei; nur die goldene Krone fällt von ihrem Haupte in die Tiefe, in den Wirbel des Stromes, wohin ihr der wilde Bodo nachfolgt und zerschmettert an den harten Felsen niedergestürzt ist. Alle diese Träume der Phantasie wer- den verflogen sein, wenn der Kleine einst, wie jetzt sein Vater, ruhig steht und seine Pistole abfeuert, höchstens aber sich zu der Berechnung erhebt, wie stark seine Einnahme an dem Tage von den Reisenden gewesen ist. Aber Träume sind ja Blumen: es gibt deren böse und gute. Die Blumen mögen vergehen, allein aus dem alten Stamme entsprießen frische. Für eine neue Kinderwelt wird die Prinzessin mit der goldenen Krone gleichfalls auf dem fliegenden Rosse vorbeijagen, sie wird wie dieser Kleine in den Bodefluss hinabschauen und das rote Gold durch das Wasser glänzen zu sehen wähnen; sonst war dieses so groß und tief, dass ein Taucher vor einer versammelten Menge herniederstieg, auch die goldene Krone auffand; er hob sie auch so weit, dass die Spitze über dem Wasser zum Vorschein kam; doch war sie groß und schwer; zweimal entfiel sie seinen Händen; das Volk verlangte, dass er noch einmal zur Tiefe fahren möchte - er tat's - ein Blutstrahl schoss aus dem Wasser empor - und goldene Krone und Taucher sah man niemals wieder.
Hier verließ ich die lustigen Kandidaten und zog weiter in die große, schöne Welt hinaus. Unter den Felsen lagen die Blechhütten, die ich zu passieren hatte; eines Führers bedurfte ich also nicht; man schwang die Hüte beim Abschied und ließ die Taschentücher flattern, da sie mich halb unten erblickten; es war mir wunderbar, ihr Lebewohl anzunehmen, das letzte vielleicht in diesem Leben; denn wo sollten wir alle in dieser Welt wohl wieder zusammenkommen. Es liegt etwas Interessantes im Begegnen, Bekannt werden und im Scheiden für immer.
Alsbald war ich die Rosstrappe herunter; der Bodefluss strömte vor mir über die großen Steine; auf der anderen Seite führte der Weg neben den rotgedeckten Häusern vorbei; allein ich gewahrte keine Brücke; hinüber musste ich, allein wie? Ich lief lange das Flussbett entlang, allein so weit ich auf beiden Seiten sehen konnte; es gab keinen andern Übergang als durchzuwaten oder von Felsen zu Felsen zu springen; ich wählte letzteres, kam jedoch nicht weiter als mitten in den Fluss, wo der Strom auf beiden Seiten den großen Felsenblock, worauf ich stand, umbrauste. Hier nahm übrigens die ganze Gegend sich am besten aus; wär ich Maler gewesen, so hätt' ich das Papier her- vorgezogen, zuerst mit einigen Strichen das unendliche, große Tal mit seinen Dörfern und Kirchtürmen angedeutet, dann mit stärkerem Umriss die freundlichen Gebäude angedeutet, um deren rote Dächer gerade der Rauch schlug, zuförderst aber die wilde Bergpartie mit dem brausenden Bodeflusse gezeichnet; - ich war nun kein Maler: Ich sah mir in dem Augenblicke das Ganze nur an, um eine Brücke zu finden, welche ich denn zuletzt auch eine ziemliche Strecke von da entdeckte, an einer Stelle, wo der Fluss eine Biegung machte. Als ich zu den Blechhütten kam und mich dem Wirtshaus näherte, glaubte ich, ein feindlicher Hüne habe darin sein Lager aufgeschlagen. Es war ein Gelärm, als ob Tische und Stühle durcheinander geworfen würden; ich trat in die große Stube und die ganze Mannschaft bestand in vier Studenten aus Jena. Sie waren völlig in Burschentracht und hatten jeder einen grünen Eichenkranz um den Kopf, unter welchen ihre Haare in langen Locken über den weißen gestickten Halskragen herabhingen. Sie sangen alle aus vollem Halse und trommelten mit den Bierflaschen auf dem Tische, so das Gläser und Teller umhertanzten. Sie sahen übrigens recht gutmütig aus und machten eine Pause in ihrer musikalischen Übung, als ich eintrat. Bald kamen wir miteinander ins Gespräch; sie wollten eine Brockenreise machen und waren zu Fuß von Jena hierher gekommen. Als sie hörten, dass ich ein Däne und Student sei, wurden mancherlei Fragen an mich gerichtet; sie erkundigten sich, ob wir keine Burschenschaften hätten und welche Farbe ich trüge; als ich versicherte, dass wir dergleichen nicht kennen, zeigten sie mir ihre Mützen und erzählten, dass sie Sand's Farben trügen. Ob ich Sand kenne! Indem sie dieses sagten, flammten ihre Augen, weil er ein so herrlicher Mensch gewesen; als er hingerichtet ward, waren sie Kinder, aber sie erinnerten sich seiner und hatten im lebhaften Andenken, wie sein Haupt durch den Henker viel.
Ihre Vorstellungen von Dänemark waren übrigens sehr unvollkommen; so glaubten sie, dass nur die niedere Klasse bei uns Dänisch spreche, dass aber am Hofe und unter den Gebildeten das französische gebräuchlich sei. Als ich Dehlenschläger nannte, fragten sie, ob wir einige Stücke von demselben bei uns in Übersetzungen hätten; ich erwiderte, dass wir dieselben im Originale besäßen, und nun waren sie nicht wenig ver- wundert, zu hören, dass Dehlenschläger ein Däne sei und in Dänemark lebe und schreibe. Ich musste sein Aussehen beschreiben und ihnen von seinen Werken erzählen; als sie nun hörten, dass ich den Dichter per- sönlich kenne und derselbe sich zur Zeit in Deutschland befinde, blickten sie mir recht freundlich ins Gesicht und verehrten mir, da wir schieden, einen Eichenkranz, welchen der eine sich vom Kopfe nahm und an meine Mütze steckte; natürlich empfing ich denselben um Dehlenschlägers willen.
Mein Weg ging nun nach Gernrode; allein, hätte eine reisende Harfenistin sich des friedlichen Wanderers nicht angenommen, so wäre ich wild im grünen Laubwalde umhergelaufen. Ich fragte: Ob sie nicht vom Riesengebirge sei, allein sie war von einer andern Seite her, und mit der Lafontaineschen nicht aus einer Familie. Nachdem sie mich auf den rechten Weg geleitet hatte, setzte sie sich auf einem Steine unter einem großen Haselbusche nieder und spielte mir ein Stück in den Kauf, und so schieden wir, sie mit ihrer Harfe auf dem Rücken, ich mit der Harfe im Herzen, beide mit der Absicht, der Welt etwas zu singen.
Wald und Wiese wechselten miteinander; ich sah auch eine alte Burg-Ruine mitten aus dem hohen Buschwerk hervorragen; sie sah sehr zerstört aus und machte sich doch eben in ihrer Verfallenheit so sehr schön. Es war als ob Ossiant sie gemeint hätte, da er sang: „Hier schüttelt die Distel einsam ihr Haupt und der Fuchs schaut zum Fenster hinaus." Es waren die letzten Überreste des Schlosses Lauenburg.
Gernrode ist ein kleines stilles Städtchen, wo ich fast niemand auf der Straße erblickte; ein Fenster an einem kleinen Hause stand offen und ich hörte eine weibliche Stimme sehr schön von der Liebe singen. Ich lauschte, und da die Unsichtbare nicht zum Vorschein kam, nahm ich mir den Eichenkranz von der Mütze und legte denselben, nachdem ich ein Blatt davon für mich behalten hatte, zum Dank für den Gesang schweigend an der Türe nieder und wanderte aus der Stadt hinaus. Der Weg führt steil bergauf; der kahle gelbe Boden stach mächtig gegen den veilchenblauen Himmel ab; etliche alte Weiber und ermüdete Kinder kamen mit Brennholz auf dem Rücken, das sie im Holze gesammelt hatten, herab; ich setzte mich nieder und schrieb in mein Tagebuch, eine Biene schwirrte um eine Blume mir zur Seite und so waren alle Figuren auf diesem Gemälde in Tätigkeit. Als ich mich dem Mägdesprunge näherte, neigte sich die Sonne zum Untergange; auf dem Wege zwischen den Bergwänden war es halbdunkel, desto stärker fiel aber das Licht auf die Baumkuppen, welche lange schwarze Schatten warfen. Ich holte hier zwei Schüler ein; einen Magdeburger und einen Berliner, mit denen ich bereits auf dem Brocken gewesen war; während ihrer Schulferien waren sie in die große Natur hinausgeflogen. Auch einen Häscher trafen wir auf der Straße, welcher aussah, als ob er lebend aus einer Räuberhistorie gesprungen wäre; er tat uns jedoch nichts, weil er uns so stark an Zahl fand; wir taten ihm dagegen auch nichts, und so war die Artigkeit bezahlt.
Bald sahen wir das schwarze eiserne Kreuz auf dem Felsen über uns, wo ein junges Mädchen, der Sage nach, sich herabstürzte, als der fürstliche Liebhaber sie verfolgte; doch fand sie den Tod nicht, Gott ließ sie von seinen Winden sanft hinabtragen auf die wilden Brombeersträucher, zwischen den Felsstücken. Ob die Gegend hiervon den Namen Mägdesprung erhalten hat, weiß ich nicht. Ottomar erzählt: das zwei Riesenmädchen auf dem steilen Bergrücken gespielt hätten; die eine hüpfte über den steilen Abgrund, wo nun der Weg läuft, allein die andere fand den Sprung noch zu bedenklich; sie zögerte ein wenig, sprang aber dennoch, und so, dass ein Abdruck ihres Fußes im Steine blieb. Ein Bauer, welcher hier ging und pflügte, sah dies und lachte über die große Dame; dafür nahm sie ihn nebst Ochsen und Pflug in ihre Schürze und trug ihn mit sich Heim auf das Gebirge.
Obgleich ich, als ein großer, vernünftiger, konfirmierter Mensch wohl wusste, dass alles nur eine ländliche Phantasie war, dass keine Bergdame hier- herüber gehüpft, noch sonst ein menschliches Wesen herabgesprungen ist, ohne den Hals zu brechen, musste ich doch die Stelle genauer betrachten, welche jeden so recht ergreifen muss, der die große Natur liebt.
Nicht bloß die stolzen Felsenmassen mit ihrem unübersehlichen Walde, die hohen Gebüsche, welche sich über dem brausenden Busche verschlingen, oder die toten Steinmassen eines halb zerfallenen Gebäudes machen eine Gegend romantisch; erst wenn diese Natur eine oder die andere Sage hat, empfängt das Ganze seine vollkommene magische Beleuchtung, welche es recht vor's Auge der Seele bringt; dann erhalten die toten Massen Leben, es ist nicht länger eine leere Dekoration, es wird Handlung; jedes Blatt, jede Blume steht da, wie ein redender Vogel, die Quelle wie ein singender Wasserfall, welcher seine ewigen rieselnden Akkorde zu diesem geistigen Melodrama ertönen lässt.
Die Gegend ward mir durch ihre Sagen doppelt schön; auch auf dem Wege war Bewegung und Leben; wir begegneten Kohlenbrennern mit dunkeln, charakteristischen Gesichtern, und Bauerndirnen, welche wie Milch und Blut aussahen. Geschwätzig rauschte die Selke vorbei; sie erzählte sicher, was wir selbst noch sahen, dass das Ganze sehr gut sei. Bald hörten wir Lärmen aus zahlreichen Werkstätten; wir stiegen hinauf zu dem merkwürdigen Eisen-Obelisken, welchen der Herzog im Jahre 1812 seinem verstorbenen Vater errichtet hat; er ist gänzlich von Eisen und soll in Deutschland der höchste sein. Wir schrieben unsere Namen mit Bleistift daran, wie so manche vor uns bereits getan. „Unsterblich zu werden" ist ein Gedanke, welcher selbst auf kindische Weise aus dem armen Menschenherzen sich hervordrängt. Bald werden Schnee und Regen diese Bleistifts- Unsterblichkeit auslöschen, ein neues Geschlecht wird dafür seine Namen anschreiben, bis den Obelisken selber die Zeit zerstört. So suchen auch wir auf des Lebens Reise unsern Namen an den großen Welt- Obelisken zu schreiben, wo ein Name dem andern weisen muss, bis die große Schreibtafel selbst in Trümmer zerfällt. Gott weiß, welche Namen zuletzt daran stehen werden; ordentlicher Weise der des Baumeisters, welcher dieselbe zu seiner Ehre und zur Verschönerung des Ganzen erschuf.
In Alexisbad waren noch keine Gäste eingetroffen, denn diese pflegen erst in den warmen Sommermonaten anzukommen. Die Quelle befand sich in einem tempelförmigen Gebäude; man steigt zu derselben auf breiten steinernen Treppen hinab. Es saß dort ein junges Mädchen mit ihrem Füllkruge; es war Rachel am Brunnen. Der Mann, welcher uns das Wasser reichte, war auch was man hier bei uns in Dänemark einen langen Laban nennt. Die Schüler und ich standen gleich durstigen Kamelen, welche von des Tages Last und Wanderung erschöpft waren; so bildeten wir zusammen ein vollkommenes biblisches Gemälde.
Nicht weit von hier liegt der Flecken Harzgerode; hier wollte ich übernachten. Was mir hier am besten gefiel, war, dass es auf elf Uhr abends ging, als ich eintraf; ich durfte also nur 4 - 5 Stunden hier bleiben. Übrigens war die Stadt wirklich ein seltener Ort; die Straßen sind mit schwarz- und weißadrigem Marmor gepflastert. Ich fühlte einen ungeheuren Drang in mir, wieder fortzukommen, ja ich wünschte wirklich, im Galopp schlafen zu können und Zeit zu haben, in gleichem Tempo mitlaufen zu können.
Sie sind im Kapitel Ruinen des Regenstein. - Schneiderfrau. - Rosstrappe. - Wanderung nach Alexisbad.
im Werk Umrisse einer Reise
Blättern sie zum nächsten Kapitel Situationsbilder auf der Wanderung nach Eisleben. - Martin Luther. - Reise nach Halle. - Merseburg.
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Theodor Herzl war ein österreichisch-jüdischer Schriftsteller, Journalist und Publizist. Wir gratulieren dem Begründer des politischen Zionismus zum 150. Geburtstag.
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