Abenteuer- & Jugendliteratur
Aphorismen & Miszellen
Architektur & Baukunst
Auswanderung
Befreiungskriege
Biographie
Briefe, Tagebücher
Gesundheit, Medizin, Homöopathie
Historischer Roman
Maritimes
Mittelalter
Pferd, Hund, Jagd
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Reisen, Expeditionen, Entdeckungen
Sagen und Märchen
Thematisch Gemischtes
Amerika
Russland
Bayern
Hamburg
Mecklenburg-Vorpommern
Pommern
Volltextsuche
Shop
Buchtipp
Bei Lexikus online lesen, oder bei Amazon kaufen
Abenteuer zwischen dem Arkansas und Red River: Ausflug auf die Prairien von Washington Irving, 1835.
Bei Lexikus online lesen, oder bei Amazon kaufen
Abenteuer zwischen dem Arkansas und Red River: Ausflug auf die Prairien von Washington Irving, 1835.
Beliebte Suchbegriffe
Flatboot, Jules Verne, Nordamerika, John Tanner, Rinaldo Rinaldini, Schiffzimmermann, Äquator, Wolfsglocke, Aberglaube
Flatboot, Jules Verne, Nordamerika, John Tanner, Rinaldo Rinaldini, Schiffzimmermann, Äquator, Wolfsglocke, Aberglaube
Gern gelesen:
Eine Abenteuergeschichte von Kurt Faber: Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Erscheinungsjahr: 1930
Eine Abenteuergeschichte von Kurt Faber: Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Erscheinungsjahr: 1930

Impressum
über Lexikus
Buch: Umrisse einer Reise
Reise durch Halle und Merseburg nach Leipzig. - Die blinde Mutter. - Der Invalide. - Die Nikolai Kirche. - Gellerts Grab. - Auerbach’s Keller. - Die Italienische Oper. - Poniatowsky’s Denkmal.
Im sächsischen „Eilwagen" rollten wir gegen Nacht aus dem alten Eisleben. Die ersten grünen Weinberge begrüßten mich mit aufgehender Sonne. Der Postillon blies recht hübsch ein Stück nach dem andern. Wir kamen an zwei großen Landseen vorbei, in deren stillen Flut die grünen Berge und roten Wolken sich spiegelten. Hier lag auch eine alte Ritterburg, eckig und betürmt mit hohen Mauern und Gräben. Es befand sich an dieser Stelle auch ein schönes Echo; wir hielten einen Augenblick, der Postillon blies und von den Bergen tönte fast das ganze Stück zurück. Ich habe ein Echo niemals so viele Töne wiederholen hören. Diesen schönen Morgen vergesse ich nie; er steht in der Gemäldesammlung meiner Erinnerung in Musik gesetzt. Postillon und Echo gaben der ganzen Gegend eine höhere Schönheits- Potenz, wobei möglicherweise die gelehrte Stadt Halle nachher verlor; sie sah mir so enge, so unheimlich aus, der Saalefluss führte ein unreines, gelbliches Wasser und die Straßen der Stadt, einzelne wenigstens, glaube ich, waren nicht gepflastert, draußen vorm Universitätsgebäude stand ein Gewimmel von Studenten mit Kollegienheften unterm Arme und Tabakpfeifen im Munde, auf den Straßen trafen wir und rings in den Fenstern lagen dergleichen Minervensöhne, wenigstens hielten wir sie dafür.
Die Bauernweiber, welche auf dem Markte saßen und ihre Waren verkauften, hatten für mich ganz wunderliche, tartanbraune Gesichter; ich hatte an die erste beste herantreten und derselben meine Hand reichen mögen, überzeugt, dass sie eine Zigeunerin und mir anzugeben imstande sei, wie stark mein Honorar für alles, was ich in der Welt noch denken und schreiben würde, in Gelde und Unsterblichkeit sein werde.
Der Weg nach Merseburg war mit Kirschbäumen bepflanzt, die Stadt selbst finster und enge, wie Halle, allein wegen ihrer alten gotischen Domkirche doch eines Besuches wert.
Man erzählte mir hier auch eine Volkssage, ganz eine Geschichte a la gazza ladra. Ein Bischof hier hatte seinen Diener unschuldig hinrichten lassen; als er später entdeckte, dass sein Lieblingsrabe der Dieb sei, zerfiel er in Schwermut, ließ den Vogel in einen eisernen Käfig sperren, setzte denselben zu Spott und Hohn aus, bestimmte auch ein Kapital, von welchem der Rat in Merseburg auf ewige Zeiten einen Raben halten sollte, welcher des Dieners Namen: „Jacob" rufen musste. So oft nun ein Rabe stirbt, wird's wie beim Dalai Lama und Papste gehalten; es versammelt sich der Rat und wählt einen neuen.
Da saß nun, erzählte man mir, denn ich konnte es nicht finden, so ein unschuldiges schwarzes Tier und rief: „Jacob", ohne sich träumen zu lassen, weshalb es freie Kost und Wohnung erhalte, und vielleicht ohne aus der Familie des bischöflichen Diebs zu sein, um dessen willen das Raben-Legat gestiftet war.
Die Sonne brannte heiß, da wir aus der Stadt rollten, um dem Teutschen Buchladen: Leipzig zuzueilen. An der Grenze hatte der Chaussee- Einnehmer eine lange Stange mit einem Beutel daran, wie man deren bei uns in den Kirchen findet: nur war die Stange länger; er steckte sie aus seinem Fenster in einen Wagen, der draußen hielt, und empfing seinen Zoll darein. Eine Familie gab ihm unrichtiges Geld und fuhr weiter; er stürzte nun, wiewohl schon hoch am Tage, noch in ziemlich tiefem Negligee heraus, schwang seine bebeutelte Lanze und verfocht das Gesetz und dessen Befolgung, und der Mann hatte Recht. Die Gegend ringsum sah recht dänisch aus; es kam noch eine Waldpartie, nachher verlor sich alles in eine unabsehliche Ebene, welche Menschenblut mit unaus- löschlicher Chiffern gezeichnet hat
Die blinde Mutter.
Trommeln wirbeln; sie sind nah'.
Mächtig weh'n des Heeres Fahnen.
„Mutter, nur der Wind ist da,
Und durchstreicht des Waldes Bahnen."
Hörst du nicht die Hufe stolz,
Und wie dröhnen Pulverwagen?
„Dieser Weg führt durch ein Holz,
Was du hörst sind Reisewagen."
Nein, mein Kind! sie sind uns näh'r,
Und es saust kein Wind im Holz;
Siehst du nicht das ganze Heer?
Vater trägt die Fahne stolz;
Nein, das ist kein nächtlich Stürmen,
Ist kein Fremder, welcher reiset,
Denn wo Heer an Heer sich türmen:
Sich zu Ross der Kaiser weiset.
Vor mein Auge tritt kein Tag;
Durch die Nacht kenn' ich Gestalten;
Kind, ich finde mich zu schwach,
Wollst mir drum die Hände falten.
Durch die Fahnen saust der Wind,
Milde winkt dein Vater mir,
Leg mich an die Fichte, Kind,
Denn mein Tod ereilt mich hier.
Ein wunderbares Gefühl ergriff mich, als wir über die große unabsehliche Leipziger Ebene fuhren, worin jedes einzelne Dorf durch die Kriegsgeschichte denkwürdig ist. Hier war Napoleon gewesen; hier hatte der große Feldherr gefühlt und gedacht; üppig wogte das Getreide über den ungeheuren Kampfplatz; keine Wunde heilt so schnell als die der großen Natur geschlagene, nur eines Lenzes bedarf's, um die älteste Ruine mit Blumen und Grün zu schmücken; es ward an einem neuen Wege gearbeitet; ich sah Menschengebeine und Kugeln, welche man beim Graben gefunden hatte. Unter einem Baume saß ein alter Mann mit einem hölzernen Beine; er hatte gewiss hier mehr gesehen als das Korn, welches jetzt vor ihm wogte und einen tiefern Gesang vernommen, als die Vögel in den Ästen über ihm ertönen ließen. Die kleine Pfeife im Munde, rastete er hier und gedachte voriger Zeiten.
Der Invalide.
Rauchwolk' an Rauchwolk' zog über's Land
Wo Feuerschlünde das Auge nur fand;
Die Erde dröhnt unter der Rosse Stolz,
Wie im Sturm ächzet die Fichte im Holz.
Kaum tönte zum „Vorwärts" der Schar das Gebot,
So fand mein Bruder den Heldentod.
Nichts fühlte ich; kein Schmerz mehr am Innern zehrte,
Denn selbst der Tommeln Getöne ich überhört'.
Die Drommete erscholl, wir brausten hinein,
Da stürzt mir das Ross, ich verlor mein Bein.
Das ganze Heer ging mir über's Genick.
Nichts wusste ich; es schwärzte sich mein Blick;
Und als ich erwachte, war alles so still,
Das Herz erbebt' vor Graus in seiner Hüll'!
Durst brannte die Lippen, aber Feuer das Bein,
Als Leiche lag ich, kein Gedanke war mein.
Ich fühlte des Nachtwind's Geseusele bloß,
Und neben mir ächzte ein verwundetes Ross.
Ein Franzmann lag unfern in Todesnot,
„Napoleon!" seufzt er, dann war er tot.
Ich wollte jetzt beten, erhob meinen Blick,
Da viel ich bewusstlos wieder zurück.
Wie lang¢ ich so lag, weiß ich selber nicht,
Was mir zuerst wieder zeigt' mein Gesicht,
War ein Mann, der den Mantel sich umgeschlagen;
Er kam: zwei Raben von mir zu jagen;
Ich hörte sie heiser schreiend entweichen;
Eine Leiche war ich ja unter den Leichen,
Und der Mann stand schweigend; nicht sah ich's Gesicht,
Das hatte er verhüllt in den Mantel dicht,
Zum Himmel auf blickt er in die Nacht hinein,
Da flammte mit eins auch ein Sternenschein.
Ich hörte genau, dass mon etoile er rief.
Wie vor seinem Gotte beugt' er sich tief;
Der Mantel viel von seinen Schultern zurück,
Und ich gewahrte den offenen Heldenblick.
Es drängte ein Seufzer sich aus meinem Herzen.
Er horchte und schwieg; ich vergaß alle Schmerzen;
Doch nimmermehr vergess ich den tiefen B1ick;
Er deckt mit dem Mantel mich, und ging zurück.
Ich lag gestreckt zwischen Tod und Leben,
Und bat den Himmel, mir Rettung zu geben.
In der Franken Lager nahm man mich an,
Doch nimmermehr sah ich den schweigenden Mann.
Er war's doch, der Leben und Hilfe mir gab;
Nun wächst vielleicht Gras schon auf seinem Grab.
Vielleicht noch lebt er, lebt lange noch fort,
Ist glücklich; mein Herz bejahet dies Wort!
Wir fuhren über den Elsterfluss, worin Poniatowsky seinen Tod fand; man zeigte mir in der Vorstadt ver- schiedene Stellungen, welche die feindliche Armee innegehabt, wie man durch die Gärten eingedrungen war und wo Napoleon sich zurückgezogen hatte. Leipzig selbst machte einen behaglichen Eindruck auf mich; es ist eine große, freundliche Stadt; die Hauptstraßen gleichen sehr unserer Osterstraße, doch sind sie breiter, und, was sie verschönert, ebener. Ich glaube, dass in jeder Straße zwei bis drei Buchhändler wohnen; überall hingen Schränke mit Büchern und in den großen hellen Glasfenstern Kupfer und Bilder. Auf den Gassen liefen Burschen mit langen Pfeifen im Munde und Kollegien-Heften unter dem Arme; einige waren in ihre deutsche Original-Tracht gekleidet, trugen weiße Pantalons, kurze Röcke und die Haare lang über den weißen Kragen. Ich besuchte die Nikolaikirche; hier sind Gemälde von Oeser; dasjenige, welches Christus am Brunnen darstellt, gefiel mir sehr; ob es mir hätte gefallen sollen, weiß ich nicht, da ich einen Kunstkenner darüber noch nicht befragt habe; in der Kuppel über dem Altar war ein schwebender Engel gemalt, der weniger ein Gemälde als ein lebendes Wesen zu sein schien. Die hohen Gewölbe wurden grade abgestäubt; man hatte einige künstliche Säulen errichtet, und auf diesen erhob sich eine ungeheuere lange Leiter, hoch wie ein Schiffsmast; oben auf dem wankenden Gerüste saß ein Mann gleich Pud's im „Siegfried unterm Pöbel" und sägte nach äußerstem Vermögen; malerisch genug sah dies aus; allein nicht wenig fürchterlich. Mir kam es vor, als sei der Mann dahinauf gesetzt, damit mittelst seiner anscheinenden Gefahr die Kirche höher aussehen möge als sie eigentlich ist.
In einem kleinen Verschlusse zeigte man uns einen alten Predigtstuhl, auf welchem Luther gepredigt haben soll; ich erhob mich auf den Zehenspitzen, um so hoch zu reichen, dass ich meine Hände auf die Stelle legen konnte, wo die seinigen gelegen hatten. Von der alten Kirche wanderte ich aus der Stadt an Gellerts Grab, ein platter, einfacher Stein mit seinem Namen und Sterbejahr lag darauf; zur Seite war ein Rosenbaum gepflanzt, und ringsum stand ein niedriges Gitter, woran alle, welche des Dichters Grab besucht, ihre Namen geschrieben hatten; ich schrieb also auch den meinigen hin.
Rings umher waren viele weit geschmücktere Gräber, welche gewiss weit vornehmem Leuten als Gellert angehörten; allein keine fremde Hand hatte seine Erinnerung darauf gezeichnet; selbst die Kapellen von Eisengittern umher standen nur einer Mauer gleich, welche das einfache Dichtergrab zu umschließen dienten. Hier war der Dichter der Angesehenste, durch ihn erhielt diese Stätte mit seinem Tode Interesse. So hat der Großherzog von Weimar bestimmt, dass Schillers und Goethes Leichen in der fürstlichen Gruft an seinen beiden Seiten ruhen sollten. So kann der Mensch einen Regenbogen um sich her ziehen, wenn er zwischen der Sonne und dem brausenden Wasserfalle steht.
Die anderen frischen Gräber umher waren übrigens auf wunderliche Art herausgeputzt; man hatte außer Blumen und Kränzen auch Zitronen und Apfelsinen darauf gelegt, von denen einige sogar in Scheiben zerschnitten waren; von den Kränzen herab flatterten lange Bänder mit Gold- und Siber-Fransen, was, wenn der ganze Staat erst etwas alt war, recht hässlich aussah. Auf den Bändern waren Verse abge- druckt, teils selbstverfertigte, teils aus Dichtern aus- gewählte; so fand ich auf einem Hölty¢s:
Heute hüpft im Frühlingstanz
Noch der frohe Knabe,
Morgen weht der Totenkranz
Schon auf seinem Grabe.
Dass man ein Grab mit einem simpeln Kranze schmückt, finde ich schön und sinnig; der Zimmermann setzt ja auch seinen Kranz mit dem bunten Flittergolde auf das Dach des Hauses, welches gerichtet ward, warum sollen wir nicht gleich ihm auch einen Kranz setzen auf das Grab, welches das Dach bildet über unsers Erdenleibes Behausung; erst wenn jenes sich gewölbt hat, ist diese vollkommen gerichtet.
Es ward gerade eine Leiche auf dem Kirchhofe beerdigt; es war ein alter Tischler, der vielleicht selbst das Holz zu seiner engen Schlafkammer gekauft hatte. Der Sarg ward auf den Schultern von Männern hergetragen und war mit Blumen, Zitronen und Apfelsinen verziert; es war ein großes Gedränge von Kindern und Weibern; doch kam ich dem Grabe ziemlich nahe, wo die Chorknaben mit ihren Kinderstimmen sangen, während die Sonne hinter hohe Pappeln zu sinken begann.
Als ich abends die Straßen der fremden Stadt durchwanderte, um das Hôtel de Bavière zu finden, ging ich fehl und geriet zu Auerbachs Keller, welcher dadurch bekannt und merkwürdig ist, dass der Dr. Faust einst auf einem Weinfasse reitend aus einem Fenster hinausfuhr; ich ging hinunter, um doch in dem merkwürdigen Zimmer gewesen zu sein, worin diese Geschichte sich zutrug; es war sehr klein und hatte nur das eine Fenster, aus welchem Faust herausgeritten war. Auf den Tapeten war die ganze Begebenheit abge- bildet, schade, dass sie ein wenig schwarz und undeutlich war.
Hier saßen übrigens drei alte Leute im ernsthaften Dispute; ich glaube über den unbegreiflichen Satz, dass ein Dreieck im Grunde doch ein halbes Viereck ist; es hatte den Anschein, als ob sie mit der Zeit auf dem Weindunste noch weiser als aus dem Fenster fliegen würden. Zuletzt begannen sie wie Frosch und Brander bei Goethe zu singen: „Es war eine Ratt' im Kellernest," das heißt, sie sangen gerade nicht dieses; allein die Situation war die nämliche, so dass ich alle Augenblicke auf die Türe sah, ob nicht Mephisto mit dem Doktor einträten. Die Italienische Opern-Gesellschaft von Dresden befand sich in Leipzig und gab bei meiner Ankunft bereits die zehnte Vorstellung. Ich sah Rossinis Tell, eine Oper in vier Akten; da sie für Sänger und Zuhörer zu lang und zu ermüdend war, so hatte man, wie bei „des Menschengeschlechts Zerstörung" dieselbe mitten durchgeschnitten, so dass man an einem Abende die beiden ersten Akte und am nächsten die beiden letzten sah. Man war also genötigt doppelt zu zahlen, wenn man das ganze Stück sehen wollte. Ich war an beiden Abenden da und bekam in der Art etwas Ganzes.
Kein Wort ward gesprochen; der Dialog bestand in Rezitativen; werden Rezitative aber mit dem Ausdrucke gesungen wie hier, so haben dieselben nichts Ermüdendes. Signor Zezi war ein trefflicher Tell, hatte ein angenehmes Äußeres und zeigte Gedanken und Spiel, welche man bei Signora Pellagesi, welche die Partie der Mathilde sang, vermisst; allein sie sang schön, hatte Schule, Innigkeit und Stärke; nur hätte sie nicht so viele Grimassen machen, den Kopf nicht so weit zurückwerfen sollen, wenn sie Triller schlug und Läufe machte. Das Publikum empfing sie mit stürmendem Beifall und Klatschen, denn sie war lange nicht auf der Bühne erschienen und trat zum ersten Male, nachdem sie die Influenza überstanden, wiederum auf.
Ein Signor Rubini sang Arnolds Partie, ich sage sang; denn an Spiel war kein Gedanke; er glich einer künstlichen Marionette, welche nur zwei Armbewegungen hat; ausstrecken und die Hände aufs Herz; allein in dem gutem Manne steckte ein hübsches Ton-Register.
Wie weich und ausdrucksvoll klang mir die italienische Sprache! Die Töne selbst versteinten zu Worten; wie schön muss es klingen in der stillen Nacht unter dem südlichen Himmel diese Töne zu hören, Liebe verkündigen zu hören! Liebe (Kjaerlighed im Dänischen) hu! Wie hässlich, hart und schnurrend klingt doch im Dänischen das Wort, welches das Geistige in der Seele und dem Gedanken ausdrücken soll. - Kjaerlighed, o der hat sie schlecht gekannt und empfunden, der das hässliche misstönende Wort erfand! Sicher war's ein alter mürrischer Papa, welcher den jungen Herzen ihre seligen Träume missgönnte und nun ihre Kjaerlighed, wie er es nannte, anknurrte.
Was, die Musik zum Teil betrifft, so hörte ich dieselbe nur einmal, außerdem ist sehr viel zu ihrem Vorteil gesagt und geschrieben, dass meine Meinung so gut als keine gilt. Mir deucht, sie gehöre einer andern Gattung an, als worin Rossini vorher komponiert hatte, und ich glaube, grade dies hat viel mehr frappiert als die Komposition selbst. Mir gefiel sie minder als die Musik im Barbier vom Sevilla; es gibt da wohl ein herrliches Terzett, ein Duett und einige Chöre, welche jeden ergreifen; keins von diesen hat indess das Charakteristische als z. B. Basilios Arie von der Verleumdung, welche ich für ein wahres Meisterstück halte. Orpheus bewegte durch sein Spiel Bäume und Steine zum Tanz; darin liegt wirklich etwas; die Musik hat eine wunderbare Kraft, Leben in das Tote zu bringen, wovon die meisten Musikstücke uns den Beweis liefern. Die Töne werfen um's Ganze gleichsam ein poetisches Gewand. Doch kam mir Tell in dieser geistigen Verkleidung so wunderlich eingeschrumpft vor, dass er der Schillerschen Heldengestalt nicht glich.
Es war noch nicht 9 Uhr, als die Oper zu Ende war; ich besuchte Reichenbachs Garten, um die Stelle zu sehen, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand. Dieser Garten gehört dem reichen Kaufmann Gerhardt, welcher sich für das Besehen dieser Stelle bezahlen lässt.
Hier unter diesen hohen Bäume sprengte der schwer verwundete Held, vom überlegenen Feinde verfolgt. Es ist fast unglaublich, dass jemand in diesem unbedeutenden, schmalen Wasser ertrinken konnte! Ein Denkstein war auf der Stelle errichtet, von wo er mit seinem Rosse hineingesetzt war und einige Schritte davon, wo man seine Leiche gefunden, stand eine kleine, einfache Säule, überall beschrieben, besonders mit Namen seiner Landsleute. - - Eine wunderbare Abenddämmerung lag über der Stelle.
Die Bauernweiber, welche auf dem Markte saßen und ihre Waren verkauften, hatten für mich ganz wunderliche, tartanbraune Gesichter; ich hatte an die erste beste herantreten und derselben meine Hand reichen mögen, überzeugt, dass sie eine Zigeunerin und mir anzugeben imstande sei, wie stark mein Honorar für alles, was ich in der Welt noch denken und schreiben würde, in Gelde und Unsterblichkeit sein werde.
Der Weg nach Merseburg war mit Kirschbäumen bepflanzt, die Stadt selbst finster und enge, wie Halle, allein wegen ihrer alten gotischen Domkirche doch eines Besuches wert.
Man erzählte mir hier auch eine Volkssage, ganz eine Geschichte a la gazza ladra. Ein Bischof hier hatte seinen Diener unschuldig hinrichten lassen; als er später entdeckte, dass sein Lieblingsrabe der Dieb sei, zerfiel er in Schwermut, ließ den Vogel in einen eisernen Käfig sperren, setzte denselben zu Spott und Hohn aus, bestimmte auch ein Kapital, von welchem der Rat in Merseburg auf ewige Zeiten einen Raben halten sollte, welcher des Dieners Namen: „Jacob" rufen musste. So oft nun ein Rabe stirbt, wird's wie beim Dalai Lama und Papste gehalten; es versammelt sich der Rat und wählt einen neuen.
Da saß nun, erzählte man mir, denn ich konnte es nicht finden, so ein unschuldiges schwarzes Tier und rief: „Jacob", ohne sich träumen zu lassen, weshalb es freie Kost und Wohnung erhalte, und vielleicht ohne aus der Familie des bischöflichen Diebs zu sein, um dessen willen das Raben-Legat gestiftet war.
Die Sonne brannte heiß, da wir aus der Stadt rollten, um dem Teutschen Buchladen: Leipzig zuzueilen. An der Grenze hatte der Chaussee- Einnehmer eine lange Stange mit einem Beutel daran, wie man deren bei uns in den Kirchen findet: nur war die Stange länger; er steckte sie aus seinem Fenster in einen Wagen, der draußen hielt, und empfing seinen Zoll darein. Eine Familie gab ihm unrichtiges Geld und fuhr weiter; er stürzte nun, wiewohl schon hoch am Tage, noch in ziemlich tiefem Negligee heraus, schwang seine bebeutelte Lanze und verfocht das Gesetz und dessen Befolgung, und der Mann hatte Recht. Die Gegend ringsum sah recht dänisch aus; es kam noch eine Waldpartie, nachher verlor sich alles in eine unabsehliche Ebene, welche Menschenblut mit unaus- löschlicher Chiffern gezeichnet hat
Die blinde Mutter.
Trommeln wirbeln; sie sind nah'.
Mächtig weh'n des Heeres Fahnen.
„Mutter, nur der Wind ist da,
Und durchstreicht des Waldes Bahnen."
Hörst du nicht die Hufe stolz,
Und wie dröhnen Pulverwagen?
„Dieser Weg führt durch ein Holz,
Was du hörst sind Reisewagen."
Nein, mein Kind! sie sind uns näh'r,
Und es saust kein Wind im Holz;
Siehst du nicht das ganze Heer?
Vater trägt die Fahne stolz;
Nein, das ist kein nächtlich Stürmen,
Ist kein Fremder, welcher reiset,
Denn wo Heer an Heer sich türmen:
Sich zu Ross der Kaiser weiset.
Vor mein Auge tritt kein Tag;
Durch die Nacht kenn' ich Gestalten;
Kind, ich finde mich zu schwach,
Wollst mir drum die Hände falten.
Durch die Fahnen saust der Wind,
Milde winkt dein Vater mir,
Leg mich an die Fichte, Kind,
Denn mein Tod ereilt mich hier.
Ein wunderbares Gefühl ergriff mich, als wir über die große unabsehliche Leipziger Ebene fuhren, worin jedes einzelne Dorf durch die Kriegsgeschichte denkwürdig ist. Hier war Napoleon gewesen; hier hatte der große Feldherr gefühlt und gedacht; üppig wogte das Getreide über den ungeheuren Kampfplatz; keine Wunde heilt so schnell als die der großen Natur geschlagene, nur eines Lenzes bedarf's, um die älteste Ruine mit Blumen und Grün zu schmücken; es ward an einem neuen Wege gearbeitet; ich sah Menschengebeine und Kugeln, welche man beim Graben gefunden hatte. Unter einem Baume saß ein alter Mann mit einem hölzernen Beine; er hatte gewiss hier mehr gesehen als das Korn, welches jetzt vor ihm wogte und einen tiefern Gesang vernommen, als die Vögel in den Ästen über ihm ertönen ließen. Die kleine Pfeife im Munde, rastete er hier und gedachte voriger Zeiten.
Der Invalide.
Rauchwolk' an Rauchwolk' zog über's Land
Wo Feuerschlünde das Auge nur fand;
Die Erde dröhnt unter der Rosse Stolz,
Wie im Sturm ächzet die Fichte im Holz.
Kaum tönte zum „Vorwärts" der Schar das Gebot,
So fand mein Bruder den Heldentod.
Nichts fühlte ich; kein Schmerz mehr am Innern zehrte,
Denn selbst der Tommeln Getöne ich überhört'.
Die Drommete erscholl, wir brausten hinein,
Da stürzt mir das Ross, ich verlor mein Bein.
Das ganze Heer ging mir über's Genick.
Nichts wusste ich; es schwärzte sich mein Blick;
Und als ich erwachte, war alles so still,
Das Herz erbebt' vor Graus in seiner Hüll'!
Durst brannte die Lippen, aber Feuer das Bein,
Als Leiche lag ich, kein Gedanke war mein.
Ich fühlte des Nachtwind's Geseusele bloß,
Und neben mir ächzte ein verwundetes Ross.
Ein Franzmann lag unfern in Todesnot,
„Napoleon!" seufzt er, dann war er tot.
Ich wollte jetzt beten, erhob meinen Blick,
Da viel ich bewusstlos wieder zurück.
Wie lang¢ ich so lag, weiß ich selber nicht,
Was mir zuerst wieder zeigt' mein Gesicht,
War ein Mann, der den Mantel sich umgeschlagen;
Er kam: zwei Raben von mir zu jagen;
Ich hörte sie heiser schreiend entweichen;
Eine Leiche war ich ja unter den Leichen,
Und der Mann stand schweigend; nicht sah ich's Gesicht,
Das hatte er verhüllt in den Mantel dicht,
Zum Himmel auf blickt er in die Nacht hinein,
Da flammte mit eins auch ein Sternenschein.
Ich hörte genau, dass mon etoile er rief.
Wie vor seinem Gotte beugt' er sich tief;
Der Mantel viel von seinen Schultern zurück,
Und ich gewahrte den offenen Heldenblick.
Es drängte ein Seufzer sich aus meinem Herzen.
Er horchte und schwieg; ich vergaß alle Schmerzen;
Doch nimmermehr vergess ich den tiefen B1ick;
Er deckt mit dem Mantel mich, und ging zurück.
Ich lag gestreckt zwischen Tod und Leben,
Und bat den Himmel, mir Rettung zu geben.
In der Franken Lager nahm man mich an,
Doch nimmermehr sah ich den schweigenden Mann.
Er war's doch, der Leben und Hilfe mir gab;
Nun wächst vielleicht Gras schon auf seinem Grab.
Vielleicht noch lebt er, lebt lange noch fort,
Ist glücklich; mein Herz bejahet dies Wort!
Wir fuhren über den Elsterfluss, worin Poniatowsky seinen Tod fand; man zeigte mir in der Vorstadt ver- schiedene Stellungen, welche die feindliche Armee innegehabt, wie man durch die Gärten eingedrungen war und wo Napoleon sich zurückgezogen hatte. Leipzig selbst machte einen behaglichen Eindruck auf mich; es ist eine große, freundliche Stadt; die Hauptstraßen gleichen sehr unserer Osterstraße, doch sind sie breiter, und, was sie verschönert, ebener. Ich glaube, dass in jeder Straße zwei bis drei Buchhändler wohnen; überall hingen Schränke mit Büchern und in den großen hellen Glasfenstern Kupfer und Bilder. Auf den Gassen liefen Burschen mit langen Pfeifen im Munde und Kollegien-Heften unter dem Arme; einige waren in ihre deutsche Original-Tracht gekleidet, trugen weiße Pantalons, kurze Röcke und die Haare lang über den weißen Kragen. Ich besuchte die Nikolaikirche; hier sind Gemälde von Oeser; dasjenige, welches Christus am Brunnen darstellt, gefiel mir sehr; ob es mir hätte gefallen sollen, weiß ich nicht, da ich einen Kunstkenner darüber noch nicht befragt habe; in der Kuppel über dem Altar war ein schwebender Engel gemalt, der weniger ein Gemälde als ein lebendes Wesen zu sein schien. Die hohen Gewölbe wurden grade abgestäubt; man hatte einige künstliche Säulen errichtet, und auf diesen erhob sich eine ungeheuere lange Leiter, hoch wie ein Schiffsmast; oben auf dem wankenden Gerüste saß ein Mann gleich Pud's im „Siegfried unterm Pöbel" und sägte nach äußerstem Vermögen; malerisch genug sah dies aus; allein nicht wenig fürchterlich. Mir kam es vor, als sei der Mann dahinauf gesetzt, damit mittelst seiner anscheinenden Gefahr die Kirche höher aussehen möge als sie eigentlich ist.
In einem kleinen Verschlusse zeigte man uns einen alten Predigtstuhl, auf welchem Luther gepredigt haben soll; ich erhob mich auf den Zehenspitzen, um so hoch zu reichen, dass ich meine Hände auf die Stelle legen konnte, wo die seinigen gelegen hatten. Von der alten Kirche wanderte ich aus der Stadt an Gellerts Grab, ein platter, einfacher Stein mit seinem Namen und Sterbejahr lag darauf; zur Seite war ein Rosenbaum gepflanzt, und ringsum stand ein niedriges Gitter, woran alle, welche des Dichters Grab besucht, ihre Namen geschrieben hatten; ich schrieb also auch den meinigen hin.
Rings umher waren viele weit geschmücktere Gräber, welche gewiss weit vornehmem Leuten als Gellert angehörten; allein keine fremde Hand hatte seine Erinnerung darauf gezeichnet; selbst die Kapellen von Eisengittern umher standen nur einer Mauer gleich, welche das einfache Dichtergrab zu umschließen dienten. Hier war der Dichter der Angesehenste, durch ihn erhielt diese Stätte mit seinem Tode Interesse. So hat der Großherzog von Weimar bestimmt, dass Schillers und Goethes Leichen in der fürstlichen Gruft an seinen beiden Seiten ruhen sollten. So kann der Mensch einen Regenbogen um sich her ziehen, wenn er zwischen der Sonne und dem brausenden Wasserfalle steht.
Die anderen frischen Gräber umher waren übrigens auf wunderliche Art herausgeputzt; man hatte außer Blumen und Kränzen auch Zitronen und Apfelsinen darauf gelegt, von denen einige sogar in Scheiben zerschnitten waren; von den Kränzen herab flatterten lange Bänder mit Gold- und Siber-Fransen, was, wenn der ganze Staat erst etwas alt war, recht hässlich aussah. Auf den Bändern waren Verse abge- druckt, teils selbstverfertigte, teils aus Dichtern aus- gewählte; so fand ich auf einem Hölty¢s:
Heute hüpft im Frühlingstanz
Noch der frohe Knabe,
Morgen weht der Totenkranz
Schon auf seinem Grabe.
Dass man ein Grab mit einem simpeln Kranze schmückt, finde ich schön und sinnig; der Zimmermann setzt ja auch seinen Kranz mit dem bunten Flittergolde auf das Dach des Hauses, welches gerichtet ward, warum sollen wir nicht gleich ihm auch einen Kranz setzen auf das Grab, welches das Dach bildet über unsers Erdenleibes Behausung; erst wenn jenes sich gewölbt hat, ist diese vollkommen gerichtet.
Es ward gerade eine Leiche auf dem Kirchhofe beerdigt; es war ein alter Tischler, der vielleicht selbst das Holz zu seiner engen Schlafkammer gekauft hatte. Der Sarg ward auf den Schultern von Männern hergetragen und war mit Blumen, Zitronen und Apfelsinen verziert; es war ein großes Gedränge von Kindern und Weibern; doch kam ich dem Grabe ziemlich nahe, wo die Chorknaben mit ihren Kinderstimmen sangen, während die Sonne hinter hohe Pappeln zu sinken begann.
Als ich abends die Straßen der fremden Stadt durchwanderte, um das Hôtel de Bavière zu finden, ging ich fehl und geriet zu Auerbachs Keller, welcher dadurch bekannt und merkwürdig ist, dass der Dr. Faust einst auf einem Weinfasse reitend aus einem Fenster hinausfuhr; ich ging hinunter, um doch in dem merkwürdigen Zimmer gewesen zu sein, worin diese Geschichte sich zutrug; es war sehr klein und hatte nur das eine Fenster, aus welchem Faust herausgeritten war. Auf den Tapeten war die ganze Begebenheit abge- bildet, schade, dass sie ein wenig schwarz und undeutlich war.
Hier saßen übrigens drei alte Leute im ernsthaften Dispute; ich glaube über den unbegreiflichen Satz, dass ein Dreieck im Grunde doch ein halbes Viereck ist; es hatte den Anschein, als ob sie mit der Zeit auf dem Weindunste noch weiser als aus dem Fenster fliegen würden. Zuletzt begannen sie wie Frosch und Brander bei Goethe zu singen: „Es war eine Ratt' im Kellernest," das heißt, sie sangen gerade nicht dieses; allein die Situation war die nämliche, so dass ich alle Augenblicke auf die Türe sah, ob nicht Mephisto mit dem Doktor einträten. Die Italienische Opern-Gesellschaft von Dresden befand sich in Leipzig und gab bei meiner Ankunft bereits die zehnte Vorstellung. Ich sah Rossinis Tell, eine Oper in vier Akten; da sie für Sänger und Zuhörer zu lang und zu ermüdend war, so hatte man, wie bei „des Menschengeschlechts Zerstörung" dieselbe mitten durchgeschnitten, so dass man an einem Abende die beiden ersten Akte und am nächsten die beiden letzten sah. Man war also genötigt doppelt zu zahlen, wenn man das ganze Stück sehen wollte. Ich war an beiden Abenden da und bekam in der Art etwas Ganzes.
Kein Wort ward gesprochen; der Dialog bestand in Rezitativen; werden Rezitative aber mit dem Ausdrucke gesungen wie hier, so haben dieselben nichts Ermüdendes. Signor Zezi war ein trefflicher Tell, hatte ein angenehmes Äußeres und zeigte Gedanken und Spiel, welche man bei Signora Pellagesi, welche die Partie der Mathilde sang, vermisst; allein sie sang schön, hatte Schule, Innigkeit und Stärke; nur hätte sie nicht so viele Grimassen machen, den Kopf nicht so weit zurückwerfen sollen, wenn sie Triller schlug und Läufe machte. Das Publikum empfing sie mit stürmendem Beifall und Klatschen, denn sie war lange nicht auf der Bühne erschienen und trat zum ersten Male, nachdem sie die Influenza überstanden, wiederum auf.
Ein Signor Rubini sang Arnolds Partie, ich sage sang; denn an Spiel war kein Gedanke; er glich einer künstlichen Marionette, welche nur zwei Armbewegungen hat; ausstrecken und die Hände aufs Herz; allein in dem gutem Manne steckte ein hübsches Ton-Register.
Wie weich und ausdrucksvoll klang mir die italienische Sprache! Die Töne selbst versteinten zu Worten; wie schön muss es klingen in der stillen Nacht unter dem südlichen Himmel diese Töne zu hören, Liebe verkündigen zu hören! Liebe (Kjaerlighed im Dänischen) hu! Wie hässlich, hart und schnurrend klingt doch im Dänischen das Wort, welches das Geistige in der Seele und dem Gedanken ausdrücken soll. - Kjaerlighed, o der hat sie schlecht gekannt und empfunden, der das hässliche misstönende Wort erfand! Sicher war's ein alter mürrischer Papa, welcher den jungen Herzen ihre seligen Träume missgönnte und nun ihre Kjaerlighed, wie er es nannte, anknurrte.
Was, die Musik zum Teil betrifft, so hörte ich dieselbe nur einmal, außerdem ist sehr viel zu ihrem Vorteil gesagt und geschrieben, dass meine Meinung so gut als keine gilt. Mir deucht, sie gehöre einer andern Gattung an, als worin Rossini vorher komponiert hatte, und ich glaube, grade dies hat viel mehr frappiert als die Komposition selbst. Mir gefiel sie minder als die Musik im Barbier vom Sevilla; es gibt da wohl ein herrliches Terzett, ein Duett und einige Chöre, welche jeden ergreifen; keins von diesen hat indess das Charakteristische als z. B. Basilios Arie von der Verleumdung, welche ich für ein wahres Meisterstück halte. Orpheus bewegte durch sein Spiel Bäume und Steine zum Tanz; darin liegt wirklich etwas; die Musik hat eine wunderbare Kraft, Leben in das Tote zu bringen, wovon die meisten Musikstücke uns den Beweis liefern. Die Töne werfen um's Ganze gleichsam ein poetisches Gewand. Doch kam mir Tell in dieser geistigen Verkleidung so wunderlich eingeschrumpft vor, dass er der Schillerschen Heldengestalt nicht glich.
Es war noch nicht 9 Uhr, als die Oper zu Ende war; ich besuchte Reichenbachs Garten, um die Stelle zu sehen, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand. Dieser Garten gehört dem reichen Kaufmann Gerhardt, welcher sich für das Besehen dieser Stelle bezahlen lässt.
Hier unter diesen hohen Bäume sprengte der schwer verwundete Held, vom überlegenen Feinde verfolgt. Es ist fast unglaublich, dass jemand in diesem unbedeutenden, schmalen Wasser ertrinken konnte! Ein Denkstein war auf der Stelle errichtet, von wo er mit seinem Rosse hineingesetzt war und einige Schritte davon, wo man seine Leiche gefunden, stand eine kleine, einfache Säule, überall beschrieben, besonders mit Namen seiner Landsleute. - - Eine wunderbare Abenddämmerung lag über der Stelle.
