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Buch: Umrisse einer Reise

Morgen.



Kapitel VI.


Es war halb drei Uhr, als die Magd mich weckte, um den Aufgang der Sonne zu sehen; die meisten waren schon draußen, in Mäntel und Röcke eingehüllt, mit Tüchern um den Kopf stand die wunderlich-bunte Gruppe Menschen auf den verschiedenen Erhöhungen mit dem einen Gedanken erfüllt: Jetzt geht die Sonne auf! Es war, als ob wir auf einer Insel stünden, denn die Wolken lagen, so weit wir sehen konnten, unter uns, wie ein ungeheures gähnendes Meer, welches mit einem Male in Bewegung gesetzt wurde. Kein roter Morgenschein stand am blauen Himmel über uns; die Sonne erhob sich ohne Strahlen, wie eine große blutige Kugel; erst als sie über dem Horizonte war, strömte das klare Licht über das Wolkenmeer aus.

Unser alter Schulmeister stand mit gefalteten Händen, sprach lange kein Wort, sondern lächelte zufrieden; endlich brach er aus: „Hätt' ich doch Mutter und Kinder hier - ja die alte Hanne (ihre Magd), auch sie würde es in der Seele erfreuen! O Gott! Hier wäre so guter Platz für alle; das denke ich stets, wenn ich etwas sehr Schönes sehe; hier wäre doch noch Platz für so manche gute Freunde, wären sie hier, so könnten sie's auch so gut haben."

Als die Sonne höher stieg, begannen die leichten Wolken zu verdampfen, der Äther sog sie gleichsam ein, während der Wind die schwereren zwischen die Berge trieb, welche wie Inseln aus dem großen Wolkenmeere hervorragten. Allmählig wurde alles klarer und klarer; wir sahen Dörfer und Kirchtürme, Felder und Wiesen, wie die niedlichsten Miniaturbilder ringsumher. Ein so herrlicher Morgen war seit Jahr und Tag auf dem Brocken nicht gewesen. Wir sahen deutlich Magdeburg mit seinen Türmen, Halberstadt und Quedlinburg, die Türme der hohen Domkirche zu Erfurt, die Bergschlösser: den Gleichen und Wilhelmshöhe bei Kassel außer einem Gewimmel kleiner Städte und Flecken ringsumher.

Ich kletterte auf den so genannten Hexenaltar und die zehn Fuß hohe Teufelskanzel, trank von dem eiskalten Wasser, dass dem Hexenbrunnen entströmte, nahm ein Paar Brockensträußer, welche mir ein Mädchen an meine Mütze steckte, sagte meinen neuen Bekannten dort oben Lebewohl, besonders dem guten alten Schulmeister, welchem die ganze Gesellschaft so gut gefallen hatte, dass er mich und die Übrigen alle bat, uns in sein Stammbuch zu schreiben, damit er daheim alle die guten fremden Leute, welche er kennen gelernt habe, aufweisen könne, wir schrieben alle; ich war der einzige Däne, und so trennten wir uns.

Ich hatte mich einer Familie aus Hamburg angeschlossen und spielte nun den Cavalier servant der jungen Damen auf dem abwärts führenden Pfade, welcher ungemein romantisch war; zur Vergeltung boten sie mir eines ihrer gemieteten Bergpferde an. Der Führer ging voran; Schritt für Schritt folgte die Karawane, und der kleine Esel, der das Reisegerät trug, schloss den Zug. Wir hatten jeder einen grünen Zweig in der Hand, womit wir unsere langsamen Pferde antrieben, welche es sich allzu gemächlich machen wollten. Der Weg führte durch den dichtesten Wald, bald über Felskanten, wo wir die niedrigen Berge mit ihren dunklen Fichten tief unter uns liegen sahen; sie nahmen sich aus wie mit Kartoffeln bepflanzte Hügel, welche ihre niedrigen grünen Büsche in die Höhe streckten. Der wunderbare leichte Schleier, welcher auf dem Ganzen unter uns lag, stellte sich dar als ein großes, grünes Glas, durch welches wir die ganzen Herrlichkeiten schauten. Zwischen einzelnen engen Felsenschluchten stand der Nebel in ein Gewölk zusammengepresst; man konnte die Gegenstände darunter nicht erkennen, und doch lag er so luftig und leicht, dass das Auge empfand, er müsse feiner sein als die Luft selbst.

Die Vögel begannen zu singen; der Tau lag in klaren Tropfen auf den Blumen und die Sonne schien draußen auf die große prachtvolle Landschaft. Die Welt ist schön! Welche unendliche Herrlichkeit von der geringsten Blume mit ihrem Dufte bis zu meinem Herzen mit seinen flammenden Gedanken, und von diesem zu dem großen Erdballe mit den herrlichen Bergen und dem schäumenden Meere.

Weshalb kümmert das Herz sich darum, was die Blume träumt, wenn sie so wehmutig stark im Morgentau duftet? Es ist etwas weit Wichtigeres, weit Größeres, dass sie in Bewegung setzt; was kümmert die Welt sich dagegen um des Herzens Sehnen und den Blumenduft? Mächtigere Leidenschaften, eines ganzen Volkes Kampf und Untergang, Revolution im Natur- und Menschenleben sind ihre Träume und Gedanken.

Der Morgen war schön; drum sangen die Vögel, dufteten die Blumen und mein Herz löste sich auf in Duft und Sang, und die Welt, die große herrliche Welt fühlte und hörte gleich stark mit jenen Dreien. Allein sie hatte auch schönere Blumen, als hier wachsen; sie hat die Blume der Erleuchtung, deren Duft alles durchdringet, veredelt und stärkt, sie kennt einen mächtigeren Gesang als den der Vögel hier auf den Zweigen: Der Freiheit großen Morgengesang; und das Herz, das träumende Dichterherz mit seinem Sehnen und Schmerz. Was ist dieses gegen eines ganzen Volkes, gegen eines begeisterten Heldenherz letzten, starken Schlag für Leben und Vaterland! Das arme Polen!





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Theodor Herzl Theodor Herzl war ein österreichisch-jüdischer Schriftsteller, Journalist und Publizist. Wir gratulieren dem Begründer des politischen Zionismus zum 150. Geburtstag.
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