Volltextsuche



shop Shop
end

Helfen Sie Lexikus mit einem Link
oder Social Bookmarks

del.icio.us facebook Google Linkarena Mister Wong

end 
Buchtipp
Bei Lexikus online lesen, oder bei Amazon kaufen

Abenteuer zwischen dem Arkansas und Red River: Ausflug auf die Prairien von Washington Irving, 1835.
end
end 
Buchtipp

Kleine Stubbenkammer auf Rügen Wanderungen an der Ostsee von Ernst Willkomm, 1850.
end Literatursuche Lexikus

Impressum Impressum

Über Lexikus über Lexikus
<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>
Buch: Umrisse einer Reise

Hamburg. - Eine einfache Geschichte. - Theater. - Besuch vor der Stadt. - Traum. - Idylle. - Die beiden Charaktere.

Gleich Kopenhagen hat auch Hamburg sich von einem Fischerdorfe zu einer Stadt erhoben; unter den ärmlichen Fischerhütten am Elbstrande ließ Karl der Große die Burgen Hochbuche und Hammenburg erbauen, welche bereits unter Otto III. bekannte Seestädte waren. - So wuchs es vom Kinde zum Jünglinge heran und trat im kräftigen Mannesalter in die mächtige Hansa. - Ich fühlte ordentlich eine tiefere Ehrfurcht vor der alten Stadt, welche die engen Straßen und das Menschengewimmelin sich enthielt. Ich glaube, unsere Kutsche fuhr uns Straß' auf und ab, um uns die Größe der Stadt recht zu veranschaulichen; denn es währte eine kleine Ewigkeit, ehe wir nach dem Hôtel de Baviére auf dem neuen Jungfernsteige gelangten, wo wir abstiegen. Hier in der Stadt selbst nimmt die Stadt sich herrlich aus, da die Alster, welche breit und groß ist, die neue Stadt gleichsam von der alten scheidet. Die hohen Türme spiegeln sich im Wasser, wo Schwäne hinglitten und Boote mit geputzten Menschen schwammen. Der Jungfernstieg wimmelt von Spaziergängern; längs desselben liegt Hotel an Hotel, deren Türen mit Kellnern, Ober- Kellnern und Ober-Ober-Kellnern besetzt waren. Vom Schweiter Pavillon her braust ein Musikchor und hier, sowie in den anderen so genannten Alster-Pavillons sitzen ganze Gruppen von Anis- und Schokoladen- Schluckern. - Berlin hat keine Straße dieser gleich! Denn „Unter den Linden" ermangelt der Wasserpartie, und diese ist und bleibt doch allezeit ein wichtiges Schönheits-Requisit.

Allein wir wollen hier nicht verziehen, sondern den Besuch am Abende wiederholen, wenn alles erleuchtet ist, obgleich man es am Tage zu sehen vertragen kann. Wir begeben uns in das Getümmel, unter Droschken, unter Handelsleute, welche kleine Waren ausrufen, Blumenmädchen aus Vierlanden und nach der Börse eilende Geldhändler. Das sieht einer einzigen Boutique gleich! So folgt Boutique auf Boutique. Die Straßen kreuzen einander, und nach der Elbe hinunter findet man einige, deren Eintritt durch ein Vorzimmer geschieht, und wo kaum ein Mensch laufen kann, welcher eine gewisse Peripherie überschreitet, sofern er nicht für beständig darinnen leben will. Ich steckte den Kopf in einige, allein getraute mich nicht weiter hinein, den ich errinerte mich recht lebendig eines Traumes, den ich hatte, in welchem die Häuser auf der Ostergasse, in welcher ich umherspazierte, sich gleichfalls zum Lustwandeln in Bewegung setzten, aber immer mit den Angesichtern gegeneinander, so das die Gasse den Anblick dieser Hamburger Straßen gewährte; machten diese nun auch nur einen Schritt vorwärts, so hätte ich zwischen den Wänden eingeklammert gesessen, ohne vor- oder rückwärts kommen zu können, was ziemlich genant gewesen sein würde.
Doch spielte das Kindergewimmel vergnügt in dieser halbdunklen Hamburger Welt und zwei Kinder,

Im Antlitz strotzende Gesundheits-Säfte,
Erseh'n das Spiel zum emsigen Geschäfte;
Und bau'n am Boden Garten, Hof und Haus,
Da Mutter Vaters Kleider bessert aus.

Eine dürftige Leiche ward beerdigt; vier Männer trugen den Sarg, ein Weib folgte; sie hatten Mühe durch die engen Gassen zu kommen: im Wege war Gedränge; Kein Sonnenstrahl kam hier hernieder; erst als sie auf eine breitere Straße gelangten, fiel der Sonnenschein auf den ärmlichen Sarg. Ich hörte von diesem Begräbnisse eine Geschichte, welche poetisch rührend ist, da sie sich wirklich angetragen hat. In einem engen Gässchen, hoch oben auf einer ebenso engen Kammer lag der dürftige Leichnam; das Weib saß dabei und weinte, denn sie sah kein Mittel, das Begräbnis zu veranstalten. Das Fenster war offen, da flog ein kleiner Kanarienvogel herein, legte sich zum Haupte des Verstorbenen und begann zu singen; dies machte auf das Weib einen wunderbaren Eindruck, sie konnte nicht länger weinen, sie war sich innerlich bewusst, dass jener vom Herrn oben herabgesandt sein müsste. Der Vogel war zahm und lies sich leicht fangen, und da sie einer Nachbarin den Vorfall erzählte und derselben den Vogel zeigte, erinnerte diese sich, kurz zuvor in der Zeitung; eine Bekanntmachung wegen eines entflogenen Kanarienvogels gelesen zu haben.

Es war der nämliche, und das Weib fand menschliche Herzen, welche ihr den Toten bestatten halfen.

Die Stadt ist von Kanälen durchschnitten, in diesem Viertel erblickte ich einige, welche wie wahre Kloaken aussahen. Hohe Häuser auf beiden Seiten, allein keine Straße, nur der schmale Kanal so weit man vor den herausgebauten Altanen hinausblicken konnte. Auf diesen hing und lag allerlei, und tief unten lief oder kroch eigentlich das schmutzige Wasser. Einer dieser Altanen oder Schuppen in diesem Chaos war grün angestrichen, und darin saß eine dicke Dame am Teetisch und genoss der schönen Natur. Wie hell und luftig ist „Peer Madsens Gang" in Kopenhagen gegen diese Gässchen; jener würde in Hamburg zum Range einer ansehnlichen Straße emporsteigen.

Will man im Sommer hier dem Menschengetümmel, welches man fast überall antrifft, entgehen, will man sich aus der Welt hinausschlagen, so muss man in das Theater gehen; hier findet man wenige; weit auseinander sitzen die bleichen Leute in den großen Logen.

Das Haus ist groß und prachtvoll; es hat 4 Etagen und ein Parterre; jeder Raum hinter den Bänken ist breit genug, um dort eine Gallopade zu tanzen. Das ganze Innere ist weiß mit Vergoldung, und wird durch einen brillanten Kronleuchter erhellt. Man führte den Freischütz auf. Die Dekorationen waren vortrefflich und besonders stand die Wolfsschlucht, was Maschinerie und Anordnung betrifft, weit über unserer daheim. In einer Felsenschlucht schien der Mond hernieder und die roten Irrlichter hüpften im magischen Rundtanze. Flammen schlugen aus dem Boden empor und der wilde Jäger, ein Lufttransparent, eine Gruppe Wolken, welche sich zu jenen wilden Gespenstern entwickelte, fuhr über die Szene. Weniger gelungen war ein großer Drache, welcher erschien und im Abgehen Feuer spie. Ich musste an den Ulysses von Ithaka denken. Am Schlusse des Aktes stieg nicht der lebende Samiel aus der Tiefe empor, sondern ein furchtbares Riesengespenst, welches die ganze Szene ausfüllte; mit seiner ungeheuern Hand ergreift es Kaspar und Max, welche leblos am Boden lagen, wahrend das Ganze effektvoll mit starkem, rotem Scheine erleuchtet war. Übrigens war der hiesige Samiel nicht gut kostümiert, sondern glich einem roten Husaren. Eine Demoiselle Gned gab die Agathe als Gastrolle; sie sang angenehm, zeigte viel Schule, gebürdete sich aber, jedesmal, wenn sie beklatscht ward, besonders. Mein dänisches Auge und Ohr waren an diese deutsche Sitte noch nicht gewöhnt; nachher sah und hörte ich dies überall. Jedes Mal, wenn ihr applaudiert ward, verneigte sie sich; ein Umstand, der jedermann aus der Illusion herausreißen muss. Nach der großen Arie mit dem Taschentuche, welches hier mit sehr berechneter Anmut geschlungen ward, wo sie sich in Maxens Arme werfen will, klatschte man noch, ehe sie eine Bewegung gegen jenen hin gemacht hatte, sie verneigte sich erst und stürzte dann in die Arme des bedauernswerten Liebhabers, welcher ein ganzes Publikum zwischen sich und den Empfindungen der Geliebten hatte.

Kunst ist der Gegensatz von Natur, deshalb ist Kunst aber nicht Unnatur, sie ist vielmehr das ideale Bild der Natur; man soll vergeben, dass es Kunst sei; wie kann man das aber, wenn ein Künstler oder eine Künstlerin sich herrabwürdigt, das Natürliche in der Kunst wegen eines elenden-Beifallklatschens zu vergessen. Gelobt sei der Himmel, der reinere Geschmack der Einzelnen, dass wir dergleichen auf unserer Szene nicht kennen, ausgenommen bei Konzerten, wo man auch diese pantomimischen Pro- und Epiloge hat, welche in 4 Marscharten eingeteilt werden: rechts, links, Mittel- und Retirademarsch - der letztere ist da natürlich!

Als ich das nächste Mal im Theater war, ward ich regaliert mit dem Melodram nach dem Französischen: Cardcillac, oder das Stadtviertel des Arsenals, welches nach Hoffmanns bekannter Erzählung: das Fräulein von Scudery bearbeitet ist.

Dies war ein elendes Stück. Oliviers Rolle spielte Herr Jocoby, der, wie man erzählt, freies Schuh- und Stiefelwerk von der Schusterinnung in Hamburg erhält, seitdem er den Hans Sachs spielte; wofür er jenes eigentlich erhält, weiß ich nicht; aber es ist der respektivent Schusterzunft vielleicht wie jenem alten Bürger, den ich kannte, ergangen, welcher, als er seine Tochter auf einem Privat-Theater spielen sah, die Hände faltete und sprach: Gott mag wissen, woher sie alles das haben mag, was sie da sagt. Sie haben sich vielleicht eingebildet, Jacoby erfände alles das, was er sagte, im Augenblicke, und da sie nun alle Schuhmacher waren wie Hans Sachs, und vielleicht mancher Poet unter ihnen (nicht wie Hans Sachs): So mögen sie gedacht haben: Heute dir, morgen mir! Wer weiß, was Jacoby uns in den Mund legen kann, wenn wir auch einmal auf die Bretter kommen.

In den meisten Theater-Blättern liest man allzeit, dass an dem und dem Abende ein herrliches Kleeblatt auf der Szene gewesen. Dreiblätter sind es nun in der Regel; ich fand nur ein zweiblättriges, allein dies war in seinen Blättern vollkommen ausgebildet, lebensfrisch und charakteristisch; das eine hieß Jost und das andere Madam Mädel. Er spielte Cardillac, sie spielte die Rolle der Scudery. Vom Theater wollen wir nach dem botanischen Garten gehen, obgleich ich jenes erst am Abende und diesen am Morgen sah, allein das große Treibhaus scheint mir ein passender Übergang vom Theater zur freien Natur zu sein.

Die Lage ist herrlich! Man wähnt sich weit hinweg von Hamburg, und doch liegt nur der alte Wallgraben und die geebneten Wälle mit deren Blumenbeeten und Bäumen dazwischen. Die Erdbeeren blüheten bereits, und die kleinen Vögel zwitscherten mir aus den Hecken entgegen: Merkst du nicht: Schon reisest du gen Süden!

Wie unwissend kam ich mir in dem großen Treibhause unter den fremden Bäumen und Gewächsen vor. Es war auch eine Hamburger Dame da, welche ebendiesen Fehler mit mir besaß, aber denselben auch außerhalb des Treibbauses hatte. Es stand da ein Haufen Blumen; wie niedlich! brach sie aus, nie habe ich so seltene Blumen gesehn! Sind die aus Amerika? Nein, dieses weniger; es sind nur Feldblumen, welche von Poseldorf draußen vor Hamburg mitgebracht sind.

Vom botanischen Garten wanderte ich hinaus durch Palmaille nach Altona, wo ich die erste schöne Aussicht über die Elbe genoss, und bis Ottensee kam. Der bekannte Baum auf dem Kirchhofe fiel mir sogleich in's Auge: Ich stand an Klopstocks Grabe.

Ich las einst von einem reisenden Engländer, der, als er zum ersten Mal Zeuge einer katholischen Kirchen- Prozession war und das ganze Volk knieen sah, sich unwillkührlich gleichfalls beugte, obgleich er nicht wagte, ob es ein Gott, ein Heiliger war, wovor jene sich beugten; fast ganz ähnlich ging es mir hier: Ich kenne Klopstock nur wenig, denn seinen Messias hab' ich, ehrlich gestanden, nie gelesen; ein so großes Heldengedicht hat für mich etwas Abschreckendes; es war im Grunde mehr Klopstocks Name als seine Werke, welche jene ernsten, tiefen Gefühle an seinem Grabe erweckten; der unsterbliche Name war's, welcher mein Herz zu stärkern Schlägen trieb. Gottes freie Natur winkte mir weiter; schöne grüne Gärten lagen der Elbe entlang; stolz glitt das Dampfboot den Fluss hinab, und der schwarze Rauch wälzte sich auf der Wasserfläche fort. Hier ist es schön! Doch das ist tausend Male vor mir erzählt. Wer wäre nicht in Rainvilles Garten gewesen oder hatte nicht in Blankensee das schöne Marianchen gesehen! Ja alle, welche von der Sächsischen Schweiz einen Begriff haben, behaupten, diese Gegend gleiche derselben sehr. Die Elbe mindestens ist dieselbe, allein hier doch breiter.

Die Vögel sangen und die Blumen nickten, und das in solcher Menge, dass, als ich in der Dämmerung nach Hamburg zurückkehrte, es schien, als bewegten sich auf dem ganzen Jungfernstiege nur lustige Vögel und nickende Blumen. - Man soll sich merken, was einem träumt, wenn man zum ersten Male in einer fremden Stadt schläft; denn das wird für bedeutungsvoll gehalten. Ich löschte mein Licht, sah noch einmal aus dem geöffneten Fenster auf die vielen Spaziergänger, hörte die Musik von den Pavillonen, deren Töne der Wind mir zuführte, und begab mich dann zur Ruhe, Kräfte zu sammeln, um noch weiter in die Welt hinauszuschweifen.


Mir träumt, ich sei ein kleiner Vogel,
Flog über Land und Meeresfluten,
Nicht wusste ich geheim zu halten,
Was ich empfand und was ich sah.

Aus tiefer Brust sang ich Gedanken,
Sang meine Schmerzen, meine Freuden;
Schwang mich über Meeres Brausen
Und fremde Städt' hinweg und Länder.

Einst saß ich unter'm grünen Baume
Und zwitscherte so meine Lieder;
Ringsum im Grase nickten Blumen,
Der waren manche und viel schöne.

Doch eine war an Duft und Farben
Die schönste, so man je gefunden;
Nur sie sang ich, seit sie erschienen,
Und alles andre ward vergessen.

Bei ihr nur wollt' ich bau'n und wohnen,
Sie mit den Flügeln nur umschweben;
Den schönsten Sang wollt' ich ihr bringen,
Und sollt' das Herz mir drob zerspringen.

Sie wiegte froh sich in dem Winde,
Ich streifte leis sie mit dem Flügel;
Ich fand Gedanken in dem Dufte,
Den sie der Sonn' entgegenhauchte,

Sie beugte sanft ihr Haupt darnieder,
Genau entsinn' ich mich des Ganzen,
In ihren treu beständ'gen Augen
Wähnt' ihre Lieb ich nur zu lesen.

Da kam ein Jäger, jung und artig,
Die Büchse hatt' er über'm Nacken;
Der pflückt mein Blümlein, steckt es zierlich
Ins Knopfloch sich an seinem Rocke.

Unb aus der Blum' entfiel ein Tropfen,
Den Tau hielt ich für eine Zähre,
Da dacht ich: nun mag er mich schießen,
Und sehnte nur mich nach dem Tode.

Die Blume duftet schön noch immer,
Und fühlt an ihrer Stell sich heimisch;
Ich flieg unstet von Ort zu Orte;
Könnt ich die Blume doch vergessen!

Ich traur' und singe mehr als sonsten,
So oft ich auf den Fluren irre;
So kommt des Weges wohl ein Jäger,
Und schießt mich mitten im Gesange.


Doch lassen wir den Vogel fliegen! - Ich war schon vier Tage in Hamburg, als die französische Postkutsche abfuhr. Ich hatte Nr. 11, aber wir waren unserer 20 Passagiere, und standen mit Mänteln, Schachteln und andern Reise-Attributen an der hohen Brücke, wo wir in den Wagen steigen mussten. Die Straße hier - ja eine Hamburger Straße war's - dunkel und eng - mit schrecklichem Gedränge, Stürme und Getöse hatten mitten unter aller dieser Prosa eine kleine idyllische Partie.

Die Gebäude seitwärts hatten manche Ausbaue und Erker; zwischen zweien davon war ein kleiner Bretterschuppen aufgeschlagen, so niedrig, dass niemand darin aufrecht stehen konnte, und so schmal, dass kaum Platz zu einem Stuhle und mehr nicht darin vorhanden war. Darin saß ein altes Ehepaar, ein Schuhmacher mit seinem Weibe. Das Werkzeug lag am Feuer; zwischen letzterem und der Hinterwand nahm der Mann den ganzen Platz ein; die Alte saß ihm zur Seite mit einem Strickzeuge und bildete die Haustür; denn sie musste notwendig erst auf die Straße hinaus treten, wenn der Mann hinauswollte.

Sie saßen wirklich da als Puppen in einem Glasschranke, sahen sehr vergnügt und glücklich aus, schwatzten und lachten, indem sie auf uns sahen, die wir nacheinander in den großen Rollwagen gesteckt wurden. Ich kam auf einen Beiwagen, wo ich einen Engländer und zwei Hamburger, von denen der eine ein Jude war, zur Gesellschaft erhielt. „Es wird werden interessant!" War das Erste, was er, kaum zum Sitzen gekommen, sagte; und sah uns alle dabei recht vergnügt an. Unser Hamburg ist doch eine schöne Stadt, einereiche Stadt! Nun begann er zu flöten:

Stadt Hamburg in der Elbe Auen,
Wie bist du stattlich anzuschauen!

Ich war auch ganz vergnügt, denn ich dachte wie der Teufel, wenn es schlecht geht: Da lasse ich eine Seele, ich kann sie brauchen! Ich betete recht aus Herzensgrunde, dass des jungen Mannes Originalität ihre Sonntagsseite herauskehren möchte, und in dieser Hoffnung trällerte ich:

Heil über ich, Hammonia!

So rollten wir hinaus aus dem alten Hamburg.Ich nannte den Dichter Heine. Heine, sagte er, ja Heine ist ein großer Mann in der Poesie, und sein Bruder ein großer Mann an der Börse; allein ich halte von seinen Versen nichts; sie sind so kurz. Schnapps fährt man einem über die Nase, und das Gedicht ist vorbei. Ja, sagte der andere Hamburger, er ist allezeit rasch mit seinen Nasenstübern! Hat er doch geschrieben, dass die Römer und Italiener so hübsch wären, wir Deutschen aber Kartoffelgesichter hätten. Haben wir Kartoffelgesichter? sagte er, und wies sein Antlitz, welches, die Wahrheit zu gestehen, jenem Erdgewächse nicht unähnlich war. Ich möchte, fuhr er fort, niemals mit einem solchen Menschen reisen; ehe man ein Wort wüsste, hätte er ein ganzes Buch von einem geschrieben. Nummer zwei, dachte ich, hier habe ich die andere Seele! - Welche Charaktere für meine Reise! Bald werden sie sich weiterentwickeln, sie können füglich das dritte Kapitel füllen. Wir waren inzwischen auf der zweiten Station - allein hier gingen beide Seelen ab. Es kann einen Schriftsteller sehr in Verlegenheit setzen, seine beiden ersten Charaktere, ohne dieselben benutzt zu haben, verlieren zu müssen - allein wir wollen uns dadurch nicht stören lassen, sondern weiterreisen!

<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>