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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.
Band II, Band III
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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.Band II, Band III

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Flatboot, Jules Verne, Nordamerika, John Tanner, Rinaldo Rinaldini, Schiffzimmermann, Äquator, Wolfsglocke, Aberglaube
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Impressum
über Lexikus
Buch: Umrisse einer Reise
Goslar. - Bergwerke. - Die Spinne. - Sage von der schönen Mathilde. - Ilse. - Brocken.
Selbst wenn man von Natur nichts weniger ist, als ein Held, so wird man als Reisebeschreiber doch stets der Held in seiner eignen Reise; allein was ist ein Held ohne Speis und Trank? Will man Reisen, um die Natur und Welt zu genießen, so muss man auch etwas Solides genießen, welches wirklich einen wichtigen Bestandteil des Wohlbehagens ausmacht, als man glaubt; ja ein Engländer hat sogar gemeint, es sei der Mühe wert zu Reisen, um Appetit zu bekommen und denselben zu stillen. Ich fühlte etwas Ähnliches, folgte der innern Stimme und ging, nachdem ich den Mund durch Speise zum Schweigen gebracht hatte, aus, um die Goslarschen Merkwürdigkeiten zu sehen.
Die Luft war mir so wunderlich drückend, ich vermochte förmlich die Bergwerksluft zu riechen, welche einige Wahlverwandtschaft mit derjenigen hat, womit der Sage nach der böse Feind eine Stätte parfümiert, welche er hinter sich lässt. Da ich aber des Teufels erwähne, muss ich, bevor ich's vergesse, eine der ersten Merkwürdigkeiten von Goslar erwähnen, welche ein Geschenk dieses berühmten Mannes ist. Mitten auf dem Markte nämlich steht ein großes Metallbecken, welches mittelst einer Röhre immerwährend mit Wasser angefüllt wird, und welches die Einwohner, wenn ein Feuer ausgebrochen ist, statt einer Sturmglocke gebrauchen, indem, wenn sie daran schlagen, dies in der ganzen Stadt vernommen wird.
Dies Gefäß, so erzählt man sich, hat einst der Böse zur Nachtzeit hierher gebracht; ich versuchte es zu bewegen, fand aber, dass dies eine sehr beschwerliche Arbeit sei.
Das Rathaus lag nahe dabei, dunkel und altfränkisch, mit allen seinen mächtigen Kaisern draußen umstellt. Sie standen im ersten Stockwerk, die Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand, und alle stark illuminiert wie Nürnberger Bilder. Ich sah einen alten Bergmann, welcher seiner kleinen Tochter diese braven Helden zeigte; nach diesen stellt sie sich nun alle Könige und Kaiser der Erde wie solche ernsthafte Steinmänner mit Schwert und Krone vor, und das kleine Vernunftwesen sieht bereits ein, dass es kein Rosenwandel ist, König zu sein, und so mit der schweren Krone Tag und Nacht draußen vor dem Rathause zu stehen und über Recht und Gesetz zu wachen.
Ich erinnere mich noch, wie ich selbst als kleiner Bube keine bessere Vorstellungen hatte und wie ich darüber grübelte, welche Sprache ein König oder eine Königin doch eigentlich reden, denn sie könnten doch unmöglich wie wir andern einfältigen Menschen reden; da ich nun einst eine Komödie dichtete, worin zwei dergleichen mächtige Wesen auftraten, dachte ich lange nach, bis mir endlich ein Licht aufging. Ich nahm einige Wörterbücher, schrieb aus einem ein Wort, dann aus einem andern eins und setzte nun eine Art Kauderwelsch aus Dänisch, Deutsch, Französisch usw. zusammen welches ich meine Könige sprechen ließ; denn ich dachte, so ein Mann muss manche Sprache verstehen und daher von jeder etwas vorbringen! Gott mag wissen, was das kleine Mädchen sich von der Sprache vorgestellt haben mag; ihre eigene hatte sie wenigstens ganz vergessen, da sie so viele Kaiser auf einmal erblickte.
Indem ich durch die Straßen schlenderte, bemerkte ich an mehreren Häusern die Madonna mit dem Kinde; an manchen Türen waren sie aber mit den Wänden überkalkt. Für mich lag etwas Wehmütiges darin, diese halbzerfallenen Steinbilder zu betrachten, welche gleich Mumien einer längst verschwundenen Zeit vor mir standen; auch sie haben einst gelebt und geherrscht, indem sie aus diesem toten Steine hervorgingen. Mir war als flüsterten sie: „Es ist nicht mehr als ehedem, da Kaiser und Volk sich vor uns beugte!"
Allein Goslar ist auch nicht mehr wie sonst; mit des Kaisers Haupt ist auch die Krone gefallen. Eine große Dauerbarkeit haben doch diese toten Massen, dachte ich, da die Stadt hinter mir lag und ich zum ersten Male bei einem Berge stand. Es war der Rammelsberg, bekannt durch sein Bergwerk, in welchem mehr Bauholz stecken soll, als in allen Häusern Goslars. Die ganze Seite, welche gegen den Weg gekehrt war, bestand meist aus Schieferstein, wodurch der Berg mir das Ansehen eines ungeheuren Gebäudes gewann, welches abgebrannt und zusammengestürzt war. Die Luft selbst hat etwas von Schwefel und Brand an sich, und das Wasser, welches mittelst eines Abflusses aus dem Berge hervorlief, wo es benutzt worden war, sah ganz ockergelb aus.
Der norwegische Bauer nennt den dicken, blauweißen Nebel, welcher zwischen Bergseiten eingeschlossen steht „Wollentochter" und ich kenne keinen Namen dafür, welcher bezeichnender wäre; er sah wirklich aus, wie eine ungeheure Masse ganz fein aufgekratzter Wolle, welche in einen tiefen Hohlweg geweht war und dort auf den dunkeln Fichten lag.
Bei der Einfahrt ins Bergwerk war eine Anzahl junger Arbeiter beschäftigt, die rohen Erzmassen in eine gegrabene Vertiefung zu schütten. Wir nahmen einen Führer; er zündete seine Lampe an, öffnete eine große Türe und - ich fühlte mich ums Herz herum ganz wunderlich - wir traten ein. Eine kleine Strecke nur war der Gang gemauert, allein bald wölbten sich nur die kantigen Felsstücke um uns; wir stiegen tiefer und tiefer hinab. Bergleute begegneten uns mit ihren Lampen; „Glück auf", war der gegenseitige Gruß, während alles ringsumher wie im Grabe war. Die Gänge waren hier wie aus Bronze. Das Erz schimmerte bald grün, bald kupferrot auf dem Gesteine. Ein Kaufmann aus Goslar war mein Begleiter; ich hielt mich fest an ihm, obgleich wir nur auf einem kleinen Brett gehen konnten. Oft mussten wir wegen der herabhängenden Fallstricke uns ganz niederbeugen; ein Gang kreuzte den anderen; und der Führer schien häufig vor uns wie verschwunden. Mit einem Male brauste es über unseren Köpfen; es war, als ob der ganze Berg zusammenstürzte. Ich sprach kein Wort, sondern schmiegte mich eng an meinen Begleiter, welcher mir nun erzählte, dass man oben eine Schleuse eröffne, welche ein Rad in Bewegung setze mittels dessen die Erzstücke aus den tiefsten Gruben herausgehoben würden. Ein Abgrund eröffnete sich seitwärts. Beim Lampenlichte vermochten wir nicht das ganze große Rad, über welches das Wasser hinströmte, zu übersehen. Ich kann schwer entscheiden, ob dieses oder die weiten Grotten, wo das Erz mit Feuer losgearbeitet wird, mir malerischer vorkamen. Die roten Flammen schlugen hoch auf und beleuchteten die schwarzen Bergleute ringsum. Ich lehnte mich an die Felsenwand und begann mich an die fremde Welt zu gewöhnen welche bei aller Furchtbarkeit schön war.
Es ist doch ein wunderlicher Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit schwellenden Segeln fliegt er über das herrliche Meer von Küste zu Küste; luftig wimmelt's in den fremden Häfen von geschäftigen Menschen. Plötzlich braust ein Sturm, der Mast stürzt und das Schiff wird wie ein Spielzeug auf den starken Wogen umhergeschleudert; kaum beruhigt sich das Wetter, so klettert er wieder in den hohen Mastkorb und schaut sich um in dem grenzenlosen Raume zwischen Meer und Himmel. Für den Bergmann dagegen geht ein Tag wie der andere, hin. Tief in der schwarzen Grube sitzt er mit seiner Lampe und hämmert Erz vom Berge, still und halbdunkel, wie in seinem Aufenthalt ist's auch in seinem Innern; nur der Sonntag bringt einige Veränderung; da legt er sich bessere Kleider an, geht in die Kirche, und sieht die Sonne mild dahinein und in sein Herz scheinen. Vielleicht geht er Vormittags auch nach Goslar, hört dort Neuigkeiten und denkt dabei, wie wunderlich doch das Volk da draußen in der Welt stürme, möchte vielleicht auch, wenn er noch jung ist, einmal hinausfliegen und sich unter den andern umhertummeln - allein Montag sitzt er doch wieder tief in der Grube mit der Lampe und handhabt seinen Hammer - und so geht das fort, bis eine fremde Hand den letzten Hammerschlag gegen seinen Sarg tut.
Als wir aus dem Berge zurückkamen, schien die Sonne lieblich über die jungen Fichten, wo Regentropfen lagen, wie Perlen auf den lichtgrünen Schößlingen; mir war's, als hätte ich nie etwas Freundlicheres gesehen als diese von der Sonne erleuchteten Bergspitzen und den klaren Himmel, so fortlaufend war der Übergang von der schwarzen Grube zur sonnenklaren Natur.
Ein kleiner Steig führte uns nach Goslar zurück; im Wallgraben unten wuchs hohes Gras und die dicke Stadtmauer war unter Busch und Kraut fast versteckt. Wir bestiegen den Zwinger, einen großen, runden Turm aus der Kaiserzeit. Die Mauern sind 22 Fuß dick; im unteren Stockwerk hatte man dieselbe neuerdings sprengen lassen und in der Mauer selbst Wohnzimmer eingerichtet. Oben aber war ein großer Saal, wo die Bürger Goslars Bälle und Festivitäten zu haben pflegen. Eine große Spinne hatte ihr Nest neben der Tür aufgespannt und sah auf mich und eine winzige Fliege, welche mir um die Nase surrte, als ich eintrat. Ich kann zwar nicht sagen, dass dieser sechsbeinige Weber eine sehr hübsche Malerei an der Wand war; wenn man ihn aber poetisch auffasst, so kann er immerhin ein Bild werden, welches in meiner Reisegalerie aufgehangen werden darf.
Die Spinne.
Du erinnerst dich, o schöne Fliege,
Wie hier strahlten Lichter um die Wette:
Anglaisen und Menuette
Führten lustig auf der Tänzer Züge.
Klein' und Große, Dürre, Hagre
Schwenkten sich, nicht fehlten Magre.
Doch vermochtest unter allen
Du allein mir zu gefallen.
Unter'm Balken saß ich stille,
Fühlt in mir das Herz entbrennen.
Aus war nun das Tanzen, Rennen,
und entrauscht der Töne Fülle.
Tanzen ist dein allerhöchst Vergnügen,
Einen Saal hab' ich darein gewebt,
Siehe! wie er lustig vor dir schwebt;
Unter'm Fuß wünscht er dir nur zu liegen.
Lustig flackern hier der Freude Flammen,
Freud' ertönt in unserem Vereine!
O so komm, du Muntre, Leichte, Kleine,
Komm, und lass uns tanzen doch zusammen!
Die Hauptkirche in Goslar ist abgebrochen; nur eine Kapelle steht noch, in welcher sich die Überreste der ehemaligen Herrlichkeiten der Kirche befinden. Ein altes Weib führte uns hinein und gab uns Auskunft über diese Schätze. Inwendig dicht neben der Türe war der Heilige Christoph in kolossaler Größe abgebildet, wie er im Wasser steht mit dem Jesuskinde auf seinen Schultern. Das waren Leute damals - sagte das alte Weib, in der Meinung, dass der große Christoph wirklich so lang und breit gewesen sei, als er hier aussah.
In einem offenen Sarge lag eine weibliche Figur in Sandstein abgebildet, angeblich die Mathilde, Kaiser Heinrich III. Tochter vorstellend; sie war so schön, dass ihr eigener Vater sich in sie verliebte; deshalb bat sie Gott, er möge sie auf einmal recht hässlich machen; da meldete der Böse sich und gelobte ihres Vaters Liebe in Hass zu wandeln, wenn sie ihm für immer angehören wolle. Sie ging den Kontrakt mit dem Bedingen ein, dass, wenn er sie bei den drei ersten Malen, wo er zu ihr komme, nicht schlafend finde, sie von ihm frei sein würde. Um sich wach zu erhalten, nahm sie Seide und Nadel, und stickte ein köstliches Kleid, während ihr kleiner Hund: Quedl neben ihr saß. Jedes Mal, wenn sie in Schlaf verfiel und der Teufel nahte, bellte sofort das treue Tier und sie war alsdann stets wach und munter bei ihrer Arbeit. Da der Teufel sich angeführt sah, aber sein Angelöbnis erfüllen musste, ließ er seine hässliche Klaue, über ihr Antlitz gleiten, so dass die schöne gewölbte Stirn eingedrückt und die königliche Nase platt und breit ward; den kleinen Mund riss er nach beiden Ohren hin auf und hauchte auf die herrlichen Augen, so das sie wie Blei und Nebel aussahen. Kaiser Heinrich verabscheute sie nun; sie baute sich eine Abtei, welche sie nach dem treuen Quedlingburg nannte, wo sie selbst die erste Äbtissin ward.
Das alte Weib, welches uns das Steinbild zeigte, wusste nicht recht, ob dasselbe sie in den Tagen ihrer Schönheit vorstellte, oder in der späteren Zeit, wo der Böse seine Finger an sie gelegt hatte; ich stimmte mehr für das letztere.
Kaiser Heinrich III. Kirchenstuhl befindet sich gleichfalls hier; ich setzte mich hinein und sah nun auf sein Bild und die Bildnisse zweier anderer Kaiser im hohen Kirchenfenster. Sie sahen recht lebend aus, indem das Licht durch die bunte Malerei spielte.
Zu der Mauer befand sich eine alte Inschrift, die nie mand von uns recht auszulegen vermochte. „Ja wäre mein Bruder, der Doktor, hier", sagte meine Führerin, „so würde er uns alles erklären, was da steht. Es ist ein gelehrter Mann, sehr gelehrt, ja" - sagte sie zu mir - „er ist ebenso gelehrt, als Sie." Der Arme! dachte ich, sagte es aber nicht.
Abends machte ich wieder die nämliche Tour um die Stadt; aber ich war allein; es war Mondenschein, still auf den Straßen und die Häuser warfen starke, schwarze Schatten. Das Wasser plätscherte einförmig im großen Kupferbecken und die alten Kaiser standen so ernsthaft mit der Hand am Schwert und sahen vor sich hin. Mir kam es vor, als stünde ich vor einer der verzauberten Städte, von denen ich als Bube in manchen Märchen gehört hatte, der Bergnebel, welcher sich rings um die Stadt gelagert hatte, schien mir der magische Kreis, der ringsherum gezogen war und nach dessen Sprengung alles zu seinem frühern Leben wieder erwachen sollte. Dann würde wiederum Freude auf den Straßen sich regen; die alten Kaiser würden aus ihrer Mauer heraus vor das versammelte Volk treten, welches sich vor der Madonna beugte, die in einer Glorie von brennenden Lichtern strahlte. Das Steinbild, welches die Prinzessin Mathilde vorstellen soll, würde sich aus seinem morschen Sarg erheben und Fleisch und Blut annehmen, der treue Quedl könnte wieder lustig bellen, so dass niemand wieder in Schlaf fallen könnte, wenn die beiden Mächte sich nahen.
Es war, als wenn des Wassers einförmiges Plätschern das starke Zauberwort murmelte, welches das Ganze aus seiner magischen Versteinerung erwecken könnte und ich verstand den wichtigen Ton- Hieroglyphen: „Wenn du geschlafen hast, wird alles erwachen!" Und dies war die Wahrheit; denn da ich am andern Morgen auf die Straße heraustrat, schien die Sonne lieblich die Häuser an, welche gar nicht mehr gespenstisch aussahen und aus dem Fenster gerade gegenüber nickte ein lächelndes Mädchen-Antlitz, welches besser als tausend gedruckte Proklamationen verkündigte, dass keine magische Versteinerung über dem alten Goslar liege.
Im Opernhause zu Berlin wird ein Ballett: „Die neue Amazone" gegeben, worin unter anderem eine Flussschifffahrt vorkommt; das Schiff liegt still und schaukelt sich, allein die hintere Dekoration gleitet beständig über die Szene und zeigt, wie die Gegend sich während der Fahrt verändert. Hat man einige Augenblicke hingesehen, so wirkt es ganz täuschend und man glaubt, selbst mit zu segeln. Ließe sich das nämliche Experiment hier machen, so solltest du, mein Leser, auch zu sehen bekommen, wie die anmutige Gegend sich verändert, während ich weiterschweife.
Goslar lag unten zwischen den Bergen; der Weg lief an einer Mühle vorbei, wo der lustige Knappe an der Tür mit einem Mädchen rang, um sich einen Kuss zu nehmen. Ein steiler Hügel, von dem die gelbe Ockererde herabschimmerte, erhob sich dicht daneben mit den Ruinen eines alten Wartturms. Die Aussicht erweiterte sich, das Ocker-Tal mit seinen Schmelzhütten liegt um uns her. Der schwarze Rauch wirbelte in die Luft und stach wunderlich gegen den blauweißen Nebel an den Bergen ab. In den Hütten brannte das starke, rote Feuer, und das geschmolzene Metall lief der Lava gleich mit grüner und weißer Flamme in einer Rinne auf dem Boden hin.
Eine Partie steht so lebendig vor meiner Erinnerung, dass ich glaube, dieselbe hier auf das Papier niederhauchen zu können, wenn mir der, welcher das Bild betrachtet, es selbst mit den bunten Farben der Phantasie illuminieren will.
Der pechschwarze Abfall bildet einen kleinen Berg vor dem rotgedeckten Hause; dicht daneben braust die Oker über große Steine dahin; ein alter Bergmann schiebt seinen Karren über die lange schmale Brücke und im Hintergrund mitten im weiß- grünen Dampf steigen grünliche Rauchsäulen in die Luft; sie rühren vom „Schwefelhaufen" her, einigen aufgeworfenen Höhen, worin ein starkes Feuer angezündet ist; so siedet der gelbe Schwefel aus der Erde hervor.
Ein kleiner Pfad führte uns über Flur und Wiese in das grüne Laubholz, welches wieder den alten finstern Fichten Platz machte. Rings drängten sich Qellen hervor, so dass der Erdboden an mehren Stellen einen Morast bildete und mein Führer bis an die Knie hineinsank. Wir begegneten einigen wandernden Studenten in weißen Reisekitteln mit Blumen auf dem Hute; ein anderer Haufe führte drei oder vier große Hunde bei sich und war Carl Moor's Spießgesellen nicht unähnlich. Der Wald erklang von Pfeifen und Schreien; andere Vögel sah und hörte ich in der großen stillen Natur nicht.
Von der Ruine Harzburg war nur sehr wenig zu sehen, von dem Buschwerk ringsum aber zu viel, so dass fast gar keine Aussicht vorhanden war. Wir holten einen wandernden Postboten ein, welcher nach Blankenburg bestimmt war, und uns erzählte, dass auf diesem Wege vor zwei Jahren häufig Spitzbuben gewesen seien, und das es auch jetzt vorzüglich in der Nacht nicht ganz sicher sei; es war wunderlich, dass, da er dies erzählt hatte, der Wald mir dichter und dunkler und mithin weit feierlicher vorkam. Ein Gewitter war heraufgezogen und der erste Donner rollte zwischen den Bergen, indem wir in den Flecken Ilsenburg hineingingen.
Das gräfliche Schloss hat eine schöne Lage, sieht aber sehr verfallen aus. Nesseln wachsen hoch auf den Mauern, deren rote Steintrümmer in den Fluss niedergestürzt waren. Der Brocken war gänzlich im großen Gewitter verhüllt, welches seine Blitze unter die Fichten schleuderte; doch beschloss ich nach mehrstündiger Rast den Berg zu besteigen.
Ein neuer Führer meldet sich; das Gewitter war vorüber und wir zogen davon durch das schöne Ilsental. „Schön?" Wie wenig liegt doch in dem toten Worte! Doch, der Maler selbst vermag ja mit seinen lebendigen Farben die Natur in ihrer ganzen Größe nicht wiederzugeben, wie sollte der Dichter es durch Worte imstande sein? Nein! Könnten Töne sich verkürzen, könnte man mit Tönen malen wie mit Bleistift und Feder, dann würde man das Geistige darstellen können, welches das Herz ergreift, wenn das leibliche Auge eine neue und wunderschöne Natur anschaut.
Mit eilendem Laufe schoss der Ilsefluss seitwärts von uns dahin; hohe, mit Fichten bewachsene Berge lagen auf beiden Seiten. Die nackte Klippe des Ilsensteins erhob sich mit dem großen eisernen Kreuz auf ihrer Spitze senkrecht in die Höhe; der Nacken schmerzte, wenn man nach dieser Höhe hinaufblickte, und doch sieht das Auge sie tief unter sich, wenn man auf dem Brocken steht. Die gegenüber liegende Felswand hat ein ähnliches Äußeres. Alles kündigt an, dass diese Felsen bei einer großen Erdrevolution auseinander gerissen worden sind und dadurch für die Ilse ein Bett gebildet ist. In diesem mächtigen Felsen lebe der Sage nach die schöne Prinzessin Ilse, welche bei dem ersten Strahl der Morgensonne hervorsteigt und sich im kleinen Flusse badet: Glücklich ist, wer sie hier findet, allein wie wenige haben sie gesehen, denn sie fürchtet den menschlichen Blick, obwohl sie gut und freundlich ist.
Als die Sintflut das Menschengeschlecht von der Erde vertilgte, stiegen auch die Gewässer der Nordsee hoch, hoch in Deutschland hinein. Die schöne Ilse flüchtete mit ihrem Geliebten aus nördlichen Landen hierher nach dem Harze, wo der Brocken ihnen eine Zuflucht zu bieten schien. Endlich standen sie auf der ungeheuren Klippe, welche über das brausende Meer hervorragte; die umliegenden Länder waren unter der Flut begraben, Hütten, Menschen, Tiere waren verschwunden. Verirrt standen sie da Arm, in Arm, und sahen auf die Wogen nieder, welche gegen die Klippen brandeten. Allein immer höher stieg das Wasser, vergebens suchten sie einen unüberschwemmten Felsenrücken, um sich nach dem Brocken hinüberzuretten, der wie eine Insel im empörten Meere dalag. Da erbebte der Felsen unter ihnen, ein ungeheurer Spalt eröffnete sich und drohte, sie auseinander zu reißen, doch sie hielten sich fest umschlungen; die Seitenwände bogen sich rückwärts und begaben sich auseinander; beide stürzten in die schäumenden Wogen. Nach ihr erhielt der Ilsefluss den Namen, und noch wohnt sie mit ihrem Geliebten in dem harten Felsen.
Wir kamen tiefer in den Wald; der Pfad begann sich aufwärts nach dem Brocken zu winden; die untergehende Sonne vermochte nicht die dichten Fichten zu durchscheinen. Ringsum lagen Köhlerhütten, welche alles in einem bläulichen Rauch hüllten; das Ganze hatte ein stilles, wunderbares, romantisches Gepräge; es war ein Gemälde, welches die Seele zur Wehmut stimmte.
Der Kohlenbrenner.
Durch der Fichten enge Reihe
Flammt des Feuers roter Schein;
Schwarzer Rauch entsteigt der Hütte
Und der Knecht steht in der Mitte,
Von dem Feuer angestrahlt,
Scheint er rot und schwarz bemalt;
Und da er die großen Massen wend't,
Tiefer es brennt.
Angelehnt an seine Stange
Murmelt er im alten Sange:
„Fichten wachsen Jahr für Jahr,
„Tragen allzeit grünes Haar,
„Wie die Liebste mein sie blüh'n
Immer grün, doch dunkelgrün!"
Doch der Gesang keinen Trost ihm gönnt,
Tiefer es brennt.
Mehr und mehr ging der Weg steil hinan; ringsumher lagen ungeheure Felsenstücke. Die Ilse stürzte über große Steinmassen hinweg und bildete Wasserfall an Wasserfall; bald war das Bette eng zwischen Klippen zusammengepresst, und der schwarze Strom kochte schneeweißen Schaum; bald brauste er breit, und herrlich zwischen umgestürzten Fichten hin und riss die großen, grünen Zweige mit sich fort.
Je höher wir kamen, desto mehr schwand der Fluss zusammen. Der Strom ward zur rieselnden Quelle und zuletzt sah man kaum die großen Wassertropfen, welche durch das Moos sickerten.
Hier bekam ich eine Vorstellung von einem nordländischen Riesenberg recht im Großen; der Brocken ist einer. Stein liegt auf Stein geschichtet und eine wunderbare Stille ruht über dem Ganzen; kein Vogel zwitschert in den verkrüppelten Fichten; ringsum wachsen weiße Grabesblumen im hohen Moose, und Steine liegen in Massen neben deren Gipfel.
Wir waren nun oben; allein alles war Nebel. Wir standen im Gewölk. Vom Wirtshaus brauste uns ein Musikchor entgegen; dort waren 40 Reisende; da Teil derselben hatte musikalische Instruniente mitgenommen, und spielte lustig aus Fra Diavolo, der Stummen und andere bekannte Stücke.
Viertehalb tausend Pariser Fuß über der Meeresfläche, mitten im Gewölk jedoch, hinter einer fünf Fuß hohen Mauer saß ich in einem kleinen Stübchen und wärmte mich am heißen Ofen. Die Matratzen im Bette sind mit Tang aus Dänemark gefüllt, ich konnte also hoch im fremden Wolkenhimmel auf dänischem Grunde ruhen.
Die Kühe wurden heimgetrieben; sie hatten Glocken um, welche angenehm läuteten; doch draußen war noch alles Nebel; es begann sich ein Wind zu erheben, und verjagte die Wolken, welche er wie eine Schafherde über den Berggipfel eintrieb. Drei reisende Damen, welche große Hüte auf dem Kopf hatten, liefen hinaus und pflückten weiße Brocken-Blümchen; die Wolken spielten ihnen um die Beine; sie glichen der Hexen-Szene in Macbeth.
An meine Tür ward geklopft, und herein trat - der gute Schulmeister, mit welchem ich von Braunschweig zusammen gereist war; wir sollten einander also doch auf dem Blocksberge treffen. Mit dem alten Freunde, den er in Goslar besuchte, war er bereits zwei Stunden vor mir oben angekommen und hatte schon mit mehreren Reisenden Bekanntschaft gemacht, welche aber nach seiner Versicherung sehr nette und artige Leute sein sollten. Er war sehr glücklich und zeigte mir, wie viele Verse er bereits aus dem Brockenbuche abgeschrieben hatte, die er mit nach Hause nehmen wollte.
Bekanntlich findet sich hier und an jeder merkwürdigen Stelle in Deutschland, welche Fremde besuchen, ein Buch, in welches dieselben ihre Namen eintragen; es kommen auch ganze Verse hinein, und von diesen hatte jener sich etliche auserwählt und abgeschrieben.
In dem Buche fand ich zwei dänische Freunde und die Namen mehrerer Bekannten; es waren auch Zeichnungen darin; das Genie hatte sich auf mannigfache Art versucht, und wie mancher mag nicht von Unsterblichkeit geträumt haben, da er seinen Namen hierher schrieb! O Himmel! Werden alle diese unsterblich, so werde ich's mit.
Der Schulmeister stellte mich seinem Freund vor; allein dieser behagte mir gar nicht; er sah mir so still und nichtssagend aus, während er sich doch bemühte, Ausdruck in sein Gesicht zu legen; er war einer von den Leuten, von dem man, wäre er Doktor gewesen und hätte er mit seiner gewöhnlichen Miene dem Patienten an den Puls gefühlt, sich niedergesetzt und stillgeschwiegen, gesagt haben würde: er denkt, obgleich ich glaube, dass er darin gerade eine Pause machte.
Wir wurden indessen herausgerufen, wo die ganze Gesellschaft versammelt war. Die Musici hatten oben auf dem Turm Platz genommen, die übrigen Reisenden sich aber mit Besenstielen, Stangen und Ofengabeln versehen; sie luden uns zu einem großen Hexentanz in der dämmernden Abentbeleuchtung ein. Der eine zog den andern an der Hand fort, Große und Kleine, Dicke und Dünne, alle ließen den Narren los und das lustige Intermezzo begann.
Instrumente vom Turm:
Wir sind froh und Ihr seid froh,
Im Blasen wir und Ihr im Brummen;
So singen wir aus Fra Diavolo,
Der Braut und aus der Stummen.
Chor:
Dolorem furca pellas ex
Das hab ich im Gewächse.
Sch bin 'ne Hex, Du bist 'ne Hex',
Und alle sind wir Hexen.
Felsblöcke:
Tanzt nur: ich liege wie ein Stein,
Kann laut mit Euch mich nimmer freu'n.
Doch ist von Euch erst niemand hier,
Lieg ich noch immer für und für.
Elfen:
Wir sitzen auf der Blume Blatt,
Sie tanzen ringsumher;
Doch zierlich nicht zu sehr:
Da mancher etwas Plumpes hat.
Liebhaber:
Hoch über Wolken steh' ich hier,
Doch muss das Herz gesteh'n:
Noch näher war der Himmel mir,
Da ich Dich jüngst geseh'n.
Chor:
Dem Glücke dreh'n wir 'n U für 'n X.
Und machen ihm drei Kleckse.
Ich bin 'ne Hex', Du bist 'ne Hex'
Und alle sind wir Hexen.
So brauste es fort; erst gegen Mitternacht wurde es ruhig im Haus. Der Mond drängte sich durch den Nebel und warf seine weißen Strahlen in die lange enge Kammer; ich konnte nicht schlafen und ging deshalb auf den Turm, um die Aussicht zu genießen.
Wer jemals im Traume über die Erde hinschwebte, und ferne Länder, Weiler, Wälder tief unter sich erblickte, hat eine entfernte Idee von der unbegreiflichen Herrlichkeit. Finster lagen die fichtengrünen Berge unter mir; weiße Wölkchen, vom Monde beleuchtet, fuhren Geistern gleich neben dem Berge dahin. Da war keine Grenze; das Auge verlor sich in der Unendlichkeit; Dörfer mit ihren Türmen, Köhlerhütten mit ihren Rauchfängen ragten heraus aus dem dürftigen Nebelschleier, den der Mond bestrahlte. Die Traumwelt der Phantasie lag lebend vor mir. Tief unten in den schwarzen Wäldern hatte zur Zeit des Faustrechts mancher Ritter, mit seinen Reisigen vor Kaufleuten sich in den Hinterhalt gelegt, welche ihre kostbaren Waren von Stadt zu Stadt brachten; dort, wo auf dem hohen Felsen keine Spur mehr vorhanden, hatte die Burg sich erhoben, hoch und stark durch Mauern und Türme, und in den langen Winterabenden mit Jubel erfüllt. Die Nebel stiegen zwischen den schwarzen Bergen höher und höher; in wunderlichen Gestalten bildeten sich Wolken daraus. Dort, dachte ich, wo im weiten Umkreis Zauberblumen, die Wunderblume der Harzbewohner wächst, schläft manch kindlich Herz jetzt in frommer Einfalt. Nur einer fand sie, aber er selbst kannte sie nicht, ehe sie wieder verloren ging; ich suchte sie hier nicht, ich fühlte sie in meinem Herzen wachsen; Engel hatten den Samen hineingestreut, während ich noch in der Wiege schlummerte, sie wuchs, sie verbreitete ihren magischen Duft, Phantasie, dieses Lebens herrlichste Blume, entfaltete sich mehr und mehr in meinem Herzen, und ich hörte und sah eine neue und größere Natur um mich.
Hoch auf der Spitze des Ilsensteins stand die schöne Prinzessin Ilse, angestrahlt vom starken Mondenschein; die versunkenen Berge stürzten wieder hervor, und das Licht flammte durch bunte Fenster; zwischen den schwarzen Fichten erhoben sich rötliche Klostermauern und gotische Türme; Seelenmessen ertönten und das Jagdhorn erklang mit siebenfachem Echo zwischen den Bergen. In der Ferne, wo der Hakel den Horizont begrenzte, stieg das versunkene Räuberschloss aus tiefem Moose hervor; die Berge öffneten sich meinem Blicke, und ich sah in tiefer Kluft Kaiser Friedrich hinter dem großen Steintische, durch welchen sein langer roter Bart hindurchgewachsen ist; über tausend schwarze Zwerge arbeiteten in den tiefen Hallen und schleppten das flimmernde Metall in große Haufen, während vor meinem Blicke in der weiten Ferne, wo der Gesichtskreis in die preußischen und braunschweigischen Ebenen sich verlor, kriegerische Heere vorbeizogen, aber sie waren wie Nebel und sanken gleich diesen; nur ein leuchtender Punkt stand hinten, einem Sterne gleich, welcher klar über die ganze Gegend strahlte und noch fortleuchtete, bis auch er hinter dem Horizonte sank; ich aber vergaß die andern herrlichen Zauberbilder bei dem Gedanken an den großen Kaiser.
Da säuselte es unterm Turme und ich sah ein Heer missgestalteter Gespenster und menschliche Gestalten sich lustig im Rundtanz um den Berg schwingen; diese streckten ihre Besenstiele und hölzerne Säbel weit über den Berg, um das klare Licht von dem versunkenen Sterne auszutilgen und hinwegzukratzen. Allein sie konnten nicht hinlangen und sprangen in fruchtlosem Ärger auf und ab, wobei sie mich hässlich angrinsten. Das war Wolf mit Schwert und Speer, Feder und Tinte, auch Ordenszeichen auf den schönen Kleidern; und sie lachten mich an und sprachen: „Du darfst doch nicht sagen, wen du siehst, Dichterling nimm dich in Acht! Das Brot wächst nicht an den Bäumen - halte dich fest, auf das du nicht stürzt; hei!" Und nun fochten sie wiederum gegen den hohen Himmel, wo der Sterne Licht klar und höflich schien, dem sie doch nie zu nahen vermochten.
Die Luft war mir so wunderlich drückend, ich vermochte förmlich die Bergwerksluft zu riechen, welche einige Wahlverwandtschaft mit derjenigen hat, womit der Sage nach der böse Feind eine Stätte parfümiert, welche er hinter sich lässt. Da ich aber des Teufels erwähne, muss ich, bevor ich's vergesse, eine der ersten Merkwürdigkeiten von Goslar erwähnen, welche ein Geschenk dieses berühmten Mannes ist. Mitten auf dem Markte nämlich steht ein großes Metallbecken, welches mittelst einer Röhre immerwährend mit Wasser angefüllt wird, und welches die Einwohner, wenn ein Feuer ausgebrochen ist, statt einer Sturmglocke gebrauchen, indem, wenn sie daran schlagen, dies in der ganzen Stadt vernommen wird.
Dies Gefäß, so erzählt man sich, hat einst der Böse zur Nachtzeit hierher gebracht; ich versuchte es zu bewegen, fand aber, dass dies eine sehr beschwerliche Arbeit sei.
Das Rathaus lag nahe dabei, dunkel und altfränkisch, mit allen seinen mächtigen Kaisern draußen umstellt. Sie standen im ersten Stockwerk, die Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand, und alle stark illuminiert wie Nürnberger Bilder. Ich sah einen alten Bergmann, welcher seiner kleinen Tochter diese braven Helden zeigte; nach diesen stellt sie sich nun alle Könige und Kaiser der Erde wie solche ernsthafte Steinmänner mit Schwert und Krone vor, und das kleine Vernunftwesen sieht bereits ein, dass es kein Rosenwandel ist, König zu sein, und so mit der schweren Krone Tag und Nacht draußen vor dem Rathause zu stehen und über Recht und Gesetz zu wachen.
Ich erinnere mich noch, wie ich selbst als kleiner Bube keine bessere Vorstellungen hatte und wie ich darüber grübelte, welche Sprache ein König oder eine Königin doch eigentlich reden, denn sie könnten doch unmöglich wie wir andern einfältigen Menschen reden; da ich nun einst eine Komödie dichtete, worin zwei dergleichen mächtige Wesen auftraten, dachte ich lange nach, bis mir endlich ein Licht aufging. Ich nahm einige Wörterbücher, schrieb aus einem ein Wort, dann aus einem andern eins und setzte nun eine Art Kauderwelsch aus Dänisch, Deutsch, Französisch usw. zusammen welches ich meine Könige sprechen ließ; denn ich dachte, so ein Mann muss manche Sprache verstehen und daher von jeder etwas vorbringen! Gott mag wissen, was das kleine Mädchen sich von der Sprache vorgestellt haben mag; ihre eigene hatte sie wenigstens ganz vergessen, da sie so viele Kaiser auf einmal erblickte.
Indem ich durch die Straßen schlenderte, bemerkte ich an mehreren Häusern die Madonna mit dem Kinde; an manchen Türen waren sie aber mit den Wänden überkalkt. Für mich lag etwas Wehmütiges darin, diese halbzerfallenen Steinbilder zu betrachten, welche gleich Mumien einer längst verschwundenen Zeit vor mir standen; auch sie haben einst gelebt und geherrscht, indem sie aus diesem toten Steine hervorgingen. Mir war als flüsterten sie: „Es ist nicht mehr als ehedem, da Kaiser und Volk sich vor uns beugte!"
Allein Goslar ist auch nicht mehr wie sonst; mit des Kaisers Haupt ist auch die Krone gefallen. Eine große Dauerbarkeit haben doch diese toten Massen, dachte ich, da die Stadt hinter mir lag und ich zum ersten Male bei einem Berge stand. Es war der Rammelsberg, bekannt durch sein Bergwerk, in welchem mehr Bauholz stecken soll, als in allen Häusern Goslars. Die ganze Seite, welche gegen den Weg gekehrt war, bestand meist aus Schieferstein, wodurch der Berg mir das Ansehen eines ungeheuren Gebäudes gewann, welches abgebrannt und zusammengestürzt war. Die Luft selbst hat etwas von Schwefel und Brand an sich, und das Wasser, welches mittelst eines Abflusses aus dem Berge hervorlief, wo es benutzt worden war, sah ganz ockergelb aus.
Der norwegische Bauer nennt den dicken, blauweißen Nebel, welcher zwischen Bergseiten eingeschlossen steht „Wollentochter" und ich kenne keinen Namen dafür, welcher bezeichnender wäre; er sah wirklich aus, wie eine ungeheure Masse ganz fein aufgekratzter Wolle, welche in einen tiefen Hohlweg geweht war und dort auf den dunkeln Fichten lag.
Bei der Einfahrt ins Bergwerk war eine Anzahl junger Arbeiter beschäftigt, die rohen Erzmassen in eine gegrabene Vertiefung zu schütten. Wir nahmen einen Führer; er zündete seine Lampe an, öffnete eine große Türe und - ich fühlte mich ums Herz herum ganz wunderlich - wir traten ein. Eine kleine Strecke nur war der Gang gemauert, allein bald wölbten sich nur die kantigen Felsstücke um uns; wir stiegen tiefer und tiefer hinab. Bergleute begegneten uns mit ihren Lampen; „Glück auf", war der gegenseitige Gruß, während alles ringsumher wie im Grabe war. Die Gänge waren hier wie aus Bronze. Das Erz schimmerte bald grün, bald kupferrot auf dem Gesteine. Ein Kaufmann aus Goslar war mein Begleiter; ich hielt mich fest an ihm, obgleich wir nur auf einem kleinen Brett gehen konnten. Oft mussten wir wegen der herabhängenden Fallstricke uns ganz niederbeugen; ein Gang kreuzte den anderen; und der Führer schien häufig vor uns wie verschwunden. Mit einem Male brauste es über unseren Köpfen; es war, als ob der ganze Berg zusammenstürzte. Ich sprach kein Wort, sondern schmiegte mich eng an meinen Begleiter, welcher mir nun erzählte, dass man oben eine Schleuse eröffne, welche ein Rad in Bewegung setze mittels dessen die Erzstücke aus den tiefsten Gruben herausgehoben würden. Ein Abgrund eröffnete sich seitwärts. Beim Lampenlichte vermochten wir nicht das ganze große Rad, über welches das Wasser hinströmte, zu übersehen. Ich kann schwer entscheiden, ob dieses oder die weiten Grotten, wo das Erz mit Feuer losgearbeitet wird, mir malerischer vorkamen. Die roten Flammen schlugen hoch auf und beleuchteten die schwarzen Bergleute ringsum. Ich lehnte mich an die Felsenwand und begann mich an die fremde Welt zu gewöhnen welche bei aller Furchtbarkeit schön war.
Es ist doch ein wunderlicher Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit schwellenden Segeln fliegt er über das herrliche Meer von Küste zu Küste; luftig wimmelt's in den fremden Häfen von geschäftigen Menschen. Plötzlich braust ein Sturm, der Mast stürzt und das Schiff wird wie ein Spielzeug auf den starken Wogen umhergeschleudert; kaum beruhigt sich das Wetter, so klettert er wieder in den hohen Mastkorb und schaut sich um in dem grenzenlosen Raume zwischen Meer und Himmel. Für den Bergmann dagegen geht ein Tag wie der andere, hin. Tief in der schwarzen Grube sitzt er mit seiner Lampe und hämmert Erz vom Berge, still und halbdunkel, wie in seinem Aufenthalt ist's auch in seinem Innern; nur der Sonntag bringt einige Veränderung; da legt er sich bessere Kleider an, geht in die Kirche, und sieht die Sonne mild dahinein und in sein Herz scheinen. Vielleicht geht er Vormittags auch nach Goslar, hört dort Neuigkeiten und denkt dabei, wie wunderlich doch das Volk da draußen in der Welt stürme, möchte vielleicht auch, wenn er noch jung ist, einmal hinausfliegen und sich unter den andern umhertummeln - allein Montag sitzt er doch wieder tief in der Grube mit der Lampe und handhabt seinen Hammer - und so geht das fort, bis eine fremde Hand den letzten Hammerschlag gegen seinen Sarg tut.
Als wir aus dem Berge zurückkamen, schien die Sonne lieblich über die jungen Fichten, wo Regentropfen lagen, wie Perlen auf den lichtgrünen Schößlingen; mir war's, als hätte ich nie etwas Freundlicheres gesehen als diese von der Sonne erleuchteten Bergspitzen und den klaren Himmel, so fortlaufend war der Übergang von der schwarzen Grube zur sonnenklaren Natur.
Ein kleiner Steig führte uns nach Goslar zurück; im Wallgraben unten wuchs hohes Gras und die dicke Stadtmauer war unter Busch und Kraut fast versteckt. Wir bestiegen den Zwinger, einen großen, runden Turm aus der Kaiserzeit. Die Mauern sind 22 Fuß dick; im unteren Stockwerk hatte man dieselbe neuerdings sprengen lassen und in der Mauer selbst Wohnzimmer eingerichtet. Oben aber war ein großer Saal, wo die Bürger Goslars Bälle und Festivitäten zu haben pflegen. Eine große Spinne hatte ihr Nest neben der Tür aufgespannt und sah auf mich und eine winzige Fliege, welche mir um die Nase surrte, als ich eintrat. Ich kann zwar nicht sagen, dass dieser sechsbeinige Weber eine sehr hübsche Malerei an der Wand war; wenn man ihn aber poetisch auffasst, so kann er immerhin ein Bild werden, welches in meiner Reisegalerie aufgehangen werden darf.
Die Spinne.
Du erinnerst dich, o schöne Fliege,
Wie hier strahlten Lichter um die Wette:
Anglaisen und Menuette
Führten lustig auf der Tänzer Züge.
Klein' und Große, Dürre, Hagre
Schwenkten sich, nicht fehlten Magre.
Doch vermochtest unter allen
Du allein mir zu gefallen.
Unter'm Balken saß ich stille,
Fühlt in mir das Herz entbrennen.
Aus war nun das Tanzen, Rennen,
und entrauscht der Töne Fülle.
Tanzen ist dein allerhöchst Vergnügen,
Einen Saal hab' ich darein gewebt,
Siehe! wie er lustig vor dir schwebt;
Unter'm Fuß wünscht er dir nur zu liegen.
Lustig flackern hier der Freude Flammen,
Freud' ertönt in unserem Vereine!
O so komm, du Muntre, Leichte, Kleine,
Komm, und lass uns tanzen doch zusammen!
Die Hauptkirche in Goslar ist abgebrochen; nur eine Kapelle steht noch, in welcher sich die Überreste der ehemaligen Herrlichkeiten der Kirche befinden. Ein altes Weib führte uns hinein und gab uns Auskunft über diese Schätze. Inwendig dicht neben der Türe war der Heilige Christoph in kolossaler Größe abgebildet, wie er im Wasser steht mit dem Jesuskinde auf seinen Schultern. Das waren Leute damals - sagte das alte Weib, in der Meinung, dass der große Christoph wirklich so lang und breit gewesen sei, als er hier aussah.
In einem offenen Sarge lag eine weibliche Figur in Sandstein abgebildet, angeblich die Mathilde, Kaiser Heinrich III. Tochter vorstellend; sie war so schön, dass ihr eigener Vater sich in sie verliebte; deshalb bat sie Gott, er möge sie auf einmal recht hässlich machen; da meldete der Böse sich und gelobte ihres Vaters Liebe in Hass zu wandeln, wenn sie ihm für immer angehören wolle. Sie ging den Kontrakt mit dem Bedingen ein, dass, wenn er sie bei den drei ersten Malen, wo er zu ihr komme, nicht schlafend finde, sie von ihm frei sein würde. Um sich wach zu erhalten, nahm sie Seide und Nadel, und stickte ein köstliches Kleid, während ihr kleiner Hund: Quedl neben ihr saß. Jedes Mal, wenn sie in Schlaf verfiel und der Teufel nahte, bellte sofort das treue Tier und sie war alsdann stets wach und munter bei ihrer Arbeit. Da der Teufel sich angeführt sah, aber sein Angelöbnis erfüllen musste, ließ er seine hässliche Klaue, über ihr Antlitz gleiten, so dass die schöne gewölbte Stirn eingedrückt und die königliche Nase platt und breit ward; den kleinen Mund riss er nach beiden Ohren hin auf und hauchte auf die herrlichen Augen, so das sie wie Blei und Nebel aussahen. Kaiser Heinrich verabscheute sie nun; sie baute sich eine Abtei, welche sie nach dem treuen Quedlingburg nannte, wo sie selbst die erste Äbtissin ward.
Das alte Weib, welches uns das Steinbild zeigte, wusste nicht recht, ob dasselbe sie in den Tagen ihrer Schönheit vorstellte, oder in der späteren Zeit, wo der Böse seine Finger an sie gelegt hatte; ich stimmte mehr für das letztere.
Kaiser Heinrich III. Kirchenstuhl befindet sich gleichfalls hier; ich setzte mich hinein und sah nun auf sein Bild und die Bildnisse zweier anderer Kaiser im hohen Kirchenfenster. Sie sahen recht lebend aus, indem das Licht durch die bunte Malerei spielte.
Zu der Mauer befand sich eine alte Inschrift, die nie mand von uns recht auszulegen vermochte. „Ja wäre mein Bruder, der Doktor, hier", sagte meine Führerin, „so würde er uns alles erklären, was da steht. Es ist ein gelehrter Mann, sehr gelehrt, ja" - sagte sie zu mir - „er ist ebenso gelehrt, als Sie." Der Arme! dachte ich, sagte es aber nicht.
Abends machte ich wieder die nämliche Tour um die Stadt; aber ich war allein; es war Mondenschein, still auf den Straßen und die Häuser warfen starke, schwarze Schatten. Das Wasser plätscherte einförmig im großen Kupferbecken und die alten Kaiser standen so ernsthaft mit der Hand am Schwert und sahen vor sich hin. Mir kam es vor, als stünde ich vor einer der verzauberten Städte, von denen ich als Bube in manchen Märchen gehört hatte, der Bergnebel, welcher sich rings um die Stadt gelagert hatte, schien mir der magische Kreis, der ringsherum gezogen war und nach dessen Sprengung alles zu seinem frühern Leben wieder erwachen sollte. Dann würde wiederum Freude auf den Straßen sich regen; die alten Kaiser würden aus ihrer Mauer heraus vor das versammelte Volk treten, welches sich vor der Madonna beugte, die in einer Glorie von brennenden Lichtern strahlte. Das Steinbild, welches die Prinzessin Mathilde vorstellen soll, würde sich aus seinem morschen Sarg erheben und Fleisch und Blut annehmen, der treue Quedl könnte wieder lustig bellen, so dass niemand wieder in Schlaf fallen könnte, wenn die beiden Mächte sich nahen.
Es war, als wenn des Wassers einförmiges Plätschern das starke Zauberwort murmelte, welches das Ganze aus seiner magischen Versteinerung erwecken könnte und ich verstand den wichtigen Ton- Hieroglyphen: „Wenn du geschlafen hast, wird alles erwachen!" Und dies war die Wahrheit; denn da ich am andern Morgen auf die Straße heraustrat, schien die Sonne lieblich die Häuser an, welche gar nicht mehr gespenstisch aussahen und aus dem Fenster gerade gegenüber nickte ein lächelndes Mädchen-Antlitz, welches besser als tausend gedruckte Proklamationen verkündigte, dass keine magische Versteinerung über dem alten Goslar liege.
Im Opernhause zu Berlin wird ein Ballett: „Die neue Amazone" gegeben, worin unter anderem eine Flussschifffahrt vorkommt; das Schiff liegt still und schaukelt sich, allein die hintere Dekoration gleitet beständig über die Szene und zeigt, wie die Gegend sich während der Fahrt verändert. Hat man einige Augenblicke hingesehen, so wirkt es ganz täuschend und man glaubt, selbst mit zu segeln. Ließe sich das nämliche Experiment hier machen, so solltest du, mein Leser, auch zu sehen bekommen, wie die anmutige Gegend sich verändert, während ich weiterschweife.
Goslar lag unten zwischen den Bergen; der Weg lief an einer Mühle vorbei, wo der lustige Knappe an der Tür mit einem Mädchen rang, um sich einen Kuss zu nehmen. Ein steiler Hügel, von dem die gelbe Ockererde herabschimmerte, erhob sich dicht daneben mit den Ruinen eines alten Wartturms. Die Aussicht erweiterte sich, das Ocker-Tal mit seinen Schmelzhütten liegt um uns her. Der schwarze Rauch wirbelte in die Luft und stach wunderlich gegen den blauweißen Nebel an den Bergen ab. In den Hütten brannte das starke, rote Feuer, und das geschmolzene Metall lief der Lava gleich mit grüner und weißer Flamme in einer Rinne auf dem Boden hin.
Eine Partie steht so lebendig vor meiner Erinnerung, dass ich glaube, dieselbe hier auf das Papier niederhauchen zu können, wenn mir der, welcher das Bild betrachtet, es selbst mit den bunten Farben der Phantasie illuminieren will.
Der pechschwarze Abfall bildet einen kleinen Berg vor dem rotgedeckten Hause; dicht daneben braust die Oker über große Steine dahin; ein alter Bergmann schiebt seinen Karren über die lange schmale Brücke und im Hintergrund mitten im weiß- grünen Dampf steigen grünliche Rauchsäulen in die Luft; sie rühren vom „Schwefelhaufen" her, einigen aufgeworfenen Höhen, worin ein starkes Feuer angezündet ist; so siedet der gelbe Schwefel aus der Erde hervor.
Ein kleiner Pfad führte uns über Flur und Wiese in das grüne Laubholz, welches wieder den alten finstern Fichten Platz machte. Rings drängten sich Qellen hervor, so dass der Erdboden an mehren Stellen einen Morast bildete und mein Führer bis an die Knie hineinsank. Wir begegneten einigen wandernden Studenten in weißen Reisekitteln mit Blumen auf dem Hute; ein anderer Haufe führte drei oder vier große Hunde bei sich und war Carl Moor's Spießgesellen nicht unähnlich. Der Wald erklang von Pfeifen und Schreien; andere Vögel sah und hörte ich in der großen stillen Natur nicht.
Von der Ruine Harzburg war nur sehr wenig zu sehen, von dem Buschwerk ringsum aber zu viel, so dass fast gar keine Aussicht vorhanden war. Wir holten einen wandernden Postboten ein, welcher nach Blankenburg bestimmt war, und uns erzählte, dass auf diesem Wege vor zwei Jahren häufig Spitzbuben gewesen seien, und das es auch jetzt vorzüglich in der Nacht nicht ganz sicher sei; es war wunderlich, dass, da er dies erzählt hatte, der Wald mir dichter und dunkler und mithin weit feierlicher vorkam. Ein Gewitter war heraufgezogen und der erste Donner rollte zwischen den Bergen, indem wir in den Flecken Ilsenburg hineingingen.
Das gräfliche Schloss hat eine schöne Lage, sieht aber sehr verfallen aus. Nesseln wachsen hoch auf den Mauern, deren rote Steintrümmer in den Fluss niedergestürzt waren. Der Brocken war gänzlich im großen Gewitter verhüllt, welches seine Blitze unter die Fichten schleuderte; doch beschloss ich nach mehrstündiger Rast den Berg zu besteigen.
Ein neuer Führer meldet sich; das Gewitter war vorüber und wir zogen davon durch das schöne Ilsental. „Schön?" Wie wenig liegt doch in dem toten Worte! Doch, der Maler selbst vermag ja mit seinen lebendigen Farben die Natur in ihrer ganzen Größe nicht wiederzugeben, wie sollte der Dichter es durch Worte imstande sein? Nein! Könnten Töne sich verkürzen, könnte man mit Tönen malen wie mit Bleistift und Feder, dann würde man das Geistige darstellen können, welches das Herz ergreift, wenn das leibliche Auge eine neue und wunderschöne Natur anschaut.
Mit eilendem Laufe schoss der Ilsefluss seitwärts von uns dahin; hohe, mit Fichten bewachsene Berge lagen auf beiden Seiten. Die nackte Klippe des Ilsensteins erhob sich mit dem großen eisernen Kreuz auf ihrer Spitze senkrecht in die Höhe; der Nacken schmerzte, wenn man nach dieser Höhe hinaufblickte, und doch sieht das Auge sie tief unter sich, wenn man auf dem Brocken steht. Die gegenüber liegende Felswand hat ein ähnliches Äußeres. Alles kündigt an, dass diese Felsen bei einer großen Erdrevolution auseinander gerissen worden sind und dadurch für die Ilse ein Bett gebildet ist. In diesem mächtigen Felsen lebe der Sage nach die schöne Prinzessin Ilse, welche bei dem ersten Strahl der Morgensonne hervorsteigt und sich im kleinen Flusse badet: Glücklich ist, wer sie hier findet, allein wie wenige haben sie gesehen, denn sie fürchtet den menschlichen Blick, obwohl sie gut und freundlich ist.
Als die Sintflut das Menschengeschlecht von der Erde vertilgte, stiegen auch die Gewässer der Nordsee hoch, hoch in Deutschland hinein. Die schöne Ilse flüchtete mit ihrem Geliebten aus nördlichen Landen hierher nach dem Harze, wo der Brocken ihnen eine Zuflucht zu bieten schien. Endlich standen sie auf der ungeheuren Klippe, welche über das brausende Meer hervorragte; die umliegenden Länder waren unter der Flut begraben, Hütten, Menschen, Tiere waren verschwunden. Verirrt standen sie da Arm, in Arm, und sahen auf die Wogen nieder, welche gegen die Klippen brandeten. Allein immer höher stieg das Wasser, vergebens suchten sie einen unüberschwemmten Felsenrücken, um sich nach dem Brocken hinüberzuretten, der wie eine Insel im empörten Meere dalag. Da erbebte der Felsen unter ihnen, ein ungeheurer Spalt eröffnete sich und drohte, sie auseinander zu reißen, doch sie hielten sich fest umschlungen; die Seitenwände bogen sich rückwärts und begaben sich auseinander; beide stürzten in die schäumenden Wogen. Nach ihr erhielt der Ilsefluss den Namen, und noch wohnt sie mit ihrem Geliebten in dem harten Felsen.
Wir kamen tiefer in den Wald; der Pfad begann sich aufwärts nach dem Brocken zu winden; die untergehende Sonne vermochte nicht die dichten Fichten zu durchscheinen. Ringsum lagen Köhlerhütten, welche alles in einem bläulichen Rauch hüllten; das Ganze hatte ein stilles, wunderbares, romantisches Gepräge; es war ein Gemälde, welches die Seele zur Wehmut stimmte.
Der Kohlenbrenner.
Durch der Fichten enge Reihe
Flammt des Feuers roter Schein;
Schwarzer Rauch entsteigt der Hütte
Und der Knecht steht in der Mitte,
Von dem Feuer angestrahlt,
Scheint er rot und schwarz bemalt;
Und da er die großen Massen wend't,
Tiefer es brennt.
Angelehnt an seine Stange
Murmelt er im alten Sange:
„Fichten wachsen Jahr für Jahr,
„Tragen allzeit grünes Haar,
„Wie die Liebste mein sie blüh'n
Immer grün, doch dunkelgrün!"
Doch der Gesang keinen Trost ihm gönnt,
Tiefer es brennt.
Mehr und mehr ging der Weg steil hinan; ringsumher lagen ungeheure Felsenstücke. Die Ilse stürzte über große Steinmassen hinweg und bildete Wasserfall an Wasserfall; bald war das Bette eng zwischen Klippen zusammengepresst, und der schwarze Strom kochte schneeweißen Schaum; bald brauste er breit, und herrlich zwischen umgestürzten Fichten hin und riss die großen, grünen Zweige mit sich fort.
Je höher wir kamen, desto mehr schwand der Fluss zusammen. Der Strom ward zur rieselnden Quelle und zuletzt sah man kaum die großen Wassertropfen, welche durch das Moos sickerten.
Hier bekam ich eine Vorstellung von einem nordländischen Riesenberg recht im Großen; der Brocken ist einer. Stein liegt auf Stein geschichtet und eine wunderbare Stille ruht über dem Ganzen; kein Vogel zwitschert in den verkrüppelten Fichten; ringsum wachsen weiße Grabesblumen im hohen Moose, und Steine liegen in Massen neben deren Gipfel.
Wir waren nun oben; allein alles war Nebel. Wir standen im Gewölk. Vom Wirtshaus brauste uns ein Musikchor entgegen; dort waren 40 Reisende; da Teil derselben hatte musikalische Instruniente mitgenommen, und spielte lustig aus Fra Diavolo, der Stummen und andere bekannte Stücke.
Viertehalb tausend Pariser Fuß über der Meeresfläche, mitten im Gewölk jedoch, hinter einer fünf Fuß hohen Mauer saß ich in einem kleinen Stübchen und wärmte mich am heißen Ofen. Die Matratzen im Bette sind mit Tang aus Dänemark gefüllt, ich konnte also hoch im fremden Wolkenhimmel auf dänischem Grunde ruhen.
Die Kühe wurden heimgetrieben; sie hatten Glocken um, welche angenehm läuteten; doch draußen war noch alles Nebel; es begann sich ein Wind zu erheben, und verjagte die Wolken, welche er wie eine Schafherde über den Berggipfel eintrieb. Drei reisende Damen, welche große Hüte auf dem Kopf hatten, liefen hinaus und pflückten weiße Brocken-Blümchen; die Wolken spielten ihnen um die Beine; sie glichen der Hexen-Szene in Macbeth.
An meine Tür ward geklopft, und herein trat - der gute Schulmeister, mit welchem ich von Braunschweig zusammen gereist war; wir sollten einander also doch auf dem Blocksberge treffen. Mit dem alten Freunde, den er in Goslar besuchte, war er bereits zwei Stunden vor mir oben angekommen und hatte schon mit mehreren Reisenden Bekanntschaft gemacht, welche aber nach seiner Versicherung sehr nette und artige Leute sein sollten. Er war sehr glücklich und zeigte mir, wie viele Verse er bereits aus dem Brockenbuche abgeschrieben hatte, die er mit nach Hause nehmen wollte.
Bekanntlich findet sich hier und an jeder merkwürdigen Stelle in Deutschland, welche Fremde besuchen, ein Buch, in welches dieselben ihre Namen eintragen; es kommen auch ganze Verse hinein, und von diesen hatte jener sich etliche auserwählt und abgeschrieben.
In dem Buche fand ich zwei dänische Freunde und die Namen mehrerer Bekannten; es waren auch Zeichnungen darin; das Genie hatte sich auf mannigfache Art versucht, und wie mancher mag nicht von Unsterblichkeit geträumt haben, da er seinen Namen hierher schrieb! O Himmel! Werden alle diese unsterblich, so werde ich's mit.
Der Schulmeister stellte mich seinem Freund vor; allein dieser behagte mir gar nicht; er sah mir so still und nichtssagend aus, während er sich doch bemühte, Ausdruck in sein Gesicht zu legen; er war einer von den Leuten, von dem man, wäre er Doktor gewesen und hätte er mit seiner gewöhnlichen Miene dem Patienten an den Puls gefühlt, sich niedergesetzt und stillgeschwiegen, gesagt haben würde: er denkt, obgleich ich glaube, dass er darin gerade eine Pause machte.
Wir wurden indessen herausgerufen, wo die ganze Gesellschaft versammelt war. Die Musici hatten oben auf dem Turm Platz genommen, die übrigen Reisenden sich aber mit Besenstielen, Stangen und Ofengabeln versehen; sie luden uns zu einem großen Hexentanz in der dämmernden Abentbeleuchtung ein. Der eine zog den andern an der Hand fort, Große und Kleine, Dicke und Dünne, alle ließen den Narren los und das lustige Intermezzo begann.
Instrumente vom Turm:
Wir sind froh und Ihr seid froh,
Im Blasen wir und Ihr im Brummen;
So singen wir aus Fra Diavolo,
Der Braut und aus der Stummen.
Chor:
Dolorem furca pellas ex
Das hab ich im Gewächse.
Sch bin 'ne Hex, Du bist 'ne Hex',
Und alle sind wir Hexen.
Felsblöcke:
Tanzt nur: ich liege wie ein Stein,
Kann laut mit Euch mich nimmer freu'n.
Doch ist von Euch erst niemand hier,
Lieg ich noch immer für und für.
Elfen:
Wir sitzen auf der Blume Blatt,
Sie tanzen ringsumher;
Doch zierlich nicht zu sehr:
Da mancher etwas Plumpes hat.
Liebhaber:
Hoch über Wolken steh' ich hier,
Doch muss das Herz gesteh'n:
Noch näher war der Himmel mir,
Da ich Dich jüngst geseh'n.
Chor:
Dem Glücke dreh'n wir 'n U für 'n X.
Und machen ihm drei Kleckse.
Ich bin 'ne Hex', Du bist 'ne Hex'
Und alle sind wir Hexen.
So brauste es fort; erst gegen Mitternacht wurde es ruhig im Haus. Der Mond drängte sich durch den Nebel und warf seine weißen Strahlen in die lange enge Kammer; ich konnte nicht schlafen und ging deshalb auf den Turm, um die Aussicht zu genießen.
Wer jemals im Traume über die Erde hinschwebte, und ferne Länder, Weiler, Wälder tief unter sich erblickte, hat eine entfernte Idee von der unbegreiflichen Herrlichkeit. Finster lagen die fichtengrünen Berge unter mir; weiße Wölkchen, vom Monde beleuchtet, fuhren Geistern gleich neben dem Berge dahin. Da war keine Grenze; das Auge verlor sich in der Unendlichkeit; Dörfer mit ihren Türmen, Köhlerhütten mit ihren Rauchfängen ragten heraus aus dem dürftigen Nebelschleier, den der Mond bestrahlte. Die Traumwelt der Phantasie lag lebend vor mir. Tief unten in den schwarzen Wäldern hatte zur Zeit des Faustrechts mancher Ritter, mit seinen Reisigen vor Kaufleuten sich in den Hinterhalt gelegt, welche ihre kostbaren Waren von Stadt zu Stadt brachten; dort, wo auf dem hohen Felsen keine Spur mehr vorhanden, hatte die Burg sich erhoben, hoch und stark durch Mauern und Türme, und in den langen Winterabenden mit Jubel erfüllt. Die Nebel stiegen zwischen den schwarzen Bergen höher und höher; in wunderlichen Gestalten bildeten sich Wolken daraus. Dort, dachte ich, wo im weiten Umkreis Zauberblumen, die Wunderblume der Harzbewohner wächst, schläft manch kindlich Herz jetzt in frommer Einfalt. Nur einer fand sie, aber er selbst kannte sie nicht, ehe sie wieder verloren ging; ich suchte sie hier nicht, ich fühlte sie in meinem Herzen wachsen; Engel hatten den Samen hineingestreut, während ich noch in der Wiege schlummerte, sie wuchs, sie verbreitete ihren magischen Duft, Phantasie, dieses Lebens herrlichste Blume, entfaltete sich mehr und mehr in meinem Herzen, und ich hörte und sah eine neue und größere Natur um mich.
Hoch auf der Spitze des Ilsensteins stand die schöne Prinzessin Ilse, angestrahlt vom starken Mondenschein; die versunkenen Berge stürzten wieder hervor, und das Licht flammte durch bunte Fenster; zwischen den schwarzen Fichten erhoben sich rötliche Klostermauern und gotische Türme; Seelenmessen ertönten und das Jagdhorn erklang mit siebenfachem Echo zwischen den Bergen. In der Ferne, wo der Hakel den Horizont begrenzte, stieg das versunkene Räuberschloss aus tiefem Moose hervor; die Berge öffneten sich meinem Blicke, und ich sah in tiefer Kluft Kaiser Friedrich hinter dem großen Steintische, durch welchen sein langer roter Bart hindurchgewachsen ist; über tausend schwarze Zwerge arbeiteten in den tiefen Hallen und schleppten das flimmernde Metall in große Haufen, während vor meinem Blicke in der weiten Ferne, wo der Gesichtskreis in die preußischen und braunschweigischen Ebenen sich verlor, kriegerische Heere vorbeizogen, aber sie waren wie Nebel und sanken gleich diesen; nur ein leuchtender Punkt stand hinten, einem Sterne gleich, welcher klar über die ganze Gegend strahlte und noch fortleuchtete, bis auch er hinter dem Horizonte sank; ich aber vergaß die andern herrlichen Zauberbilder bei dem Gedanken an den großen Kaiser.
Da säuselte es unterm Turme und ich sah ein Heer missgestalteter Gespenster und menschliche Gestalten sich lustig im Rundtanz um den Berg schwingen; diese streckten ihre Besenstiele und hölzerne Säbel weit über den Berg, um das klare Licht von dem versunkenen Sterne auszutilgen und hinwegzukratzen. Allein sie konnten nicht hinlangen und sprangen in fruchtlosem Ärger auf und ab, wobei sie mich hässlich angrinsten. Das war Wolf mit Schwert und Speer, Feder und Tinte, auch Ordenszeichen auf den schönen Kleidern; und sie lachten mich an und sprachen: „Du darfst doch nicht sagen, wen du siehst, Dichterling nimm dich in Acht! Das Brot wächst nicht an den Bäumen - halte dich fest, auf das du nicht stürzt; hei!" Und nun fochten sie wiederum gegen den hohen Himmel, wo der Sterne Licht klar und höflich schien, dem sie doch nie zu nahen vermochten.
