Buch: Umrisse einer Reise
Ein Stück Vorrede. - Meer. - Fluss Trave. - Lübeck - Marienkirche. - Totentanz. - Wandsbeck.
Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen; sagt Claudius; ob dies aber jemandhören will, ist eine andere Sache.
Wir leben in einer Zeit, wo große Weltbegebenheiten einander Schlag auf Schlag folgten, wo in einem Jahre sich mehr entwickelte als früher in ganzen Dezennien; Meteor folgt auf Meteor am politischen Himmel; wie kann man da Zeit erlangen, auf eine einzelne aufstrebende Psyche Acht haben. Die Welt handelt jetzt, sie arbeitet für das kommende Dichtergeschlecht, welche unsere Zeit unsterblich machen soll. Allein wenn die Schwingen wachsen, will der Vogel fliegen, ob Krieg sei oder Frieden, Hochzeit oder Begräbnis, er singet seinen Sang, bis sein Dichterherz bricht; stets findet sich eine und die andere verwandte Seele, welche mitten unter dem großen Weltgetöse durch seine Töne berührt wird, und mehr kann der kleine Himmelsbürger ja nicht verlangen. Aber ist er nun ein verfänglicher Vogel, und dergleichen sind die meisten jungen Poeten, so will er Zuhörer an sich locken, ein Original werden und in ganz anderer Weise zwitschern als wozu ihm der Herr den Schnabel gab; dies hilft wirklich zu Zeiten; je seltsamer der poetische Singsang ist, desto mehr Aufmerksamkeit erregt derselbe; er sammelt sich ein Publikum; einer zeigt sich immer noch als ein größeres Original denn der andere, denn wer möchte nicht gehört sein, wenn er einmal als Sänger aufgetreten ist?
Mir ging es, wenn ich offenherzig sein soll, gerade ebenso, als ich diese meine Reise zu erzählen gedachte; ich nahm mir vor, es auf eine originelle Weile zu tun, und hatte das Ganze schon - bevor ich reiste - angeordnet. Nachdem Leser und Leserinnen sich niedergelassen, wollte ich ihnen die ganze Reise dramatisch geben; dies war - dünkte mich - eine neue Art von Mitteilung einer Reisebeschreibung. Ich sollte ein Reisedrama mit Ouvertüre, Prolog und Zwischenakten liefern. In den Zwischenakten sollte das Publikum satirisch werden, im Prologe wollte ich es selbst sein. Die Ouvertüre sollte vom vollen Orchester ausgeführt werden; das auf dem Verdeck versammelte Volk wollte ich als türkische Musik anwenden, die Wellen mussten das brausende Crescendo spielen, die Vögel und die jungen Damen an der Fangleine aber sollten des Abschieds rührendes Adagio ausdrücken. Auf dem Dampfschiffe fand ich viele Passagiere, welche ich eiligst zu Instrumenten machen konnte, und mein eignes Herz sollte die Lust anwandeln, ein kleines Harfen-Solo vorzutragen. Ich rechnete darauf, in dieser Ouvertüre von Kopenhagen nach Lübeck würde Abwechselung genug sein. Bei Travemünde sollte der Prolog beginnen, bei Lübeck das Stück selbst, und von da ab Abenteuer auf Abenteuer szenenweise sich reihen. Eine solche Art von Reisebeschreibung hatte ich noch nicht gesehen; so sollte die meinige werden - und ich reiste ab.
Fremde Städte mit fremden Leuten folgten aufeinander, zwischen den Bergen öffnete sich eine neue Welt für mich; Gottes herrliche Natur umgab mich, da war keine angenommene Originalität, doch sah sie ganz originell aus, und war doch nur sie selbst. Ob dies denn doch nicht im Grunde das Richtige sein mag, dachte ich, und eh' ich mich dessen versah, waren alle die selbstgeschaffenen originellen Ideen verdampft und ich dachte: Ich will es geben, wie ich selber es erfasste; wird es nicht originell, so liegt der Fehler darin, dass ich selbst eine Kopie bin, und das lässt sich doch nicht reimen: Denn da ein Blatt am Baume keine Kopie vom andern ist, sollte der Mensch mit seiner ganzen Natur es sein? Ouvertüre, Prolog und Zwischenspiel sind daher verloren gegangen; man darf jedoch dessen ungeachtet gern sitzen bleiben; ich werde mein Herz öffnen und euch die bunte Reihe der Bilder, wie sie die Reise hervorrief, zeigen. Wir hängen keinen Teppich längs der Wand herunter, dies macht zu viel Unbequemlichkeit; wir haben die weißen Blätter im Buche; hierin stehen nun die Bilder, allerdings nur in leisem Riss; allein man erinnere sich, es sind auch nur Taschenbilder der Wirklichkeit. Man findet ebenen und Berge, Dörfer und Phantasiestücke, selbst einzelne kleine Partien, welche mit Feder und Tinte eiligst abgerissen sind.
Der Dichter weicht dem Maler nicht.
Ein Vordergrund, ein wenig Grün,
Ein Baum, womöglich muss er blüh'n,
Ein Lüftchen fächelt sanft vorbei;
Merkt auf: da steht die Malerei!
Doch das Gedicht? Deß braucht's nicht mehr,
Hier steht es schon, blickt nur umher.
Allein nun fährt das Dampfschiff Prinzessin Wilhelmine nach Lübeck ab.Die Küste segelt bereits hinweg; ob sie den Vorsprung gewinnen will, damit wir ihr nicht nacheilen? Nein wir selbst segeln! - O reisen, reisen ist doch das glücklichste Los! Darum reisen wir auch alle. Alle reisen ins Universum; selbst der elendeste Mann besteigt des Gedankens beflügelt Ross, und wird er alt und schwach, dann nimmt der Tod ihn doch auf die Reise, die große Reise, die wir alle machen. Die Wogen rollen von Küste zu Küste; die Welten segeln hin am großen Himmel und der Vogel fliegt mit über Flur und Gefild. Wir reisen alle, selbst die Toten im stillen Grabe fliegen mit der Erde um die Sonne. Ja reisen, das ist eine fixe Idee im ganzen Weltall, aber wir Menschen sind Kinder, wir wollen noch „Reisen spielen" mitten auf unserer und der Dinge großer natürlicher Reise.
Der See lag einem Spiegel gleich vor mir, seine Welle machte die große Fläche uneben. O es ist herrlich zwischen Himmel und Meer dahinzufliegen, während das Herz seine Trauer und Lust singt und der Geist den bedeutungsvollen, wechselnden Klagegestalten nachsinnt, welche bei diesen Tonwellen sich erheben. Herz und Meer sind wunderbar verwandt! Das Meer ist des Erdballs Großes; drum brauset es so tief in stürmender Nacht, drum füllt es unsere Brust mit Wehmut oder Begeisterung, wenn der klare Sternenhimmel, der Ewigkeit großes Bild, dich in der ruhigen Wasserfläche zeigt. Himmel und Erde spiegeln sich am Meer, wie in unsern Herzen; doch das Menschenherz wird nie so ruhig als jenes, wenn des Lebens Stürme erst sein Inneres aufgeregt haben. Doch ist unsere Lebenszeit nur ein kleiner Zeitraum vom Leben der großen Welt.
So in Augenblicken vergessen wir unsern Schmerz, selbst den tiefsten, in Augenblicken vergisst auch das gewaltige Meer seine Stürme, für den Weltkörper sind Wochen und Tage nur Augenblicke. Aber ich werde ja recht redselig! So erzählte ich einst einem Kinde, welches auf meinem Schoß saß, mancherlei Geschichten, welche ich selber hübsch, recht hübsch fand. Das Kind blickte mir mit großen Augen ins Gesicht; ich bildete mir ein, wie recht glücklich meine Geschichten es machten, und ich selbst erzählte immer lieber dem kleinen aufmerksamen Kinde. Bei der interessantesten Stelle unterbrach ich mich selbst und fragte: „Was meinst du dazu?" Und das Kind sagte: „Du sprichst zu viel." Vielleicht, lieber Leser, ergeht mir's auch so mit dir? Doch bedenke: Wir sind inmittelst auch über die ganze Ostsee gesegelt, sind Stayns Klint mit seiner wandernden Kirche, Möns weiße Kreideberge, wo das Holz zu grünen begann, und Laaland selbst vorbeipassiert, wo in der halbdunkeln Nacht das rote Feuer brannte. Hernach ging die Sonne aus; schön war's anzuschauen; allein die meisten Passagiere schliefen; sie dachten mit Arv: Der Morgen ist recht schön, wenn er nur nicht so früh am Tage wäre.
Endlich stieg einer nach dem andern aus der Unterwelt hervor; das Verdeck war der freie Konversations-Saal, wo man nach Belieben kommen und gehen konnte; dieGedanken taten dasselbe, und das Herz trällerte sich eins und das Andere; ich vernahm es aber wohl:
In dem schwankenden Boot, auf der brausenden See
Saß in der trautesten Näh'.
Begeisternde Luft!
Sie wiegte ihr Köpfchen an meiner Brust.
Ich nahm sie in der Arme schützende Hut
Und fühlt' ihrer Küsse Glut
Mir brennen auf Lippe und Kinn:
Im Winde flattert der Segel dahin.
Sie drückt mir die Hand, und Lippe und Blick
Strahlen Treue zurück.
Wir schieden - und ich sah ihres Abschiedes Not;
Denn selber blieb ich beim schaukelnden Boot,
Hat sie das alles vergessen wohl gar?
Arg wär' es fürwahr!
Auf des Meeres spiegelklarer Flut mag das Herz von seiner Liebe träumen. Nichts in der ganzen Natur gibt ein so leibliches Bild von dieses Lebens heiligem Geheimnisse als das große herrliche Meer, das wie ein Himmel die ganze Erde umschließt und auf seiner ruhigen Fläche die Unendlichkeit darstellt. Liebe ist ein Abgrund gleich dem Meere, dessen Tiefe Tod und Leben birgt, während die Hoffnung ihre reichbeladenen Schiffe von Küste zu Küste fliegen lässt. Ich blickte auf das große Meer und fühlte mich glücklich - ein Berliner stand mir zur Seite und machte Berliner Witz - auch er fühlte sich glücklich! Vorwärts flog das Dampfschiff; wir nahten dem Lande und so - so waren auch die Übrigen glücklich.
Es fehlte übrigens wenig, so hätten wir den Ausfluss der Trave nicht gefunden; ein dicker Nebel hatte sich über die ganze Küste gelagert; doch das Glück war mit uns, wir trafen die richtige Stelle, segelten hinein und das ganze Nebelland blieb hinter uns.
Es war als wallte ein Vorhang auf. Im Vordergrunde lag das hübsche Badehaus und der hohe Leuchtturm; ringsum dehnten sich grüne Felder und Wald; uns entgegen strömte das warme Sonnenlicht. Daheim in Dänemark knospete es kaum im Gehölz da wir absegelten; welch merklicher Übergang! Zur Linken erstreckte sich die Halbinsel Priwall, wo die Herden halb im Wasser gingen, und uns ein lebendes Pottersches Bild mit dem großen Lufthintergrunde und herrlichen Tiergruppen veranschaulichte. Zur Rechten lag Travemünde mit seinen roten Dächern; ringsum aus den Fenstern hatten Männer und Weiber von fern die Köpfe gesteckt; sie sahen von ferne recht hübsch aus.
Ach ja „die Ferne!" Sie ist doch des Lebens magisches Zauberland, die geistige fata morgana, welche beständig entflieht, wenn man ihr nahet. In der Ferne liegen der Kinder Träume und die Lebensvorsätze; inder Ferne glätten sich die Runzeln der gefurchten Stirn und das graue Mütterchen gleicht der Gesundheit blühenden Jungfrau. Vielleicht ging es auch hier mit den Schönen in Travemünde so.
Die Trave ward schmäler; das Dampfschiff schien ihr ganzes Bett ausfüllen zu wollen; bald sehen wir das siebentürmige Lübeck zwischen den Matten und dem Walde herauftauchen; allein es spielte wunderlich Versteckens, bald war es hier, bald dort - und bald - ja wer könnte das beschreiben? - lags unter dem grünen Ufer, welches die Natur mit Gehölz und üppigen Graswuchs bedeckt hat. Die vielen Biegungen veranlassen, dass man nicht recht weiß: ob man von oder zur Stadt fährt. So segeln wir auch auf dem großen Strom des Lebens, denn da sind wir so kindisch zu klagen, ja auch am Steuermanne zu verzweifeln, denn das Ziel unserer Wünsche spielt mit uns, wie Lübeck Verstecken; doch machten wir den richtigen Weg, allein wir kennen nicht des Stromes Lauf, da wir auf des Lebens Trave nur einmal segeln. Welch abwechselnd Gemälde, welch lebendiges Idyll gewährt nicht die ganze Gegend. Hier bildet der Fluss eine kleine Bucht, hier ist eine Fischerstätte; die Netze hangen zwischen Bäumen in der Sonne ausgespannt; gerade vor uns erhebt sich ein Dorf mit seiner Kirche und im Flusse selbst rauscht durch die grünen Binsen das Dampfboot, welches unter anderen Gegenständen einen Poeten an Bord hat, und wo ein Poet sich befindet, der stets der Natur ihre beste Ansicht abgewinnt, denn Natur ist eine Dame, und zwar eine alte Dame; sie war vor Methusalem, sie will gefallen; sie möchte bewundert, und was am wirksamsten bei ihr ist, besungen werden; ich habe mich nun einmal darauf gesetzt; sie soll nun keinen Gesang haben, und also bekommt sie keinen.
„Jetzt muss man Deutsch sprechen", sagte ich, als ich in Lübeck das eine Bein auf die Schiffsbrücke setzte und bemerkte, dass mir die deutsche Luft ins Gesicht blies. Rings im Gebüsch sangen die Vögel uns einen großen Bewillkommnungsgesang, und der war ganz dänisch, ganz so wie bei uns; sie mochten glauben, wir seien der deutschen Sprache nicht kundig. Es befand sich deshalb unter den Passagieren auch nicht eine Seele, welche ihnen dankte.
Was mir ganz besonders auffiel war, dass auch die kleinsten Lübeck'schen Kinder Deutsch sprachen und das war weit besser als ich, der ich doch im Examen darin so gut bestanden hatte. Das müssen kluge Kinder sein, dachte ich, so klein, und doch schon so weit im Deutschen! Ich musste sogleich an das bekannte, kluge Lübeck'sche Kind denken, das 1722 Friedrich IV. vorgestellt ward, und von welchem geschrieben stehet, das es gesagt habe:
Allerdurchlauchtigster König, Allergnädigster König und Herr, glückselig ist der Tag, an welchem mir schwachem Säuglinge die alleruntertänigste Devotion vergönnt ist, Ihrer Königlichen Majestät zu huldigen, und dann: Permettez moi, Sire, que je baise la main de votre Marjesté et le bord de votre habit royal; hierauf ward er durstig und man musste ihn säugen lassen. Dies ist bekanntlich eine sehr wahrhafte Geschichte.
Gott weiß, ob auch die andern Lübeck'schen Kinder so gut im Französischen beschlagen waren, als jener „schwache Säugling"; sie sahen mir mindestens nach Allerhand aus. Durch ein altes gewölbtes Tor mit dicken Seitenwänden kamen wir nun in die freie Hansestadt;
Lübeck.
Unter den spitzgiebligen Häusern, engen Seitengässchen und unter den historischen Erinnerungen glaubt man sich hier um Jahrhunderte zurückversetzt; diese eckigen Gebäude, diese Steinbilder am Rathause, die gemalten Glasscheiben hier an der alten Kirche, an welcher wir vorbeigingen, sehen noch so aus, als könne Jorgen Wollenweber hier noch ein kräftiges Wort mit dreinreden; das Offenstehen der Kirche bringt auch auf die Idee des Katholizismus, und manches Bild aus jener Zeit spricht, wenn es auch kein Kunstwerk ist, uns doch durch seine poetische Idee oder sein Alter an.
Ich war in der Marienkirche und sah das berühmte astronomische Uhrwerk und dann noch den berühmten Zyklus von Bildern, welche man Totentanz nennt. Jeder Stand, jedes Alter vom Papst bis zum Kinde in der Wiege sieht man hier vom Tode zum Cotillon aufgefordert und alle im Gewande der Zeit, worin sie gemalt wurden, was uns Jahr 1463 gewesen sein soll; unter jeder Person steht ein plattdeutscher Vers, ein Gespräch unter den Tanzenden, welches indess nicht die alten ursprünglichen Reime, sondern neuere poetische Versuche vom Jahre 1701 sind. Mich dünkte, der Maler habe in des tanzenden Klapperbeins Antlitz ein ironisches Lächeln gelegt, welches mir und der ganzen Gesellschaft, welche hier stand und ihre Bemerkungen über ihn machte, sagen zu wollen schien:
Ihr glaubt nun Ihr stündet still, oder spaziert höchstens in der Marienkirche umher, um euch die alten Bilder zu besehen; euch hat doch der Tod zum Tanz bereits aufgefordert und so tanzt ihr bereits alle mit mir. Von der Wiege an beginnt der große Tanz. Das Leben gleicht der Lampe, welche schon auszubrennen beginnt, wenn sie angezündet wird. So alt ein jeder von euch ist, solange habe ich mit jedem getanzt; ein jeglicher seine Touren; der eine hält das Tanzen länger aus als der andere; allein das Licht erlischt gegen die Morgenstunde, und nun sinket ihr alle ermüdet in meine Arme - das nennt man sterben. Ringsum an den Wänden standen Epitaphien und in den Gängen lagen Grabsteine mit unleserlichen Grabschriften und halb ausgelöschten Herren und Frauen; so sah ich einen großen Stein mit einem mannhaften Ritter darauf, welcher das lange Schlachtschwert in der Hand hielt und gleichwohl duldete, dass das neue Geschlecht ihm auf die Nase trat, so, dass die Züge seines Angesichts und sein langer Bart fast verwischt waren. Er und alle diese stillen Nachbarn, deren Namen nun, wie ihre Inschriften verschwunden sind, haben sich einmal lustig da droben in der alten Stadt umhergetummelt, manchen Spaziergang auf dem grünen Walle gemacht, die Vöglein singen hören und an Unsterblichkeit gedacht. - Das alte Rathaus steht noch da mit seinen kleinen Türmen und dem großen Hansesaale. Der Markt liegt zwischen jenem und der Kirche, darauf tummelt sich das neue Menschengewimmel umher. Aus der Marienkirche ging ich hinaus in die große Gotteskirche, welche noch auf eine andere Weise groß und alt ist; das ist ein Gewölbe, welches noch predigen wird, wenn alles Übrige schweigt; die Häuser auf beiden Seiten der Straßen kommen mir vor wie Stuhlreihen, wie gekaufte oder gemieteFamilienstühle, worin auch das Hausgesinde Platz hat. Ein Donnerwetter, welches über uns heraufgezogen war, begann inzwischen seine Predigt, welche nur kurz war, aber in deren Sprache doch viel lag.
In Gesellschaft eines Dänen und zweier Norweger verließ ich abends das alte Lübeck: Die Sonne ging so schön unter; der grüne Wald duftete; es war eine Lust! Wie viel Poesie doch in so einem stillen Abend liegt! Die Landstraße, auch sie war in ihrer Art poetisch, kam mir vor als der Weg zum Parnaß, höckricht und uneben; Gott weiß, wie so viele darüber hinwegkommen, ohne den Hals zu brechen, denn der eine wälzt sich über den andern; ich war selbst einmal nahe daran. Mit gesunden Gliedern gelangten wir alle am Morgen nach Wandsbeck. Hier lebte und dichtete Claudius; ich dachte an Andreas und Anselmus; die Sonne schien mir ins Antlitz; so trat mir Wasser in die Augen. Ich war am Hause vorübergefahren, wo die Zahlen-Lotterie gezogen wird, ohne Acht darauf zu geben; aber Gedanken genug gibt es gewiss denen, welche unseligen Geistern gleich die Stätte umschweben und über den gebannten Mammon heulen. Claudius und Lotto, das sind doch in einer kleinen Stadt zwei Merkwürdigkeiten, und Gott weiß, sie sehen einander wenig ähnlich. Aber ich will von der Lotterie nicht schlecht sprechen, das Leben selbst ist eine große Lotterie, welche viele Unterabteilungen hat, von denen manche ganz poetisch sind.
Als Einsatz setzte ich jüngst einen Kuss,
Und bat zum Auszug mir das Gleiche aus;
Drob eine Ambe ich gewinnen muss,
Zum Herzen brach die lichte Flamm' heraus,
Nun ward es auf die Terne abgseh'n.
Ich setzte Leben, Hoffen auf das Spiel,
Und seht, die Kasse sprengte ich: Sie fiel
Ich nahm so viel nun als nur wollte gehn;
Und küsse in der Jugend jetzt vor allen
Dich standhaft, wenn auch gleich die Kurse fallen.
Doch dies darf nur ein Ehemann singen - der Dichter dagegen - hat das Recht, es zu schreiben.Nun erblickten wir Hamburgs Türme; sie erheben sich hoch in die Lüfte, gleichsam als sähen sie aus nach unserer Ankunft; die Sonne schien auf sie und auf uns hernieder, so schön als beim Einzuge irgendeines Kaisers.
Wir leben in einer Zeit, wo große Weltbegebenheiten einander Schlag auf Schlag folgten, wo in einem Jahre sich mehr entwickelte als früher in ganzen Dezennien; Meteor folgt auf Meteor am politischen Himmel; wie kann man da Zeit erlangen, auf eine einzelne aufstrebende Psyche Acht haben. Die Welt handelt jetzt, sie arbeitet für das kommende Dichtergeschlecht, welche unsere Zeit unsterblich machen soll. Allein wenn die Schwingen wachsen, will der Vogel fliegen, ob Krieg sei oder Frieden, Hochzeit oder Begräbnis, er singet seinen Sang, bis sein Dichterherz bricht; stets findet sich eine und die andere verwandte Seele, welche mitten unter dem großen Weltgetöse durch seine Töne berührt wird, und mehr kann der kleine Himmelsbürger ja nicht verlangen. Aber ist er nun ein verfänglicher Vogel, und dergleichen sind die meisten jungen Poeten, so will er Zuhörer an sich locken, ein Original werden und in ganz anderer Weise zwitschern als wozu ihm der Herr den Schnabel gab; dies hilft wirklich zu Zeiten; je seltsamer der poetische Singsang ist, desto mehr Aufmerksamkeit erregt derselbe; er sammelt sich ein Publikum; einer zeigt sich immer noch als ein größeres Original denn der andere, denn wer möchte nicht gehört sein, wenn er einmal als Sänger aufgetreten ist?
Mir ging es, wenn ich offenherzig sein soll, gerade ebenso, als ich diese meine Reise zu erzählen gedachte; ich nahm mir vor, es auf eine originelle Weile zu tun, und hatte das Ganze schon - bevor ich reiste - angeordnet. Nachdem Leser und Leserinnen sich niedergelassen, wollte ich ihnen die ganze Reise dramatisch geben; dies war - dünkte mich - eine neue Art von Mitteilung einer Reisebeschreibung. Ich sollte ein Reisedrama mit Ouvertüre, Prolog und Zwischenakten liefern. In den Zwischenakten sollte das Publikum satirisch werden, im Prologe wollte ich es selbst sein. Die Ouvertüre sollte vom vollen Orchester ausgeführt werden; das auf dem Verdeck versammelte Volk wollte ich als türkische Musik anwenden, die Wellen mussten das brausende Crescendo spielen, die Vögel und die jungen Damen an der Fangleine aber sollten des Abschieds rührendes Adagio ausdrücken. Auf dem Dampfschiffe fand ich viele Passagiere, welche ich eiligst zu Instrumenten machen konnte, und mein eignes Herz sollte die Lust anwandeln, ein kleines Harfen-Solo vorzutragen. Ich rechnete darauf, in dieser Ouvertüre von Kopenhagen nach Lübeck würde Abwechselung genug sein. Bei Travemünde sollte der Prolog beginnen, bei Lübeck das Stück selbst, und von da ab Abenteuer auf Abenteuer szenenweise sich reihen. Eine solche Art von Reisebeschreibung hatte ich noch nicht gesehen; so sollte die meinige werden - und ich reiste ab.
Fremde Städte mit fremden Leuten folgten aufeinander, zwischen den Bergen öffnete sich eine neue Welt für mich; Gottes herrliche Natur umgab mich, da war keine angenommene Originalität, doch sah sie ganz originell aus, und war doch nur sie selbst. Ob dies denn doch nicht im Grunde das Richtige sein mag, dachte ich, und eh' ich mich dessen versah, waren alle die selbstgeschaffenen originellen Ideen verdampft und ich dachte: Ich will es geben, wie ich selber es erfasste; wird es nicht originell, so liegt der Fehler darin, dass ich selbst eine Kopie bin, und das lässt sich doch nicht reimen: Denn da ein Blatt am Baume keine Kopie vom andern ist, sollte der Mensch mit seiner ganzen Natur es sein? Ouvertüre, Prolog und Zwischenspiel sind daher verloren gegangen; man darf jedoch dessen ungeachtet gern sitzen bleiben; ich werde mein Herz öffnen und euch die bunte Reihe der Bilder, wie sie die Reise hervorrief, zeigen. Wir hängen keinen Teppich längs der Wand herunter, dies macht zu viel Unbequemlichkeit; wir haben die weißen Blätter im Buche; hierin stehen nun die Bilder, allerdings nur in leisem Riss; allein man erinnere sich, es sind auch nur Taschenbilder der Wirklichkeit. Man findet ebenen und Berge, Dörfer und Phantasiestücke, selbst einzelne kleine Partien, welche mit Feder und Tinte eiligst abgerissen sind.
Der Dichter weicht dem Maler nicht.
Ein Vordergrund, ein wenig Grün,
Ein Baum, womöglich muss er blüh'n,
Ein Lüftchen fächelt sanft vorbei;
Merkt auf: da steht die Malerei!
Doch das Gedicht? Deß braucht's nicht mehr,
Hier steht es schon, blickt nur umher.
Allein nun fährt das Dampfschiff Prinzessin Wilhelmine nach Lübeck ab.Die Küste segelt bereits hinweg; ob sie den Vorsprung gewinnen will, damit wir ihr nicht nacheilen? Nein wir selbst segeln! - O reisen, reisen ist doch das glücklichste Los! Darum reisen wir auch alle. Alle reisen ins Universum; selbst der elendeste Mann besteigt des Gedankens beflügelt Ross, und wird er alt und schwach, dann nimmt der Tod ihn doch auf die Reise, die große Reise, die wir alle machen. Die Wogen rollen von Küste zu Küste; die Welten segeln hin am großen Himmel und der Vogel fliegt mit über Flur und Gefild. Wir reisen alle, selbst die Toten im stillen Grabe fliegen mit der Erde um die Sonne. Ja reisen, das ist eine fixe Idee im ganzen Weltall, aber wir Menschen sind Kinder, wir wollen noch „Reisen spielen" mitten auf unserer und der Dinge großer natürlicher Reise.
Der See lag einem Spiegel gleich vor mir, seine Welle machte die große Fläche uneben. O es ist herrlich zwischen Himmel und Meer dahinzufliegen, während das Herz seine Trauer und Lust singt und der Geist den bedeutungsvollen, wechselnden Klagegestalten nachsinnt, welche bei diesen Tonwellen sich erheben. Herz und Meer sind wunderbar verwandt! Das Meer ist des Erdballs Großes; drum brauset es so tief in stürmender Nacht, drum füllt es unsere Brust mit Wehmut oder Begeisterung, wenn der klare Sternenhimmel, der Ewigkeit großes Bild, dich in der ruhigen Wasserfläche zeigt. Himmel und Erde spiegeln sich am Meer, wie in unsern Herzen; doch das Menschenherz wird nie so ruhig als jenes, wenn des Lebens Stürme erst sein Inneres aufgeregt haben. Doch ist unsere Lebenszeit nur ein kleiner Zeitraum vom Leben der großen Welt.
So in Augenblicken vergessen wir unsern Schmerz, selbst den tiefsten, in Augenblicken vergisst auch das gewaltige Meer seine Stürme, für den Weltkörper sind Wochen und Tage nur Augenblicke. Aber ich werde ja recht redselig! So erzählte ich einst einem Kinde, welches auf meinem Schoß saß, mancherlei Geschichten, welche ich selber hübsch, recht hübsch fand. Das Kind blickte mir mit großen Augen ins Gesicht; ich bildete mir ein, wie recht glücklich meine Geschichten es machten, und ich selbst erzählte immer lieber dem kleinen aufmerksamen Kinde. Bei der interessantesten Stelle unterbrach ich mich selbst und fragte: „Was meinst du dazu?" Und das Kind sagte: „Du sprichst zu viel." Vielleicht, lieber Leser, ergeht mir's auch so mit dir? Doch bedenke: Wir sind inmittelst auch über die ganze Ostsee gesegelt, sind Stayns Klint mit seiner wandernden Kirche, Möns weiße Kreideberge, wo das Holz zu grünen begann, und Laaland selbst vorbeipassiert, wo in der halbdunkeln Nacht das rote Feuer brannte. Hernach ging die Sonne aus; schön war's anzuschauen; allein die meisten Passagiere schliefen; sie dachten mit Arv: Der Morgen ist recht schön, wenn er nur nicht so früh am Tage wäre.
Endlich stieg einer nach dem andern aus der Unterwelt hervor; das Verdeck war der freie Konversations-Saal, wo man nach Belieben kommen und gehen konnte; dieGedanken taten dasselbe, und das Herz trällerte sich eins und das Andere; ich vernahm es aber wohl:
In dem schwankenden Boot, auf der brausenden See
Saß in der trautesten Näh'.
Begeisternde Luft!
Sie wiegte ihr Köpfchen an meiner Brust.
Ich nahm sie in der Arme schützende Hut
Und fühlt' ihrer Küsse Glut
Mir brennen auf Lippe und Kinn:
Im Winde flattert der Segel dahin.
Sie drückt mir die Hand, und Lippe und Blick
Strahlen Treue zurück.
Wir schieden - und ich sah ihres Abschiedes Not;
Denn selber blieb ich beim schaukelnden Boot,
Hat sie das alles vergessen wohl gar?
Arg wär' es fürwahr!
Auf des Meeres spiegelklarer Flut mag das Herz von seiner Liebe träumen. Nichts in der ganzen Natur gibt ein so leibliches Bild von dieses Lebens heiligem Geheimnisse als das große herrliche Meer, das wie ein Himmel die ganze Erde umschließt und auf seiner ruhigen Fläche die Unendlichkeit darstellt. Liebe ist ein Abgrund gleich dem Meere, dessen Tiefe Tod und Leben birgt, während die Hoffnung ihre reichbeladenen Schiffe von Küste zu Küste fliegen lässt. Ich blickte auf das große Meer und fühlte mich glücklich - ein Berliner stand mir zur Seite und machte Berliner Witz - auch er fühlte sich glücklich! Vorwärts flog das Dampfschiff; wir nahten dem Lande und so - so waren auch die Übrigen glücklich.
Es fehlte übrigens wenig, so hätten wir den Ausfluss der Trave nicht gefunden; ein dicker Nebel hatte sich über die ganze Küste gelagert; doch das Glück war mit uns, wir trafen die richtige Stelle, segelten hinein und das ganze Nebelland blieb hinter uns.
Es war als wallte ein Vorhang auf. Im Vordergrunde lag das hübsche Badehaus und der hohe Leuchtturm; ringsum dehnten sich grüne Felder und Wald; uns entgegen strömte das warme Sonnenlicht. Daheim in Dänemark knospete es kaum im Gehölz da wir absegelten; welch merklicher Übergang! Zur Linken erstreckte sich die Halbinsel Priwall, wo die Herden halb im Wasser gingen, und uns ein lebendes Pottersches Bild mit dem großen Lufthintergrunde und herrlichen Tiergruppen veranschaulichte. Zur Rechten lag Travemünde mit seinen roten Dächern; ringsum aus den Fenstern hatten Männer und Weiber von fern die Köpfe gesteckt; sie sahen von ferne recht hübsch aus.
Ach ja „die Ferne!" Sie ist doch des Lebens magisches Zauberland, die geistige fata morgana, welche beständig entflieht, wenn man ihr nahet. In der Ferne liegen der Kinder Träume und die Lebensvorsätze; inder Ferne glätten sich die Runzeln der gefurchten Stirn und das graue Mütterchen gleicht der Gesundheit blühenden Jungfrau. Vielleicht ging es auch hier mit den Schönen in Travemünde so.
Die Trave ward schmäler; das Dampfschiff schien ihr ganzes Bett ausfüllen zu wollen; bald sehen wir das siebentürmige Lübeck zwischen den Matten und dem Walde herauftauchen; allein es spielte wunderlich Versteckens, bald war es hier, bald dort - und bald - ja wer könnte das beschreiben? - lags unter dem grünen Ufer, welches die Natur mit Gehölz und üppigen Graswuchs bedeckt hat. Die vielen Biegungen veranlassen, dass man nicht recht weiß: ob man von oder zur Stadt fährt. So segeln wir auch auf dem großen Strom des Lebens, denn da sind wir so kindisch zu klagen, ja auch am Steuermanne zu verzweifeln, denn das Ziel unserer Wünsche spielt mit uns, wie Lübeck Verstecken; doch machten wir den richtigen Weg, allein wir kennen nicht des Stromes Lauf, da wir auf des Lebens Trave nur einmal segeln. Welch abwechselnd Gemälde, welch lebendiges Idyll gewährt nicht die ganze Gegend. Hier bildet der Fluss eine kleine Bucht, hier ist eine Fischerstätte; die Netze hangen zwischen Bäumen in der Sonne ausgespannt; gerade vor uns erhebt sich ein Dorf mit seiner Kirche und im Flusse selbst rauscht durch die grünen Binsen das Dampfboot, welches unter anderen Gegenständen einen Poeten an Bord hat, und wo ein Poet sich befindet, der stets der Natur ihre beste Ansicht abgewinnt, denn Natur ist eine Dame, und zwar eine alte Dame; sie war vor Methusalem, sie will gefallen; sie möchte bewundert, und was am wirksamsten bei ihr ist, besungen werden; ich habe mich nun einmal darauf gesetzt; sie soll nun keinen Gesang haben, und also bekommt sie keinen.
„Jetzt muss man Deutsch sprechen", sagte ich, als ich in Lübeck das eine Bein auf die Schiffsbrücke setzte und bemerkte, dass mir die deutsche Luft ins Gesicht blies. Rings im Gebüsch sangen die Vögel uns einen großen Bewillkommnungsgesang, und der war ganz dänisch, ganz so wie bei uns; sie mochten glauben, wir seien der deutschen Sprache nicht kundig. Es befand sich deshalb unter den Passagieren auch nicht eine Seele, welche ihnen dankte.
Was mir ganz besonders auffiel war, dass auch die kleinsten Lübeck'schen Kinder Deutsch sprachen und das war weit besser als ich, der ich doch im Examen darin so gut bestanden hatte. Das müssen kluge Kinder sein, dachte ich, so klein, und doch schon so weit im Deutschen! Ich musste sogleich an das bekannte, kluge Lübeck'sche Kind denken, das 1722 Friedrich IV. vorgestellt ward, und von welchem geschrieben stehet, das es gesagt habe:
Allerdurchlauchtigster König, Allergnädigster König und Herr, glückselig ist der Tag, an welchem mir schwachem Säuglinge die alleruntertänigste Devotion vergönnt ist, Ihrer Königlichen Majestät zu huldigen, und dann: Permettez moi, Sire, que je baise la main de votre Marjesté et le bord de votre habit royal; hierauf ward er durstig und man musste ihn säugen lassen. Dies ist bekanntlich eine sehr wahrhafte Geschichte.
Gott weiß, ob auch die andern Lübeck'schen Kinder so gut im Französischen beschlagen waren, als jener „schwache Säugling"; sie sahen mir mindestens nach Allerhand aus. Durch ein altes gewölbtes Tor mit dicken Seitenwänden kamen wir nun in die freie Hansestadt;
Lübeck.
Unter den spitzgiebligen Häusern, engen Seitengässchen und unter den historischen Erinnerungen glaubt man sich hier um Jahrhunderte zurückversetzt; diese eckigen Gebäude, diese Steinbilder am Rathause, die gemalten Glasscheiben hier an der alten Kirche, an welcher wir vorbeigingen, sehen noch so aus, als könne Jorgen Wollenweber hier noch ein kräftiges Wort mit dreinreden; das Offenstehen der Kirche bringt auch auf die Idee des Katholizismus, und manches Bild aus jener Zeit spricht, wenn es auch kein Kunstwerk ist, uns doch durch seine poetische Idee oder sein Alter an.
Ich war in der Marienkirche und sah das berühmte astronomische Uhrwerk und dann noch den berühmten Zyklus von Bildern, welche man Totentanz nennt. Jeder Stand, jedes Alter vom Papst bis zum Kinde in der Wiege sieht man hier vom Tode zum Cotillon aufgefordert und alle im Gewande der Zeit, worin sie gemalt wurden, was uns Jahr 1463 gewesen sein soll; unter jeder Person steht ein plattdeutscher Vers, ein Gespräch unter den Tanzenden, welches indess nicht die alten ursprünglichen Reime, sondern neuere poetische Versuche vom Jahre 1701 sind. Mich dünkte, der Maler habe in des tanzenden Klapperbeins Antlitz ein ironisches Lächeln gelegt, welches mir und der ganzen Gesellschaft, welche hier stand und ihre Bemerkungen über ihn machte, sagen zu wollen schien:
Ihr glaubt nun Ihr stündet still, oder spaziert höchstens in der Marienkirche umher, um euch die alten Bilder zu besehen; euch hat doch der Tod zum Tanz bereits aufgefordert und so tanzt ihr bereits alle mit mir. Von der Wiege an beginnt der große Tanz. Das Leben gleicht der Lampe, welche schon auszubrennen beginnt, wenn sie angezündet wird. So alt ein jeder von euch ist, solange habe ich mit jedem getanzt; ein jeglicher seine Touren; der eine hält das Tanzen länger aus als der andere; allein das Licht erlischt gegen die Morgenstunde, und nun sinket ihr alle ermüdet in meine Arme - das nennt man sterben. Ringsum an den Wänden standen Epitaphien und in den Gängen lagen Grabsteine mit unleserlichen Grabschriften und halb ausgelöschten Herren und Frauen; so sah ich einen großen Stein mit einem mannhaften Ritter darauf, welcher das lange Schlachtschwert in der Hand hielt und gleichwohl duldete, dass das neue Geschlecht ihm auf die Nase trat, so, dass die Züge seines Angesichts und sein langer Bart fast verwischt waren. Er und alle diese stillen Nachbarn, deren Namen nun, wie ihre Inschriften verschwunden sind, haben sich einmal lustig da droben in der alten Stadt umhergetummelt, manchen Spaziergang auf dem grünen Walle gemacht, die Vöglein singen hören und an Unsterblichkeit gedacht. - Das alte Rathaus steht noch da mit seinen kleinen Türmen und dem großen Hansesaale. Der Markt liegt zwischen jenem und der Kirche, darauf tummelt sich das neue Menschengewimmel umher. Aus der Marienkirche ging ich hinaus in die große Gotteskirche, welche noch auf eine andere Weise groß und alt ist; das ist ein Gewölbe, welches noch predigen wird, wenn alles Übrige schweigt; die Häuser auf beiden Seiten der Straßen kommen mir vor wie Stuhlreihen, wie gekaufte oder gemieteFamilienstühle, worin auch das Hausgesinde Platz hat. Ein Donnerwetter, welches über uns heraufgezogen war, begann inzwischen seine Predigt, welche nur kurz war, aber in deren Sprache doch viel lag.
In Gesellschaft eines Dänen und zweier Norweger verließ ich abends das alte Lübeck: Die Sonne ging so schön unter; der grüne Wald duftete; es war eine Lust! Wie viel Poesie doch in so einem stillen Abend liegt! Die Landstraße, auch sie war in ihrer Art poetisch, kam mir vor als der Weg zum Parnaß, höckricht und uneben; Gott weiß, wie so viele darüber hinwegkommen, ohne den Hals zu brechen, denn der eine wälzt sich über den andern; ich war selbst einmal nahe daran. Mit gesunden Gliedern gelangten wir alle am Morgen nach Wandsbeck. Hier lebte und dichtete Claudius; ich dachte an Andreas und Anselmus; die Sonne schien mir ins Antlitz; so trat mir Wasser in die Augen. Ich war am Hause vorübergefahren, wo die Zahlen-Lotterie gezogen wird, ohne Acht darauf zu geben; aber Gedanken genug gibt es gewiss denen, welche unseligen Geistern gleich die Stätte umschweben und über den gebannten Mammon heulen. Claudius und Lotto, das sind doch in einer kleinen Stadt zwei Merkwürdigkeiten, und Gott weiß, sie sehen einander wenig ähnlich. Aber ich will von der Lotterie nicht schlecht sprechen, das Leben selbst ist eine große Lotterie, welche viele Unterabteilungen hat, von denen manche ganz poetisch sind.
Als Einsatz setzte ich jüngst einen Kuss,
Und bat zum Auszug mir das Gleiche aus;
Drob eine Ambe ich gewinnen muss,
Zum Herzen brach die lichte Flamm' heraus,
Nun ward es auf die Terne abgseh'n.
Ich setzte Leben, Hoffen auf das Spiel,
Und seht, die Kasse sprengte ich: Sie fiel
Ich nahm so viel nun als nur wollte gehn;
Und küsse in der Jugend jetzt vor allen
Dich standhaft, wenn auch gleich die Kurse fallen.
Doch dies darf nur ein Ehemann singen - der Dichter dagegen - hat das Recht, es zu schreiben.Nun erblickten wir Hamburgs Türme; sie erheben sich hoch in die Lüfte, gleichsam als sähen sie aus nach unserer Ankunft; die Sonne schien auf sie und auf uns hernieder, so schön als beim Einzuge irgendeines Kaisers.
Sie sind im Kapitel Ein Stück Vorrede. - Meer. - Fluss Trave. - Lübeck - Marienkirche. - Totentanz. - Wandsbeck.
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Eine Abenteuergeschichte von Kurt Faber: Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Erscheinungsjahr: 1930
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