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Ein Märchen In Gedichtform erzählte Geschichten von Oscar Freiherr von Redwitz-Schmölz in "Ein Märchen".
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Gern gelesen:

August Neidhardt von Gneisenau August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
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Buch: Umrisse einer Reise

Dichters Macht. - Die Baumannshöhle. - Der Antiquar. - Blankenburg.

Bei Elbingerode, einer kleinen Bergstadt, sagte ich meiner Reisegesellschaft Lebewohl. Neben der Brücke, welche über den Fluss führte, stand ein Leiermann und spielte Adieu Francais! Eine Art Schirmbrett erhob sich neben ihm, bemalt mit Karikaturen, Pierrot, Harlequin, Seiltänzern und Kunstreitern. Ein Haufen Bauerkinder stand mit bloßen Füßen und gaffte ihn an, während die Sonne auf sie und die großen Berge nieder strahlte; dass war wirklich eine Situation, worüber man eine lange poetische Abhandlung schreiben und darüber setzen könnte: Natur und Kunst.

Die kahlen Felsenwände erhoben sich bald zu beiden Seiten; ein kleiner Steig lief den schmalen Fluss entlang und ich befand mich in Rübeland, ein Name, den man von Räuberland herleitet, weil hier auf einem der Felsen vor alten Zeiten ein Räuberschloss lag, welches jetzt selbst bis auf die Wallgraben verschwunden ist. Die ganze Natur ringsum hatte etwas Imponierendes; sie sah so großartig auf mich hernieder, dass ich endlich Papier und Bleistift hervorzog, um ihr zu zeigen, dass ich gleichwohl ihr Meister sei.

Du stolzer Fels, wie barsch du auch schaust drein,
Ich setze doch in diesen Vers dich ein.
Du kleiner Fluss, Du braust mit wildem Tritt,
Wie stark du läufst, ich nehme doch dich mit.
Der Vogel selbst hier auf dem Schmelz der Wiesen
Entfleugt, so bald ich ihm mein Bild gewiesen;
Wie? Bildet er sich ein: Ich fing¢ ihn nicht?
Wie sehr er piept; er muss in mein Gedicht.
Und alles, ruft wohin ich blick' umher:
Ein Dichter ist ein schlimmer Zauberer.
Hier steht ein Mägdlein mit entblößtem Bein,
Ein schöner Wuchs, wie eine Gerte fein,
Sie spület Wäsch¢ und kehrt mir zu den Rücken.
Will sie nicht mit dem Antlitz mich entzücken?
Wie? Was ist das? Mein Zauberstock wirkt nicht?
Sie trotzet. Wohl! Doch soll sie in's Gedicht;
So wie sie stehet wird sie aufgenommen;
Ihr sollt den Rücken nur zu sehn bekommen.
Hier ist das Ganze, Licht und Schatten glücken,
Das Mädchen weist nur immerdar den Rücken.

Jenseits des Dorfes Rübeland führte ein kleiner Bergpfad hinauf zu einer Vertiefung im Felsen, durch welche man in die Baumannshöhle eintritt; hier fand ich zwei andere Reisende; jeder von uns empfing eine Lampe; der Führer ging voran, und wir stiegen in die versteinerte Phantasiewelt.

Der Eingang war eine niedrige Höhle, welche aussah, als hätten Füchse dieselbe gegraben; wir kon- nten kaum aufrecht gehen; es war, als träten wir in die Ruinen eines alten Burgkellers, dessen Mauern halb eingestürzt waren. Wassertropfen fielen mit eintönigem Plätschern herab, sonst war alles totenstill. Wir kletterten, ein jeder für sich mit der Lampe in der Hand die feuchten Steigen hernieder; rings herum und unter uns war es pechschwarze Finsternis; das Lampenlicht zeigte uns kaum die schmalen Tritte, welche kein Ende zu nehmen schienen; die wunderbare Ungewissheit wie tief es unter uns sei, machte es grauenhafter, als es war. Wenn man sich nur fest hielte, wenn man nur Licht gäbe, mit dem linken und rechten Fuß richtig zutreten, und wenn die Leiter nicht bräche, wäre keine Gefahr, sonst könne man leicht den Hals brechen, war die beständige Versicherung unsers Führers. Wie der Mensch doch einseitig ist in der ganzen Bedeutung des Worts! Wir leben täglich den größten Abgrund über uns und meilenweit um uns her; allein dies ängstigt uns nicht im Mindesten; der weit unbedeutendere, der niederwärts geht, dagegen erregt uns Schwindel; niederwärts, das ist eine Richtung, vor der wir Respekt haben, und doch müssen wir alle hinunter; da finden wir erst Ruh' und Rast.

Von Höhle zu Höhle stiegen wir tiefer hinab; bald war's so eng und niedrig, dass wir einzeln mit gebücktem Nacken unter den herabhängenden Kalksteinmassen hingehen mussten, bald so hoch und weit, dass wir bei unseren Lampen die Seitenwände nicht abzusehen vermochten.

Man zeigte uns sechs verschiedene Abteilungen, aber außer diesen gab es noch eine Menge anderer kleiner Höhlen, welche noch nicht alle unter- sucht sind, und vielleicht mit der Bielshöhle in Verbindung stehen, ja sich tief unter den Harz hinziehen.

Ringsum gähnten die tiefen, finstern Abgründe uns an; um uns her hingen die wunderbarsten Stalaktiten, die indess nicht alle so ganz dem Gegenstande entsprachen, dem sie nach Angabe unseres Führers gleichen sollten. Ich glaube, dass ich auch Phantasie besitze, allein ich konnte ihm doch nicht beistimmen; auf tausend andere Sachen, worin mehr Bedeutung lag, machte er nicht aufmerksam. Eine Orgel, ein Thronhimmel und eine Fahne, welche der Tropfstein so gebildet hatte, waren die drei ähnlich- sten Figuren; hiermit will ich aber jene mächtige Natur- Phantasie nicht herabgesetzt haben. Alles was man hier besonders bewundert, ist ja kaum ein Nachbild von dem, was sich in der Natur vollkommen antreffen lässt:

Die originellen Stalaktiten, zu denen man nichts Ähnliches findet, sind doch, sollte ich glauben, ebenfalls interessant. Sie kamen mir vor als bedeutungsvolle Hieroglyphen, welche etwas von den größten Naturgeheimnissen in sich enthielten.

Eine Quelle sprudelte vor unsern Füßen, wir tranken von dem klaren, reinen Wasser; einer von uns Reisenden fand hier einen Tierknochen, welchen er mit großer Aufmerksamkeit betrachtete und sodann ver- sicherte, er rühre von einem Wesen des Altertums her; ich hatte nichts dagegen, denn er sah leibhaftig aus wie ein Kuhbein, und Kühe sind ein altes Geschlecht. Die Höhle hat den Namen von ihrem Entdecker erhalten. Ein Bergmann mit Namen Baumann war es, der sie im Jahre 1670 zuerst besuchte, um Erz aufzufinden; er fand nichts und wollte nun zurück, allein er vermochte den Ausgang nicht zu finden. Zwei Tage und Nächte kroch er umher, bevor er denselben fand; allein da war er an Leib und Seele so entkräftet, so angegriffen von Hunger und Angst, dass er bald darauf starb, allein zuvor noch auf den inneren wunderbaren Bau der Höhle aufmerksam machte.

Des unglücklichen Baumann Schicksale und Empfindungen hier durchbebten mich so lebhaft in diesem von Labyrinth von Höhlen und Gewölben, dass mein Herz stärker schlug; ich fühlte, was er hier hatte fühlen müssen, der Angst und dem Hungertode hingegeben; erst als ich das klare Tageslicht, Gottes blauen Himmel erblickte, fühlte ich mich wieder wohl und unter den Lebenden. Mir war's, als erwachte ich von einem bösen Traume und als ob alle die wunder- baren, missgestalteten Schreckensbilder hinter mir lagen; die Sonne schien mir wieder in Aug' und Herz.

Der Antiquar, dessen Bekanntschaft ich in der Höhle gemacht hatte, wollte noch am nämlichen Abend nach Quedlinburg und nahm seinen Weg über Blankenburg; wir wurden also Reisegefährten. Er kannte einen Fußsteg durchs Feld, der uns eine halbe Meile Umweg ersparen konnte; wir kletterten daher den Abhang hinauf, welcher nicht höher war, als das er ein wenig über die unten liegende Mühle hervorragte, deren Wasser über das große Rad rauschte. Mein Gefährte war ein sehr gutmütiger Mensch, dessen Lebensglück an einer alten Münze hing; jeden Augenblick zog er sein Kuhbein heraus und ver- sicherte, es müsse einem von den Hunnen angehören; keine Landschaft, eröffnete er mir, hätte das Lächelnde, die geistige Schönheit einer solchen Antiquität; er fragte mich, ob wir in Dänemark nicht auch nach den Geschöpfen der Vorwelt forschen; ich musste ihm erzählen, was ich wusste, und da ich von unsern Riesenhügeln und Opfersteinen begann, dergleichen man in Deutschland nicht sieht, bekam er ordentlich Respekt vor unserm Vaterlande und pries mich glücklich, da ich in diesem Sagenlande lebe. Er wollte mich endlich mit nach Quedlinburg haben, um das Schloss, die alten Kirchen und alle dortige Merkwürdigkeiten zu sehen. Man denke sich, dort befindet sich noch einer von den sechs Krügen, in welchen Christus auf der Hochzeit von Kana das Wasser in Wein verwandelt hatte; ein St?ck von dem Finger Johannis, womit er auf Christus gedeutet; eine Flasche von Mutter Marias eigener Milch, Erde von Golgatha, Holz von Christi Kreuze usw., und was sehr merkwürdig, der Kamm, womit Heinrich der Vogelsteller sich den Bart auskämmte. Doch alle diese Herrlichkeiten lockten mich nicht, mein Sehnen war die große Natur.

Beim ersten Kruge ersuchte ich meinen Wandersmann, ein Glas Wein mit mir zu trinken; hier trafen wir einen jungen Ritter, einen sehr angenehm sprechenden Herrn aus der Umgegend, welcher ein schöner Mann war, auch ein schönes Reitpferd hatte; allein ich merke, dass es nicht angeht, Reiter und Pferd zugleich zu nennen, wenn ich nicht einen Pleonasmus begehen will; wir gingen alle drei eine Strecke durch den Wald, da aber von keiner Seite etwas Interessantes geäußert ward, so kann ich, selbst wenn ich wollte, nichts dergleichen erzählen; so kam ich nach Blankenburg. Am Tore fragte ich nach dem Namen des Wirtshauses; man nannte mir unter andern den „Weißem Adler"; und ich entschied mich für diesen, denn der Aar ist Jupiters und Napoleons Vogel, - ein einladendes Schild, woran indess der Gastwirt nicht gedacht hatte, da er's über seine Tür machen ließ. Ich erhielt ein Zimmer mit einer malerischen Aussicht. Gegenüber waren meine Nachbarn zwei Studenten mit roten Griechenmützen und schottischen Schlafröcken. Große Folianten lagen auf dem Tische und die Leute selbst aus dem Fenster hinaus mit ihren langen Pfeifen, während das alte Schloss, welches auf einem Berge erbaut ist, sich hoch über das Haus erhob, welches als Vordergrund vor der schönen Theaterdekoration lag.

Mit einigen studiosis theologiae aus Osterode, deren Bekanntschaft ich auf dem Brocken gemacht hatte, und welche nun auch im weißen Adler wohnten, ging ich nach dem Schlosse, welches den dritten Teil der Stadt ausmacht, denn diese wird eingeteilt in das Schloss, die Stadt an sich und Gärten vor der Stadt. Das Schloss soll 215 Zimmer enthalten, alle im ältesten Stile dekoriert und möbliert; einen großen Bibliotheksaal ohne Bücher, und einige Gemälde, unter denen das Bild der weißen Dame. Wir kamen ans Tor: allein hier war ein Plakat angeschlagen, dass, da das Gebäude in Reperatur begriffen sei (da es die Residenz des jetzigen Herzogs von Braunschweig werden sollte) niemand den Eintritt in den Schlossgarten erhalten könne; wir machten noch einige Versuche, das Innere zu sehen allein vergebens; wir mussten uns an der schönen Aussicht von der Terrasse genügen lassen, wo die Stadt Blankenburg mit ihren roten Dächern zwischen demWalde und grünen Gärten lag wie Kirschen auf einem Kohlblatte.

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