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2 Bände: Auswanderung nach Amerika im Jahre 1822, und die Rückkehr in die Heimat im Jahre 1825 von Jonas Heinrich Gudehus.
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Scheintot, Stambul, auf der Jagd, Jean Paul, Zufall, Leidenschaft, Salzburg, Pennsylvania, Reiseliteratur
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Impressum
über Lexikus
Buch: Umrisse einer Reise
Braunschweig. - Drei Tage aus dem Leben eines Spielers. - Fortsetzung derselben. - Die Mutter und der Sohn. - Wanderung in der Stadt. - Abreise. - Der alte Schulmeister.
Was spielt man heut im Theater? Fragte ich. O, ein wunderschönes Stück, erwiderte der Kellner, „Drei Tage aus dem Leben eines Spielers". Mir war bekannt, dass dies ein Effektstück sei, welches in ganz Deutschland Aufnahme erregt hatte; allein das es stärker sei als Cardillac, bildete ich mir nicht ein. Obwohl ich von des Tages Hitze halb gekocht, und in der gesegneten Postkutsche ganz zerdrückt war, ging ich doch, sobald ich mich zu rühren vermochte, ins Theater.
Das Stück war nicht in Akte, sondern in Tage geteilt, zwischen deren jedem ein Zeitraum von 15 Jahren lag. Zwei Tage hielt ich aus, allein hier vermocht' ich's nicht länger. Die Zuschauer werden förmlich auf die Folter gespannt, und nun stelle man sich mich armen Menschen vor, der bereits auf der Reise ganz zerschlagen war.
Der erste Tag endete damit, dass der Spieler seinen alten Vater zu Tode grämte; der andere Tag endete damit, dass er einem ganz unschuldigen Menschen eine Kugel in den Leib jagte; ich fühlte das Blut in mir kochen und war gewärtig, dass es, im dritten Akt über die Zuschauer selbst hergehen würde. Mir war fürchterlich zumute; kaum hätt' ich in den Galeerensklaven etwas Ähnliches empfunden. Ich ging heim; allein überall erblickte ich den Ausschuss der Menschheit, zerknirschte Mütter und verzweifelte Spieler. Ich bekam solchen Abscheu vor Karten, dass ich sogleich ein Bündel unschuldige Visiten-Karten verbrannte, welche ich in Hamburg gekauft hatte, bloß weil sie den Namen Karten führten. Meine Sinne waren in Aufruhr, ich versuchte Wiegenlieder zu singen, um sie zu besänftigen; ja ich setzte mich hin, und ich erzählte mir ein Kindermärchen, welches du, mein Leser, auch hören magst.
Solange die Kopenhagener noch ganz kleine Bübchen sind und noch nicht weiter in die Welt hinauskönnen als zum Dyrehave und Frederiksbery und ihre Großmütter oder Ammen ihnen von verzauberten Prinzen und Prinzessinnen, Goldbergen und redenden Vögeln erzählen, solange träumt das kleine Köpfchen sich von dem schönen Phantasielande und sieht übers Meer hin, welches zwischen der dänischen und schwedischen Küste mit dem Himmel zusammenläuft. Da heraus mag's liegen, denken sie und malen sich nun diese so herrlich aus; allein sie werden älter, kommen zur Schule, und erhalten Rieses Geographie in die Hände; die zerstört mit einem Male ihr Phantasieland; sie sehen, hinter dem Meere liegt Preußen und ganz Deutschland und das erstere ist nichts andres als der bare Sand. Doch hiervon genug, wir bleiben im Phantasielande. Hier lebte vor langen grauen Zeiten, lange vorher, ehe man von meiner Autorschaft und drei Tagen aus dem Leben eines Spielers sich träumen ließ, ein alter silberner König, welcher ein solches Zutrauen zur Welt hatte, dass er sich nicht einbilden konnte, irgendein Mensch sei imstande eine Lüge zu sagen, ja eine Lüge war ihm ein so phantastisches Wesen, dass er im Rate angelobte, demjenigen seine Tochter und sein halbes Reich zu geben, der ihm irgendetwas zu sagen vermöchte, das er selbst für eine Lüge anerkennen müsse.
Alle seine Untertanen legten sich aufs Lügen; allein der gute König nahm alles für Wahrheit. Da ward er zuletzt ganz melancholisch, weinte, trocknete sich mit seinem königlichen Mantel die feuchten Augen und seufzte:
Soll ich denn niemals sagen können: das ist gelogen!
So vergingen Tage; da kam eines Morgens ein hübscher wohlgewachsener Prinz, welcher die Prinzessin liebte und von ihr wiederum geliebt ward; neun Jahre lang hatte er sich aufs Lügen gelegt und hoffte nunmehr sie und das Reich zu gewinnen. Er sagte zum alten Könige, er wünsche als Gärtnerbursche angestellt zu sein und der König sprach: „Das soll geschehen mein Sohn." Und führte ihn zum Garten. Hier stand grade ein dickgewachsener Kohlkopf; der Prinz rümpfte die Nase und fragte: „Was ist das?" „Das ist Kohl, mein Sohn", sprach der König. „Kohl? In meiner Mutter Kohlgarten wächst er von der Größe, dass unter jedem Blatte ein Regiment Soldaten Platz hat." „Das ist wohl möglich", sprach der König: „Die Allmacht der Natur ist groß und es gibt große Verschiedenheiten unter den Gewächsen." „So mag ich nicht Gärtner sein", sprach der Prinz „lass mich lieber dein Scheunenvogt werden." „Sieh hier meine Scheunen, hast du je größere und schönere gesehen? „Größere? Ja da solltest du die meiner Mutter sehen!
Denke dir, als man dieselbe baute und der Zimmermann oben saß und mit seiner Axt hieb, flog dieselbe vom Schafte herunter; allein ehe sie zur Erde kam, hatte eine Schwalbe in die Öffnung sich eingenistet, Eier gelegt und Junge ausgebrütet. Ja, das hältst du wohl für erlogen, mein König!" „Nein, das unterstehe ich mich nicht! die menschliche Kunst reicht weit, warum sollte deine Mutter nicht eine solche Scheune haben können?"
So ging es fort; allein der Prinz erhielt weder das Reich noch die Prinzessin. Beide verzehrten sich in Kummer und Sehnsucht, denn der König hatte geschworen: „Niemand erhält meine Tochter, er sage mir denn eine Lüge!"
Allein sein gutes Herz konnte doch niemals eine solche dafür erkennen; ja, da er endlich starb und in den großen Marmor Sarkophag gelegt war, konnte er doch noch keine Ruhe finden und der Sage, nach wandert er noch auf der Erde umher, einem unseligen Geiste gleich, ohne aber sein Sehnen je stillen zu können.
So weit war ich mit dem Mährchen gekommen, also zum Ende. Da klopfte es an meine Tür; ich rief: „Herein!" Und, man stelle sich meine Überraschung vor, da stand der alte König vor mir mit der Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand. „Ich hörte dich meine Lebensgeschichte erzählen," sagte er, „und das hat mich zu dir hingezogen. Weißt du vielleicht eine Lüge, welche mir Ruhe im Grabe verschaffen mag?" Ich suchte mich zu fassen, erzählte, wie ich dazu gekommen sei, mir selber seine Lebensgeschichte zu erzählen und nannte nun: die „Drei Tage aus dem Leben eines Spielers." „Erzähle mir's," sagte er, „ich halte viel vom Schauerlichen; ich bin ja selbst als Geist grauenhaft auf meine alten Tage."
Ich begann zu erzählen; wiederholte Szene für Szene, und legte ihm dies Gemälde aus dem Menschenleben vor; da verklärten sich seine Züge, er ergriff meine Hand und sagte begeistert: „Das ist eine Lüge, mein Sohn! So geht es nicht her in der Welt; doch nun bin ich erlöst! Dank dir, der du mir's erzähltest. Dank Louis Angely, der es auf die Bretter brachte, und benedeiet Victor Ducauge, der es verfertigte. Nun hab' ich Ruh' im Grabe!" Damit verschwand er.
Es müsste ein hübsches Stück werden, dachte ich, wenn diese Geschichte dramatisiert würde. Welche Charaktere! Zuerst der alte König, welcher gar keinen hat, sein kindisches Zutrauen zu der Welt; der unglückliche Prinz, der auf den Pfropf roch, obgleich er sich neun Jahre aufs Lügen gelegt hatte, die Prinzessin, welche keinen Mann bekam, und dann der Geist des alten Königs, welcher durch ein deutsches Melodrama befreit wird. Ja, ich sehe voraus, das muss dramatisch werden, denn das ist es schon. Als ich am nächsten Morgen erwachte, stand das ganze Abenteuer wie ein Traum vor mir und ich begann meine Ausflucht durch die Stadt, welche sehr still und friedlich aussah.
Alle Fenster begannen sie zu öffnen und Blumentöpfe hinauszurücken; Dienstmädchen flanierten in bunten Kaftanmänteln durch die Straßen, und die Kinder riefen zwischen jedem Worte, das sie sprachen: Herrje!
Der Wall ist geebnet und man lustwandelt da in langen Alleen und findet schöne Blumen-Partien, welche man nur betrachten, nicht berühren darf. Ich besuchte Marr, einen vortrefflichen Schauspieler am Hoftheater hier in Braunschweig, bei welchem er zugleich Regisseur ist; er wohnte vor'm Fallebertor, eine historische Stelle im 15. Jahrhundert oder um die Zeit; denn damals versammelten sich in jedem siebenten Jahre alle Fürsten und mächtige Herren der Umgegend und nahmen teil an dem Tanze und der Lust des Volkes; man würfelte hier um alles, selbst um eine Frau; aber wer die höchsten Augen warf, musste sie auch heiraten. Ringsum in bunten Zelten saßen die vornehmen Damen im alten Staate und sahen auf das lustige Menschengewimmel da draußen. Jetzt war alles verändert; eine lange Allee mit Lustplätzen auf beiden Seiten lag vor mir; einige ehrliche Braunschweiger Bürger gingen ruhig einher und genossen die Morgenstunden, ohne daran zu denken, dass vielleicht ihre Ur- Ur- Ur-Eltermütter hier in ihrem blühendem Alter wie jetzt eine Kinderkappe oder ein Nähpult ausgespielt wurden.
Es war zweiter Pfingstfeiertag; die Glocken ertönten und alle Welt strömte der Dom- oder St. Blasii-Kirche zu; ich folgte dem Strome; die Orgel brauste durch die hohen Gewölbe, die Menge sang und die alten Braunschweiger Herzöge lagen in Staub und Asche drunten in ihren Kupfer- und Marmorkisten. Dies ist alles, was ich nach meinem kurzen Besuche hier erzählen kann, allein es ist Wahrheit.
Nach dem Gottesdienste war eine Trauung; das war ein schmuckes Paar: was mich vorzüglich ergriff, war der wunderbare Ausdruck von Wehmut und Freude, welcher im Blicke der Braut lag; sie schien jemanden zu suchen, indem sie zum Altare schritt. Er ist gewiss in der Kirche, flüsterten sich zwei Weiber zu, welche neben mir standen.
Der arme Eduard! ja gewiss ist er hier, Nun ging ein Licht für mich auf; allein ich war versichert, dass er nicht da war; wäre es in einem Romane von Johanna Schoppenhauer gewesen, so möchte er da totenbleich an einem Pfeiler gestanden und der Trauung zugesehen haben, hier dagegen war Wirklichkeit; aber warum?
Mutter:
Willst du nicht nach der Kirche gehn,
Und die geputzten Leute sehn?
Dort steht die kleine Gret' als Braut.
Doch du wirst bleich, sag was dir graut;
Du stehest starr und ohne Laut -
Wie - ach noch zittert mir das Herz; -
Einst eine Schlang' im Grase lag
Und dir, dem Kind, das Bein zerstach.
Im Antlitz stand dir Todesschmerz,
Ach doppelt Leid war da in mir.
Den Fuß grub in die Erd' ich Dir;
Die Erde sog das Gift heraus
Und Freude kehrt' in unser Haus.
Sohn:
Ja Mutter Erde nur hilft hier.
Jetzt sitzt das Gift im Herzen mir;
Ich fühl es, Gott erbarme dich!
Die Erde nur errettet mich.
O scharre ein mein sieches Herz,
Das, das hilft mir von allem Schmerz.
Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, sagt Heine. Ich ging heraus aus dem alten St. Blasius, sah mich nach den ritterlichen Epitaphien an den Mauern und den alten Gebäuden um, welche umher in den Straßen lagen. Das alte Rathaus war in einen Weinkeller verwandelt, stand aber noch in seiner ganzen gotischen Ehrwürdigkeit mit dem großen gemauerten Altane da, zwischen jedem Pfeiler ein fürstlicher Herr mit seiner Gemahlin in Lebensgröße in Stein gehauen.
Auf dem Schlossplatz lag alles verwüstet; eine Menge Menschen arbeiteten dort, um die letzten Rudera hinwegzuräumen und die Steine in Haufen aufzutischen; ein Seitengebäude, jetzt als Wachtstube benutzt, stand noch; vor die zerbrochenen Fenster waren Bretter genagelt, und oben an der Wand gewahrte man noch Spuren vom schwarzen Rauche, zwischen dem Schutte saßen einige Kindermädchen und sangen, während die Kinder dort spielten, die Barcarole aus der Stummen. Sie dachten sicherlich nicht daran, welche poetische Figur sie mit dem Gesange auf dieser Stelle bildeten. Die kleinen Jungen, welche hier spielten, werden vielleicht einmal ihren Kindern als die erste, fernste Erinnerung, welche sie haben, erzählen, dass das Schloss abbrannte; dann wird ein neues, herrlicheres darstehen, oder was angemessener wäre, dann ist eine Promenade hier und ein neues Kindergewimmel hüpft umher unter dem alten, blauen Sieger.
Draußen vor der Stadt in der Nähe eines Tores liegt ein großer, schöner Garten, welcher einem Kaufmann Krause gehört; derselbe steht für jeden offen und an der Fassade des Hauses ist zu lesen: Salve hospes! Hier war ein Bosket von südlichen Blumen und Bäumen, welche, in Zuber gepflanzt, rings um die Hausmauer standen. Alles war Blüte und Duft. Von einem Platz im Garten, welcher hernieder lief nach einem Arme des Okerflusses, hatte man eine der freundlichsten Landschaften, die man sich nur erträumen kann.
Da war ein Bleichplatz, eine große Wiese mit gelben Blumen wie übersäet; etwas weiterhin lagen Lustplätze zwischen Buchen und hohen Pappeln und draußen am Horizonte erhob sich der Harz mit dem Brocken, der gleich einer grauen Wetterwolke sich unter den andern sonnenhellen Nebelbergen hervorhob - es war ein vollendetes Gemälde! In den Bergen selbst hat man nur Hintergrund und keinen Vordergrund und in den Ebenen umgekehrt Vordergrund genug, aber keinen Hintergrund. Hier war beides, wie man sich's nur wünschen konnte. - Ich bemerkte einen jungen Maler, welcher die Ansicht skizzierte. Die Leute spazierten vorbei, ohne auf ihn zu achten; das sollte bei uns daheim so gewesen sein, so nahe bei der Stadt! - Ich erinnere mich, dass einer unserer berühmten Landschaftsmaler mir erzählte, wie er eines Abends am Pebling-See gegangen, um den Himmel zu studieren, sich über dessen Widerschein im Wasser gefreut, und deshalb herniedergeschaut hätte; alsbald habe sich ein Menschenhaufe um ihn versammelt, welche sich gegenseitig fragten: Ist der betrunken?
Im Mondenschein spazierte ich vor Heinrich des Löwen altem Schlosse vorbei; der alte Kupferlöwe stand ruhig auf seinem Fußgestelle und sah hinein nach dem Schlosse auf das neue Menschengeschlecht, welches in Soldatenuniform aus allen Fenstern schaute; inzwischen kamen die Leute aus dem Theater, wo das Irrenhaus zu Dijon gegeben worden war, ein französisches Melodrama, welches die drei Tage aus dem Leben eines Spielers noch hinter sich lassen soll. Die Leute sahen auch so verdächtig aus, da sie von dort kamen, und es ward erzählt, zwei Damen und ein junger Offizier hätten dabei Krämpfe bekommen; sie hätten, wie ich, einander Kindermärchen erzählen oder Wiegenlieder singen sollen, so wär's noch vorübergegangen. Den 25. Mai, drei Tage nach meiner Ankunft, verließ ich Braunschweig mit der Schnellpost und kam hier in die Gesellschaft zweier jungen Leutnants, welche inkognito als Majors reisten und mich sofort zum Professor machten. Da dieser Titel nichts kostete, so fand ich mich mit christlicher Ergebenheit darein; außerdem führten wir ein Dienstmädchen von 40 Jahren bei uns, das ihre Herrschaft in Goslar treffen sollte, und einen alten originellen Schulmeister, den wir näher kennen lernen werden. Der Charakter des Mädchens schwankte zwischen dem melancholischen und sanguinischen: sie fing jeden Augenblick darüber zu weinen an, dass gerade heute das jährliche Schützenfest in Braunschweig sei, dem sie so gern möchte beigewohnt haben, dass es nun aber schon das dritte Mal sei, wo sie an diesem Haupttage sich auf Reisen befinden müsse.
Auf der ersten Station ward ich mit dem Schulmeister von der übrigen Reisegesellschaft getrennt; wir erhielten einen kleinen Wagen, worin kaum für 4 Personen Platz war; die Herzen kamen einander leibich näher und ich hatte nun nur eine Figur, womit ich mich beschäftigen konnte. Er war ein Mann an die 60 Jahre, ein kleines dürres Geschöpf, mit lebhaften Augen und einem schwarzen Sammtkäppchen auf dem kleinen Kopfe. Er war das getroffenste Bild von Jean Paul's Schulmeisterlein Wuz aus Auenthal. Mein Schulmeister war aus einer kleinen Hannover'schen Stadt, beabsichtigte einen alten Freund in Goslar zu besuchen, und sollte, gleich mir, zum ersten Male Berge besteigen. Er war einer von den glücklichen Menschen, bei denen Genügsamkeit mit ihrer Phantasie ein Bündnis macht und um jeden Stab Blumen schlingt, dem die enge Stube zum Feenschlosse sich erweitert, und der aus der geringsten Blume Honig zu saugen versteht. Mit einem fast kindischen Stolze erzählte er von seinem Städtchen, welches wie der Mittelpunkt der Welt vor ihm stand; es war auch in der letzten Zeit in der Kultur gestiegen und hatte ein Privat-Theater.
„Ja," sagte er, „das sollten Sie sehen. Es möchte kein Mensch sein, welcher darauf verfiele, dass dies ein Stall gewesen sei; der (Vieh-) Stand ist von unserm alten Maler mit Violinen und Flöten bemalt; und die Musik selbst, ja die ist sehr gut für so eine kleine Stadt! Zwei Violinen, eine Klarinette und eine große Trommel; es geht recht schön! Ich weiß nicht, wie das zugehet, aber die Musik geht bis ins Herz hinein und ich kann mir recht die kleinen Gottesengel im Himmelreich denken. Allein wir geben uns nicht ab mit diesem Hokuspokus und Trillereien, die man in Braunschweig und Berlin hat; nein, unser alter Gräber, welcher die Musik dirigiert, gibt uns einen ehrlichen guten Pollacken oder einen Mollinalsky zwischen den Akten zum Besten; unsere Damen trällern sich eins mit und wir Alten schlagen den Takt mit unsern Stöcken auf dem Boden; das ist ein rechtes Vergnügen!" „Wie geht es aber mit dem Spiele?", entgegnete ich. „Herrlich! Und ich sage Ihnen, dass, damit diejenigen, welche spielen sollen, Mut erlangen, vor uns allen aufzutreten, sie durch Proben ein wenig darin geübt werden, und zur Generalprobe muss jedes Haus sein Gesinde liefern, damit die Bänke besetzt sind und die Spielenden Mut gewinnen." „Das muss ja eine rechte Freude sein!
Eine Freude" - unterbrach er mich; „ja wir vergnügen uns alle in unseres Herzens Einfalt und beneiden die Berliner nicht. Wir haben auch hübsche Kulissen und Dekorationen! Zuerst haben wir die Stadtspritze, und der Strahl wie in der Natur liegt auf dem Souffleur-Kasten - aber alles zusammen gemalt, niedlich gemalt; unsere Straßen-Dekoration ist das Artigste; da haben wir unsern eigenen Marktplatz und so deutlich, dass jeder sein eigenes Haus sehen kann, es mag gespielt werden, was für ein Stück da wolle. - Der schlimmste Übelstand ist der kleine eiserne Kronleuchter. Die Lichter sind schlecht und laufen, so das, es mögen noch so viele Leute versammelt sein, unterm Kronleuchter stets ein leerer runder Platz bleibt. Ein anderer Fehler, denn ich bin nicht der Mann, der alles rühmen möchte, - ein anderer Fehler ist es, dass manche unserer Damen, wenn sie agieren, auf der Bühne stehen und unten auf den Bänken jemand erkennen, sie sogleich lächelnd demselben zunicken. Aber du Himmel, das Ganze ist ja auch so ein Vergnügen."
„Aber wenn im Winter kein Theater ist, muss es in der kleinen Stadt doch sehr still sein? - Die langen Abende." „O! Da geht es sehr angenehm her; meine Frau, beide Kinder und das Mädchen sitzen und spinnen, und wärend alle vier Räder schnurren, lese ich ihnen laut vor; so geht die Arbeit besser und wir begreifen nicht, wo die Zeit bleibt. Am Weihnachtsabend mausen wir Pfeffernüsse und spielen um Äpfelschnitten, während die armen Kinder draußen die Weihnachtsfreude und das kleine Jesuskind besingen,und da kommt mir leicht das Wasser in die Augen, obgleich ich so recht innerlich vergnügt bin."
So ging der Rede Strom hurtig fort, während der Wagen im sandigen Wege langsam vorwärts gleitete. Nach und nach traten die Berge aus ihren Nebelgestalten wie starke, stolze Massen mit dunklem Fichtenholze begrünt hervor, zwischen ihnen zogen malerische Kornfelder sich hin und Goslar, die alte kaiserliche, freie Reichsstadt lag vor uns. Alle Dächer waren mit Schiefer gedeckt, wovon die Stadt, welche von Bergen eingeschlossen ist, ein wunderlich finsteres
Ansehen erhält. Hier war einst der Sitz der deutschen Könige und Kaiser gewesen, hier waren Reichsversammlungen abgehalten und über das Schicksal von Reichen und Ländern entschieden. - Nun ist es bekannt durch seine Bergwerke und Heines Reisebilder; hier führte Dichter „Blumendieb und Herzensdieb" eine Geschichte auf, von welcher die achtbaren Bürger Goslars nichts wissen mochten, sondern stets ein finsteres Gesicht zogen, so oft ich Heine nannte. Ich will darum vorsichtiger sein.
Hier trennte ich mich von meinem Hannover'schen Schulmeister mit der Hoffnung, ihn auf dem Blocksberge wieder zu treffen. Er zog zur Rechten, ich zur Linken, wo ich meinen Wohnsitz im Kaiser von Russland aufschlug.
Das Stück war nicht in Akte, sondern in Tage geteilt, zwischen deren jedem ein Zeitraum von 15 Jahren lag. Zwei Tage hielt ich aus, allein hier vermocht' ich's nicht länger. Die Zuschauer werden förmlich auf die Folter gespannt, und nun stelle man sich mich armen Menschen vor, der bereits auf der Reise ganz zerschlagen war.
Der erste Tag endete damit, dass der Spieler seinen alten Vater zu Tode grämte; der andere Tag endete damit, dass er einem ganz unschuldigen Menschen eine Kugel in den Leib jagte; ich fühlte das Blut in mir kochen und war gewärtig, dass es, im dritten Akt über die Zuschauer selbst hergehen würde. Mir war fürchterlich zumute; kaum hätt' ich in den Galeerensklaven etwas Ähnliches empfunden. Ich ging heim; allein überall erblickte ich den Ausschuss der Menschheit, zerknirschte Mütter und verzweifelte Spieler. Ich bekam solchen Abscheu vor Karten, dass ich sogleich ein Bündel unschuldige Visiten-Karten verbrannte, welche ich in Hamburg gekauft hatte, bloß weil sie den Namen Karten führten. Meine Sinne waren in Aufruhr, ich versuchte Wiegenlieder zu singen, um sie zu besänftigen; ja ich setzte mich hin, und ich erzählte mir ein Kindermärchen, welches du, mein Leser, auch hören magst.
Solange die Kopenhagener noch ganz kleine Bübchen sind und noch nicht weiter in die Welt hinauskönnen als zum Dyrehave und Frederiksbery und ihre Großmütter oder Ammen ihnen von verzauberten Prinzen und Prinzessinnen, Goldbergen und redenden Vögeln erzählen, solange träumt das kleine Köpfchen sich von dem schönen Phantasielande und sieht übers Meer hin, welches zwischen der dänischen und schwedischen Küste mit dem Himmel zusammenläuft. Da heraus mag's liegen, denken sie und malen sich nun diese so herrlich aus; allein sie werden älter, kommen zur Schule, und erhalten Rieses Geographie in die Hände; die zerstört mit einem Male ihr Phantasieland; sie sehen, hinter dem Meere liegt Preußen und ganz Deutschland und das erstere ist nichts andres als der bare Sand. Doch hiervon genug, wir bleiben im Phantasielande. Hier lebte vor langen grauen Zeiten, lange vorher, ehe man von meiner Autorschaft und drei Tagen aus dem Leben eines Spielers sich träumen ließ, ein alter silberner König, welcher ein solches Zutrauen zur Welt hatte, dass er sich nicht einbilden konnte, irgendein Mensch sei imstande eine Lüge zu sagen, ja eine Lüge war ihm ein so phantastisches Wesen, dass er im Rate angelobte, demjenigen seine Tochter und sein halbes Reich zu geben, der ihm irgendetwas zu sagen vermöchte, das er selbst für eine Lüge anerkennen müsse.
Alle seine Untertanen legten sich aufs Lügen; allein der gute König nahm alles für Wahrheit. Da ward er zuletzt ganz melancholisch, weinte, trocknete sich mit seinem königlichen Mantel die feuchten Augen und seufzte:
Soll ich denn niemals sagen können: das ist gelogen!
So vergingen Tage; da kam eines Morgens ein hübscher wohlgewachsener Prinz, welcher die Prinzessin liebte und von ihr wiederum geliebt ward; neun Jahre lang hatte er sich aufs Lügen gelegt und hoffte nunmehr sie und das Reich zu gewinnen. Er sagte zum alten Könige, er wünsche als Gärtnerbursche angestellt zu sein und der König sprach: „Das soll geschehen mein Sohn." Und führte ihn zum Garten. Hier stand grade ein dickgewachsener Kohlkopf; der Prinz rümpfte die Nase und fragte: „Was ist das?" „Das ist Kohl, mein Sohn", sprach der König. „Kohl? In meiner Mutter Kohlgarten wächst er von der Größe, dass unter jedem Blatte ein Regiment Soldaten Platz hat." „Das ist wohl möglich", sprach der König: „Die Allmacht der Natur ist groß und es gibt große Verschiedenheiten unter den Gewächsen." „So mag ich nicht Gärtner sein", sprach der Prinz „lass mich lieber dein Scheunenvogt werden." „Sieh hier meine Scheunen, hast du je größere und schönere gesehen? „Größere? Ja da solltest du die meiner Mutter sehen!
Denke dir, als man dieselbe baute und der Zimmermann oben saß und mit seiner Axt hieb, flog dieselbe vom Schafte herunter; allein ehe sie zur Erde kam, hatte eine Schwalbe in die Öffnung sich eingenistet, Eier gelegt und Junge ausgebrütet. Ja, das hältst du wohl für erlogen, mein König!" „Nein, das unterstehe ich mich nicht! die menschliche Kunst reicht weit, warum sollte deine Mutter nicht eine solche Scheune haben können?"
So ging es fort; allein der Prinz erhielt weder das Reich noch die Prinzessin. Beide verzehrten sich in Kummer und Sehnsucht, denn der König hatte geschworen: „Niemand erhält meine Tochter, er sage mir denn eine Lüge!"
Allein sein gutes Herz konnte doch niemals eine solche dafür erkennen; ja, da er endlich starb und in den großen Marmor Sarkophag gelegt war, konnte er doch noch keine Ruhe finden und der Sage, nach wandert er noch auf der Erde umher, einem unseligen Geiste gleich, ohne aber sein Sehnen je stillen zu können.
So weit war ich mit dem Mährchen gekommen, also zum Ende. Da klopfte es an meine Tür; ich rief: „Herein!" Und, man stelle sich meine Überraschung vor, da stand der alte König vor mir mit der Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand. „Ich hörte dich meine Lebensgeschichte erzählen," sagte er, „und das hat mich zu dir hingezogen. Weißt du vielleicht eine Lüge, welche mir Ruhe im Grabe verschaffen mag?" Ich suchte mich zu fassen, erzählte, wie ich dazu gekommen sei, mir selber seine Lebensgeschichte zu erzählen und nannte nun: die „Drei Tage aus dem Leben eines Spielers." „Erzähle mir's," sagte er, „ich halte viel vom Schauerlichen; ich bin ja selbst als Geist grauenhaft auf meine alten Tage."
Ich begann zu erzählen; wiederholte Szene für Szene, und legte ihm dies Gemälde aus dem Menschenleben vor; da verklärten sich seine Züge, er ergriff meine Hand und sagte begeistert: „Das ist eine Lüge, mein Sohn! So geht es nicht her in der Welt; doch nun bin ich erlöst! Dank dir, der du mir's erzähltest. Dank Louis Angely, der es auf die Bretter brachte, und benedeiet Victor Ducauge, der es verfertigte. Nun hab' ich Ruh' im Grabe!" Damit verschwand er.
Es müsste ein hübsches Stück werden, dachte ich, wenn diese Geschichte dramatisiert würde. Welche Charaktere! Zuerst der alte König, welcher gar keinen hat, sein kindisches Zutrauen zu der Welt; der unglückliche Prinz, der auf den Pfropf roch, obgleich er sich neun Jahre aufs Lügen gelegt hatte, die Prinzessin, welche keinen Mann bekam, und dann der Geist des alten Königs, welcher durch ein deutsches Melodrama befreit wird. Ja, ich sehe voraus, das muss dramatisch werden, denn das ist es schon. Als ich am nächsten Morgen erwachte, stand das ganze Abenteuer wie ein Traum vor mir und ich begann meine Ausflucht durch die Stadt, welche sehr still und friedlich aussah.
Alle Fenster begannen sie zu öffnen und Blumentöpfe hinauszurücken; Dienstmädchen flanierten in bunten Kaftanmänteln durch die Straßen, und die Kinder riefen zwischen jedem Worte, das sie sprachen: Herrje!
Der Wall ist geebnet und man lustwandelt da in langen Alleen und findet schöne Blumen-Partien, welche man nur betrachten, nicht berühren darf. Ich besuchte Marr, einen vortrefflichen Schauspieler am Hoftheater hier in Braunschweig, bei welchem er zugleich Regisseur ist; er wohnte vor'm Fallebertor, eine historische Stelle im 15. Jahrhundert oder um die Zeit; denn damals versammelten sich in jedem siebenten Jahre alle Fürsten und mächtige Herren der Umgegend und nahmen teil an dem Tanze und der Lust des Volkes; man würfelte hier um alles, selbst um eine Frau; aber wer die höchsten Augen warf, musste sie auch heiraten. Ringsum in bunten Zelten saßen die vornehmen Damen im alten Staate und sahen auf das lustige Menschengewimmel da draußen. Jetzt war alles verändert; eine lange Allee mit Lustplätzen auf beiden Seiten lag vor mir; einige ehrliche Braunschweiger Bürger gingen ruhig einher und genossen die Morgenstunden, ohne daran zu denken, dass vielleicht ihre Ur- Ur- Ur-Eltermütter hier in ihrem blühendem Alter wie jetzt eine Kinderkappe oder ein Nähpult ausgespielt wurden.
Es war zweiter Pfingstfeiertag; die Glocken ertönten und alle Welt strömte der Dom- oder St. Blasii-Kirche zu; ich folgte dem Strome; die Orgel brauste durch die hohen Gewölbe, die Menge sang und die alten Braunschweiger Herzöge lagen in Staub und Asche drunten in ihren Kupfer- und Marmorkisten. Dies ist alles, was ich nach meinem kurzen Besuche hier erzählen kann, allein es ist Wahrheit.
Nach dem Gottesdienste war eine Trauung; das war ein schmuckes Paar: was mich vorzüglich ergriff, war der wunderbare Ausdruck von Wehmut und Freude, welcher im Blicke der Braut lag; sie schien jemanden zu suchen, indem sie zum Altare schritt. Er ist gewiss in der Kirche, flüsterten sich zwei Weiber zu, welche neben mir standen.
Der arme Eduard! ja gewiss ist er hier, Nun ging ein Licht für mich auf; allein ich war versichert, dass er nicht da war; wäre es in einem Romane von Johanna Schoppenhauer gewesen, so möchte er da totenbleich an einem Pfeiler gestanden und der Trauung zugesehen haben, hier dagegen war Wirklichkeit; aber warum?
Mutter:
Willst du nicht nach der Kirche gehn,
Und die geputzten Leute sehn?
Dort steht die kleine Gret' als Braut.
Doch du wirst bleich, sag was dir graut;
Du stehest starr und ohne Laut -
Wie - ach noch zittert mir das Herz; -
Einst eine Schlang' im Grase lag
Und dir, dem Kind, das Bein zerstach.
Im Antlitz stand dir Todesschmerz,
Ach doppelt Leid war da in mir.
Den Fuß grub in die Erd' ich Dir;
Die Erde sog das Gift heraus
Und Freude kehrt' in unser Haus.
Sohn:
Ja Mutter Erde nur hilft hier.
Jetzt sitzt das Gift im Herzen mir;
Ich fühl es, Gott erbarme dich!
Die Erde nur errettet mich.
O scharre ein mein sieches Herz,
Das, das hilft mir von allem Schmerz.
Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, sagt Heine. Ich ging heraus aus dem alten St. Blasius, sah mich nach den ritterlichen Epitaphien an den Mauern und den alten Gebäuden um, welche umher in den Straßen lagen. Das alte Rathaus war in einen Weinkeller verwandelt, stand aber noch in seiner ganzen gotischen Ehrwürdigkeit mit dem großen gemauerten Altane da, zwischen jedem Pfeiler ein fürstlicher Herr mit seiner Gemahlin in Lebensgröße in Stein gehauen.
Auf dem Schlossplatz lag alles verwüstet; eine Menge Menschen arbeiteten dort, um die letzten Rudera hinwegzuräumen und die Steine in Haufen aufzutischen; ein Seitengebäude, jetzt als Wachtstube benutzt, stand noch; vor die zerbrochenen Fenster waren Bretter genagelt, und oben an der Wand gewahrte man noch Spuren vom schwarzen Rauche, zwischen dem Schutte saßen einige Kindermädchen und sangen, während die Kinder dort spielten, die Barcarole aus der Stummen. Sie dachten sicherlich nicht daran, welche poetische Figur sie mit dem Gesange auf dieser Stelle bildeten. Die kleinen Jungen, welche hier spielten, werden vielleicht einmal ihren Kindern als die erste, fernste Erinnerung, welche sie haben, erzählen, dass das Schloss abbrannte; dann wird ein neues, herrlicheres darstehen, oder was angemessener wäre, dann ist eine Promenade hier und ein neues Kindergewimmel hüpft umher unter dem alten, blauen Sieger.
Draußen vor der Stadt in der Nähe eines Tores liegt ein großer, schöner Garten, welcher einem Kaufmann Krause gehört; derselbe steht für jeden offen und an der Fassade des Hauses ist zu lesen: Salve hospes! Hier war ein Bosket von südlichen Blumen und Bäumen, welche, in Zuber gepflanzt, rings um die Hausmauer standen. Alles war Blüte und Duft. Von einem Platz im Garten, welcher hernieder lief nach einem Arme des Okerflusses, hatte man eine der freundlichsten Landschaften, die man sich nur erträumen kann.
Da war ein Bleichplatz, eine große Wiese mit gelben Blumen wie übersäet; etwas weiterhin lagen Lustplätze zwischen Buchen und hohen Pappeln und draußen am Horizonte erhob sich der Harz mit dem Brocken, der gleich einer grauen Wetterwolke sich unter den andern sonnenhellen Nebelbergen hervorhob - es war ein vollendetes Gemälde! In den Bergen selbst hat man nur Hintergrund und keinen Vordergrund und in den Ebenen umgekehrt Vordergrund genug, aber keinen Hintergrund. Hier war beides, wie man sich's nur wünschen konnte. - Ich bemerkte einen jungen Maler, welcher die Ansicht skizzierte. Die Leute spazierten vorbei, ohne auf ihn zu achten; das sollte bei uns daheim so gewesen sein, so nahe bei der Stadt! - Ich erinnere mich, dass einer unserer berühmten Landschaftsmaler mir erzählte, wie er eines Abends am Pebling-See gegangen, um den Himmel zu studieren, sich über dessen Widerschein im Wasser gefreut, und deshalb herniedergeschaut hätte; alsbald habe sich ein Menschenhaufe um ihn versammelt, welche sich gegenseitig fragten: Ist der betrunken?
Im Mondenschein spazierte ich vor Heinrich des Löwen altem Schlosse vorbei; der alte Kupferlöwe stand ruhig auf seinem Fußgestelle und sah hinein nach dem Schlosse auf das neue Menschengeschlecht, welches in Soldatenuniform aus allen Fenstern schaute; inzwischen kamen die Leute aus dem Theater, wo das Irrenhaus zu Dijon gegeben worden war, ein französisches Melodrama, welches die drei Tage aus dem Leben eines Spielers noch hinter sich lassen soll. Die Leute sahen auch so verdächtig aus, da sie von dort kamen, und es ward erzählt, zwei Damen und ein junger Offizier hätten dabei Krämpfe bekommen; sie hätten, wie ich, einander Kindermärchen erzählen oder Wiegenlieder singen sollen, so wär's noch vorübergegangen. Den 25. Mai, drei Tage nach meiner Ankunft, verließ ich Braunschweig mit der Schnellpost und kam hier in die Gesellschaft zweier jungen Leutnants, welche inkognito als Majors reisten und mich sofort zum Professor machten. Da dieser Titel nichts kostete, so fand ich mich mit christlicher Ergebenheit darein; außerdem führten wir ein Dienstmädchen von 40 Jahren bei uns, das ihre Herrschaft in Goslar treffen sollte, und einen alten originellen Schulmeister, den wir näher kennen lernen werden. Der Charakter des Mädchens schwankte zwischen dem melancholischen und sanguinischen: sie fing jeden Augenblick darüber zu weinen an, dass gerade heute das jährliche Schützenfest in Braunschweig sei, dem sie so gern möchte beigewohnt haben, dass es nun aber schon das dritte Mal sei, wo sie an diesem Haupttage sich auf Reisen befinden müsse.
Auf der ersten Station ward ich mit dem Schulmeister von der übrigen Reisegesellschaft getrennt; wir erhielten einen kleinen Wagen, worin kaum für 4 Personen Platz war; die Herzen kamen einander leibich näher und ich hatte nun nur eine Figur, womit ich mich beschäftigen konnte. Er war ein Mann an die 60 Jahre, ein kleines dürres Geschöpf, mit lebhaften Augen und einem schwarzen Sammtkäppchen auf dem kleinen Kopfe. Er war das getroffenste Bild von Jean Paul's Schulmeisterlein Wuz aus Auenthal. Mein Schulmeister war aus einer kleinen Hannover'schen Stadt, beabsichtigte einen alten Freund in Goslar zu besuchen, und sollte, gleich mir, zum ersten Male Berge besteigen. Er war einer von den glücklichen Menschen, bei denen Genügsamkeit mit ihrer Phantasie ein Bündnis macht und um jeden Stab Blumen schlingt, dem die enge Stube zum Feenschlosse sich erweitert, und der aus der geringsten Blume Honig zu saugen versteht. Mit einem fast kindischen Stolze erzählte er von seinem Städtchen, welches wie der Mittelpunkt der Welt vor ihm stand; es war auch in der letzten Zeit in der Kultur gestiegen und hatte ein Privat-Theater.
„Ja," sagte er, „das sollten Sie sehen. Es möchte kein Mensch sein, welcher darauf verfiele, dass dies ein Stall gewesen sei; der (Vieh-) Stand ist von unserm alten Maler mit Violinen und Flöten bemalt; und die Musik selbst, ja die ist sehr gut für so eine kleine Stadt! Zwei Violinen, eine Klarinette und eine große Trommel; es geht recht schön! Ich weiß nicht, wie das zugehet, aber die Musik geht bis ins Herz hinein und ich kann mir recht die kleinen Gottesengel im Himmelreich denken. Allein wir geben uns nicht ab mit diesem Hokuspokus und Trillereien, die man in Braunschweig und Berlin hat; nein, unser alter Gräber, welcher die Musik dirigiert, gibt uns einen ehrlichen guten Pollacken oder einen Mollinalsky zwischen den Akten zum Besten; unsere Damen trällern sich eins mit und wir Alten schlagen den Takt mit unsern Stöcken auf dem Boden; das ist ein rechtes Vergnügen!" „Wie geht es aber mit dem Spiele?", entgegnete ich. „Herrlich! Und ich sage Ihnen, dass, damit diejenigen, welche spielen sollen, Mut erlangen, vor uns allen aufzutreten, sie durch Proben ein wenig darin geübt werden, und zur Generalprobe muss jedes Haus sein Gesinde liefern, damit die Bänke besetzt sind und die Spielenden Mut gewinnen." „Das muss ja eine rechte Freude sein!
Eine Freude" - unterbrach er mich; „ja wir vergnügen uns alle in unseres Herzens Einfalt und beneiden die Berliner nicht. Wir haben auch hübsche Kulissen und Dekorationen! Zuerst haben wir die Stadtspritze, und der Strahl wie in der Natur liegt auf dem Souffleur-Kasten - aber alles zusammen gemalt, niedlich gemalt; unsere Straßen-Dekoration ist das Artigste; da haben wir unsern eigenen Marktplatz und so deutlich, dass jeder sein eigenes Haus sehen kann, es mag gespielt werden, was für ein Stück da wolle. - Der schlimmste Übelstand ist der kleine eiserne Kronleuchter. Die Lichter sind schlecht und laufen, so das, es mögen noch so viele Leute versammelt sein, unterm Kronleuchter stets ein leerer runder Platz bleibt. Ein anderer Fehler, denn ich bin nicht der Mann, der alles rühmen möchte, - ein anderer Fehler ist es, dass manche unserer Damen, wenn sie agieren, auf der Bühne stehen und unten auf den Bänken jemand erkennen, sie sogleich lächelnd demselben zunicken. Aber du Himmel, das Ganze ist ja auch so ein Vergnügen."
„Aber wenn im Winter kein Theater ist, muss es in der kleinen Stadt doch sehr still sein? - Die langen Abende." „O! Da geht es sehr angenehm her; meine Frau, beide Kinder und das Mädchen sitzen und spinnen, und wärend alle vier Räder schnurren, lese ich ihnen laut vor; so geht die Arbeit besser und wir begreifen nicht, wo die Zeit bleibt. Am Weihnachtsabend mausen wir Pfeffernüsse und spielen um Äpfelschnitten, während die armen Kinder draußen die Weihnachtsfreude und das kleine Jesuskind besingen,und da kommt mir leicht das Wasser in die Augen, obgleich ich so recht innerlich vergnügt bin."
So ging der Rede Strom hurtig fort, während der Wagen im sandigen Wege langsam vorwärts gleitete. Nach und nach traten die Berge aus ihren Nebelgestalten wie starke, stolze Massen mit dunklem Fichtenholze begrünt hervor, zwischen ihnen zogen malerische Kornfelder sich hin und Goslar, die alte kaiserliche, freie Reichsstadt lag vor uns. Alle Dächer waren mit Schiefer gedeckt, wovon die Stadt, welche von Bergen eingeschlossen ist, ein wunderlich finsteres
Ansehen erhält. Hier war einst der Sitz der deutschen Könige und Kaiser gewesen, hier waren Reichsversammlungen abgehalten und über das Schicksal von Reichen und Ländern entschieden. - Nun ist es bekannt durch seine Bergwerke und Heines Reisebilder; hier führte Dichter „Blumendieb und Herzensdieb" eine Geschichte auf, von welcher die achtbaren Bürger Goslars nichts wissen mochten, sondern stets ein finsteres Gesicht zogen, so oft ich Heine nannte. Ich will darum vorsichtiger sein.
Hier trennte ich mich von meinem Hannover'schen Schulmeister mit der Hoffnung, ihn auf dem Blocksberge wieder zu treffen. Er zog zur Rechten, ich zur Linken, wo ich meinen Wohnsitz im Kaiser von Russland aufschlug.
