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In Gedichtform erzählte Geschichten von Oscar Freiherr von Redwitz-Schmölz in "Ein Märchen".
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Ein historischer Roman über Andreas Hofer, Freiheitskämpfer und Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809. (Englisch)
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Impressum
über Lexikus
Buch: Umrisse einer Reise
Bildergalerie. - Das Linkesche Bad. - Das grüne Gewölbe. - Ausflug nach der Sächsischen Schweiz. - Pillnitz. - Liebenthaler Grund. - Lohmen, Ottowalder Grund. - Amor als Führer. - Die Bastei. - Wolfsschlucht. - Hohenstein.- Der Kuhstall.
Mit Dahl, unserm Gesandten und den beiden jungen Norwegern ging ich nun auf die Bildergalerie. In einigen Zimmern lagen die Bilder auf dem Boden, in den meisten waren dieselben aber bereits aufgehangen und geordnet. Welche Menge von Kunstwerken! Ein Bild verdrängte das andre, kaum das einzelne blieb noch in der Erinnerung; es ist wirklich des Guten zu viel auf einmal, und ermattet deshalb wie eine Art geistiger Erschlaffung, ungefähr, als ob man auf einmal eine Menge Aphorismen von Seneca, Jean Paul oder Rochefoucauld lesen wollte.
Was soll ich von den großen Einzelheiten berichten, welche den tiefsten Eindruck auf mich machten? Allein kann da eine Frage sein? Rafaels Madonna. Ich durchflog die Zimmer, um dies Bild zu finden, und als ich davor stand, überraschte es mich gar nicht. Es war mir ein schönes Frauengesicht, allein nicht schöner als ich deren ähnliche oft gesehen. Ist dies das weltberühmte Bild?, dachte ich und wollte bei seinem Anblick überrascht werden; allein es blieb das nämliche. Mir kam sogar vor, dass mehre Madonnenbilder, wahre weibliche Gesichter, hier auf der Galerie weit schöner seien; ich ging nun zu diesen zurück; allein nun viel der Schleier mir von den Augen: Sie waren nur gemahlte Menschengesichter, dort hatte ich das Göttliche selbst gesehen. Ich trat wiederum vor sie hin und nun erst fühlte ich die unendliche Wahrheit und Herrlichkeit dieses Bildes. Es war darin nichts, das überrascht, nichts, das schmeichelt; je aufmerksamer man sie mit ihrem Jesuskinde betrachtet, desto göttlicher erscheinen sie. Ein so überirdisches, kindliches Antlitz hat kein Weib, und doch ist es die reine Natur. Mir schien, dass jedes fromme, unschuldige Mädchenantlitz einige Ähnlichkeit mit diesem hätte, allein dies war das Ideal, wonach jene rangen. Keine Liebe, eine Anbetung weckte dieser Blick. Nie ward mir klar, wie der vernünftige Katholik vor dem Bilde knien kann. Nicht die Farbe auf der Leinewand betet er an, den Geist, den göttlichen Geist, der sich hier dem leib- lichen Auge, leiblich versichtbart, während die mächtigen Orgeltöne über ihn hinbrausen und seiner Seele Dissonanzen lösen, so dass Harmonie zwischen dem Irdischen und Ewigen entstehet. Die Zeit hat die Farben des Bildes gebleicht, allein dennoch scheint alles zu leben; die große Glorie der Engelsköpfe unten entwickelt sich mehr und mehr, und im Blicke des Jesuskindes sammelt sich der ganze große Ausdruck; solchen Blick, so ein kluges Auge hat kein Kind, und doch ist's grade die natürliche Kindlichkeit, welche uns hier so mächtig ergreift! Und dazu die lieblichen Engelskinder unten! Sie stehen wie ein schönes Bild irdischer Unschuld da, in kindlicher Ruhe sehen die jüngeren vor sich, während die älteren den Blick gegen das Himmlische über sich erheben. Dies eine Bild würde die Galerie berühmt machen, so wie dies eine hinreichte, seinen Meister unsterblich zu machen. In dem nämlichen Zimmer hingen noch drei Meisterstücke; hier war Correggios Nacht, eine herrlich aufgefasste und poetisch ausgeführte Idee. Von Jesus strömt das Licht aus über alles andere. Besonders frap- pierte mich eine weibliche Figur, welche die Hand über die Augen hält und sich vom starken, blendenden Lichte halb hinwegwendet. Die meisten setzen dies Stück über die andern Arbeiten des großen Meisters; ich ziehe jedoch den heiligen Sebastian vor, welcher gleichfalls in diesem Zimmer seinen Platz hat. Welche herrliche Gruppe von Engeln! Sie schweben hernieder auf leichtem Gewölk um den frommen Märtyrer mit dem ruhigen begeisternden Blicke. Noch war hier ein Stück, welches ich als viertes den gottbeseelten Bildern hinzuzählen darf: Ein Christus von Carlo Dolle. Hoheit und Leiden verschmolzen sich in dem edeln, gottergebenen Antlitze. Ich ging von Zimmer zu Zimmer und besah die großen Kunstherrlichkeiten: Allein stets musste ich zu diesen vier Schätzen, zu Rafaels Madonna, zu Correggios Engelsgruppen wiederkehren. - Doch bewahre ich noch von meinem ersten Besuche auf der Galerie den Eindruck anderer herrlicher Stücke - das jüngste Gericht von Rubens, worin er seine drei Frauen abportraitiert hat: Zwei werden von Engeln in den Himmel gehoben, die dritte dagegen schleppt der Teufel in den Abgrund; Rubens selbst sitzt auf seinem Grabe. Niemand scheint auf ihn zu merken, er ist in tiefen Gedanken; vermutlich sinnet er nach, wohin er kommen werde und erwartet ruhig sein Schicksal.
Auf einem Bilde Bassanos, welches die Arche vorstellte, war es possierlich, dass das Schwein zuerst hineingebracht ward und so den besten Platz erhielt. Die heilige Magdalena von Batoni war schön, schien mir indess etwas zu weltlich, ja sogar mit ihrer Heiligkeit zu kokettieren. Ein alter Obrist, welchen wir auf der Galerie trafen, machte dazu eine Randglosse, so derb, dass ich sie hier nicht wiedergeben mag. Geistig erschöpft vom Genusse dieser Herrlichkeiten und körperlich vom Umherwandeln, verließ ich die Galerie mit der Absicht, dieselbe bald wieder zu besuchen. Im königlichen Theater war kein Schauspiel, weil die Schauspieler während der Sommermonate fast alle auf Reisen waren. Außerhalb der Stadt, im Linkeschen Bade, gaben die Zurückgebliebenen ihre Stücke. Eine junge Dame, Alexandrine Gebhart, vom Hoftheater in Petersburg, gab als Gastrolle: Christine, in der Königin von sechzehn Jahren oder Christines Liebe und Entsagung, einer deutschen Bearbeitung von einer Vaudeville Scribe's. Das Theater hatte viele Ähn- lichkeit mit dem unsern auf der Westerbrücke und lag an der Elbe in einem kleinen Gehölze, worin Musik und Zelte waren. Familien aus Dresden saßen ringsum in der grünen Natur und genossen Erfrischungen, während andere spazieren gingen und noch andere in bunten Gondeln auf der Elbe segelten. Das Ganze war eine Art Charlottenlunds-Szene. Die junge Schauspielerin machte viel Glück und verdiente es; sie gab die Rolle mit einer Annehmlichkeit und Feinheit, welche eine denkende Künstlerin bewiesen. Zum Beschluss erhielten wir eine Art Ballet: Der Fassbinder, dessen Inhalt viele Ähn- lichkeit mit unserm alten Singspiel: Der Böttcher, hatte. Der Ballettmeister Herr Gärtner ward gerufen: Der Vorhang rollte auf, alle Tänzer standen im Halbkreise, der Gerufene in ihrer Mitte; er machte eine Attitüde, legte die Hand aufs Herz, stellte sich ungeheuer an, und so klatschte und lachte man; das war vom Ganzen das Ende.
Draußen war ein schöner Abend; unter dem grünen Gehege klang die Musik bedeutungsvoll. Ich nahm mir eine Gondel, um die Elbe herab heimzu- fahren. Die Augustbrücke spiegelte sich im Wasser, und Dresden selbst erhob seine hohen Türme und Kuppeln hoch in die Luft; das waren Schattenbilder auf goldenem Grunde; als das Boot sich von dem kleinen Gehölze entfernte, erstarb die Musik in der Luft, eine Fackel brannte unter der Brühlschen Terrasse, wo ich ans Land stieg. Hier oben war ein Gewimmel von Spaziergängern, stark dufteten die Jasminsträucher und unten im Boote sangen einige lustige Matrosen die Barkarole aus der Stummen.
Welche Abwechslung brachte mir jeder Tag, jede Stunde in dieser lieben Stadt. Welche Masse von Ideen und Gefühlen durchströmte mich während der neun Tage, die ich hier zubrachte! Vom Morgen bis zum Abend tummelte ich mich umher und sah jeden Augenblick etwas Neues. Man empfahl mir das grüne Gewölbe zu sehen. Der Führer verschaffte mir Gesellschaft, unter welcher sich außer mir zwei Damen befanden; wir wanderten nach dem Schlosse. Das grüne Gewölbe ist eine Reihe von Zimmern, welche rücksichtlich ihrer Bestimmung viel Ähnlichkeit mit unserm Rosenborgschlosse haben. Sie waren übrigens nicht grün und niemand wusste recht, wie sie zu diesem Namen gekommen waren. Es waren viele große Tische von Mosaik mit Blumen und Früchten, die Bilder der sächsischen Herrscher hingen in Lebensgröße an der Wand; ferner waren da Becher von Silber und Gold und ein ganzes Zimmer voll Spielzeug von Perlen und Edelsteinen. Echte Perlen in ihrer natürlichen Gestalt waren als solche Gliedmaßen angebracht, denen sie am meisten glichen; die Fassung war von Gold und Silber. Eine Perle war so ein Magen, Kopf, Bein usw. Ich sah Luthers Ring und ganze Schränke voll Edelsteine und Kostbarkeiten, die mit allen ihrem Schimmer so tot und nichtssagend umherlagen, dass ich nahe am Verzweifeln über den gesegneten Reichtum war, der mich nicht anzog. Wären die Wände nicht von Spiegelglas gewesen, und hatte ich darin zur Abwechslung nicht mein Gesicht sehen können mit seiner ganzen Langenweile, und mich daran in aller Genügsamkeit ergötzt, so würde es recht schlimm aus- gesehen haben. Mehr als das grüne Gewölbe vergnügte mich die Rüstkammer; in den großen Zimmern waren Waffen an Waffen aufgehängt; manches berühmte Ross, welches einen königlichen Prinzen auf seinem Nacken getragen, stand hier in Holz ausgehauen, bemalt und mit Sattel und Zaum geschmückt; wie wohl der Mann, welcher uns herumführte, erklärte, das und das hölzerne Bild stelle ein Dänenross vor, so machte das doch eben seinen Eindruck auf mich, Könige und Ritter in Wachs standen wie verzauberte Trabanten rings an den Türen und stierten uns mit ihren toten Augen an. Es gab hier ganze Schränke voll Pfeile und Pistolen; ich sah eine Trommel von Menschenhaut; mir ward die Rüstung gezeigt, welche Gustav Adolph am Tage der Schlacht bei Lützen getragen, ferner ein Sattel, auf welchem Napoleon geritten hatte usw.
In der ganzen Nacht darauf träumte mir von nichts anderem als Dolchen, Messern, mächtigen Wachsbildern und großen Holzpferden, so dass mir nicht ganz wohl war. Es war ein schöner Morgen! Ich ging in die katholische Kirche. Die Altarkerzen brannten und in der einen Kapelle lag eine liebliche Gruppe von Kindern, Mädchen und Knaben, welche mit kindlicher Stimme sangen, wahrend die Sonne das Madonnenbild mit ihren Strahlen erleuchtete. Ich lehnte mich an einen Pfeiler, während Gesang und Orgeltöne über mich hinbrausten. Ein alter ärmlicher Mann, in Lumpen gehüllt und mit der tiefsten Zerknirschung in seinem finstern, barschen Antlitz, lag tief gebückt im Gange, als ob er nicht Mut hätte, sich dem Altare zu nähern; aufrichtige Reue stand auf seinem Angesicht; er blickte gegen die Erde und betete seinen Rosenkranz, während die Kinder unschuldig und fromm ihren Morgengesang sangen; auch ich musste mein Herz vor meinem Gotte beugen. Mir war es, als ob der Gesang und die Töne der Orgel zu mächtigen Lebensbildern anschwollen, welche an mir hinrauschten. Wenn nur das Ganze kein Traum wäre, dachte ich, wenn ich nun vielleicht daheim in Dänemark bin und schlafe und träume mich in diese fremde Stadt zwischen die Berge hinein, träume diese Orgeltöne und den frommen Kindergesang, während der ärmliche Bettler mir zur Seite vor der Mutter Gottes kniet. Nein, ich träumte alles dies nicht! Und doch träumte das Herz, und auch es löste sich hier in Töne auf; denn das Herz ist eine Welt, wo die Gefühle, diese zwitschernden Vögel, Nester bauen, wo der kleine Kolibri der Liebe singt, doch nur einmal singt, und dann bleibt das Herz eine Memnons-Säule, worin die Töne stets bei des Gesanges starkem Morgenlichte erwachen. In Liebe ward der Mensch erschaffen; Liebe ist unsere Heimat, und deshalb ist jede Musik ein Kuhreigen, welcher Erinnerungen an die Heimat weckt! Ich musste mich von meinen Träumen los- reißen; ich wurde an der Elbe erwartet, wo eine Gondel lag; die Ausflucht nach der Sächsischen Schweiz sollte nun angetreten werden; bald schwoll das Segel im Winde; der rasche Ruderschlag furchte den Wasserspiegel, meine Reisegesellschaft sang und lachte, ich musste mitlachen, während die wachen Lebenserinnerungen meines Herzens durch diesen zähen Übergang vom Traume zur Wirklichkeit in schneidende Dissonanzen zerteilt wurden. Allein so war ich wieder ein Mensch wie andere. Wir kamen an mehreren großen Booten vorbei, welche mit Landvolk, Mädchen und Weibern besetzt und mit Milch in Dresden gewesen waren; sie lagen in verschiedenen Gruppen und deckten sich gegen die Sonne zu, während der Wind im Segel sich nur leise rührte. Die Weiber waren im Gesichte ganz gelbbraun, die Mädchen dagegen rot und meist mit lebhaften, dunkeln Augen; ich dachte an die Donau-Nixen und stellte mir nun diese ländlichen Schönen als Herrscherinnen der Elbe vor; ich blickte einer der freundlichsten in die großen schwarzblauen Augen und sofort fuhr ein ganzes Dutzend Romanzen und Balladen mir durchs Haupt. Die Weinberge nahmen ein frischeres, die Fichtenwälder ein dunkleres Grün an, und alle die rotgedeckten Gebäude auf den Berghängen standen wie Kobolde da, welche im starken Sonnenlichte ihr Leben verloren hatten.
Beim Schlosse Pillnitz, der Sommerresidenz der Könige von Sachsen, stiegen wir ans Land; das ganze Gebäude sieht so chinesisch aus, als ob es daheim auf ein paar Teetassen und nicht in die schöne deutsche Bergnatur gehöre. Ein Speisesaal geht durch das ganze Hauptgebäude, die Decke erhebt sich zu einer Kuppel, welche auf 20 freistehenden Säulen ruht und die weißen Arabesken auf den lichtblauen Wänden geben dem Ganzen einen hellen und freundlichen Anstrich; steht man aber mitten im Schlossgarten, wo man die vier Paläste mit ihren chinesischen Kupferdächern vor sich sah, dann bedarf es keiner starken Phantasie, um sich nach Tschung-tin-fu oder an den Strand des Jangsetkjang zu versetzen. Aus einem der Fenster sah ich ein feistes, rundes Angesicht mit der Pfeife herausnicken und mir war nicht anders, als müsse dasselbe der Dynastie Zing angehören. Die anderen Reisenden fanden übrigens das Schloss hübsch und ich fand das nämliche; denn ein so großes Stück chinesisches Spielzeug hatte ich noch nie gesehen; ich ward auch ganz poetisch dabei und sang in einem fort:
Kvang-Hi, Hoangho, Kong-Fut-Tsee
Oyang-Tschew, Mandsiu, Makao-Thee.
Ob dies gut Chinesisch ist, kann ich nicht sagen; allein das Letzte hat man direkt aus China. Unser Weg ging nun durch ein freundliches kleines Dorf hinaus in die freie, schöne Natur; alsbald näherten wir uns dem Liebenthaler Grunde, einem her- rlichen langen Felsentale! Oben sind auf beiden Seiten Felder und Wiesen, man lässt sich aber davon nichts träumen. Gelbe und graue Steinmassen mit Buschwerk umwachsen, erheben sich auf beiden Seiten; der Fluss Wesenitz strömt hier durch. Arbeitsleute sprengten Sandsteine vom Felsen: Der große Steinblock hing über ihrem Haupte und drohte auf sie niederzustürzen, man hatte uns gesagt, wir sollten den Fußsteig nur ger- ade zu verfolgen und wir würden nach Lohmen kommen; allein wir gingen fehl; je weiter wir kamen, desto enger ward das Tal, die Felsenwände rückten näher zusammen, wir konnten kaum ein Mann hoch auf dem schmalen Pfade gehen, welcher bald über niedergestürzte Klippen, bald durch Röhricht führte, das am Flussbett gewachsen war. Nur einzelne Sonnenstrahlen fielen zwischen den Felsen nieder, welche so halb in Dämmerung, halb in voller Beleuchtung dastanden; eine wunderbare Ruhe lag über dem Ganzen, welche meiner Seele Inneres ergriff; auch alle Übrigen wurden still. Wir kehrten wieder um, suchten uns einen Führer in der Mühle und wollten nun von oben in den stillen, romantischen Liebethaler Grund, welchen wir in seinem tiefsten Heiligtume kennen gelernt hatten, hinabschauen.
Lass uns sitzen hier im Tale!
Schön're Stell' ist nicht zu finden;
Bei der Mühle woll'n wir ruhen
Unter diesen alten Linden
Übers Rad stürzt sich das Wasser;
Höre an nur das Gebraus!
Und die schöne Müllerstochter
Schaut zum Fenster dort himaus.
Unschuld wohnt auf ihrer Stirne,
Milde Treu' in ihrem Blick.
Von der Wiese, seh' ich, schauet
Achtsam sie auf mich zurück.
Stolze Felsen, grüne, rote,
Sich am Fluss entlang erstrecken;
Sonne scheint und Vöglein singet
Über Bäumen, Blumen, Hecken.
Weiche Landschaft! Lass uns weilen!
Alles will in Luft sich einen
Und doch ängstet's mich im Innern,
Und mir ist, als müsst' ich weinen.
Höre, wie das Vöglein klaget:
Meine Jungen sind gediebt
Und mein Gatte ist erschossen.
Darum sitz' ich so betrübt.
Malerisch hebt sich der Felsen!
Neulich stürzt' herab ein Stück,
Schmettert' einen Vater nieder;
Nennt man dieses auch ein Glück?
Auf bie halbe Erde streuet
Freundlich Licht die schöne Sonne.
Auf die Guten, auf die Bösen,
Trägt sie Frieb' herab und Wonne;
Und es ist als ob das Mühlrad
Säng' und braust' im lauten Sprechen.
Unter mir im Wasser musste
Eines Kindes Herz jüngst brechen,
Und das Mädchen - Lass mich weinen!
Dieses Bitt're, dieser Schmerz
Leben nicht hier um mich außen
Nein! sie birgt mein eignes Herz.
In der Natur und Welt sind keine Dissonanzen; eine löst sich in die andern auf und nur in unserer eigenen Brust dürfen wir dieselben suchen; der höhere Meister allein kann sie lösen.
Diese schöne Felspartie, von welcher die Steinblöcke in wilden Gestalten über des Wanderers Haupt herabhangen, würden diese scharfen, malerischen Formen nicht gehabt haben, wenn das oberste Stück nicht niedergestürzt gewesen wäre. Allein dies kostete ein Menschenleben. - Ein Leben? Ist es dem großen Rechenmeister nicht vergönnt, eine unrichtige Zahl in seinem Krempel auszulöschen, die einen Fehler im Ganzen hervorbringen konnte?
Wir gingen längs der hohen Felsenkante und schauten hinab ins Tal, welches da lag, ein mächtiges Bild von meinem eigenen Herzen, still und dunkel mit dem brausenden, Flusse, während die Sonne oben warm und hübsch über die schwellenden Kornfelder und den Weg hinschien, auf welchem Kinder hüpften und sich umhertummelten.
Bei Michelsdorf stiegen wir vom Felsenwege hinab; eine Brücke führte über die Wesenitz und wir befanden uns in Lohmen. Dies war früher eine kleine Stadt und hat auch noch einige Marktgerechtigkeiten; das Schloss erhebt sich auf einer, hervorragenden Klippe weit über den Fluss; beide Hauptgebäude sind mittelst eines Altans verbunden, welcher auf einer Felsenspitze angebracht ist, von wo herab man in die schöne, romantische Umgebung hineinschaut. Auf einer Tafel liest man die gereimte Inschrift, welche meldet, dass vor 50 Jahren ein junger Landmann hier herabgestürzt ist, welcher auf dem Altan liegend eingeschlafen war; allein obgleich er 76 Fuß hoch her- abfiel, kam er mit Gottes Beistande doch glücklich davon.
Nicht fern von da liegt die Kirche; man sagt, sie sei eine der schönsten Dorfkirchen in Sachsen. Sie hatte etwas sehr Freundliches; ein frisches Grab war jüngst aufgeworfen und weißer Sand darauf gestreut; allein der Wind hatte die Blumen vom Grabe hinweg- gerissen: Ich sammelte dieselben wiederum zu einem Kranze, den ich darauf legte; ein kleiner Vogel flötete in einem nahen Baume, als ob er mir danken wolle; er hatte gewiss den stillen Schläfer, welcher hier in der kühlen Erde sein müdes Haupt ausruhte, gesehen und gekannt.
Vom Ruheplatze der Toten wanderten wir zu dem der Lebenden; bei einem Parke, an dem eine Menge schnatternder Enten schwammen, lag das Wirtshaus; wir traten in die Stube; hier gab es etwas für einen Maler; eine Anzahl Bauern saßen in einer Gruppe und spielte Karten; charakteristisches Gemälde! Die Magd kam grade mit Licht die hohe Treppe herab, welche vom Seitengebäude hierher führte; der Lichtschein fiel auf das jugendlich frische Antlitz, welches sich gegen die Fremden wandte. Zwei Weiber sangen zur Harfe; sie griffen einem Sturmwinde gleich in die Saiten und sangen mit etwas kreischender Stimme: Herz mein Herz warum so traurig?, dass wir alle ganz trübselig davon wurden. Alsbald dampfte das Abendessen auf dem Tische; dasselbe bestand in einigen gebratenen Enten, welche in ihrem Alter sich ganz ehrwürdig ausnahmen. Der Wirt stand in einer angenehmen, ernsthaften Stellung, die Arme übers Kreuz und sah auf uns und die Enten mit einer Miene, als ob es ihm wie irgendeinem schmecke. Wir gingen zur Ruh - es sei erlaubt die Nacht zu überspringen, ich hatte in der Örtlichkeit genug daran; Natur und Kunst hatte einen Geniestreich gemacht; die erste nämlich hatte mich zu lang erschaffen, die letztere dagegen das Bett zu kurz; aus Verzweiflung spielte ich den Nachtwandler und ging in die große Wirtsstube hinab. Allein hier sah es romantisch aus; ringsum schliefen auf Strohbündeln mehrere Gendarmen (Trabanten) mit dicken, schwarzen Bärten; ein hässlicher, schwarzer Bullenbeißer, welcher wie ein abgenutzter Koffer aussah, tönte mit seinen brüllenden Kriegsgesang entgegen, so dass ich als ein kluger General Rechtsum machte. Draußen regnete es in großen Strömen, und plätscherte, als ob es sagen wollte: Sehet, so ging es bei der Sintflut her! Der Tag begann anzubrechen, allein nicht die Hoffnung, die Berge besteigen zu können. Dies war das erste schlechte Wetter, welches ich auf meiner Reise antraf, ich fand es deshalb recht interes- sant; mit dem Tage wird's wohl besser werden, dachte ich und kaum war eine Stunde vergangen, so minderte sich der Regen; wir fassten uns ein Herz, und mit einem zehnjährigen Bettlerknaben als Führer begaben wir uns nun auf die Reise, und durch den Ottowalder Grund zur Bastei hinaufzusteigen. Der Junge lief mit bloßen Füßen, lachte und scherzte in einem fort; und es kam mir vor, als habe er den Schelm hinterm Ohre, als wäre der leibhaftige Amor unser Führer geworden; wenn er nur kein Verführer wird, dachte ich und mir fielen manche seiner schlimmen Streiche ein. Der kleine Gelbschnabel, der mit den Pfeilen umherläuft, nennt ihn Vessel und ärgerlich führwahr ist es, dass so ein Jüngelchen das Recht haben soll, nach großen und herangewachsenen Leuten zu schießen. Die, welche einander bekommen, sagt man, helfen sich gegenseitig die Pfeile herauszuziehen und so geht die Liebe vorüber; allein die Übrigen behalten die Pfeile im Herzen und da werden sie oft tödlich.
Es begann inzwischen wieder zu regnen, allein ganz schwach; wir stiegen stufenweise tiefer und tiefer in ein Felsental hinab und das war der Ottowalder Grund. In den wunderbarsten Bildungen erhoben sich auf beiden Seiten die Felsenwände schön mit Kräutern und Moosen begrünt; Büsche und Bäume standen in malerischen Gruppen zwischen den Klüften, tief niederstürzte ein kleiner Bach und über uns sahen wir nur einmal ein kleines Stück vom grauen Wolkenhimmel. Bald traten die Felsenwände so nahe zusammen, dass wir kaum hintereinander gehen kon- nten; drei ungeheure Felsblöcke waren herabgestürzt und bildeten ein natürliches Gewölbe, durch welches wir gehen mussten; hier war's ganz dunkel; ich sah ganz bedenklich auf unsere kleine Edition von einem Führer, welcher mit dem Haselstock in der Hand lustig voraushüpfte
Das Tal ward plötzlich breiter, um sich wiederum zu verengen; der Kleine zeigte uns das steinerne Haus, eine Menge Steinblöcke, welche Dächern gleich und über einigen Höhlen liegen, worin die Umwohnenden zu Kriegszeiten ihr Eigentum bergen sollen; wir betraten die Teufelsküche, eine wilde Felsenkluft, wo die zusammengestürzten Felsenmassen eine lange schornsteinähnliche Öffnung gebildet haben. Ich sah hinauf: Es flogen gerade einige Wolken vorüber und es war, als drücke ein gespensterhaftes Wesen sich hinaus in die freie Luft. - Bald weichen die Felsen zurück; ein weites Tal breitete sich aus; die weißblauen Nebel hingen in leichten Wolken um die Bergspitzen; Himmel und Erde schienen zu einer großen Felsmasse zusammenschmelzen zu wollen. Immer ging's fürder und immer wechselte das große Panorama der Natur um uns her. Der kleine Amor wusste recht gut Bescheid; er wollte uns nicht irreführen; man urteilt auch zu strenge über den Gott der Liebe.
Amor als Führer.
Nicht so schlimm, als ich erscheine,
Bin ich, das wollt mir nur glauben:
Denn ich führe alle Kleine
Ihrer Eltern Liebe zu.
Auf des Vaters Schoße schaukelnd,
Und der Mutter einzig Sinnen,
Lacht die Welt sie freudig an!
Sagt wer dieses wirken kann?
Ich bin's, der sie also führet!
Wachsen später sie heran,
Rühret mich ihr Eintagsleben
Und mein Spiel beginnet dann.
Einem gab ich bunte Schwingen,
Das er gleich der Psyche flattert;
Eva'n muss ich Adam bringen
Und das Eden ihnen bauen.
Jener flattere und brause,
Diese enden nur mit Hochzeit.
Doch wo göttlich Volk im Hause,
Tritt auch göttlich Volk gern ab.
Und so weiß ich denn zu bringen
Zwei zu Dreien und mehre noch;
Das sind Engel, deren Schwingen
Hier nur noch nicht sichtbar sind.
Wollen mächlich sie ermüden
Groß und Kleine entlich beide,
Dann muss Hülf' ich wieder bieten,
Sorgen, dass sie können schlafen.
Jeder find't ein kühl Gemach
Und schläft dort nach heißem Tag.
Einen Blütenkranz den bring ich,
Schlumnue selber dann mit ihnen.
Der Weg ging fortwährend bergauf durch dicht stehende Fichten; die weißen Nebelwolken hingen nahe über unsere Häupter; ein großes schönes Gebäude lag vor uns: Es war das Wirtshaus auf der Bastei. Hier ist's hoch, sehr hoch! Du magst ein paar Kirchtürme übereinander stellen und dich auf der äußersten Spitze des Schwindels erwähren. Hier ist ein Geländer davor, du fällst nicht! Das lange weißgelbe Band dort unten, welches deinem Auge nicht breiter erscheint als Schiefersteine auf der Straße, ist die Elbe; das braungelbe längliche Blatt, welches du darauf schwimmen zu sehen vermeinst, ist ein langes Flussschiff; du kannst auch, jedoch nur klein wie Punkte, Menschen darauf erkennen. Versuch es, einen Stein in die Elbe hinabzuwerfen, strenge deine ganze Kraft an: Gleichwohl wird er diesseits ins Gras fallen; die Dörfer liegen da unten wie Spielzeug auf einem Markttisch. Hier erheben sich bald im Nebelgewölk Königsstein und Sonnenstein; doch sieh, jenes zerteilt sich, die Sonnenstrahlen fallen auf den Pfaffenstein und die Kuppelberge. Der ganze Wolkenvorhang rollt auf und in bläulichter Ferne erblickst du die Böhmischen Rosenberge und den Geisingberg im Erzgebirge. Dicht bei uns zur Linken erheben sich nur wilde Felsenstücke aus dem tiefen Abgrunde, und aus der Tiefe empor steigt ein gemauerter Pfeiler, auf welchem eine Brücke ruht, welche die Bastei mit dem Felsenschloss verbindet; in der Klippenschlucht unter uns ist es ganz finster; der Führer zeigt uns Spuren im Gestein, dass hier Menschen gelebt haben; wir erblicken die eingehauenen Höhlen, wo sie lebten und sich umhertummelten. Es sieht aus, als wäre die große Felsenmasse gesprengt, als habe eine mächtige Naturkraft versucht, die stolze Erdkugel zu spalten.
Ein Pfad lief längs des tiefen Abgrunds hinab, Felsenwände und Klüfte wechseln miteinander ab. Bald waren wir in einem dunkeln Gehölze, bald auf einem offenen Fahrwege; es war eine Abwechslung, welche zu Schildern die Lippe ermüdet. Von einer Klippe stürzte ein kleiner Bach sich hernieder: Er fiel aus solcher Höhe, dass man unten zwischen den Klippenwänden und dem heranrauschenden Strome gehen konnte. Hier unten war eine tiefe Höhle, worin man kaum die Wassermasse gewahrte, welche von oben hineinstürzte.
Die ganze Natur war für mich ein großes lyrisch-dramatisches Gedicht in allen möglichen Versarten. Der Bach zankte in den trefflichsten Jamben über die vielen Steine, welche ihm im Wege lagen; die Felsen standen so breit und stolz als respektable Hexameter; die Schmetterlinge zischelten den Blumen Sonette zu, indem sie ihre duftenden Blätter küssten, und alle Singvögel ließen aus ihren Schnäbeln Sapphische und Aleäische Versweisen erschallen. Ich dagegen schwieg - und will auch hier schweigen. Wir kamen zum Brandt, einer Felsenpartie mit einer her- rlichen Aussicht nach dem Königsstein und Pirna. Ein kleiner Fluss wand sich im tiefen Tale; er glich einem weißen Faden über dem grünen Platz. Eine Hütte von Baumrinde lud uns zur Rast ein, während ein runzliges Mütterchen - ich kann nicht erraten, ob es die Fee des Waldes gewesen - einige Reiser zusammenlas, Feuer anzündete und uns Teewasser bereitete. Zum Dank dafür machte ich sie zu einer Räuberhexe und uns zu ihren wilden Söhnen.
Der Weg ging nun nach Hohenstein, doch wollten wir erst einen kleinen Abstecher machen, um die groteske Partie der Teufelsbrücke zu sehen. Der Teufel hat wirklich Geschmack, jede Stätte, welche seinen Namen führt oder auf ihn hindeutet, hat etwas höchst Pikantes; mit seinem Interesse hat man die romantischsten Gegenden in Verbindung gesetzt. Wie gesagt, er hat Geschmack und das ist eine gute Eigenschaft. Der Wagen, welcher sich neigt, schießt über alle hinaus, sagt ein altes Sprichwort; alle sprechen übelst vom Teufel und denken nicht daran, dass er doch seine Pflicht tut. Es ist nun einmal seines Amtes, die Menschenkinder zu verführen. Er ist der Prüfstein in der Welt, d. h. mittelst seiner sollen wir für das Bessere geläutert werden; er ist jener Kampf, jene Flamme, jene aspera auf der Fahrt ad astra, und er hat demnach eine wichtige, verdienstliche Rolle im großen Drama des Lebens.
Die Teufelsbrücke ist gleichsam über ein Gewölbe zwischen zwei senkrechte Felsen hingeworfen. Es ist ein Felsen, der hier von seiner obersten Spitze bis zum grünen Anger hinab gespalten ist; allein die ganze Öffnung ist nur 4 - 5 Ellen breit. Einige Schritte davon ist eine ähnliche tiefe Spalte, allein diese zieht sich in wunderlichem Zickzack und gleicht dem Laufe eines Blitzes. Durch den Dichter Kind hat diese Stätte ein eigenes Interesse erhalten, da er die Beschwörungs-Szene in seinem Freischützen hierher ver- legt hat. Diese tiefe Spalte ist die vom Theater her bekannte Wolfsschlucht. Nichts gleicht derselben aber weniger als die Dekorationen, welche sie vorstellen sollen; es möchte auch sehr schwierig sein, diese Partie so darzustellen, wie sie hier in der Wirklichkeit ist. Von des Felsens höchster Spitze steigt man durch sie hindurch ins Tal hernieder; es kann auch hier nur ein Mann hochgehen, so nahe sind die Felsen aneinander; bald klettert man einen Pfad hinunter, bald findet man in den Felsen selber Stufen eingehauen, und drunten steht man endlich in einer engen Höhle, wo nicht mehr Raum als für drei oder vier Menschen ist. „Hilf, Samiel!", riefen wir, da wir kaum den Weg halb herab waren, denn es schien uns grundlos zu sein. So oft wir um ein Felsenstück kamen, glaubten wir, es verdecke den Ausgang, allein stets lag noch eine große Tiefe unter uns. Endlich traten wir heraus. Doch so können wir die Wolfsschlucht nicht verlassen!
Freikugeln gieß' ich jetzo hier,
Samiel! Samiel hilf! hilf mir!
Lustig kugeln wir in Sturmes Schrein,
Sechse mir, die siebente dein!
Die erste ist schon so gut als dein,
Ziel soll ein Jesuite sein;
Und wenn's damit gut vonstatten geht,
Fällt durch die zweit' ein schlechter Poet.
Doch lieber bleibt er unversehrt.
Er ist des Pulvers doch wohl nicht wert.
Der Vogel des Glücks, der stets uns will äffen,
Den Papagei, den will ich treffen.
Wen die dritte Kugel treffen muss,
Dem ende Sorg' und jeder Verdruss.
Die vierte? Sie fahre auf Sack und Pack
Des im Herzen blutet Lüge und Schnack.
Doch die fünfte, wem tut sie wohl genug?
Ja einem, den schieß ich nimmer wieder,
Er zeigte so leise mir sein Gefieder,
Amor'n - für seinen letzten Besuch.
Die sechste? Ja mit dieser geschicht's,
Sie mache dein mich und völlig zu Nichts.
Bald befanden wir uns bei Hohenstein, einer kleinen Bergstadt mit einem Schlosse. In den finstern Gewölben des letzteren waren ehedem Gefängnisse gewesen. Ich fand hier eine frisch duftende Rose, welche jemand kürzlich verloren haben musste. Dieselbe machte hier einen weit stärkeren Eindruck auf mich, als ob sie im hellen Sonnenschein auf dem grünen Aste über dem klaren Bache sich geschaukelt hätte.
Unser nächster Besuch galt Schandau, einer fre- undlichen kleinen Stadt dicht an der Elbe, umgeben von hohen Bergen und Sandsteinfelsen, welche mit Nadelholz bedeckt sind. Hier war ein Gesundbrunnen und ein Badehaus. Wir sahen keins von beiden; dagegen waren wir in der Kirche, wo man an der Wand über dem Altar die Jahre angezeichnet findet, wo sich das Wasser hierher verstiegen hatte; einige Male war es über den Altar und hoch hinauf zur Kanzel gedrungen. Im Wirtshaus fand ich einen Komödienzettel, es war heute Abend Schauspiel in der kleinen Stadt; Kotzebues Hausgesinde sollte gegeben werden, und man ersuchte das verehrte Publikum, die Kinder dazu zu liefern. Dicke werden vermutlich nicht fehlen und ebenso wenig die Zuschauer; denn wer würde nicht hingehen, seine Söhnlein oder Töchterchen Komödie spielen zu sehen? Man fand es gewiss auch höchst abgeschmackt von uns, dass wir es vorzogen, einige öde Klippen und Wald lieber zu sehen, als das schöne Stück, welches man in Schandau aufführte.
Wir stoßen wieder in die freie Natur; ein breiter Fahrweg längs eines kleinen Flusses führte uns durch grüne Waldung in die wilde Felsengegend. Die Damen wurden nun in Tragsesseln den Steig hinangetragen, wir andern trugen uns selber, und so gelangten wir nach einer Stunde zum Ziele unserer Tageswanderung. Eine hohe gewölbte Felsenhalle lag vor uns, es war der Kuhstall. Beim ersten Anblick hatte es den Anschein, als sei derselbe durch Menschenhand aufgeführt; betrachtet man aber die stolze Masse näher, so sieht man, dass nur die Natur solchen Riesenbau aufführen konnte. Im Dreißigjährigen Kriege sollen die Bewohner der Umgegend hier eine Zuflucht gefunden haben; hier hatten sie einen großen Teil ihres Viehs geborgen, wovon die Stätte den Namen erhalten haben soll. Es begann zu regnen, allein wir saßen trocken unter dem hohen Portale, während ein Regenbogen sich herrlich über den Wald und zwischen den gegenüberliegenden Klippen hinwälzte. Nie sah ich so starke Farben, nie einen so herrlichen Regenbogen; nicht bloß in der Luft zeigte sich derselbe, nein, er lief auch längs der Felsenwände herab und bog sich tief unter uns über die Wipfel des schwärzlichen Waldes; es war ein vollkommener Kreis. Ein alter Mann in einem abgetragenen grauen Rock saß auf einem Steinblocke am Eingange der Halle und spielte uns etwas vor. Mehrere Saiten auf seiner Harfe waren zersprungen, Dissonanz folgte auf Dissonanz; sah man aber den Alten an, dessen Leben gewiss keinem Harfenspiele glich, dann kam in das Ganze Harmonie, Die Dissonanzen lösten sich in meinem Herzen zu Wehmut auf. Ein schmaler, gleichsam durch den Felsen gehöhlter Weg führte uns zu einer dritten Seite des Felsen-Portals; nackte Steinwände erhoben sich auf beiden Seiten; wir mussten über Tritte und Stufen, um auf die höchste Spitze des Felsens zu gelangen. Die erste Höhle heißt das Wochenbett, denn hier gebaren unglückliche Mütter wahrend der Kriegszeit ihre Kinder. Der Steig wand sich dicht neben dem tiefen Abgrunde hin.
Wir kamen über eine kleine Brücke zu einer andern Felsen-Partie. Hier war eine große Schere abge- bildet; die Stätte heißt Schneidersloch und soll der Aufenthalt einer Räuberbande gewesen sein, deren Anführer ein gelernter Schneider war, der aber Lust bekommen hatte, statt der Kleider die Menschen selbst zuzuschneiden. Um herein- und herauszukommen, musste man auf Händen und Füßen kriechen und es hatte im dämmernden Abendlichte wirklich etwas Furchtbares, den einen nach dem andern aus der tiefen Höhle hoch über gähnenden Abgründen her- vorkriechen zu sehen. Hier war übrigens ein herrliches Echo, welches die Worte 6 - 7 mal wiederholte. Dicht daneben ist das Pfaffenloch, eine Öffnung im Felsen, aus welcher während einer Religions-verfolgung ein Priester heruntergestürzt ward. Ich schaute in die Tiefe; dort war vollkommen Nacht, während der Himmel über uns noch von der untergehenden Sonne gerötet war. Ehe wir wieder herabkamen, mussten wir auf Händen und Füßen durch „die krumme Caroline" kriechen, einer weit geborstenen Höhle, welche auf den Felsstieg zurückführte. Nirgends habe ich so viel Namen gesehen als hier auf dem Kuhstalle, nicht einmal im Adresskalender sind deren so viele. Die ganze Felsenhalle, inwendig und auswendig, war überall und durchgängig eine bunte Malerei von bloßen Namen; einige waren sogar eingehauen, geteert und nachher eingebrannt. Einige Umstände hatte doch diese Unsterblichkeit gekostet. Als Kuriositäten will ich doch zwei Verse anführen, welche ich in einem der Bücher, worin die Reisenden ihre Namen einzeichnen, antraf. Einer hatte nämlich, als er heraufgekommen war, geschrieben:
Es ist geschehen, es ist geschehen;
Ich habe den göttlichen Kuhstall gesehn!
Ein anderer schrieb unter diese Verse:
Ich habe gelesen, ich habe gelesen:
Es ist ein Ochs im Kuhstall gewesen!
Was soll ich von den großen Einzelheiten berichten, welche den tiefsten Eindruck auf mich machten? Allein kann da eine Frage sein? Rafaels Madonna. Ich durchflog die Zimmer, um dies Bild zu finden, und als ich davor stand, überraschte es mich gar nicht. Es war mir ein schönes Frauengesicht, allein nicht schöner als ich deren ähnliche oft gesehen. Ist dies das weltberühmte Bild?, dachte ich und wollte bei seinem Anblick überrascht werden; allein es blieb das nämliche. Mir kam sogar vor, dass mehre Madonnenbilder, wahre weibliche Gesichter, hier auf der Galerie weit schöner seien; ich ging nun zu diesen zurück; allein nun viel der Schleier mir von den Augen: Sie waren nur gemahlte Menschengesichter, dort hatte ich das Göttliche selbst gesehen. Ich trat wiederum vor sie hin und nun erst fühlte ich die unendliche Wahrheit und Herrlichkeit dieses Bildes. Es war darin nichts, das überrascht, nichts, das schmeichelt; je aufmerksamer man sie mit ihrem Jesuskinde betrachtet, desto göttlicher erscheinen sie. Ein so überirdisches, kindliches Antlitz hat kein Weib, und doch ist es die reine Natur. Mir schien, dass jedes fromme, unschuldige Mädchenantlitz einige Ähnlichkeit mit diesem hätte, allein dies war das Ideal, wonach jene rangen. Keine Liebe, eine Anbetung weckte dieser Blick. Nie ward mir klar, wie der vernünftige Katholik vor dem Bilde knien kann. Nicht die Farbe auf der Leinewand betet er an, den Geist, den göttlichen Geist, der sich hier dem leib- lichen Auge, leiblich versichtbart, während die mächtigen Orgeltöne über ihn hinbrausen und seiner Seele Dissonanzen lösen, so dass Harmonie zwischen dem Irdischen und Ewigen entstehet. Die Zeit hat die Farben des Bildes gebleicht, allein dennoch scheint alles zu leben; die große Glorie der Engelsköpfe unten entwickelt sich mehr und mehr, und im Blicke des Jesuskindes sammelt sich der ganze große Ausdruck; solchen Blick, so ein kluges Auge hat kein Kind, und doch ist's grade die natürliche Kindlichkeit, welche uns hier so mächtig ergreift! Und dazu die lieblichen Engelskinder unten! Sie stehen wie ein schönes Bild irdischer Unschuld da, in kindlicher Ruhe sehen die jüngeren vor sich, während die älteren den Blick gegen das Himmlische über sich erheben. Dies eine Bild würde die Galerie berühmt machen, so wie dies eine hinreichte, seinen Meister unsterblich zu machen. In dem nämlichen Zimmer hingen noch drei Meisterstücke; hier war Correggios Nacht, eine herrlich aufgefasste und poetisch ausgeführte Idee. Von Jesus strömt das Licht aus über alles andere. Besonders frap- pierte mich eine weibliche Figur, welche die Hand über die Augen hält und sich vom starken, blendenden Lichte halb hinwegwendet. Die meisten setzen dies Stück über die andern Arbeiten des großen Meisters; ich ziehe jedoch den heiligen Sebastian vor, welcher gleichfalls in diesem Zimmer seinen Platz hat. Welche herrliche Gruppe von Engeln! Sie schweben hernieder auf leichtem Gewölk um den frommen Märtyrer mit dem ruhigen begeisternden Blicke. Noch war hier ein Stück, welches ich als viertes den gottbeseelten Bildern hinzuzählen darf: Ein Christus von Carlo Dolle. Hoheit und Leiden verschmolzen sich in dem edeln, gottergebenen Antlitze. Ich ging von Zimmer zu Zimmer und besah die großen Kunstherrlichkeiten: Allein stets musste ich zu diesen vier Schätzen, zu Rafaels Madonna, zu Correggios Engelsgruppen wiederkehren. - Doch bewahre ich noch von meinem ersten Besuche auf der Galerie den Eindruck anderer herrlicher Stücke - das jüngste Gericht von Rubens, worin er seine drei Frauen abportraitiert hat: Zwei werden von Engeln in den Himmel gehoben, die dritte dagegen schleppt der Teufel in den Abgrund; Rubens selbst sitzt auf seinem Grabe. Niemand scheint auf ihn zu merken, er ist in tiefen Gedanken; vermutlich sinnet er nach, wohin er kommen werde und erwartet ruhig sein Schicksal.
Auf einem Bilde Bassanos, welches die Arche vorstellte, war es possierlich, dass das Schwein zuerst hineingebracht ward und so den besten Platz erhielt. Die heilige Magdalena von Batoni war schön, schien mir indess etwas zu weltlich, ja sogar mit ihrer Heiligkeit zu kokettieren. Ein alter Obrist, welchen wir auf der Galerie trafen, machte dazu eine Randglosse, so derb, dass ich sie hier nicht wiedergeben mag. Geistig erschöpft vom Genusse dieser Herrlichkeiten und körperlich vom Umherwandeln, verließ ich die Galerie mit der Absicht, dieselbe bald wieder zu besuchen. Im königlichen Theater war kein Schauspiel, weil die Schauspieler während der Sommermonate fast alle auf Reisen waren. Außerhalb der Stadt, im Linkeschen Bade, gaben die Zurückgebliebenen ihre Stücke. Eine junge Dame, Alexandrine Gebhart, vom Hoftheater in Petersburg, gab als Gastrolle: Christine, in der Königin von sechzehn Jahren oder Christines Liebe und Entsagung, einer deutschen Bearbeitung von einer Vaudeville Scribe's. Das Theater hatte viele Ähn- lichkeit mit dem unsern auf der Westerbrücke und lag an der Elbe in einem kleinen Gehölze, worin Musik und Zelte waren. Familien aus Dresden saßen ringsum in der grünen Natur und genossen Erfrischungen, während andere spazieren gingen und noch andere in bunten Gondeln auf der Elbe segelten. Das Ganze war eine Art Charlottenlunds-Szene. Die junge Schauspielerin machte viel Glück und verdiente es; sie gab die Rolle mit einer Annehmlichkeit und Feinheit, welche eine denkende Künstlerin bewiesen. Zum Beschluss erhielten wir eine Art Ballet: Der Fassbinder, dessen Inhalt viele Ähn- lichkeit mit unserm alten Singspiel: Der Böttcher, hatte. Der Ballettmeister Herr Gärtner ward gerufen: Der Vorhang rollte auf, alle Tänzer standen im Halbkreise, der Gerufene in ihrer Mitte; er machte eine Attitüde, legte die Hand aufs Herz, stellte sich ungeheuer an, und so klatschte und lachte man; das war vom Ganzen das Ende.
Draußen war ein schöner Abend; unter dem grünen Gehege klang die Musik bedeutungsvoll. Ich nahm mir eine Gondel, um die Elbe herab heimzu- fahren. Die Augustbrücke spiegelte sich im Wasser, und Dresden selbst erhob seine hohen Türme und Kuppeln hoch in die Luft; das waren Schattenbilder auf goldenem Grunde; als das Boot sich von dem kleinen Gehölze entfernte, erstarb die Musik in der Luft, eine Fackel brannte unter der Brühlschen Terrasse, wo ich ans Land stieg. Hier oben war ein Gewimmel von Spaziergängern, stark dufteten die Jasminsträucher und unten im Boote sangen einige lustige Matrosen die Barkarole aus der Stummen.
Welche Abwechslung brachte mir jeder Tag, jede Stunde in dieser lieben Stadt. Welche Masse von Ideen und Gefühlen durchströmte mich während der neun Tage, die ich hier zubrachte! Vom Morgen bis zum Abend tummelte ich mich umher und sah jeden Augenblick etwas Neues. Man empfahl mir das grüne Gewölbe zu sehen. Der Führer verschaffte mir Gesellschaft, unter welcher sich außer mir zwei Damen befanden; wir wanderten nach dem Schlosse. Das grüne Gewölbe ist eine Reihe von Zimmern, welche rücksichtlich ihrer Bestimmung viel Ähnlichkeit mit unserm Rosenborgschlosse haben. Sie waren übrigens nicht grün und niemand wusste recht, wie sie zu diesem Namen gekommen waren. Es waren viele große Tische von Mosaik mit Blumen und Früchten, die Bilder der sächsischen Herrscher hingen in Lebensgröße an der Wand; ferner waren da Becher von Silber und Gold und ein ganzes Zimmer voll Spielzeug von Perlen und Edelsteinen. Echte Perlen in ihrer natürlichen Gestalt waren als solche Gliedmaßen angebracht, denen sie am meisten glichen; die Fassung war von Gold und Silber. Eine Perle war so ein Magen, Kopf, Bein usw. Ich sah Luthers Ring und ganze Schränke voll Edelsteine und Kostbarkeiten, die mit allen ihrem Schimmer so tot und nichtssagend umherlagen, dass ich nahe am Verzweifeln über den gesegneten Reichtum war, der mich nicht anzog. Wären die Wände nicht von Spiegelglas gewesen, und hatte ich darin zur Abwechslung nicht mein Gesicht sehen können mit seiner ganzen Langenweile, und mich daran in aller Genügsamkeit ergötzt, so würde es recht schlimm aus- gesehen haben. Mehr als das grüne Gewölbe vergnügte mich die Rüstkammer; in den großen Zimmern waren Waffen an Waffen aufgehängt; manches berühmte Ross, welches einen königlichen Prinzen auf seinem Nacken getragen, stand hier in Holz ausgehauen, bemalt und mit Sattel und Zaum geschmückt; wie wohl der Mann, welcher uns herumführte, erklärte, das und das hölzerne Bild stelle ein Dänenross vor, so machte das doch eben seinen Eindruck auf mich, Könige und Ritter in Wachs standen wie verzauberte Trabanten rings an den Türen und stierten uns mit ihren toten Augen an. Es gab hier ganze Schränke voll Pfeile und Pistolen; ich sah eine Trommel von Menschenhaut; mir ward die Rüstung gezeigt, welche Gustav Adolph am Tage der Schlacht bei Lützen getragen, ferner ein Sattel, auf welchem Napoleon geritten hatte usw.
In der ganzen Nacht darauf träumte mir von nichts anderem als Dolchen, Messern, mächtigen Wachsbildern und großen Holzpferden, so dass mir nicht ganz wohl war. Es war ein schöner Morgen! Ich ging in die katholische Kirche. Die Altarkerzen brannten und in der einen Kapelle lag eine liebliche Gruppe von Kindern, Mädchen und Knaben, welche mit kindlicher Stimme sangen, wahrend die Sonne das Madonnenbild mit ihren Strahlen erleuchtete. Ich lehnte mich an einen Pfeiler, während Gesang und Orgeltöne über mich hinbrausten. Ein alter ärmlicher Mann, in Lumpen gehüllt und mit der tiefsten Zerknirschung in seinem finstern, barschen Antlitz, lag tief gebückt im Gange, als ob er nicht Mut hätte, sich dem Altare zu nähern; aufrichtige Reue stand auf seinem Angesicht; er blickte gegen die Erde und betete seinen Rosenkranz, während die Kinder unschuldig und fromm ihren Morgengesang sangen; auch ich musste mein Herz vor meinem Gotte beugen. Mir war es, als ob der Gesang und die Töne der Orgel zu mächtigen Lebensbildern anschwollen, welche an mir hinrauschten. Wenn nur das Ganze kein Traum wäre, dachte ich, wenn ich nun vielleicht daheim in Dänemark bin und schlafe und träume mich in diese fremde Stadt zwischen die Berge hinein, träume diese Orgeltöne und den frommen Kindergesang, während der ärmliche Bettler mir zur Seite vor der Mutter Gottes kniet. Nein, ich träumte alles dies nicht! Und doch träumte das Herz, und auch es löste sich hier in Töne auf; denn das Herz ist eine Welt, wo die Gefühle, diese zwitschernden Vögel, Nester bauen, wo der kleine Kolibri der Liebe singt, doch nur einmal singt, und dann bleibt das Herz eine Memnons-Säule, worin die Töne stets bei des Gesanges starkem Morgenlichte erwachen. In Liebe ward der Mensch erschaffen; Liebe ist unsere Heimat, und deshalb ist jede Musik ein Kuhreigen, welcher Erinnerungen an die Heimat weckt! Ich musste mich von meinen Träumen los- reißen; ich wurde an der Elbe erwartet, wo eine Gondel lag; die Ausflucht nach der Sächsischen Schweiz sollte nun angetreten werden; bald schwoll das Segel im Winde; der rasche Ruderschlag furchte den Wasserspiegel, meine Reisegesellschaft sang und lachte, ich musste mitlachen, während die wachen Lebenserinnerungen meines Herzens durch diesen zähen Übergang vom Traume zur Wirklichkeit in schneidende Dissonanzen zerteilt wurden. Allein so war ich wieder ein Mensch wie andere. Wir kamen an mehreren großen Booten vorbei, welche mit Landvolk, Mädchen und Weibern besetzt und mit Milch in Dresden gewesen waren; sie lagen in verschiedenen Gruppen und deckten sich gegen die Sonne zu, während der Wind im Segel sich nur leise rührte. Die Weiber waren im Gesichte ganz gelbbraun, die Mädchen dagegen rot und meist mit lebhaften, dunkeln Augen; ich dachte an die Donau-Nixen und stellte mir nun diese ländlichen Schönen als Herrscherinnen der Elbe vor; ich blickte einer der freundlichsten in die großen schwarzblauen Augen und sofort fuhr ein ganzes Dutzend Romanzen und Balladen mir durchs Haupt. Die Weinberge nahmen ein frischeres, die Fichtenwälder ein dunkleres Grün an, und alle die rotgedeckten Gebäude auf den Berghängen standen wie Kobolde da, welche im starken Sonnenlichte ihr Leben verloren hatten.
Beim Schlosse Pillnitz, der Sommerresidenz der Könige von Sachsen, stiegen wir ans Land; das ganze Gebäude sieht so chinesisch aus, als ob es daheim auf ein paar Teetassen und nicht in die schöne deutsche Bergnatur gehöre. Ein Speisesaal geht durch das ganze Hauptgebäude, die Decke erhebt sich zu einer Kuppel, welche auf 20 freistehenden Säulen ruht und die weißen Arabesken auf den lichtblauen Wänden geben dem Ganzen einen hellen und freundlichen Anstrich; steht man aber mitten im Schlossgarten, wo man die vier Paläste mit ihren chinesischen Kupferdächern vor sich sah, dann bedarf es keiner starken Phantasie, um sich nach Tschung-tin-fu oder an den Strand des Jangsetkjang zu versetzen. Aus einem der Fenster sah ich ein feistes, rundes Angesicht mit der Pfeife herausnicken und mir war nicht anders, als müsse dasselbe der Dynastie Zing angehören. Die anderen Reisenden fanden übrigens das Schloss hübsch und ich fand das nämliche; denn ein so großes Stück chinesisches Spielzeug hatte ich noch nie gesehen; ich ward auch ganz poetisch dabei und sang in einem fort:
Kvang-Hi, Hoangho, Kong-Fut-Tsee
Oyang-Tschew, Mandsiu, Makao-Thee.
Ob dies gut Chinesisch ist, kann ich nicht sagen; allein das Letzte hat man direkt aus China. Unser Weg ging nun durch ein freundliches kleines Dorf hinaus in die freie, schöne Natur; alsbald näherten wir uns dem Liebenthaler Grunde, einem her- rlichen langen Felsentale! Oben sind auf beiden Seiten Felder und Wiesen, man lässt sich aber davon nichts träumen. Gelbe und graue Steinmassen mit Buschwerk umwachsen, erheben sich auf beiden Seiten; der Fluss Wesenitz strömt hier durch. Arbeitsleute sprengten Sandsteine vom Felsen: Der große Steinblock hing über ihrem Haupte und drohte auf sie niederzustürzen, man hatte uns gesagt, wir sollten den Fußsteig nur ger- ade zu verfolgen und wir würden nach Lohmen kommen; allein wir gingen fehl; je weiter wir kamen, desto enger ward das Tal, die Felsenwände rückten näher zusammen, wir konnten kaum ein Mann hoch auf dem schmalen Pfade gehen, welcher bald über niedergestürzte Klippen, bald durch Röhricht führte, das am Flussbett gewachsen war. Nur einzelne Sonnenstrahlen fielen zwischen den Felsen nieder, welche so halb in Dämmerung, halb in voller Beleuchtung dastanden; eine wunderbare Ruhe lag über dem Ganzen, welche meiner Seele Inneres ergriff; auch alle Übrigen wurden still. Wir kehrten wieder um, suchten uns einen Führer in der Mühle und wollten nun von oben in den stillen, romantischen Liebethaler Grund, welchen wir in seinem tiefsten Heiligtume kennen gelernt hatten, hinabschauen.
Lass uns sitzen hier im Tale!
Schön're Stell' ist nicht zu finden;
Bei der Mühle woll'n wir ruhen
Unter diesen alten Linden
Übers Rad stürzt sich das Wasser;
Höre an nur das Gebraus!
Und die schöne Müllerstochter
Schaut zum Fenster dort himaus.
Unschuld wohnt auf ihrer Stirne,
Milde Treu' in ihrem Blick.
Von der Wiese, seh' ich, schauet
Achtsam sie auf mich zurück.
Stolze Felsen, grüne, rote,
Sich am Fluss entlang erstrecken;
Sonne scheint und Vöglein singet
Über Bäumen, Blumen, Hecken.
Weiche Landschaft! Lass uns weilen!
Alles will in Luft sich einen
Und doch ängstet's mich im Innern,
Und mir ist, als müsst' ich weinen.
Höre, wie das Vöglein klaget:
Meine Jungen sind gediebt
Und mein Gatte ist erschossen.
Darum sitz' ich so betrübt.
Malerisch hebt sich der Felsen!
Neulich stürzt' herab ein Stück,
Schmettert' einen Vater nieder;
Nennt man dieses auch ein Glück?
Auf bie halbe Erde streuet
Freundlich Licht die schöne Sonne.
Auf die Guten, auf die Bösen,
Trägt sie Frieb' herab und Wonne;
Und es ist als ob das Mühlrad
Säng' und braust' im lauten Sprechen.
Unter mir im Wasser musste
Eines Kindes Herz jüngst brechen,
Und das Mädchen - Lass mich weinen!
Dieses Bitt're, dieser Schmerz
Leben nicht hier um mich außen
Nein! sie birgt mein eignes Herz.
In der Natur und Welt sind keine Dissonanzen; eine löst sich in die andern auf und nur in unserer eigenen Brust dürfen wir dieselben suchen; der höhere Meister allein kann sie lösen.
Diese schöne Felspartie, von welcher die Steinblöcke in wilden Gestalten über des Wanderers Haupt herabhangen, würden diese scharfen, malerischen Formen nicht gehabt haben, wenn das oberste Stück nicht niedergestürzt gewesen wäre. Allein dies kostete ein Menschenleben. - Ein Leben? Ist es dem großen Rechenmeister nicht vergönnt, eine unrichtige Zahl in seinem Krempel auszulöschen, die einen Fehler im Ganzen hervorbringen konnte?
Wir gingen längs der hohen Felsenkante und schauten hinab ins Tal, welches da lag, ein mächtiges Bild von meinem eigenen Herzen, still und dunkel mit dem brausenden, Flusse, während die Sonne oben warm und hübsch über die schwellenden Kornfelder und den Weg hinschien, auf welchem Kinder hüpften und sich umhertummelten.
Bei Michelsdorf stiegen wir vom Felsenwege hinab; eine Brücke führte über die Wesenitz und wir befanden uns in Lohmen. Dies war früher eine kleine Stadt und hat auch noch einige Marktgerechtigkeiten; das Schloss erhebt sich auf einer, hervorragenden Klippe weit über den Fluss; beide Hauptgebäude sind mittelst eines Altans verbunden, welcher auf einer Felsenspitze angebracht ist, von wo herab man in die schöne, romantische Umgebung hineinschaut. Auf einer Tafel liest man die gereimte Inschrift, welche meldet, dass vor 50 Jahren ein junger Landmann hier herabgestürzt ist, welcher auf dem Altan liegend eingeschlafen war; allein obgleich er 76 Fuß hoch her- abfiel, kam er mit Gottes Beistande doch glücklich davon.
Nicht fern von da liegt die Kirche; man sagt, sie sei eine der schönsten Dorfkirchen in Sachsen. Sie hatte etwas sehr Freundliches; ein frisches Grab war jüngst aufgeworfen und weißer Sand darauf gestreut; allein der Wind hatte die Blumen vom Grabe hinweg- gerissen: Ich sammelte dieselben wiederum zu einem Kranze, den ich darauf legte; ein kleiner Vogel flötete in einem nahen Baume, als ob er mir danken wolle; er hatte gewiss den stillen Schläfer, welcher hier in der kühlen Erde sein müdes Haupt ausruhte, gesehen und gekannt.
Vom Ruheplatze der Toten wanderten wir zu dem der Lebenden; bei einem Parke, an dem eine Menge schnatternder Enten schwammen, lag das Wirtshaus; wir traten in die Stube; hier gab es etwas für einen Maler; eine Anzahl Bauern saßen in einer Gruppe und spielte Karten; charakteristisches Gemälde! Die Magd kam grade mit Licht die hohe Treppe herab, welche vom Seitengebäude hierher führte; der Lichtschein fiel auf das jugendlich frische Antlitz, welches sich gegen die Fremden wandte. Zwei Weiber sangen zur Harfe; sie griffen einem Sturmwinde gleich in die Saiten und sangen mit etwas kreischender Stimme: Herz mein Herz warum so traurig?, dass wir alle ganz trübselig davon wurden. Alsbald dampfte das Abendessen auf dem Tische; dasselbe bestand in einigen gebratenen Enten, welche in ihrem Alter sich ganz ehrwürdig ausnahmen. Der Wirt stand in einer angenehmen, ernsthaften Stellung, die Arme übers Kreuz und sah auf uns und die Enten mit einer Miene, als ob es ihm wie irgendeinem schmecke. Wir gingen zur Ruh - es sei erlaubt die Nacht zu überspringen, ich hatte in der Örtlichkeit genug daran; Natur und Kunst hatte einen Geniestreich gemacht; die erste nämlich hatte mich zu lang erschaffen, die letztere dagegen das Bett zu kurz; aus Verzweiflung spielte ich den Nachtwandler und ging in die große Wirtsstube hinab. Allein hier sah es romantisch aus; ringsum schliefen auf Strohbündeln mehrere Gendarmen (Trabanten) mit dicken, schwarzen Bärten; ein hässlicher, schwarzer Bullenbeißer, welcher wie ein abgenutzter Koffer aussah, tönte mit seinen brüllenden Kriegsgesang entgegen, so dass ich als ein kluger General Rechtsum machte. Draußen regnete es in großen Strömen, und plätscherte, als ob es sagen wollte: Sehet, so ging es bei der Sintflut her! Der Tag begann anzubrechen, allein nicht die Hoffnung, die Berge besteigen zu können. Dies war das erste schlechte Wetter, welches ich auf meiner Reise antraf, ich fand es deshalb recht interes- sant; mit dem Tage wird's wohl besser werden, dachte ich und kaum war eine Stunde vergangen, so minderte sich der Regen; wir fassten uns ein Herz, und mit einem zehnjährigen Bettlerknaben als Führer begaben wir uns nun auf die Reise, und durch den Ottowalder Grund zur Bastei hinaufzusteigen. Der Junge lief mit bloßen Füßen, lachte und scherzte in einem fort; und es kam mir vor, als habe er den Schelm hinterm Ohre, als wäre der leibhaftige Amor unser Führer geworden; wenn er nur kein Verführer wird, dachte ich und mir fielen manche seiner schlimmen Streiche ein. Der kleine Gelbschnabel, der mit den Pfeilen umherläuft, nennt ihn Vessel und ärgerlich führwahr ist es, dass so ein Jüngelchen das Recht haben soll, nach großen und herangewachsenen Leuten zu schießen. Die, welche einander bekommen, sagt man, helfen sich gegenseitig die Pfeile herauszuziehen und so geht die Liebe vorüber; allein die Übrigen behalten die Pfeile im Herzen und da werden sie oft tödlich.
Es begann inzwischen wieder zu regnen, allein ganz schwach; wir stiegen stufenweise tiefer und tiefer in ein Felsental hinab und das war der Ottowalder Grund. In den wunderbarsten Bildungen erhoben sich auf beiden Seiten die Felsenwände schön mit Kräutern und Moosen begrünt; Büsche und Bäume standen in malerischen Gruppen zwischen den Klüften, tief niederstürzte ein kleiner Bach und über uns sahen wir nur einmal ein kleines Stück vom grauen Wolkenhimmel. Bald traten die Felsenwände so nahe zusammen, dass wir kaum hintereinander gehen kon- nten; drei ungeheure Felsblöcke waren herabgestürzt und bildeten ein natürliches Gewölbe, durch welches wir gehen mussten; hier war's ganz dunkel; ich sah ganz bedenklich auf unsere kleine Edition von einem Führer, welcher mit dem Haselstock in der Hand lustig voraushüpfte
Das Tal ward plötzlich breiter, um sich wiederum zu verengen; der Kleine zeigte uns das steinerne Haus, eine Menge Steinblöcke, welche Dächern gleich und über einigen Höhlen liegen, worin die Umwohnenden zu Kriegszeiten ihr Eigentum bergen sollen; wir betraten die Teufelsküche, eine wilde Felsenkluft, wo die zusammengestürzten Felsenmassen eine lange schornsteinähnliche Öffnung gebildet haben. Ich sah hinauf: Es flogen gerade einige Wolken vorüber und es war, als drücke ein gespensterhaftes Wesen sich hinaus in die freie Luft. - Bald weichen die Felsen zurück; ein weites Tal breitete sich aus; die weißblauen Nebel hingen in leichten Wolken um die Bergspitzen; Himmel und Erde schienen zu einer großen Felsmasse zusammenschmelzen zu wollen. Immer ging's fürder und immer wechselte das große Panorama der Natur um uns her. Der kleine Amor wusste recht gut Bescheid; er wollte uns nicht irreführen; man urteilt auch zu strenge über den Gott der Liebe.
Amor als Führer.
Nicht so schlimm, als ich erscheine,
Bin ich, das wollt mir nur glauben:
Denn ich führe alle Kleine
Ihrer Eltern Liebe zu.
Auf des Vaters Schoße schaukelnd,
Und der Mutter einzig Sinnen,
Lacht die Welt sie freudig an!
Sagt wer dieses wirken kann?
Ich bin's, der sie also führet!
Wachsen später sie heran,
Rühret mich ihr Eintagsleben
Und mein Spiel beginnet dann.
Einem gab ich bunte Schwingen,
Das er gleich der Psyche flattert;
Eva'n muss ich Adam bringen
Und das Eden ihnen bauen.
Jener flattere und brause,
Diese enden nur mit Hochzeit.
Doch wo göttlich Volk im Hause,
Tritt auch göttlich Volk gern ab.
Und so weiß ich denn zu bringen
Zwei zu Dreien und mehre noch;
Das sind Engel, deren Schwingen
Hier nur noch nicht sichtbar sind.
Wollen mächlich sie ermüden
Groß und Kleine entlich beide,
Dann muss Hülf' ich wieder bieten,
Sorgen, dass sie können schlafen.
Jeder find't ein kühl Gemach
Und schläft dort nach heißem Tag.
Einen Blütenkranz den bring ich,
Schlumnue selber dann mit ihnen.
Der Weg ging fortwährend bergauf durch dicht stehende Fichten; die weißen Nebelwolken hingen nahe über unsere Häupter; ein großes schönes Gebäude lag vor uns: Es war das Wirtshaus auf der Bastei. Hier ist's hoch, sehr hoch! Du magst ein paar Kirchtürme übereinander stellen und dich auf der äußersten Spitze des Schwindels erwähren. Hier ist ein Geländer davor, du fällst nicht! Das lange weißgelbe Band dort unten, welches deinem Auge nicht breiter erscheint als Schiefersteine auf der Straße, ist die Elbe; das braungelbe längliche Blatt, welches du darauf schwimmen zu sehen vermeinst, ist ein langes Flussschiff; du kannst auch, jedoch nur klein wie Punkte, Menschen darauf erkennen. Versuch es, einen Stein in die Elbe hinabzuwerfen, strenge deine ganze Kraft an: Gleichwohl wird er diesseits ins Gras fallen; die Dörfer liegen da unten wie Spielzeug auf einem Markttisch. Hier erheben sich bald im Nebelgewölk Königsstein und Sonnenstein; doch sieh, jenes zerteilt sich, die Sonnenstrahlen fallen auf den Pfaffenstein und die Kuppelberge. Der ganze Wolkenvorhang rollt auf und in bläulichter Ferne erblickst du die Böhmischen Rosenberge und den Geisingberg im Erzgebirge. Dicht bei uns zur Linken erheben sich nur wilde Felsenstücke aus dem tiefen Abgrunde, und aus der Tiefe empor steigt ein gemauerter Pfeiler, auf welchem eine Brücke ruht, welche die Bastei mit dem Felsenschloss verbindet; in der Klippenschlucht unter uns ist es ganz finster; der Führer zeigt uns Spuren im Gestein, dass hier Menschen gelebt haben; wir erblicken die eingehauenen Höhlen, wo sie lebten und sich umhertummelten. Es sieht aus, als wäre die große Felsenmasse gesprengt, als habe eine mächtige Naturkraft versucht, die stolze Erdkugel zu spalten.
Ein Pfad lief längs des tiefen Abgrunds hinab, Felsenwände und Klüfte wechseln miteinander ab. Bald waren wir in einem dunkeln Gehölze, bald auf einem offenen Fahrwege; es war eine Abwechslung, welche zu Schildern die Lippe ermüdet. Von einer Klippe stürzte ein kleiner Bach sich hernieder: Er fiel aus solcher Höhe, dass man unten zwischen den Klippenwänden und dem heranrauschenden Strome gehen konnte. Hier unten war eine tiefe Höhle, worin man kaum die Wassermasse gewahrte, welche von oben hineinstürzte.
Die ganze Natur war für mich ein großes lyrisch-dramatisches Gedicht in allen möglichen Versarten. Der Bach zankte in den trefflichsten Jamben über die vielen Steine, welche ihm im Wege lagen; die Felsen standen so breit und stolz als respektable Hexameter; die Schmetterlinge zischelten den Blumen Sonette zu, indem sie ihre duftenden Blätter küssten, und alle Singvögel ließen aus ihren Schnäbeln Sapphische und Aleäische Versweisen erschallen. Ich dagegen schwieg - und will auch hier schweigen. Wir kamen zum Brandt, einer Felsenpartie mit einer her- rlichen Aussicht nach dem Königsstein und Pirna. Ein kleiner Fluss wand sich im tiefen Tale; er glich einem weißen Faden über dem grünen Platz. Eine Hütte von Baumrinde lud uns zur Rast ein, während ein runzliges Mütterchen - ich kann nicht erraten, ob es die Fee des Waldes gewesen - einige Reiser zusammenlas, Feuer anzündete und uns Teewasser bereitete. Zum Dank dafür machte ich sie zu einer Räuberhexe und uns zu ihren wilden Söhnen.
Der Weg ging nun nach Hohenstein, doch wollten wir erst einen kleinen Abstecher machen, um die groteske Partie der Teufelsbrücke zu sehen. Der Teufel hat wirklich Geschmack, jede Stätte, welche seinen Namen führt oder auf ihn hindeutet, hat etwas höchst Pikantes; mit seinem Interesse hat man die romantischsten Gegenden in Verbindung gesetzt. Wie gesagt, er hat Geschmack und das ist eine gute Eigenschaft. Der Wagen, welcher sich neigt, schießt über alle hinaus, sagt ein altes Sprichwort; alle sprechen übelst vom Teufel und denken nicht daran, dass er doch seine Pflicht tut. Es ist nun einmal seines Amtes, die Menschenkinder zu verführen. Er ist der Prüfstein in der Welt, d. h. mittelst seiner sollen wir für das Bessere geläutert werden; er ist jener Kampf, jene Flamme, jene aspera auf der Fahrt ad astra, und er hat demnach eine wichtige, verdienstliche Rolle im großen Drama des Lebens.
Die Teufelsbrücke ist gleichsam über ein Gewölbe zwischen zwei senkrechte Felsen hingeworfen. Es ist ein Felsen, der hier von seiner obersten Spitze bis zum grünen Anger hinab gespalten ist; allein die ganze Öffnung ist nur 4 - 5 Ellen breit. Einige Schritte davon ist eine ähnliche tiefe Spalte, allein diese zieht sich in wunderlichem Zickzack und gleicht dem Laufe eines Blitzes. Durch den Dichter Kind hat diese Stätte ein eigenes Interesse erhalten, da er die Beschwörungs-Szene in seinem Freischützen hierher ver- legt hat. Diese tiefe Spalte ist die vom Theater her bekannte Wolfsschlucht. Nichts gleicht derselben aber weniger als die Dekorationen, welche sie vorstellen sollen; es möchte auch sehr schwierig sein, diese Partie so darzustellen, wie sie hier in der Wirklichkeit ist. Von des Felsens höchster Spitze steigt man durch sie hindurch ins Tal hernieder; es kann auch hier nur ein Mann hochgehen, so nahe sind die Felsen aneinander; bald klettert man einen Pfad hinunter, bald findet man in den Felsen selber Stufen eingehauen, und drunten steht man endlich in einer engen Höhle, wo nicht mehr Raum als für drei oder vier Menschen ist. „Hilf, Samiel!", riefen wir, da wir kaum den Weg halb herab waren, denn es schien uns grundlos zu sein. So oft wir um ein Felsenstück kamen, glaubten wir, es verdecke den Ausgang, allein stets lag noch eine große Tiefe unter uns. Endlich traten wir heraus. Doch so können wir die Wolfsschlucht nicht verlassen!
Freikugeln gieß' ich jetzo hier,
Samiel! Samiel hilf! hilf mir!
Lustig kugeln wir in Sturmes Schrein,
Sechse mir, die siebente dein!
Die erste ist schon so gut als dein,
Ziel soll ein Jesuite sein;
Und wenn's damit gut vonstatten geht,
Fällt durch die zweit' ein schlechter Poet.
Doch lieber bleibt er unversehrt.
Er ist des Pulvers doch wohl nicht wert.
Der Vogel des Glücks, der stets uns will äffen,
Den Papagei, den will ich treffen.
Wen die dritte Kugel treffen muss,
Dem ende Sorg' und jeder Verdruss.
Die vierte? Sie fahre auf Sack und Pack
Des im Herzen blutet Lüge und Schnack.
Doch die fünfte, wem tut sie wohl genug?
Ja einem, den schieß ich nimmer wieder,
Er zeigte so leise mir sein Gefieder,
Amor'n - für seinen letzten Besuch.
Die sechste? Ja mit dieser geschicht's,
Sie mache dein mich und völlig zu Nichts.
Bald befanden wir uns bei Hohenstein, einer kleinen Bergstadt mit einem Schlosse. In den finstern Gewölben des letzteren waren ehedem Gefängnisse gewesen. Ich fand hier eine frisch duftende Rose, welche jemand kürzlich verloren haben musste. Dieselbe machte hier einen weit stärkeren Eindruck auf mich, als ob sie im hellen Sonnenschein auf dem grünen Aste über dem klaren Bache sich geschaukelt hätte.
Unser nächster Besuch galt Schandau, einer fre- undlichen kleinen Stadt dicht an der Elbe, umgeben von hohen Bergen und Sandsteinfelsen, welche mit Nadelholz bedeckt sind. Hier war ein Gesundbrunnen und ein Badehaus. Wir sahen keins von beiden; dagegen waren wir in der Kirche, wo man an der Wand über dem Altar die Jahre angezeichnet findet, wo sich das Wasser hierher verstiegen hatte; einige Male war es über den Altar und hoch hinauf zur Kanzel gedrungen. Im Wirtshaus fand ich einen Komödienzettel, es war heute Abend Schauspiel in der kleinen Stadt; Kotzebues Hausgesinde sollte gegeben werden, und man ersuchte das verehrte Publikum, die Kinder dazu zu liefern. Dicke werden vermutlich nicht fehlen und ebenso wenig die Zuschauer; denn wer würde nicht hingehen, seine Söhnlein oder Töchterchen Komödie spielen zu sehen? Man fand es gewiss auch höchst abgeschmackt von uns, dass wir es vorzogen, einige öde Klippen und Wald lieber zu sehen, als das schöne Stück, welches man in Schandau aufführte.
Wir stoßen wieder in die freie Natur; ein breiter Fahrweg längs eines kleinen Flusses führte uns durch grüne Waldung in die wilde Felsengegend. Die Damen wurden nun in Tragsesseln den Steig hinangetragen, wir andern trugen uns selber, und so gelangten wir nach einer Stunde zum Ziele unserer Tageswanderung. Eine hohe gewölbte Felsenhalle lag vor uns, es war der Kuhstall. Beim ersten Anblick hatte es den Anschein, als sei derselbe durch Menschenhand aufgeführt; betrachtet man aber die stolze Masse näher, so sieht man, dass nur die Natur solchen Riesenbau aufführen konnte. Im Dreißigjährigen Kriege sollen die Bewohner der Umgegend hier eine Zuflucht gefunden haben; hier hatten sie einen großen Teil ihres Viehs geborgen, wovon die Stätte den Namen erhalten haben soll. Es begann zu regnen, allein wir saßen trocken unter dem hohen Portale, während ein Regenbogen sich herrlich über den Wald und zwischen den gegenüberliegenden Klippen hinwälzte. Nie sah ich so starke Farben, nie einen so herrlichen Regenbogen; nicht bloß in der Luft zeigte sich derselbe, nein, er lief auch längs der Felsenwände herab und bog sich tief unter uns über die Wipfel des schwärzlichen Waldes; es war ein vollkommener Kreis. Ein alter Mann in einem abgetragenen grauen Rock saß auf einem Steinblocke am Eingange der Halle und spielte uns etwas vor. Mehrere Saiten auf seiner Harfe waren zersprungen, Dissonanz folgte auf Dissonanz; sah man aber den Alten an, dessen Leben gewiss keinem Harfenspiele glich, dann kam in das Ganze Harmonie, Die Dissonanzen lösten sich in meinem Herzen zu Wehmut auf. Ein schmaler, gleichsam durch den Felsen gehöhlter Weg führte uns zu einer dritten Seite des Felsen-Portals; nackte Steinwände erhoben sich auf beiden Seiten; wir mussten über Tritte und Stufen, um auf die höchste Spitze des Felsens zu gelangen. Die erste Höhle heißt das Wochenbett, denn hier gebaren unglückliche Mütter wahrend der Kriegszeit ihre Kinder. Der Steig wand sich dicht neben dem tiefen Abgrunde hin.
Wir kamen über eine kleine Brücke zu einer andern Felsen-Partie. Hier war eine große Schere abge- bildet; die Stätte heißt Schneidersloch und soll der Aufenthalt einer Räuberbande gewesen sein, deren Anführer ein gelernter Schneider war, der aber Lust bekommen hatte, statt der Kleider die Menschen selbst zuzuschneiden. Um herein- und herauszukommen, musste man auf Händen und Füßen kriechen und es hatte im dämmernden Abendlichte wirklich etwas Furchtbares, den einen nach dem andern aus der tiefen Höhle hoch über gähnenden Abgründen her- vorkriechen zu sehen. Hier war übrigens ein herrliches Echo, welches die Worte 6 - 7 mal wiederholte. Dicht daneben ist das Pfaffenloch, eine Öffnung im Felsen, aus welcher während einer Religions-verfolgung ein Priester heruntergestürzt ward. Ich schaute in die Tiefe; dort war vollkommen Nacht, während der Himmel über uns noch von der untergehenden Sonne gerötet war. Ehe wir wieder herabkamen, mussten wir auf Händen und Füßen durch „die krumme Caroline" kriechen, einer weit geborstenen Höhle, welche auf den Felsstieg zurückführte. Nirgends habe ich so viel Namen gesehen als hier auf dem Kuhstalle, nicht einmal im Adresskalender sind deren so viele. Die ganze Felsenhalle, inwendig und auswendig, war überall und durchgängig eine bunte Malerei von bloßen Namen; einige waren sogar eingehauen, geteert und nachher eingebrannt. Einige Umstände hatte doch diese Unsterblichkeit gekostet. Als Kuriositäten will ich doch zwei Verse anführen, welche ich in einem der Bücher, worin die Reisenden ihre Namen einzeichnen, antraf. Einer hatte nämlich, als er heraufgekommen war, geschrieben:
Es ist geschehen, es ist geschehen;
Ich habe den göttlichen Kuhstall gesehn!
Ein anderer schrieb unter diese Verse:
Ich habe gelesen, ich habe gelesen:
Es ist ein Ochs im Kuhstall gewesen!
