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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.
Band II, Band III
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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.Band II, Band III

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Faktum, Auswanderer Schiff, Deutsche in Amerika, Heinrich Friedrich Isenflamm, Mittelalter, Pommern, Mittelalter, Aphorismen, Maritim
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Gern gelesen:
August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.
August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) war preußischer Generalfeldmarschall und Heeresreformer. Die Sammlung seiner Briefe im Kriegsjahr 1813 bietet Einblick. Als Blüchers Stabschef hatte er wesentlichen Anteil am Sieg bei Waterloo.

Impressum
über Lexikus
Buch: Umrisse einer Reise
Berlin, - Abelbert v. Chamisso. - Theater. - Tiergarten. - Bilder Galerie. - Reisegesellschaft. - Drei Tage aus dem Leben eines Gauners. - Der Vogel. - Ende der Reise.
Schnurgerade Straßen, Pallast an Pallast,
Sehn und Betrachten ermüdet fast,
Unter den Linden erging sich alle Welt
(Die besser im Kupferstich mir gefällt,)
Die Gassen stauben, bie Jugend tuts mit,
Das Auge schmerzet, kaum das es sieht.
Echte Berliner Witze findet man hier,
Und köstlich sind sie, man glaube mir;
Doch wollte man sie zur Schnellpost versenden,
Zu schwer wird's, man könnt's nicht dran verwenden.
Man schnurret das R, mein Jott wird gesagt,
Sonst haben recht gut mir die Leute behagt.
Durchsiebt man die Stadt in die Kreuz und Quer,
Zu groß ist sie, geht in den Vers nicht hierher.
Moral.
Merkts euch: Sehr feine Moral ist zu ziehen
Aus dem Wesen, das herscht im großen Berlin.
Dies ist das Resultat meines ersttätigen Umherschweifens in Preußens Hauptstadt. Sollte es praktisch genug sein, so erwäge man sich, dass es ein echtes Berliner Erzeugnis ist, mitten im Sande entsprungen. Ich kann nichts dafür, allein es ist wahr, Berlin behagt mir übel. Alles ist darauf angelegt, zu frappieren; doch sind die Häuser nicht hoch, sondern auseinander gezogen, damit die Straßen desto länger wurden. Sie kamen mir vor als wie Theater- Dekorationen. Man sagte auch, die Stadt nehme sich im Winter und bei Lichte am besten aus; das ist bedenklich! Kommt man von den Bergen, so hat man die Riesenbauten der Natur gesehen, dann erscheint alle diese Größe so klein; die hübschen Formen behagen dem Auge wohl, allein das Ganze steht so leer! Und ich kann einmal die Formen nicht venia verbo - für die Hauptsache ansehen.
Die Soldaten waren wie gegossen, hatten einen gewissen Anstand und glichen unsern Offizieren, nur waren sie meist größer als diese.
Mit einem Empfehlungsbriefe von unserm Oersted besuchte ich den Dichter Albert von Chamisso. Er ist bekanntlich ein Franzose von Geburt, war Offizier, machte dann als Naturforscher eine Reise um die Erde und ist jetzt in Berlin am Botanischen Garten angestellt. Ich war sehr begierig, ihn zu sehen, den Verfasser von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte; ich trat ein und - Peter Schlemihl stand lebend vor mir, wenigstens in derselben Gestalt, als er auf dem Kupferstiche im Buch abgebildet ist. Eine hohe, hagere Gestalt mit langen, grauen Locken auf die Schultern hinab und einem offenen und gutmütigen Gesichte. Er war in einem braunen Schlafrocke und ein Haufen rot- wangiger Kinder spielte um ihn her. Mit der innigsten Herzlichkeit bot er mir Willkommen, und ich hatte nun einen Bekannten in der fremden Stadt. Abends ward im Opernhause Webers Oberon aufgeführt; ich war sehr erfreut darüber, und, obgleich ich mir einen gesperrten Sitz genommen, war ich doch einer der Ersten drinnen. Hier sollte ich ja erst eine rechte Vorstellung von einer Oper erhalten, die Dekorations-Malerei als eine eigne Kunst behandelt sehen, und kennen lernen, was die Maschinerie zu leisten vermag. Nach der Ouvertüre wurde Da Capo gerufen, der Vorhang rollte auf, und während jene wiederholt ward, hatte man Zeit, die prachtvollen Dekorationen und die niedlichen Gruppen zu betrachten. Oberon lag hier nicht, wie bei uns in einem soliden Bette, nein, die ganze luftige Halle war mit Lilien besetzt, und auf einer von diesen lag er im schwankenden Kelche und rings in den andern Lilien standen lächelnde Genien, während die größeren im leichten, luftigen Tanze umherschwebten. Jede Dekoration war ein eigenes Kunstwerk, sowie das Arrangement des Ganzen; allein die Maschinerie war im Verhältnis zu den Mitteln schlecht. Ich nenne sie schlecht, denn die Wolken blieben auf halbem Wege hängen, so dass die Genien ihnen herunterhelfen mussten; ferner konnte man an der übrigens herrlichen Meerdekoration des zweiten Akts, wo die Luft ganz täuschend dargestellt war, aber durch die Himmelsdecke in die Balken sehen, wenn man mitten im Parkett auf der zweiten Bank saß. Die ganze Luftbeleuchtung war herrlich; man sah die Sterne nacheinander hinaufkommen; wären die Balken nicht mit zum Vorschein gekommen, so wäre es vortrefflich gewesen! Mit den Verwandlungen ging es auch när- risch, und im Hafen von Astrachan sah man einen Maschinenkerl übers Wasser laufen, was mir sehr auffiel, obgleich ich dies Experiment von der Heimat her kannte. Man sagte mir übrigens, dass es sonst nicht so unglücklich ablaufe als an diesem Abend - dass die Maschinerie hier ein wahres Kunstwerk sei, - es war also an diesem Abend ein Missgeschick, allein ich darf es nicht unangeführt lassen. Kann dergleichen aber auch auf dem großen Berliner Theater stattfinden, wo die Mittel so mächtig sind, was sollen wir da von unserm kleinen sagen, wo diese fast gänzlich fehlen. Eine Madam Walker, geborne Gehse, erste Sängerin vom Dresdener Hoftheater, gab die Rezia. Das Spiel - ja ich darf nicht als Kritiker auftreten - allein bei den meisten Sängerinnen darf man ein Fragezeichen daneben setzen. Sie verbeugte sich auf deutsche Art bei jedem Applaus, und als sie am Schlusse gerufen ward, war sie gerührt - natürlich! Denn auf's Spielen hatte sie sich kaum eingelassen; sie sagte uns einige Worte zum Dank und versprach, bald wiederzukommen; allein ihr Gesang war herrlich. Herr Bader spielte und sang Hüons Rolle; er ist ein rechter Mann, bei dem ich den Schauspieler und Sänger antraf. Ein Pas de deux von Herrn und Madam Taglioni und eines von Mademoiselle St. Romain und Herrn Stüllmüller machte, was man hier nennt, großes Glück, und waren gewiss dieses Beifalles wert.
Weit besser ging es mit der Maschinerie im Königsstädtischen Theater; hier war ich einige Abend später und sah ein großes romantisches Zauberspiel von Adolph Bäuerle mit neuen Dekorationen und neuer Maschinerie, betitelt: Lindane oder der Pantoffelmacher im Feenreiche. Es war ein Mischmasch von Unsinn, eine Wassersuppe mit hüb- schen Melodien aufgefärbt und mit Dekorationen verziert. Ich glaube etwas Ähnliches einmal geträumt zu haben, wenigstens war hier der lose Zusammenhang, wie er in Träumen stattzufinden pflegt. Unter den Melodien zeichnete sich ein Weine- Duett, ein Spinnelied und eine große Singenummer aus, welche aus gewiss 40 Melodien aus der Stummen, dem Freischützen, Don Juan zusammengesetzt war. Demoiselle Vio, eine ausgezeichnete Szenenkünstlerin, führte dieselbe aus. Ich sah übrigens die beiden berühmten Komiker Schmelka und Spitzeder; letzterer gab den Pantoffelmacher, einen ehrlichen Bürgersmann, welcher an seinem Hochzeitstage einen Brief erhält, dass sein Vetter am Tode liege und er unverweilt kommen müsse; allein er wird auf der Reise durch einen Wald, wo er auf Krähwinklisch einen hölzernen Wegweiser mit sich führt, von einer Fee aufge- fangen, welche ihn so lieb gewinnt, dass sie ihm zuletzt ihren Zauberstab gibt, wobei die Zuschauer eine Reihe Dekorationen und Verwandlungen zu sehen bekommen z. B. „Tivoli", einen Dampfwagen mit Passagieren, welcher durch die Lüfte segelt, und eine ganze Zelt-Dekoration, welche aus einem Becher herausspringt.
Im dritten Theater, dem eigentlich so genannten Schauspielhause bekam ich den ältern Devrient als Onkel Brand im Lustspiel gleichen Namens nach dem französischen zu sehen; mit der größten Natur und Wahrheit gab er diesen Charakter, den Brausekopf mit dem herrlichen Gemüte. Seine Ausführung, Spiel und ganzes Kostüm machten einen so lebhaften Eindruck auf mich, dass mir noch ist, als hätte ich lange mit dem guten Herrn Brand gelebt, hätte mit ihm wirklich im Leben in Verbindung gestanden; ich kann mir Devrient in keiner andern Rolle denken, ohne dass sein Onkel Brand hindurchscheinen müsste und doch ist es kein Zufall, dass er seinen Charakteren eine große Verschiedenheit soll geben können. Shylock im Kaufmann von Venedig nennt man als seine Hauptrolle.
In einer großen Stadt ist es ein bequemer Umstand, dass dort mehrere Theater sind, unter denen man wählen kann; allein wenn an einem Abend in allen gute Stücke gegeben werden, kann man mit sich selber in Zwiespalt geraten; denn an mehr als höchstens zwei Orte kann man doch nicht gehen. Dies fühlte ich recht eines Abends; die Französische Gesellschaft führte im Schauspielhause drei Vaudevilles von Scribe auf: 1) La devote. 2) La famille Riquebourg. 3) Les premiers amours. - In Charlottenburg ward geben: Der Fächer, ein Lustspiel und der Nasenstüber, eine Posse; im Königstädtischen Theater: Das Mädchen aus der Feenwelt oder der Bauer als Millionär; im Opernhause aber das berühmte Ballet: Die neue Amazone. Hierzu kam noch, dass Chamisso mich in den Tiergarten zu sich eingeladen hatte, wo er mich unter den schönen Geistern Berlins einführen wollte; ich stand wirtlich wie Herkules am Scheidewege und - folgte Chamisso. Im Tiergarten fand ich übrigens keine wilden Tiere, sondern lauter gute Berliner, sehr gut- mütige freundliche Leute. Hier war auf Veranlassung der Rückkehr des Dichters Holtei aus Darmstadt, wo er Vorlesungen gehalten und seine am Königstädtischen Theater engagierte Frau Gastrollen gegeben hatte, ein kleines Fest veranstaltet.
La Motte Fouqué, Raupach, Clauren und Streckfuß waren alle auf Reisen, sonst würde ich hier deren Bekanntschaft haben machen können. Doch waren außerdem noch viele hier, mit denen zusammen- zutreffen, ich mich freute. Mein Platz war zwischen Chamisso und Simrock, einem jungen Dichter, welcher durch ein politisches Gedicht: drei Tage und drei Farben großes Aufsehen erregt hatte, deshalb seines Amtes entsetzt war, indes allgemeine Achtung genoss und seine Wiedereinstellung erwartete. Hier traf ich auch den Freund des Dichters Hoffmann, den bekannten Hitzig, und machte Bekanntschaft mit Willibald Alexis (Häring), der mit vieler Wärme von Dänemark und den angenehmen Stunden, welche er bei Oelenschläger verlebt hatte, sprach. Es erregt ein eigenes, behagliches Gefühl in einem fremden Lande seine Heimat loben zu hören; da fühlt man erst recht, dass man doch Bein von deren Bein und Fleisch von ihrem Fleisch ist, so dass jeder Tadel und jedes Pfeifen, welche darüber ergehen, auch auf mich zu fallen scheinen, ein so geringer Teil wir auch davon sind; allein hier geht es wie überall, man legt das Vaterland in die eine Wagschale und sich selbst in die andere.
Der Abend verstrich unter Vorlesungen, Gesang und Fröhlichkeit; hätte ich hier St. Peters Brillen oder v. Tützens (v. Meister Floh von Hoffmann) mikroskopisches Glas gehabt, womit man in den Leuten schauen konnte, was sie dachten, dann würde dies Berliner Kapitel das anziehendste auf der Reise hier im Kreise der Dichter sein: Dann würden wir sehen, wie hier in einem Kopfe ein ganzer Liebesroman spukte, hier ein Bändchen niedlicher Lieder; dort Polemik, hier Politik; da - - hier war auch wohl ein Kopf, der rein gar nichts enthielt. Vieles war hier, welches mich nach Dänemark versetzte, besonders die warme Liebe, womit man den König nannte, dessen Gesundheit eine der ersten war, welche wir tranken.
Erst spät am Abend schieden wir von einander. Die Nacht brachte Schlaf und Ruhe und der nächste Tag neue Dinge, die ich noch nicht gesehen hatte.
Das Museum ist nur an gewissen Tagen in der Woche zu sehen; allein Fremde haben dort zu jeder Zeit Zutritt, wenn sie dem Kastellan ihren Pass vorzeigen können. Das Gebäude hat etwas dem Auge Imponierendes; eine hohe Treppe nimmt fast die Breite der ganzen Fassade ein; Säulen und Bogen erheben sich auf eine gefällige Weise über derselben; man tritt in eine mit Antiken verzierte Rotunde; eine Reihe von Zimmern eröffnen sich, voll dieser herrlichen Schöpfungen des Altertums. Geschmack und Eleganz zeichnen das Ganze aus. Eine Treppe höher tritt man in die Bilder-Galerie, welche an königlicher Pracht die Dresdner und Kopenhagener übertrifft, an Werte aber mit diesen sich nicht messen kann. Der Boden war poliert und Aufwärter in neuen Livreen mit Silbertressen standen an den Türen. Übrigens findet man hier Gemälde der größten Meister; nur fielen mir die vielen hässlichen Ideen, welche darin ausgeführt waren, auf. Besonders war hier der Fall mit den zusammengehörenden Stücken des Hieronymus Bosch, welche die Schöpfung, das Jüngste Gericht und die Hölle darstellten; das Jüngste Gericht zeigte so hässliche Bilder, dass ich nicht wage, sie in ihrer ganzen Ekelhaftigkeit zu schildern. Ich stieß auf mehr als einen Christuskopf von Hugo van der Goes, welche gewiss für Meisterstücke gelten konnten, weil sie wie aus der Natur gegriffen waren; indess hier waren sie bis zum Ekel ausgeführt. Die Dornenkrone war dem Erlöser tief ins Haupt gedrückt, so dass die dicken Blutstropfen hervordrangen; jede Ader war aufgeschwollen; die Lippen schwarzblau und dicke Schweißtropfen lagen in abstoßender Natürlichkeit auf dem ganzen Gesichte. Es hatte für mich etwas Empörendes. Das poetische des Schmerzes sollte der Maler ausdrücken, nicht das prophetisch Hässliche! Ich kann die hässlichen Bilder nicht vergessen; sie sind mir lebhafter im Gedächtnis geblieben, als Guido Renis „Fortuna", van Dyks „Sendung des heiligen Geistes" und Michel Angelos „Begräbnis Christi," die ich hier auch sah.
Fünf Tage vergehen im großen Berlin wie ein Augenblick; man weiß im Grunde nur, dass sie anfingen und verliefen; doch erhielt ich auf den weiten, langen Straßen noch genug des gesegneten Staubes und eine Menge Berliner Witz, welcher mich lebhaft an die Kellermannskrankheit (?), die im vorigen Winter bei uns grassierte, erinnerte. Auf der Polizei, wo ich mich vor meiner Abreise persönlich melden musste, fragte man mich, nachdem man aus meinem Passe ersehen, dass ich in Fuhnen geboren sei, ob ich ein Finnländer wäre? Chamisso war der Letzte, dem ich Lebewohl sagte! Auf seinem Tische fand ich eine Menge guter Freunde: Tristan und Isolde, Kaiser Detavianus, Peter mit dem Silbernagel und die schöne Magellone und man konnte ihnen anmerken, dass man hier mehr mit ihnen verkehrte, als ich (?), sie sahen so lachend aus; vielleicht hatte der Dichter gelobt, ihnen neue Kleider und Manieren zu geben, damit sie wieder in die Welt und in gute Gesellschaft kommen könnten. Ehe wir uns trennten, schrieb der Dichter mir dies kleine Impromptü zur Erinnerung, welches ich hier neben meinem Schattenriss von Berlin hängen will:
O lasset uns in dieser düstern bangen Zeit,
Wo hoch anschwellend donnernd der Geschichte Strom
Die starre, lang gehegte Eisesdecke sprengt,
Das neue Leben unter Trümmern bricht hervor,
Und sich in Stürmen umgestalten will die Welt;
O lasset uns, ihr Freunde, - rings verhalt das Lied
Und unserm heitern Saitenspiele lauscht kein Ohr! -
Dennoch die Göttergabe des Gesanges treu
Im reinen Busen hegen, wehren, dass vielleicht
Wir hochergraute Barden einst die Sonne noch
Mit Hochgesang begrüßen, welche das Gewölk
Zerteilend die verjüngte Welt bescheinen wird.
Prophetisch, Freunde, bring' ich dieses volle Glas
Der fernen Zukunft einer besseren Liederzeit.
Der Weg zur Heimat führte durch das Brandenburger Tor. Ich warf der Göttin des Sieges, welche mit ihren stolzen, ehernen Rossen ganz andere Szenen gesehen hatte, als ich, ein Lebewohl zu. In ihren jungen Tagen soll sie so gestanden haben, als fahre sie aus Berlin heraus. Da sie aber wirklich damit Ernst machte und nach Paris gezogen war, ließ man sie nach ihrer Rückkehr mit dem Gesicht nach der Stadt gekehrt aufstellen und es ist auch besser, dass der Sieg in eine Stadt einzieht als seinen Auszug daraus hält.
Meine Reisegesellschaft bestand dieses Mal aus einem Bäcker, zwei Müllerskindern, d. h. einem Er und einer Sie; die letzte können wir „die schöne Müllerin" nennen; außerdem war noch eine alte Gouvernante und ein - ja entweder war es ein echter Schneider oder ein unechter Poet, vielleicht beides zusammen. Wir freuten uns alle über die grünen Bäume, solange wir deren zu sehen hatten, über das hübsche Sommerschloss Charlottenburg, wo die Spree sich durch grüne Wiesen schlang, welche alsbald Sand und Fichtenpartien Platz machten.
Spandau begrüßt uns mit seinen hohen alten Mauern; meist alle Einwohner alldort, mindestens diejenigen, welche wir sahen, waren in Soldatenuniformen. Es zeigte sich uns, dass Preußen wirklich ein militärischer Staat ist; ich beobachtete besonders einen alten Spandauer Graubart, welcher sich auf das Geländer am Flusse lehnte; er würde manch Kriegsabenteuer haben erzählen, unserm geistigen Auge manchen Kampf im tiefen Walde und auf unabsehlichen Ebenen haben vorführen können. Er nickte uns freundlich: guten Morgen und wir rollten hinweg von der alten Stadt.
Die Sonne brannte wie Feuer und die Gegend begann ihre abgenutzte Seite herauszukehren, es war, als ob wir über eine Landkarte fuhren, so flach lag das Ganze, ja endlich kroch die schöne Natur in einen Grashalm zusammen, der hier und dort wankte. Der Bäcker, welcher ungeheuer an Hitze und Furcht vor der Cholera litt, prustete und stöhnte. Er führte 5 oder 6 Flaschen Wein bei sich, worunter etwas war, was er Choleratropfen nannte und welche er eine nach der andern leerte; zuletzt fing er an aus Verzweiflung sich aufs Jodeln zu legen, dies klang wie ein radebrechter Jammerschrei, zuletzt, da die Flaschen immer lustiger wurden, ward er ganz poetisch und fing an zu deklamieren, er gab einige fürchterliche Gedichte vom Tode, Satan und der weißen Frau. Alles ging in einem Tone.
Nun kam die Sonne auch in den Wagen, um die Herrlichkeit mit anzusehen; auf dem Wagen begann es zu stäuben, so dass wir die Fenster aufziehen mussten. Da saßen wir nun 6 Seelen in 6½ Leibern, denn der des Bäckers konnte für 1½ gelten. Er kam in Schuss; die kleinen Wassertropfen traten ihm aufs Gesicht hervor, sein Nachbar, der junge poetische Schneider saß vor Hitze bleich und sagte bei jedem Werke: „jöttlich!". Die alte Gouvernante sah so vornehm aus und roch in einem fort an einer Zitrone, während ich auf alle Weise meine armen Beine auszustrecken trachtete und dieselben endlich zwischen die schöne Müllerin und deren Bruder einbohrte, sie schliefen und nickten im Schlafe, wie zwei Kuhblumen im Felde, wenn's windig ist. Der Bäcker nahm es für Nicken des Beifalls und erhob die Stimme stärker; da fuhr ein kohlschwarzer Kopf mit Bellen und Heulen aus dem Arbeitsbeutel der Gouvernante hervor, hier hatte sie ihren Hund versteckt, da Hunde nicht in den Wagen genommen werden dürfen; er hatte sich bisher ruhig verhalten, verlor nun aber die Geduld. Es gab einiges Gebell, so dass das schlafende Geschwisterpaar und wir andern halb tot im Wagen auffuhren und mit den Köpfen in das große Netz, welches von der Decke mit unsern Stöcken, Regenschirmen und andern kurzen Waren herabhing. Die schöne Müllerin hatte dorthin auch ein großes Papier voll Streuzucker gesteckt, welcher nun losbrach und auf den armen Bäcker herabströmte, der im Gesichte aussah wie eine lebendige Wasserquelle. Zum Glück waren wir nahe bei einer Stadt, ich glaube es war Pensin, hier fand er Trost und wir übrigen Präliminarien zum Ruhen, d. h. kaum hatten wir uns niedergelegt, so blies der Postillon und wir wurden wieder in unser wanderndes Gefängnis eingeschichtet. Der Bäcker redete nun nicht weiter in Versen, sondern vermöge einer Ideen-Assoziation kam er vom Hunde der Gouvernante zu Goethes Faust, wo besonders der Hund gut entzaubert wird; er hatte dies Stück in Berlin gesehen und setzte es ebenso hoch als Rollas Tod, welcher sein Lieblingsstück war, denn er hatte in seiner Jugend einmal als wilder Mann darin mitgespielt. Die schöne Müllerin und ich unterhielten uns über die ver- schiedenen Arten Käse und ich stieg ziemlich in ihrer Achtung, da ich ihr die Art der finnischen Brechkäse zuzubereiten lehrte. Inzwischen ging's in laufendem Galopp vorwärts und so oft ich aus dem Wagen hinaussah erblickte ich weißen Sand und dunkles Fichtengehölz, so dass die einzige poetische Blume, welche in meinem Herzen sich entwickeln konnte, die preußische Sandblume war.
Ja Preußen wär' ein schmuckes Land,
Hegt es nur etwas minder Sand
Und mehr des Waldes Grün.
Doch jetzt schreibt ja doch jedermann,
Da bringt schon mancher Sand sich an,
Und Sand muss man beziehn.
Doch schriebe man auch tausend Jahr
So rasch als nun und rascher gar,
Und wär' ohne End und Ziel,
Und wär' die Sandbüchs Preußenland,
Es fände jeder doch noch Sand!
Und das sagt doch sehr viel.
Der göttliche Schneider saß sicherlich ebenfalls in poetischen Gedanken, allein da er seinen Platz zwischen Knochen und Fleisch d. h. zwischen der Gouvernante und dem Bäcker hatte, musste er einen Schwanenhals machen, um aus dem Fenster hin- auszusehen, und das war gerade vor einer großen Distel vorbeikamen, die hier als Symbol der Fruchtbarkeit stand, lispelte er mit einem Blicke auf den Bäcker, als ob er seine Bekanntschaft mit der Literatur dartun wollte:
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heide
Dann stockte er aber ganz verlegen und sah auf sein Taschentuch nieder, womit er spielte, indem er vermutlich fürchtete, der Bäcker möchte diesen Ausbruch als eine Anspielung auf sich ansehen, denn er saß wirklich mit seinem runden, roten Gesichte hier wie ein Röslein rot, Röslein auf der Heide. Wir fuhren in einem fort; es war, als ob ein ewig grünes Lattenstück mit weißen Flecken ins Wagenfenster gespannt wäre, keine Abwechslung in der ganzen Gegend. Ich hätte Gott gedankt, nur den letzten Akt aus den drei Tagen aus dem Leben eines Spielers zu haben, dessen ich verlustig gegangen war; hier könnt' ich ihn brauchen. Wir kamen an einer Stelle vorbei, wo in alten Zeiten ein Galgen gestanden hatte; allein dies Phantasiestück war auch bereits weg. Ich möchte selbst eins schaffen; es nimmt sich so aus:
Der erste Tag - des erinner' ich mich wohl,
Vor einem Schlosse da war ein Ort,
Mann hängt' an den Galgen einen dort.
Mein Vater war's, zahlt' als Dieb seinen Zoll
Die Mutter steckte man in ein Loch.
Ein elendes Schloss eröffnet sie leicht,
Worauf sie mit mir in den Wald entweicht.
Und so entkamen wir glücklich noch,
Ein Knäblein war ich damals erst.
Der andre Tag - wie vergeht doch die Zeit,
Neunzehn Jahre sind fast eine Ewigkeit.
Ich wurde verliebt - ein verdreheter Kopf,
Wär' ich nur geblieben ein ehrlicher Tropf!
Was die Liebste wollte, das war mir Gebot,
So machte ich mich zu der Liebe Spott.
Sie war wie die andern von Evas Geschlecht,
Ein Dieb nun ward ich und Mammonsknecht,
Und das soll ja niemand doch sein.
Der dritte Tag - ja dass er vergehen mag,
Ich arte meinem Vater wohl nach;
Die Mutter ging vor Hunger schon lang,
Ich aber mach einen kürzern Gang.
Etwas hoch sind stets die Ideen mir gegangen,
Nun bring ich's auch hoch - ich werde gehangen.
Vielleicht sieht die Liebste das alles mit an
Und fand sich ein mit Kind und mit Mann,
Zu sehen wie zappelt beim Hängen der Dieb.
Die dunkle Nacht brachte uns ein Abenteuer oder richtiger eine komische Szene; nur schade, dass dieselbe dramatisch als episch war, und sich also minder gut erzählen als ausführen lässt. Vor einem der hüb- schen zweistöckigen Gasthöfe mit gereifelten Säulen in der Wand und der schönen Faeaden, welche man auf der Straße von Berlin nach Hamburg antrifft, hielten wir an, um die Pferde zu wechseln. Wir stiegen alle bis auf die Gouvernante mit ihrem Schoßhund aus, um uns in der angenehmen Gaststube ein wenig zu erfrischen. Die alte Dame war inzwischen in Schlaf gesunken und träumte von ihrer blühenden Jugend, da sie eine Rose war, denn jede Kornelkirsche ist ja einst eine solche Blume gewesen. Endlich erwacht sie; außer
ihr und ihrem Hunde befindet sich niemand im Wagen; sie sieht hinaus, alles dunkel und totenstill, kein Licht scheint durch die Fenster auf den Hof, die Pferde sind ausgespannt, kein Mensch ist draußen; sie stößt einen Schrei aus, glaubt man ist abgereist, habe sie mitten im preußischen Sande vergessen; einsam sitzt sie in der finstern Nacht hier auf der Landstraße. Wir befanden uns alle in dem entgegengesetzt gelegenen Gastzimmer; es war noch nicht angespannt und wir konnten noch einige Minuten verweilen; wir hörten den Schrei und fuhren alle aus dem Hause hervor, um zu helfen; wir stürzten an den Wagen und rissen die Tür auf. Allein nun wurde ihr Schrecken noch größer, denn sie bildete sich ein, überfallen zu werden. Sie schrie, der Hund heulte, wir überriefen einander, um Aufklärung zu erhalten, die sich indess nicht so leicht erlangen ließ.
Bald rollten wir wieder von dannen! Die preußischen Wege sind herrlich, es ist, als ob man auf einer Diele hinführe; allein die Gegend - kann man, glaube ich, am besten durch geometrische Proportionen beschreiben. Die preußischen Wege ver- halten sich zur Gegend hier, wie die Gegend zwischen Hamburg und Lübeck zum dortigen Wege. Das ist ein hartes Wort, aber es ist nicht minder hart, so viel Sand sehen oder zwischen Hamburg und Lübeck fahren zu müssen.
Ludwigslust mit seinem Schlosse, seinen großen Gärten und den breiten Alleen lag vor uns. Ein Fenster in dem Gasthof, wo wir abgetreten, stand offen, ein Spatz setzte sich hinein und zwitscherte lustig - ich weiß nicht, allein sowohl der Vogel als sein Organ kamen mir bekannt vor: Es war sicherlich die nämliche kleine Person, welche am letzten Morgen meines Aufenthaltes in Dänemark vor meinem Fenster sich vernehmen ließ, welche ich aber damals nicht ver- stand; sollt' es ein Rezensent sein? Gern wollte ich nun in Versen und Prosa malen, wie wir hinter Ludwigslust von Ort zu Ort fuhren, wo im Grunde nichts zu sehen war; doch das können wir auf alle Fälle selbst abbüßen. Gern wollt' ich die romantische Gegend bei Lauenburg zeichnen, wo allerdings weder Wald noch Fluss, weder Weinberge noch Ruinen sich befanden, und welche doch romantisch war. Es waren ungeheure Sandbänke und dahinter wiederum Sandbänke! Es sah aus, als ob das Meer kürzlich hier geflüchtet und jene zurückgelassen hätte. Bald war der Weg so breit, dass er selbst nicht wusste, wo er eigentlich ende; bald lief er mitten durch diese weißen Berge, wo der Wagen tief einsank und fast nicht aus der Stelle kam. Man bedenke, dass Mondschein war und wir draußen weder ein lebendes Wesen hörten noch sahen. Wie gesagt, ich wollte dies malen, Hamburg und Lübeck, auf der Heimreise malen, da ich nun zur Ruhe gekommen bin innerhalb Kopenhagens Mauern; allein indem ich die Feder ergreife, sitzt der kleine Vogel vorm Fenster und zwitschert ebenso, als da ich verreiste und wie er in Ludwigslust trillerte. Ich glaube auch, dass er das näm- liche sagt; das ist nun zum dritten Male.
Er muss ein Rezensent sein, denn er versetzt mich in üble Laune! Es kommen also keine Reisebilder mehr, nicht einmal von dem herrlichen Meere, welches indess auch übel aufgelegt war, als ich heimzog; allein es stand ihm doch wohl an, dieser finstre Blick, dieser frische Wind, welcher ins Segel griff und die schwarzen Rauchsäulen hoch in der Luft aufwirbelte. Kopenhagens Türme erhoben sich vor uns; sie sahen mir so spitz, so satirisch aus, als ob sie ein Bild derjenigen Feder wären, welche vielleicht auf meine Reisebilder kritzeln wird.
Der Maler geht hinaus in Gottes freie Natur, skizziert sich da den einzelnen Baum, das einzelne Blatt, welche durch ihre Schönheit oder besonderen Charakter seine Aufmerksamkeit erregen, und sammelt sich so eine Menge Studien, von welchen er nachmals in seinen Kompositionen Gebrauch macht. Des Dichters Skizzenbuch ist dagegen sein eigenes Herz. Hier prägen sich die großen Lebensbilder ab, welche nachher in seinen Werken hervortreten. Ich habe meinen Freunden und Nichtfreunden in der besten Absicht diese losen Skizzen, diese Schattenrisse von einer kleinen sechswöchentlichen Reise vorgelegt. So wie ich jede Einzelheit sehe; bringe ich dieselbe, bevor das Ganze nun schnell zusammenschmilzt zu einem einzigen Stücke aus meinem Leben: Eine hübsche Sommerlandschaft mit dem stillen Meere, die fremden Länder mit ihren Menschen und hohen Bergen, mit Wäldern zwischen den leichten Nebelwolken. Immerfort zwitschert der Vogel draußen, keinen rechtschaffenen Gesang kann er ausführen, piepen und schlagen ist alles, was er vermag.
Nun will ich schnell abbrechen; aber dies Lebewohl hat ganz etwas Eigenes. Es ist wunderbar, so seine Gedanken und Träume in die Welt hinausflattern zu lassen. Mancher wird finden, dass ich wirklich gab, was ich sah und fühlte, während andere die Bilder durchnehmen werden, als gingen sie ein Schul- Exerzitium durch, um die Fehler darin aufzufinden. Hier ist ein Strich zu krumm, hier einer zu gerade, hier ein Komma vergessen usw. Bitterkeit, vornehmes Wesen, Strenge sind die Erzieher eines jungen Dichters! Drei solche Meister müssen ja wohl recht weit bringen - oder das Ganze auslöschen.
Manch kleiner Vogel, der im Wald singt, würde gewiss, sollte er so für jeden Gesang, den er anstimmt, Schulrecht über sich abhalten lassen, bald schweigen und sich hinter dem grünen Gehege totgrämen. Allein der Dichter -
Nicht hemmet Rühmen ihn, nicht Tadelsucht,
Die Blume reift trotz Sonn' und Stürm' zur Frucht.
Sehn und Betrachten ermüdet fast,
Unter den Linden erging sich alle Welt
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Die Gassen stauben, bie Jugend tuts mit,
Das Auge schmerzet, kaum das es sieht.
Echte Berliner Witze findet man hier,
Und köstlich sind sie, man glaube mir;
Doch wollte man sie zur Schnellpost versenden,
Zu schwer wird's, man könnt's nicht dran verwenden.
Man schnurret das R, mein Jott wird gesagt,
Sonst haben recht gut mir die Leute behagt.
Durchsiebt man die Stadt in die Kreuz und Quer,
Zu groß ist sie, geht in den Vers nicht hierher.
Moral.
Merkts euch: Sehr feine Moral ist zu ziehen
Aus dem Wesen, das herscht im großen Berlin.
Dies ist das Resultat meines ersttätigen Umherschweifens in Preußens Hauptstadt. Sollte es praktisch genug sein, so erwäge man sich, dass es ein echtes Berliner Erzeugnis ist, mitten im Sande entsprungen. Ich kann nichts dafür, allein es ist wahr, Berlin behagt mir übel. Alles ist darauf angelegt, zu frappieren; doch sind die Häuser nicht hoch, sondern auseinander gezogen, damit die Straßen desto länger wurden. Sie kamen mir vor als wie Theater- Dekorationen. Man sagte auch, die Stadt nehme sich im Winter und bei Lichte am besten aus; das ist bedenklich! Kommt man von den Bergen, so hat man die Riesenbauten der Natur gesehen, dann erscheint alle diese Größe so klein; die hübschen Formen behagen dem Auge wohl, allein das Ganze steht so leer! Und ich kann einmal die Formen nicht venia verbo - für die Hauptsache ansehen.
Die Soldaten waren wie gegossen, hatten einen gewissen Anstand und glichen unsern Offizieren, nur waren sie meist größer als diese.
Mit einem Empfehlungsbriefe von unserm Oersted besuchte ich den Dichter Albert von Chamisso. Er ist bekanntlich ein Franzose von Geburt, war Offizier, machte dann als Naturforscher eine Reise um die Erde und ist jetzt in Berlin am Botanischen Garten angestellt. Ich war sehr begierig, ihn zu sehen, den Verfasser von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte; ich trat ein und - Peter Schlemihl stand lebend vor mir, wenigstens in derselben Gestalt, als er auf dem Kupferstiche im Buch abgebildet ist. Eine hohe, hagere Gestalt mit langen, grauen Locken auf die Schultern hinab und einem offenen und gutmütigen Gesichte. Er war in einem braunen Schlafrocke und ein Haufen rot- wangiger Kinder spielte um ihn her. Mit der innigsten Herzlichkeit bot er mir Willkommen, und ich hatte nun einen Bekannten in der fremden Stadt. Abends ward im Opernhause Webers Oberon aufgeführt; ich war sehr erfreut darüber, und, obgleich ich mir einen gesperrten Sitz genommen, war ich doch einer der Ersten drinnen. Hier sollte ich ja erst eine rechte Vorstellung von einer Oper erhalten, die Dekorations-Malerei als eine eigne Kunst behandelt sehen, und kennen lernen, was die Maschinerie zu leisten vermag. Nach der Ouvertüre wurde Da Capo gerufen, der Vorhang rollte auf, und während jene wiederholt ward, hatte man Zeit, die prachtvollen Dekorationen und die niedlichen Gruppen zu betrachten. Oberon lag hier nicht, wie bei uns in einem soliden Bette, nein, die ganze luftige Halle war mit Lilien besetzt, und auf einer von diesen lag er im schwankenden Kelche und rings in den andern Lilien standen lächelnde Genien, während die größeren im leichten, luftigen Tanze umherschwebten. Jede Dekoration war ein eigenes Kunstwerk, sowie das Arrangement des Ganzen; allein die Maschinerie war im Verhältnis zu den Mitteln schlecht. Ich nenne sie schlecht, denn die Wolken blieben auf halbem Wege hängen, so dass die Genien ihnen herunterhelfen mussten; ferner konnte man an der übrigens herrlichen Meerdekoration des zweiten Akts, wo die Luft ganz täuschend dargestellt war, aber durch die Himmelsdecke in die Balken sehen, wenn man mitten im Parkett auf der zweiten Bank saß. Die ganze Luftbeleuchtung war herrlich; man sah die Sterne nacheinander hinaufkommen; wären die Balken nicht mit zum Vorschein gekommen, so wäre es vortrefflich gewesen! Mit den Verwandlungen ging es auch när- risch, und im Hafen von Astrachan sah man einen Maschinenkerl übers Wasser laufen, was mir sehr auffiel, obgleich ich dies Experiment von der Heimat her kannte. Man sagte mir übrigens, dass es sonst nicht so unglücklich ablaufe als an diesem Abend - dass die Maschinerie hier ein wahres Kunstwerk sei, - es war also an diesem Abend ein Missgeschick, allein ich darf es nicht unangeführt lassen. Kann dergleichen aber auch auf dem großen Berliner Theater stattfinden, wo die Mittel so mächtig sind, was sollen wir da von unserm kleinen sagen, wo diese fast gänzlich fehlen. Eine Madam Walker, geborne Gehse, erste Sängerin vom Dresdener Hoftheater, gab die Rezia. Das Spiel - ja ich darf nicht als Kritiker auftreten - allein bei den meisten Sängerinnen darf man ein Fragezeichen daneben setzen. Sie verbeugte sich auf deutsche Art bei jedem Applaus, und als sie am Schlusse gerufen ward, war sie gerührt - natürlich! Denn auf's Spielen hatte sie sich kaum eingelassen; sie sagte uns einige Worte zum Dank und versprach, bald wiederzukommen; allein ihr Gesang war herrlich. Herr Bader spielte und sang Hüons Rolle; er ist ein rechter Mann, bei dem ich den Schauspieler und Sänger antraf. Ein Pas de deux von Herrn und Madam Taglioni und eines von Mademoiselle St. Romain und Herrn Stüllmüller machte, was man hier nennt, großes Glück, und waren gewiss dieses Beifalles wert.
Weit besser ging es mit der Maschinerie im Königsstädtischen Theater; hier war ich einige Abend später und sah ein großes romantisches Zauberspiel von Adolph Bäuerle mit neuen Dekorationen und neuer Maschinerie, betitelt: Lindane oder der Pantoffelmacher im Feenreiche. Es war ein Mischmasch von Unsinn, eine Wassersuppe mit hüb- schen Melodien aufgefärbt und mit Dekorationen verziert. Ich glaube etwas Ähnliches einmal geträumt zu haben, wenigstens war hier der lose Zusammenhang, wie er in Träumen stattzufinden pflegt. Unter den Melodien zeichnete sich ein Weine- Duett, ein Spinnelied und eine große Singenummer aus, welche aus gewiss 40 Melodien aus der Stummen, dem Freischützen, Don Juan zusammengesetzt war. Demoiselle Vio, eine ausgezeichnete Szenenkünstlerin, führte dieselbe aus. Ich sah übrigens die beiden berühmten Komiker Schmelka und Spitzeder; letzterer gab den Pantoffelmacher, einen ehrlichen Bürgersmann, welcher an seinem Hochzeitstage einen Brief erhält, dass sein Vetter am Tode liege und er unverweilt kommen müsse; allein er wird auf der Reise durch einen Wald, wo er auf Krähwinklisch einen hölzernen Wegweiser mit sich führt, von einer Fee aufge- fangen, welche ihn so lieb gewinnt, dass sie ihm zuletzt ihren Zauberstab gibt, wobei die Zuschauer eine Reihe Dekorationen und Verwandlungen zu sehen bekommen z. B. „Tivoli", einen Dampfwagen mit Passagieren, welcher durch die Lüfte segelt, und eine ganze Zelt-Dekoration, welche aus einem Becher herausspringt.
Im dritten Theater, dem eigentlich so genannten Schauspielhause bekam ich den ältern Devrient als Onkel Brand im Lustspiel gleichen Namens nach dem französischen zu sehen; mit der größten Natur und Wahrheit gab er diesen Charakter, den Brausekopf mit dem herrlichen Gemüte. Seine Ausführung, Spiel und ganzes Kostüm machten einen so lebhaften Eindruck auf mich, dass mir noch ist, als hätte ich lange mit dem guten Herrn Brand gelebt, hätte mit ihm wirklich im Leben in Verbindung gestanden; ich kann mir Devrient in keiner andern Rolle denken, ohne dass sein Onkel Brand hindurchscheinen müsste und doch ist es kein Zufall, dass er seinen Charakteren eine große Verschiedenheit soll geben können. Shylock im Kaufmann von Venedig nennt man als seine Hauptrolle.
In einer großen Stadt ist es ein bequemer Umstand, dass dort mehrere Theater sind, unter denen man wählen kann; allein wenn an einem Abend in allen gute Stücke gegeben werden, kann man mit sich selber in Zwiespalt geraten; denn an mehr als höchstens zwei Orte kann man doch nicht gehen. Dies fühlte ich recht eines Abends; die Französische Gesellschaft führte im Schauspielhause drei Vaudevilles von Scribe auf: 1) La devote. 2) La famille Riquebourg. 3) Les premiers amours. - In Charlottenburg ward geben: Der Fächer, ein Lustspiel und der Nasenstüber, eine Posse; im Königstädtischen Theater: Das Mädchen aus der Feenwelt oder der Bauer als Millionär; im Opernhause aber das berühmte Ballet: Die neue Amazone. Hierzu kam noch, dass Chamisso mich in den Tiergarten zu sich eingeladen hatte, wo er mich unter den schönen Geistern Berlins einführen wollte; ich stand wirtlich wie Herkules am Scheidewege und - folgte Chamisso. Im Tiergarten fand ich übrigens keine wilden Tiere, sondern lauter gute Berliner, sehr gut- mütige freundliche Leute. Hier war auf Veranlassung der Rückkehr des Dichters Holtei aus Darmstadt, wo er Vorlesungen gehalten und seine am Königstädtischen Theater engagierte Frau Gastrollen gegeben hatte, ein kleines Fest veranstaltet.
La Motte Fouqué, Raupach, Clauren und Streckfuß waren alle auf Reisen, sonst würde ich hier deren Bekanntschaft haben machen können. Doch waren außerdem noch viele hier, mit denen zusammen- zutreffen, ich mich freute. Mein Platz war zwischen Chamisso und Simrock, einem jungen Dichter, welcher durch ein politisches Gedicht: drei Tage und drei Farben großes Aufsehen erregt hatte, deshalb seines Amtes entsetzt war, indes allgemeine Achtung genoss und seine Wiedereinstellung erwartete. Hier traf ich auch den Freund des Dichters Hoffmann, den bekannten Hitzig, und machte Bekanntschaft mit Willibald Alexis (Häring), der mit vieler Wärme von Dänemark und den angenehmen Stunden, welche er bei Oelenschläger verlebt hatte, sprach. Es erregt ein eigenes, behagliches Gefühl in einem fremden Lande seine Heimat loben zu hören; da fühlt man erst recht, dass man doch Bein von deren Bein und Fleisch von ihrem Fleisch ist, so dass jeder Tadel und jedes Pfeifen, welche darüber ergehen, auch auf mich zu fallen scheinen, ein so geringer Teil wir auch davon sind; allein hier geht es wie überall, man legt das Vaterland in die eine Wagschale und sich selbst in die andere.
Der Abend verstrich unter Vorlesungen, Gesang und Fröhlichkeit; hätte ich hier St. Peters Brillen oder v. Tützens (v. Meister Floh von Hoffmann) mikroskopisches Glas gehabt, womit man in den Leuten schauen konnte, was sie dachten, dann würde dies Berliner Kapitel das anziehendste auf der Reise hier im Kreise der Dichter sein: Dann würden wir sehen, wie hier in einem Kopfe ein ganzer Liebesroman spukte, hier ein Bändchen niedlicher Lieder; dort Polemik, hier Politik; da - - hier war auch wohl ein Kopf, der rein gar nichts enthielt. Vieles war hier, welches mich nach Dänemark versetzte, besonders die warme Liebe, womit man den König nannte, dessen Gesundheit eine der ersten war, welche wir tranken.
Erst spät am Abend schieden wir von einander. Die Nacht brachte Schlaf und Ruhe und der nächste Tag neue Dinge, die ich noch nicht gesehen hatte.
Das Museum ist nur an gewissen Tagen in der Woche zu sehen; allein Fremde haben dort zu jeder Zeit Zutritt, wenn sie dem Kastellan ihren Pass vorzeigen können. Das Gebäude hat etwas dem Auge Imponierendes; eine hohe Treppe nimmt fast die Breite der ganzen Fassade ein; Säulen und Bogen erheben sich auf eine gefällige Weise über derselben; man tritt in eine mit Antiken verzierte Rotunde; eine Reihe von Zimmern eröffnen sich, voll dieser herrlichen Schöpfungen des Altertums. Geschmack und Eleganz zeichnen das Ganze aus. Eine Treppe höher tritt man in die Bilder-Galerie, welche an königlicher Pracht die Dresdner und Kopenhagener übertrifft, an Werte aber mit diesen sich nicht messen kann. Der Boden war poliert und Aufwärter in neuen Livreen mit Silbertressen standen an den Türen. Übrigens findet man hier Gemälde der größten Meister; nur fielen mir die vielen hässlichen Ideen, welche darin ausgeführt waren, auf. Besonders war hier der Fall mit den zusammengehörenden Stücken des Hieronymus Bosch, welche die Schöpfung, das Jüngste Gericht und die Hölle darstellten; das Jüngste Gericht zeigte so hässliche Bilder, dass ich nicht wage, sie in ihrer ganzen Ekelhaftigkeit zu schildern. Ich stieß auf mehr als einen Christuskopf von Hugo van der Goes, welche gewiss für Meisterstücke gelten konnten, weil sie wie aus der Natur gegriffen waren; indess hier waren sie bis zum Ekel ausgeführt. Die Dornenkrone war dem Erlöser tief ins Haupt gedrückt, so dass die dicken Blutstropfen hervordrangen; jede Ader war aufgeschwollen; die Lippen schwarzblau und dicke Schweißtropfen lagen in abstoßender Natürlichkeit auf dem ganzen Gesichte. Es hatte für mich etwas Empörendes. Das poetische des Schmerzes sollte der Maler ausdrücken, nicht das prophetisch Hässliche! Ich kann die hässlichen Bilder nicht vergessen; sie sind mir lebhafter im Gedächtnis geblieben, als Guido Renis „Fortuna", van Dyks „Sendung des heiligen Geistes" und Michel Angelos „Begräbnis Christi," die ich hier auch sah.
Fünf Tage vergehen im großen Berlin wie ein Augenblick; man weiß im Grunde nur, dass sie anfingen und verliefen; doch erhielt ich auf den weiten, langen Straßen noch genug des gesegneten Staubes und eine Menge Berliner Witz, welcher mich lebhaft an die Kellermannskrankheit (?), die im vorigen Winter bei uns grassierte, erinnerte. Auf der Polizei, wo ich mich vor meiner Abreise persönlich melden musste, fragte man mich, nachdem man aus meinem Passe ersehen, dass ich in Fuhnen geboren sei, ob ich ein Finnländer wäre? Chamisso war der Letzte, dem ich Lebewohl sagte! Auf seinem Tische fand ich eine Menge guter Freunde: Tristan und Isolde, Kaiser Detavianus, Peter mit dem Silbernagel und die schöne Magellone und man konnte ihnen anmerken, dass man hier mehr mit ihnen verkehrte, als ich (?), sie sahen so lachend aus; vielleicht hatte der Dichter gelobt, ihnen neue Kleider und Manieren zu geben, damit sie wieder in die Welt und in gute Gesellschaft kommen könnten. Ehe wir uns trennten, schrieb der Dichter mir dies kleine Impromptü zur Erinnerung, welches ich hier neben meinem Schattenriss von Berlin hängen will:
O lasset uns in dieser düstern bangen Zeit,
Wo hoch anschwellend donnernd der Geschichte Strom
Die starre, lang gehegte Eisesdecke sprengt,
Das neue Leben unter Trümmern bricht hervor,
Und sich in Stürmen umgestalten will die Welt;
O lasset uns, ihr Freunde, - rings verhalt das Lied
Und unserm heitern Saitenspiele lauscht kein Ohr! -
Dennoch die Göttergabe des Gesanges treu
Im reinen Busen hegen, wehren, dass vielleicht
Wir hochergraute Barden einst die Sonne noch
Mit Hochgesang begrüßen, welche das Gewölk
Zerteilend die verjüngte Welt bescheinen wird.
Prophetisch, Freunde, bring' ich dieses volle Glas
Der fernen Zukunft einer besseren Liederzeit.
Der Weg zur Heimat führte durch das Brandenburger Tor. Ich warf der Göttin des Sieges, welche mit ihren stolzen, ehernen Rossen ganz andere Szenen gesehen hatte, als ich, ein Lebewohl zu. In ihren jungen Tagen soll sie so gestanden haben, als fahre sie aus Berlin heraus. Da sie aber wirklich damit Ernst machte und nach Paris gezogen war, ließ man sie nach ihrer Rückkehr mit dem Gesicht nach der Stadt gekehrt aufstellen und es ist auch besser, dass der Sieg in eine Stadt einzieht als seinen Auszug daraus hält.
Meine Reisegesellschaft bestand dieses Mal aus einem Bäcker, zwei Müllerskindern, d. h. einem Er und einer Sie; die letzte können wir „die schöne Müllerin" nennen; außerdem war noch eine alte Gouvernante und ein - ja entweder war es ein echter Schneider oder ein unechter Poet, vielleicht beides zusammen. Wir freuten uns alle über die grünen Bäume, solange wir deren zu sehen hatten, über das hübsche Sommerschloss Charlottenburg, wo die Spree sich durch grüne Wiesen schlang, welche alsbald Sand und Fichtenpartien Platz machten.
Spandau begrüßt uns mit seinen hohen alten Mauern; meist alle Einwohner alldort, mindestens diejenigen, welche wir sahen, waren in Soldatenuniformen. Es zeigte sich uns, dass Preußen wirklich ein militärischer Staat ist; ich beobachtete besonders einen alten Spandauer Graubart, welcher sich auf das Geländer am Flusse lehnte; er würde manch Kriegsabenteuer haben erzählen, unserm geistigen Auge manchen Kampf im tiefen Walde und auf unabsehlichen Ebenen haben vorführen können. Er nickte uns freundlich: guten Morgen und wir rollten hinweg von der alten Stadt.
Die Sonne brannte wie Feuer und die Gegend begann ihre abgenutzte Seite herauszukehren, es war, als ob wir über eine Landkarte fuhren, so flach lag das Ganze, ja endlich kroch die schöne Natur in einen Grashalm zusammen, der hier und dort wankte. Der Bäcker, welcher ungeheuer an Hitze und Furcht vor der Cholera litt, prustete und stöhnte. Er führte 5 oder 6 Flaschen Wein bei sich, worunter etwas war, was er Choleratropfen nannte und welche er eine nach der andern leerte; zuletzt fing er an aus Verzweiflung sich aufs Jodeln zu legen, dies klang wie ein radebrechter Jammerschrei, zuletzt, da die Flaschen immer lustiger wurden, ward er ganz poetisch und fing an zu deklamieren, er gab einige fürchterliche Gedichte vom Tode, Satan und der weißen Frau. Alles ging in einem Tone.
Nun kam die Sonne auch in den Wagen, um die Herrlichkeit mit anzusehen; auf dem Wagen begann es zu stäuben, so dass wir die Fenster aufziehen mussten. Da saßen wir nun 6 Seelen in 6½ Leibern, denn der des Bäckers konnte für 1½ gelten. Er kam in Schuss; die kleinen Wassertropfen traten ihm aufs Gesicht hervor, sein Nachbar, der junge poetische Schneider saß vor Hitze bleich und sagte bei jedem Werke: „jöttlich!". Die alte Gouvernante sah so vornehm aus und roch in einem fort an einer Zitrone, während ich auf alle Weise meine armen Beine auszustrecken trachtete und dieselben endlich zwischen die schöne Müllerin und deren Bruder einbohrte, sie schliefen und nickten im Schlafe, wie zwei Kuhblumen im Felde, wenn's windig ist. Der Bäcker nahm es für Nicken des Beifalls und erhob die Stimme stärker; da fuhr ein kohlschwarzer Kopf mit Bellen und Heulen aus dem Arbeitsbeutel der Gouvernante hervor, hier hatte sie ihren Hund versteckt, da Hunde nicht in den Wagen genommen werden dürfen; er hatte sich bisher ruhig verhalten, verlor nun aber die Geduld. Es gab einiges Gebell, so dass das schlafende Geschwisterpaar und wir andern halb tot im Wagen auffuhren und mit den Köpfen in das große Netz, welches von der Decke mit unsern Stöcken, Regenschirmen und andern kurzen Waren herabhing. Die schöne Müllerin hatte dorthin auch ein großes Papier voll Streuzucker gesteckt, welcher nun losbrach und auf den armen Bäcker herabströmte, der im Gesichte aussah wie eine lebendige Wasserquelle. Zum Glück waren wir nahe bei einer Stadt, ich glaube es war Pensin, hier fand er Trost und wir übrigen Präliminarien zum Ruhen, d. h. kaum hatten wir uns niedergelegt, so blies der Postillon und wir wurden wieder in unser wanderndes Gefängnis eingeschichtet. Der Bäcker redete nun nicht weiter in Versen, sondern vermöge einer Ideen-Assoziation kam er vom Hunde der Gouvernante zu Goethes Faust, wo besonders der Hund gut entzaubert wird; er hatte dies Stück in Berlin gesehen und setzte es ebenso hoch als Rollas Tod, welcher sein Lieblingsstück war, denn er hatte in seiner Jugend einmal als wilder Mann darin mitgespielt. Die schöne Müllerin und ich unterhielten uns über die ver- schiedenen Arten Käse und ich stieg ziemlich in ihrer Achtung, da ich ihr die Art der finnischen Brechkäse zuzubereiten lehrte. Inzwischen ging's in laufendem Galopp vorwärts und so oft ich aus dem Wagen hinaussah erblickte ich weißen Sand und dunkles Fichtengehölz, so dass die einzige poetische Blume, welche in meinem Herzen sich entwickeln konnte, die preußische Sandblume war.
Ja Preußen wär' ein schmuckes Land,
Hegt es nur etwas minder Sand
Und mehr des Waldes Grün.
Doch jetzt schreibt ja doch jedermann,
Da bringt schon mancher Sand sich an,
Und Sand muss man beziehn.
Doch schriebe man auch tausend Jahr
So rasch als nun und rascher gar,
Und wär' ohne End und Ziel,
Und wär' die Sandbüchs Preußenland,
Es fände jeder doch noch Sand!
Und das sagt doch sehr viel.
Der göttliche Schneider saß sicherlich ebenfalls in poetischen Gedanken, allein da er seinen Platz zwischen Knochen und Fleisch d. h. zwischen der Gouvernante und dem Bäcker hatte, musste er einen Schwanenhals machen, um aus dem Fenster hin- auszusehen, und das war gerade vor einer großen Distel vorbeikamen, die hier als Symbol der Fruchtbarkeit stand, lispelte er mit einem Blicke auf den Bäcker, als ob er seine Bekanntschaft mit der Literatur dartun wollte:
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heide
Dann stockte er aber ganz verlegen und sah auf sein Taschentuch nieder, womit er spielte, indem er vermutlich fürchtete, der Bäcker möchte diesen Ausbruch als eine Anspielung auf sich ansehen, denn er saß wirklich mit seinem runden, roten Gesichte hier wie ein Röslein rot, Röslein auf der Heide. Wir fuhren in einem fort; es war, als ob ein ewig grünes Lattenstück mit weißen Flecken ins Wagenfenster gespannt wäre, keine Abwechslung in der ganzen Gegend. Ich hätte Gott gedankt, nur den letzten Akt aus den drei Tagen aus dem Leben eines Spielers zu haben, dessen ich verlustig gegangen war; hier könnt' ich ihn brauchen. Wir kamen an einer Stelle vorbei, wo in alten Zeiten ein Galgen gestanden hatte; allein dies Phantasiestück war auch bereits weg. Ich möchte selbst eins schaffen; es nimmt sich so aus:
Der erste Tag - des erinner' ich mich wohl,
Vor einem Schlosse da war ein Ort,
Mann hängt' an den Galgen einen dort.
Mein Vater war's, zahlt' als Dieb seinen Zoll
Die Mutter steckte man in ein Loch.
Ein elendes Schloss eröffnet sie leicht,
Worauf sie mit mir in den Wald entweicht.
Und so entkamen wir glücklich noch,
Ein Knäblein war ich damals erst.
Der andre Tag - wie vergeht doch die Zeit,
Neunzehn Jahre sind fast eine Ewigkeit.
Ich wurde verliebt - ein verdreheter Kopf,
Wär' ich nur geblieben ein ehrlicher Tropf!
Was die Liebste wollte, das war mir Gebot,
So machte ich mich zu der Liebe Spott.
Sie war wie die andern von Evas Geschlecht,
Ein Dieb nun ward ich und Mammonsknecht,
Und das soll ja niemand doch sein.
Der dritte Tag - ja dass er vergehen mag,
Ich arte meinem Vater wohl nach;
Die Mutter ging vor Hunger schon lang,
Ich aber mach einen kürzern Gang.
Etwas hoch sind stets die Ideen mir gegangen,
Nun bring ich's auch hoch - ich werde gehangen.
Vielleicht sieht die Liebste das alles mit an
Und fand sich ein mit Kind und mit Mann,
Zu sehen wie zappelt beim Hängen der Dieb.
Die dunkle Nacht brachte uns ein Abenteuer oder richtiger eine komische Szene; nur schade, dass dieselbe dramatisch als episch war, und sich also minder gut erzählen als ausführen lässt. Vor einem der hüb- schen zweistöckigen Gasthöfe mit gereifelten Säulen in der Wand und der schönen Faeaden, welche man auf der Straße von Berlin nach Hamburg antrifft, hielten wir an, um die Pferde zu wechseln. Wir stiegen alle bis auf die Gouvernante mit ihrem Schoßhund aus, um uns in der angenehmen Gaststube ein wenig zu erfrischen. Die alte Dame war inzwischen in Schlaf gesunken und träumte von ihrer blühenden Jugend, da sie eine Rose war, denn jede Kornelkirsche ist ja einst eine solche Blume gewesen. Endlich erwacht sie; außer
ihr und ihrem Hunde befindet sich niemand im Wagen; sie sieht hinaus, alles dunkel und totenstill, kein Licht scheint durch die Fenster auf den Hof, die Pferde sind ausgespannt, kein Mensch ist draußen; sie stößt einen Schrei aus, glaubt man ist abgereist, habe sie mitten im preußischen Sande vergessen; einsam sitzt sie in der finstern Nacht hier auf der Landstraße. Wir befanden uns alle in dem entgegengesetzt gelegenen Gastzimmer; es war noch nicht angespannt und wir konnten noch einige Minuten verweilen; wir hörten den Schrei und fuhren alle aus dem Hause hervor, um zu helfen; wir stürzten an den Wagen und rissen die Tür auf. Allein nun wurde ihr Schrecken noch größer, denn sie bildete sich ein, überfallen zu werden. Sie schrie, der Hund heulte, wir überriefen einander, um Aufklärung zu erhalten, die sich indess nicht so leicht erlangen ließ.
Bald rollten wir wieder von dannen! Die preußischen Wege sind herrlich, es ist, als ob man auf einer Diele hinführe; allein die Gegend - kann man, glaube ich, am besten durch geometrische Proportionen beschreiben. Die preußischen Wege ver- halten sich zur Gegend hier, wie die Gegend zwischen Hamburg und Lübeck zum dortigen Wege. Das ist ein hartes Wort, aber es ist nicht minder hart, so viel Sand sehen oder zwischen Hamburg und Lübeck fahren zu müssen.
Ludwigslust mit seinem Schlosse, seinen großen Gärten und den breiten Alleen lag vor uns. Ein Fenster in dem Gasthof, wo wir abgetreten, stand offen, ein Spatz setzte sich hinein und zwitscherte lustig - ich weiß nicht, allein sowohl der Vogel als sein Organ kamen mir bekannt vor: Es war sicherlich die nämliche kleine Person, welche am letzten Morgen meines Aufenthaltes in Dänemark vor meinem Fenster sich vernehmen ließ, welche ich aber damals nicht ver- stand; sollt' es ein Rezensent sein? Gern wollte ich nun in Versen und Prosa malen, wie wir hinter Ludwigslust von Ort zu Ort fuhren, wo im Grunde nichts zu sehen war; doch das können wir auf alle Fälle selbst abbüßen. Gern wollt' ich die romantische Gegend bei Lauenburg zeichnen, wo allerdings weder Wald noch Fluss, weder Weinberge noch Ruinen sich befanden, und welche doch romantisch war. Es waren ungeheure Sandbänke und dahinter wiederum Sandbänke! Es sah aus, als ob das Meer kürzlich hier geflüchtet und jene zurückgelassen hätte. Bald war der Weg so breit, dass er selbst nicht wusste, wo er eigentlich ende; bald lief er mitten durch diese weißen Berge, wo der Wagen tief einsank und fast nicht aus der Stelle kam. Man bedenke, dass Mondschein war und wir draußen weder ein lebendes Wesen hörten noch sahen. Wie gesagt, ich wollte dies malen, Hamburg und Lübeck, auf der Heimreise malen, da ich nun zur Ruhe gekommen bin innerhalb Kopenhagens Mauern; allein indem ich die Feder ergreife, sitzt der kleine Vogel vorm Fenster und zwitschert ebenso, als da ich verreiste und wie er in Ludwigslust trillerte. Ich glaube auch, dass er das näm- liche sagt; das ist nun zum dritten Male.
Er muss ein Rezensent sein, denn er versetzt mich in üble Laune! Es kommen also keine Reisebilder mehr, nicht einmal von dem herrlichen Meere, welches indess auch übel aufgelegt war, als ich heimzog; allein es stand ihm doch wohl an, dieser finstre Blick, dieser frische Wind, welcher ins Segel griff und die schwarzen Rauchsäulen hoch in der Luft aufwirbelte. Kopenhagens Türme erhoben sich vor uns; sie sahen mir so spitz, so satirisch aus, als ob sie ein Bild derjenigen Feder wären, welche vielleicht auf meine Reisebilder kritzeln wird.
Der Maler geht hinaus in Gottes freie Natur, skizziert sich da den einzelnen Baum, das einzelne Blatt, welche durch ihre Schönheit oder besonderen Charakter seine Aufmerksamkeit erregen, und sammelt sich so eine Menge Studien, von welchen er nachmals in seinen Kompositionen Gebrauch macht. Des Dichters Skizzenbuch ist dagegen sein eigenes Herz. Hier prägen sich die großen Lebensbilder ab, welche nachher in seinen Werken hervortreten. Ich habe meinen Freunden und Nichtfreunden in der besten Absicht diese losen Skizzen, diese Schattenrisse von einer kleinen sechswöchentlichen Reise vorgelegt. So wie ich jede Einzelheit sehe; bringe ich dieselbe, bevor das Ganze nun schnell zusammenschmilzt zu einem einzigen Stücke aus meinem Leben: Eine hübsche Sommerlandschaft mit dem stillen Meere, die fremden Länder mit ihren Menschen und hohen Bergen, mit Wäldern zwischen den leichten Nebelwolken. Immerfort zwitschert der Vogel draußen, keinen rechtschaffenen Gesang kann er ausführen, piepen und schlagen ist alles, was er vermag.
Nun will ich schnell abbrechen; aber dies Lebewohl hat ganz etwas Eigenes. Es ist wunderbar, so seine Gedanken und Träume in die Welt hinausflattern zu lassen. Mancher wird finden, dass ich wirklich gab, was ich sah und fühlte, während andere die Bilder durchnehmen werden, als gingen sie ein Schul- Exerzitium durch, um die Fehler darin aufzufinden. Hier ist ein Strich zu krumm, hier einer zu gerade, hier ein Komma vergessen usw. Bitterkeit, vornehmes Wesen, Strenge sind die Erzieher eines jungen Dichters! Drei solche Meister müssen ja wohl recht weit bringen - oder das Ganze auslöschen.
Manch kleiner Vogel, der im Wald singt, würde gewiss, sollte er so für jeden Gesang, den er anstimmt, Schulrecht über sich abhalten lassen, bald schweigen und sich hinter dem grünen Gehege totgrämen. Allein der Dichter -
Nicht hemmet Rühmen ihn, nicht Tadelsucht,
Die Blume reift trotz Sonn' und Stürm' zur Frucht.
