<< Vorherige Seite
Nächste Seite >>


Buch: Umrisse einer Reise

Abreise. -Meißen. - Der erste Tag in Dresden. - Dahl und Tieck.



Nach dreitägigem Aufenthalte verließ ich das freundliche Leipzig, wo ich mehrere herrliche Menschen kennen gelernt hatte. Meine Reisegesellschaft auf der Schnellpost bestand in zwei jungen Herrn aus Frankfurt an der Oder und einem alten Doktor; dieser war in der dänischen Literatur ziemlich bewandert, fragte, als er meinen Namen hörte, ob ich aus einer Familie mit dem Verfasser des „ster- benden Kindes" sei. Ich erwiderte ihm, dass ich dieser selbst sei, und nun fragte er mich ganz naiv, ob ich ein Kind verloren, als ich es dichtete: Denn er konnte sich nicht denken, dass ich als Junggeselle dergleichen fühlen könne; er war sehr verwundert, zu hören, dass dies Kind noch aus meinen Schuljahren herrührte, wo ich dasselbe mitten unter: katal, katalta etc. fühlte und schrieb.

Am dunkeln Abend reisten wir vor dem Jagdschlosse Hubertsburg und seinen großen Gärten vorbei. Mengs Pinsel soll viele Fremde zur Schlosskapelle locken; wir hatten dazu keine Zeit, auch kein Verlangen nach Gemälden, denn vor uns löste eins das andere ab, indem wir aus dem geöffneten Fenster des Wagens heraussahen. Hier war ein Wirtshaus mit Reisenden, ein Kerl mit seiner Leuchte stand an der Türe; dies war ein Nachtstück. Rembrand würde diese Gattung ausgeführt haben. Dort sah man eine sumpfige Wiese im Morgenlichte, einige wilde Enten plätscherten im Schilf; in dieser Manier komponierte Ruysdael. Dort wieder lag ein Flecken mit halb niedergestürzter Mauer: im Vordergrund saßen unter einem großen Baum ein paar junge Leute und küssten einander, in dieser Manier hätte ich am liebsten gearbeitet. Als wir uns Meißen näherten, nahm die Gegend ein romantischeres Ansehen an, Felsen begannen sich zu erheben, allein mit einem ganz anderen Charakter als die im Harze.

In rotgelben Steinmassen, worauf junge Buchen grünten, hingen sie über unsern Häuptern herein; auf der anderen Seite des Weges lagen die grünen Weinberge mit den rotgedeckten Häusern darauf, und unten schlang sich die Elbe in malerischen Wendungen. Schiffe wurden durch Menschen und Pferde am Fluss heraufgezogen, während andere mit geschwollenen Segeln stromab fuhren. Meißen selbst hat enge Gassen und sah mir so unerquicklich aus, man muss es wie jede treffliche Schilderei nicht mit nahen Augen, sondern das Ganze aus der Ferne ansehen. Ohne eine besondere Anweisung aus Dresden kann man die große Porzellan-Fabrik nicht zu sehen bekommen, ich musste mich also mit einem Teil davon, einem sehr geringen Teil, begnügen, nämlich der Tasse, aus welcher ich im Wirtshaus Kaffee trank, und nach dieser kleinen Probe kann ich mich bei aller Phantasie und dem besten Willen nicht darauf einlassen, einige Notizen von der ganzen Fabrik beizubringen.

Die Domkirche ist ein herrliches gotisches Gebäude; die Sonne schien durch das hohe Fenster, an welchem ein kleiner Vogel, welcher sich hineinverirrt hatte, hin und her flatterte und mit den Flügeln an die Scheiben schlug, um hinauszu kommen. Hierin erblickte ich meiner eigenen Kindheit Walten. Die Kindheit ist auch eine solche heilige, große Kirche, welche die Sonne durch die bunten Fenster so schön bescheint, worin jeder dunkle Winkel ein mächtiges Gefühl erweckt und das einfachste Bild durch seine Beleuchtung und die Sage eine um so tiefere Bedeutung gewinnt; das Werkeltagsleben zeigt sich hier in seinen Sonntagskleidern, Gott und Welt liegen einander weit näher und doch flattert das Herz gleich dem kleinen Vogel hier in der Kirche nach der neuen Zukunft draußen, wo vielleicht ein Jäger hinter dem Busche lauert, um ihm seinen Hagel durch die Schwingen zu jagen.

Der Weg von Meißen nach Dresden ist mit Akazien und Birnbäumen bepflanzt, die Felder sind mit Kohl und Kartoffeln besetzt, es ist ein ganzer Küchengarten! Freundliche Berghöhen mit Weinranken und Laubholz liegen auf beiden Seiten, und hinten zeigt sich Meißen selbst, welches als herrlichster Punkt mit seinem Schlosse und seiner Kirche hoch liegt; eine gemauerte Brücke über die Elbe zeigt sich unter der Stadt; darauf gehen und fahren Leute, ohne sich etwas weniger dabei zu denken, als dass sie dazu beitragen, das Leben, welches das Ganze zeigt, hervorzubringen.

Je weiter man vorwärts kommt, desto höher werden die Berge und bald gewahrt man, wie durch einen blaulichten Schleier, das deutsche Florenz- Dresden mit seinen hohen Türmen und Kuppeln vor sich liegen.

In einem kleinen Dorfe, welches hier ganz romantisch an einer Krümmung der Elbe liegt, hielten wir beim Kruge an. Um die Fenster zog sich ein Spalier von Rosen, runde und gefüllte; wie kindische Mädchenköpfe nickten sie in die Stube hinein, worin die Postknechte in ihren neuen brandgelben Uniformen mit blauen Aufschlägen und die Trompeten auf dem Rücken, saßen. In großen Glaskrügen stand der Landwein auf dem Tische und einige Kinder spielten mit einem kleinen Hunde, welcher mit einem Blumenkranze um den Kopf, auf den Hinterbeinen tanzte.

Hier bekam ich zum ersten Mal Erdbeeren: in Dänemark standen sie schwerlich erst in Blüten. Der Postillon blies und - mit den letzten Erdbeeren in einem Weinblatt hielt ich vor Dresden. Am Tore ward mir der Pass abgefordert, und ich erhielt dafür eine Aufenthaltskarte. Die Neustadt sah mir recht ansehnlich aus, ich hatte mir dieselbe ganz anders vorgestellt; allein als ich an die Augustbrücke kam, welche ich aus Kupferstichen genau kannte, war mir's als sei ich in Träumen einmal hier gewesen; die Elbe walzt ihre gelben Wellen unter die stolzen Bogen; Leben und Treiben herrschte auf dem Flusse noch mehr aber auf der Brücke; Wagen und Reiter jagten auf der Mitte umher, und auf beiden Seiten war eine große Mannigfaltigkeit von Fußgängern; ungefähr über der Mitte des Flusses stand auf einem der Vorsprünge, welche die einzelnen Bogen bilden, ein Christus am Kreuze und ich glaube von Erz. Nun kamen wir zur Altstadt, dem eigentlichen Dresden; die Brühlschen Terrassen mit ihren breiten Treppen lagen uns zur Linken, die katholische Kirche mit ihren Türmen zur Rechten, und gerade vor uns das Tor, welches uns in die Stadt selbst einließ. Dresden erscheint wie der Übergangspunkt vom nördlichen zum südlichen Deutschland und hat einen aus beiden gemischten Charakter; es war die letzte große Stadt, welche ich nach Süden zu in Deutschland sehen sollte. Dieser Gedanke hing sich an mich und bewirkte, dass ich mit einer Art Wehmut in die teure Stadt einfuhr.

Meine zwei Frankfurter wollten im Hôtel de Russie einkehren, ich entschloss mich ihnen Gesellschaft zu leisten und befand mich nachher recht wohl dabei.

Die Stadt hatte etwas Einnehmendes, Freundliches für mich; ich fühlte mich sogleich heimisch darin. Meine erste Ausflucht war nach unserm berühmten Landschaftsmaler Dahl. Ich hatte keinen Empfehlungsbrief an ihn, allein als Däne war ich herzlich willkommen. Wie viel Teilnahme, ja Zeitaufopferung schenkte er nicht mir und andern Landsleuten, welche mit mir zu gleicher Zeit hier waren. Abends wollte er mit zwei Norwegern zu Tieck; dieser große Dichter wollte einem Kreise von Freunden vorlesen: Da ich an ihn von Ingemann ein Empfehlungsschreiben und außerdem zuvor an den Dichter geschrieben hatte, so forderte er mich auf, ihm zu folgen, bat mich aber, nicht die Zeit bei ihm zu verzetteln, sondern in die katholische Kirche zu gehen; es war grade das Fest corpus domini, die meisten Zeremonien waren zwar vorbei, allein ich wollte die Kastraten hören. Ich fand bald den Weg über die Brühlsche Terrasse, welche von Spaziergängern wim- melte; es lag etwas sehr Schönes im Anblicke der Augustbrücke mit ihrem Menschengetümmel, der Elbe mit ihren Schiffen und den Weinbergen längs derselben; allein ich hatte nicht Zeit, ich musste mich beeilen.

Jetzt stand ich in der katholischen Kirche. Wie groß und hell! Die Chöre brausten über mein Haupt hin; auf allen Altären brannte Licht, ringsum in den Seitenkapellen und in den großen Gängen kniete Volk. Die königliche Familie war in der Kirche; ich sah den König mit großer Andacht beten. Drei Priester in Goldmor standen am Altare, und eine Menge Knaben in roten Kleidern mit einem weißen, kurzen Rock darüber schwangen die Rauchfässer, die Kastraten san- gen; es waren nicht Männer- auch nicht Weiberstimmen, es waren wunderbare, nackte Molltöne; es lag etwas so Tiefes, Wehmütiges in ihrem Gesange, als ob des Herzens ganze Sehnsucht sich in Tönen ausspreche, sie machten einen wunderbaren Eindruck auf mich, allein ich fühlte mich nicht froh.

Am Hauptaltare war eine beständige Bewegung, welche den festlichen Eindruck störte, den das Ganze auf mich machte. Chorknaben gingen und kamen mit großen Kerzen und die Priester verneigten sich jeden Augenblick, und ließen die Silberglocke ertönen. Schweizer in gelben Kleidern mit großen Silberstöcken gingen in den Gängen auf und ab, um die Ruhe zu sichern und darauf zu wachen, dass die Böcke von den Schafen wohl geschieden blieben. Leute kamen und gingen. Aber alles war sehr still; ich sah böhmische Weiber und Mädchen, welche mit ihrer Ware auf dem Markt gewesen und mit ihrem Korbe oder Bündel in die Kirche gekommen waren, sie knieten in einem Gange, beteten ihren Rosenkranz und gingen eilends wieder von dannen. In den Kapellen knieten Männer und Frauen vor dem Bilde der Madonna und in manchem Antlitz gewahrte ich die innigste Hingebung und Verehrung. Die Sonne schien durch die Fenster und mischte sich wunderbar mit dem Scheine der vielen Lichter und duftenden Räucherkerzen; hierin und dem Donnern der Musik lag wirklich etwas, welches rasch den Weg zum Herzen fand.

Es war abends 7 Uhr als ich mich mit Dahl und den beiden jungen Norwegern zu Tieck begab; ich sollte nun den Dichter sehen und kennen lernen, mit welchem ich mich so lange und stark geistig beschäftigt hatte; ich dachte nicht an seinen gestiefelten Kater oder Prinzen Zerbin, seine schöne Elfenwelt und die herrlichen Novellen; nein, alles vergaß ich in dem Manne selber, in Deutschlands Tieck; dem Manne, der als Meister einer ganzen Schule dasteht, der romantischen Poesie, dem Dichter, welcher Goethe an Alter, Wert und Bewunderung bei seinen Landsleuten zunächst steht.

Das Zimmer, welches wir betraten, war nicht groß. Hier saß die Familie um den Teetisch nebst einer Anzahl Fremder, meist Auswärtiger. Ich hatte Ingemanns: „Ole Novelose" vom Dichter selbst mitgebracht, sowie meine: Phantasien und Skizzen. Dahl stellte die beiden Norweger und mich als seine Landsleute vor; der Dichter grüßte uns freundlich und hieß uns willkommen. Als ich ihm die Bücher und Ingemanns Brief übergab, nahm er mich freundlich bei der Hand und fragte: ob ich der Verfasser der „Fußreise" sei? Und als ich dies bejahte, sagte er mir eine Verbindlichkeit, wünschte mir Willkommen in Deutschland und fragte nach Ingemann, auf den er viel hielt. Welcher Ausdruck lag in seinem Blick! Nie sah ich ein offneres Gesicht, kein Ton war so gutherzig und blickte man ihm in die großen, blauen Augen, dann musste man Vertrauen zu ihm gewinnen, nicht den Dichter bloß liebte ich, der Mensch war mir jetzt nur teuer! Ja, so hatte ich mir ihn vorgestellt, als ich die Elfen las; allein so oft hatten meine Träume fehlgeschlagen, dass ich zuweilen glaubte, in der Wirklichkeit ist er vielleicht ein steifer, vornehmer Hofrat, und dies würde mich völlig abgestoßen haben. So war auch meine Vorstellung von Goethe, und dies hatte mir die Lust genommen, den großen Dichter zu sehen; er erhebt sich, dünkt mir, am schönsten, wie der Kirchturm in der Ferne. Nicht so ist es mit Tieck; ist man mit ihm eine halbe Stunde zusammen gewesen, so vergisst man den Dichter über dem Menschen.

Die Gesellschaft bestand aus Leuten von ver- schiedenen Ländern, einer war aus Amerika, der andere hatte eine Reise um die Erde gemacht, hier waren Norweger, Deutsche, ich war der einzige Däne. Tieck liebt Holberg, den er in einer alten deutschen Übersetzung hat, woraus er zuweilen und zwar ganz vortrefflich vorliest. An diesem Abend las er den zweiten Teil von Shakespeares Heinrich IV. Er braucht die Personen, wenn er liest, nicht zu nennen, er spielt jede so, dass man sogleich weiß, wer es ist. Besonders die komischen Szenen gab er ganz meisterlich und es war unmöglich sich des Lachens über Falstaff und Frau Hurtig zu enthalten. Bis wir abends aufbrachen, bat Tieck mich, ihn, während ich in Dresden sei, öfter zu besuchen und bereitete mich auf die Genüsse vor, welche mir in der Sächsischen Schweiz und der Bilder- Galerie bevorständen; die letztere war unglücklicherweise geschlossen, weil die Bilder neu arrangiert wurden; allein Dahl hat mir versprochen, mich am folgenden Morgen da hinaufzubringen, wo doch wenigstens die besten Sachen alle aufgehängt waren. Ich sagte Tieck gute Nacht; Dahl wies mir den rechten Weg ins Quartier.

- Dies war der erste Tag in Dresden. -




Bücher, Kapitel und Auszüge finden
 

Gern gelesen:

Hafen Hamburg Johannes Martin Schupp berichtet über die sozialen Verhältnisse im Hamburger Hafen. Erscheinungsjahr: 1908
über Lexikus
Impressum
Impressum Impressum