www.Franz-Gabriel.info- Leseprobe -
Wenn ich in New York aufgewachsen wäre, ja,
dann hätte mich dieser Virus wohl nie gepackt. Aber ich stamme nun einmal
aus Mallersdorf, das genau so ist, wie es heißt. Eben Mallersdorf. Ein
schöner Flecken mit jeder Menge an freundlichen und herzlichen Menschen. In
Niederbayern, im Dreh- und Angelpunkt des Dreiecks Regensburg, Straubing und
Landshut. Jedenfalls ungefähr.
Das ist aber auch fast das einzige, in dem
Mallersdorf im Mittelpunkt steht.
Nicht, dass man mich
falsch versteht, ich liebe meine Heimat und meine Freunde und Nachbarn, aber
irgendwann wurde mir der Kragen zu eng. Und so zog es mich in die Welt. Und
wer meint, nur im Kino oder im Fernsehen könne man heute noch Abenteuer
erleben, der irrt. Das geht auch mit Pauschalreisen, Last-Minute-Tours und
was sonst alles noch angeboten wird. Es war nicht immer ganz leicht.
Mit der „Kasachstan“ ins Mittelmeer (1985)
Nach der Trennung von Elisabet im August blieb ich eine Zeit lang allein. Aber das Leben geht weiter und die Idee, über die Weihnachtsfeiertage zu verreisen, tröstete mich. Simon, als Chef meines Reisebüro schon aus umsatztechnischen Gründen einer meiner größten Fans, meinte, ich sollte es mit einer Kreuzfahrt versuchen. Ich war sofort begeistert. Bei einer Kreuzfahrt, so versicherte mir Simon strahlend, würde außerdem der teuere Einzelzimmerzuschlag wegfallen. Ich müsste allerdings meine Kabine mit einem anderen „Kreuzfahrer“ teilen.
Hm. Das Vergnügen hatte ich ja schon und schwieriger als am Schwarzen Meer konnte es nicht werden. Ich werde es schon überleben, so dachte ich, schließlich weiß ich mich zu wehren.
So buchte ich im Dezember 1985 meine erste Kreuzfahrt. Ins westliche Mittelmeer sollte es gehen nach Malaga, Casablanca, Tanger und Barcelona, allesamt Namen, die wie Speiseeis in der Sonne schmelzen. Der Kahn hieß „Kazakhstan“, was irgendwie überhaupt nicht zu meinen Vorstellungen von einem in der Südsee dümpelnden Traumschiff passen wollte. Igor war auch aus Kasachstan, aber viel wusste ich immer noch nicht über dieses Land, nur, dass es dort jede Menge gedopte Radrennfahrer geben soll.
Ein Tagesausflug nach Marrakesch würde der Höhepunkt der Reise sein, so wurde mir versprochen. Ich hatte von dieser alten Königsstadt am Fuße des Atlasgebirges viel gehört. 1001 Nacht pur. Auf meiner inneren Leinwand flimmerten nur schleierhaft bekleidete, üppige junge Berberinnen und markige Herren auf rassigen Pferden, die unablässig spitze Schreie ausstießen und mit Gewehren herumfuchtelten. Bauchtanz und Fantasia. Ich freute mich auf einen Bummel über den berühmten Souk zum Platz Djemaa el Fna, dem Gauklerplatz mit den Schlangenbeschwörern und den köstlichen kleinen kulinarischen Schweinereien an zahllosen Ständen, wobei Schweinerei nicht wörtlich zu verstehen ist, denn Moslems essen ja, wie jeder weiß, kein Borstenvieh.
Ich überwies 2.240 Mark. Ein stolzer Preis, zumal die An- und Abreise nach Genua von 200 Mark nicht inklusive war und auch nicht die Landausflüge für 300 Mark. Aber die wollte ich auf jeden Fall alle mitmachen. Drei Tage später kamen die Reiseunterlagen.
Auf Simon ist Verlass.
Im Allgemeinen, so las ich, sei sportliche Kleidung angesagt. Es würde jedoch auch einige Abende geben, an denen sich „Damen und Herren besonders hübsch machen“ würden. Obwohl ich bezweifle, dass ich „hübsch“ aussehen wollte, hieß dies Schlips, Kragen und Anzug. Ich besaß auch einen. Grau mit Weste und feinem Nadelstreifen. Der war fast neu, ich hatte ihn nur einmal getragen, vor ein paar Jahren, als einer der insgesamt neun Brunnen von Mallersdorf, der niedliche Marktfrau-Brunnen, eingeweiht und dies mit einem rauschenden Fest und reichlich Bier aus der Pfaffenberger Privatbrauerei Stöttner begossen wurde.
Gespannt probierte ich das gute Stück an. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es an Stöttners Bier lag, dass mir die Knöpfe um die Ohren flogen. Nein, nein, es war einfach zu feucht in meinem Kleiderschrank, so dass die edle Kluft schlicht eingelaufen war. Manche Dinge schrumpfen, wenn man sie nicht benutzt.
So fuhr ich zwei Tage vor der Abreise die knapp 40 Kilometer nach Regensburg und kaufte mir beim besten Herrenausstatter der Stadt einen schicken Smoking, in dem ich aussah wie ein niederbayerischer Topspion, der seinen Wodka Martini geschüttelt aber nicht gerührt bestellt. Jedenfalls konnte ich jetzt beruhigt und angemessen verkleidet am „Captains Table“ Platz nehmen. „Mein Name ist Gabriel“, so übte ich vor dem Spiegel, „Franz Gabriel.“ Ich war gespannt, auf wessen entzückendes Händchen ich anschließend ein Küsschen hauchen würde.
Voller Spannung und Vorfreude fuhr ich am 19. Dezember mit dem Zug von Mallersdorf nach München und stieg um Mitternacht in einen der fünf Busse, die vor dem Hauptbahnhof warteten und auf denen „Genua“ stand.
Der Sitz waren einigermaßen bequem, neben mir saß niemand, es war Nacht und südlich der Donau kenne ich sowieso jedes Stoppschild mit Vornamen. So konnte ich die Augen schließen und ein wenig träumen. Eine Seefahrt, wo heißt es, die ist lustig. Mal sehen wie lustig. Mit ein wenig Glück ist ja vielleicht jagdbares Wild an Bord. Mit braunen Rehaugen und samtweiche Haut. So dämmerte ich leicht grinsend dahin bis zum ersten Stopp auf der Europabrücke bei Innsbruck.
Die Frau in einem der anderen Busse fiel mir sofort auf. Sie Anfang 30, also in meinem Alter, und unauffällig gekleidet. Sie hatte kurze dunkle, sportlich geschnittene Haare. Ihr dunklen Augen blickten irgendwie ernst und traurig. Aber plötzlich lächelte sie mich an. Ich lächelte zurück, aber da war sie schon wieder in ihrem Bus verschwunden.
Ich überlegte, ob ich einfach das Gefährt wechseln sollte, vielleicht war der Platz neben ihr ja auch leer, aber ich ließ es. ‚Franz, vergiss es, du bist nicht auf Brautsuche‛, bremste ich mich ein wenig halbherzig, da ich wusste, dass es eine Lüge war. Denn Bräute sind nun einmal meine große Leidenschaft.
Nun zog sich die Fahrt doch ein wenig. An Schlaf war nicht zu denken, dazu rumpelte die Karre zu sehr und so döste ich und dachte an meine kleine Traumfrau und wie sie wohl in einem winzigen Bikini aussehen würde. Zwei Mal hielten wir noch. Einer der Mitreisenden, er war wohl Norddeutscher, nannte das, wozu wir von der Reiseleitung aufgefordert wurden, „Harnsäure verklappen“. Ich weiß bis heute nicht, was er damit meinte.
Jedenfalls tauchte meine Kreuzfahrtfee bei keinem der Stopps auf. Vielleicht schlief sie und träumte von mir in Badehose. Von mir aus. Ich bin für Gleichberechtigung. Am späten Vormittag erreichten wir endlich Genua. Steifbeinig und hundemüde.
Aber das war schlagartig vorbei, als ich vor der „Kazakhstan“ stand. Donnerwetter. Ein wirklich imponierender Anblick. Schon ein anderes Kaliber als die Boote auf dem Chiemsee, so dachte ich. Wie viel Tonnen Farbe da wohl verkleistert worden sind, wollte ich wissen. Das erfuhr ich nicht, aber ein paar Tage später, bei einer der obligaten Brückenführungen lernte ich, dass die „Kasakhstan“ ein Zwei-Schrauben-Motorschiff mit 15.410 Bruttoregistertonnen war, 156 Meter lang, 22 Meter breit und 43 Meter hoch. Und dass die auf vier Decks gelegenen 235 Passagierkabinen insgesamt 650 Gästen Platz böten. Sie war erst am 23. Juni 1976 vom Stapel gelaufen und hatte seitdem schlappe als 700.000 Seemeilen zurückgelegt bei ihren Besuchen in Dutzenden von Länder und Hunderten von Häfen. Zu meiner großen Erleichterung teilte man mir mit, dass es erst letztes Jahr in Bremerhafen repariert und überholt worden war.
Es gibt sie übrigens heute noch. Sie schippert jetzt unter dem Namen „Island Adventure“ unter ukrainischer Flagge ab Port Everglades an der USA-Küste entlang, wurde aber zum Kasinoschiff degradiert. Das Sportdeck wurde total mit einem Metalldach versehen und in den meisten ehemaligen Speisesälen stehen jetzt einarmige Banditen, an denen sich spielsüchtige Zocker vergnügen. Die Kabinen sollen allerdings immer noch so sein wie damals, als ich an Bord ging.
Meine lag auf dem zweiten Deck innen.
Mein Beischläfer war auch schon da. Netter, Kerl, etwas jünger als ich. Vertreter für Werbeartikel. Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut an ihn, weiß auch nicht mehr seinen Namen nur, dass er sein Koffer voller Schlüsselanhänger war, die immer dann anfingen zu piepsen, wenn jemand in die Hände klatschte oder pfiff. Das war damals ein großer Werbegag und für Leute, die ständig ihre Schlüssel verlegen auch zugegebenermaßen praktisch. Er schenkte mir ein solches Ding. Aber da ich meine Schlüssel immer parat habe und manche Frauen gelegentlich gern bei passender Gelegenheit vor Begeisterung in die Hände klatschen, kann es sehr unpassend sein, wenn es dann piept. Also habe ich ihn weggeworfen.
Mein Kabinengenosse wollte natürlich wissen, was ich beruflich treibe. Ich sagte, ich arbeite in der Baubranche und verschwieg, wie immer, dass ich Fahrlehrer bin. Nicht, dass ich mich für meinen Beruf schämen müsste, aber ich hasse es, wenn ich mir immer wieder die gleichen Geschichten anhören muss.
So eine Fahrschule, das müsste doch die reine Gelddruckmaschine sein bei den Preisen und der Menge der Stunden, zu denen man von seinem Fahrlehrer gezwungen wird, sagt der eine, und dann kommt prompt ein zweiter: „Ach, Sie sind Fahrlehrer? Na, dann müssen Sie ja stinkreich sein.“ Und: „Wie lange ist eigentlich der Lappen weg, wenn man mit 1,3 Promille erwischt wird?“ Wie gesagt, ich hasse es.
Aber dem entging ich ja, so dass ich entspannt auf dem Oberdeck stand, zusammenzuckte, als der Dampfer zweimal tutete, als würde mir jemand mit dem Alphorn direkt ins Ohr blasen und dann die erste Ausfahrt meines Lebens genoss.
Etwas Ähnliches kann man natürlich auch sehr viel preiswerter erleben, auf dem Bahnsteig von Mallersdorf beispielsweise, aber wenn so ein riesiger Pott einen Hafen verlässt, dann ist das schon beeindruckend und unvergesslich – ganz besonders für einen Niederbayern.
Nun soll man nicht denken, als Passagier an Bord eines Kreuzfahrtschiffe könne man jederzeit tun und lassen, was man will. Alles ist ziemlich streng organisiert. Einen ersten Vorgeschmack erhielt ich schon wenige Stunden später, als das Schiff gerade die hohe See erreichte hatte. Alle Passagiere, so dröhnte es aus dem Bordlautsprecher, hätten sich umgehend auf dem obersten Deck einzufinden. Seenotrettungsübung. Dazu habe man seine Schwimmweste aus der Kabine mitzubringen.
Als ordentlicher deutscher Staatsbürger lässt man sich so etwas nicht zweimal sagen. Man gehorcht. Aufs oberste Deck zu gelangen war allerdings nicht ganz einfach, denn auf den Gängen herrschte eine Gedränge wie bei Freibier auf dem Oktoberfest. Ich wollte lieber nicht daran denken, wenn es keine Übung, sondern Realität gewesen wäre. Selbst jetzt war eine aufgeregte Hysterie zu spüren, die sich bei einer Durchsage wie „Das Schiff sinkt“ wahrscheinlich in offene Panik verwandelt hätte. Das kann ja im Ernstfall heiter werden, murmelte ich leise vor mich hin.
Aber ich beruhigte mich mit der Überlegung, dass in jedem Fall die Zahl der Rettungsboote ausreichen würde, weil die Hälfte der Passagiere es gar nicht über die Treppe hinauf schaffen könnte. Eine Viertelstunde später standen alle, Kreuzfahrer und Crewmitglieder, in Reih’ und Glied am Oberdeck und warteten geduldig und nur gedämpft plappernd auf die Anweisungen eines für die Sicherheit zuständigen Herren, genau wie frische Rekruten beim ersten Appell.
Zunächst wurde uns mitgeteilt, dass es einen Ernstfall nicht geben würden. Jedenfalls würde unser wackeres Schiffchen ohne Probleme Wellen bis zu zehn Meter Höhe abreiten könne. Gut so, dachte ich, aber was ist, wenn sie mal höher sind? Aber ich wollte niemanden schockieren und hielt den Mund.
Und dann zeigte er uns, wie man eine solche Weste anlegt und ich musste unwillkürlich an den Nippel denken, den man durch die Lasche ziehen muss. Es war wie im Flugzeug. Da hört auch kein Mensch zu, wenn die Stewardess ihre Pantomimen veranstaltet. Ernsthaft glaubt ja doch niemand, dass er einmal in eine Lage geraten könnte, in der diese Schnaufgeräte aus der Decke fallen.
Aber was soll’s. Es ist nun mal Vorschrift. Jedenfalls war es lustiges Bild, wie sich alle in die Rettungswesten zwängten. Es war gar nicht so einfach. Wie beim Reifenwechseln. Wer es noch nie gemacht hat, der kann es auch dann nicht, wenn das Auto wirklich einem Plattfuß hat. Fast hätte ein Mann versehentlich seine Frau über Bord geworfen, als er mit seinen Armen zu weit ausgeholt hatte. Aber es gab auch Profis, die schon mehrere Kreuzfahrten hinter sich hatten. Für die war es natürlich ein Kinderspiel.
Für mich nicht, zumal ich zugegebenermaßen seinerzeit ein paar Gramm von meinem Idealgewicht entfernt war. Und da Rettungswesten ohnehin nicht für meinen Körper gemacht sind, hatte ich sie mir einfach über die Schultern gehängt. „Verzeihen sie bitte“, sprach mich plötzlich jemand von hinten an. „Kann ich behilflich sein?“
Ich drehte mich um und sah eine Frau so um die sechzig mit einem verschmitzen Lächeln auf dem Gesicht. „Ich habe Sie beobachtet, wie mit der Weste kämpften. Da gibt es einen kleinen Trick.“ Sie zog an irgendeinem Gurt und schon war der Verschluss eingerastet. Kein Zweifel, die Frau hatte Ahnung. Und so kam ich ohne Probleme durch die Kontrolle, als der gestrenge Sicherheitsbeauftragte die Westen nachprüfte.
Anschließend erklärte er uns die Sitzordnung in den Rettungsbooten. Frauen und Kinder zuerst. Wieso eigentlich? Wir Männer waren ohnehin zahlenmäßig weit unterlegen und es würde deshalb viel schneller gehen, wenn wir zuerst einsteigen würden. Frauen sind ja bekanntlich umständlich, da muss immer erst noch der Lippenstift nachgezogen werden ...
Ich wollte ihn schon fragen, ob die Herren solange an der Bar sitzen bleiben dürften, bis sie dran waren? Und ob das Orchester noch spielt und ob man im Bord-Kino den Untergang der „Titanic“ vorrätig hätte, da könne man ja sehen, wie es nicht gemacht werden sollte. Aber ich wollte nicht vorlaut sein.
Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich liebe die Frauen und um jede Einzelne wäre es jammerschade. Aber manchmal muss man halt auch praktisch denken. Außerdem fand ich es ausgesprochen toll, dass so viele knusprige Damen im passenden Alter an Bord waren, deren Ehemänner sicher beim Skiurlaub in Kitzbühl oder Lech auch nichts anbrennen lassen. Das ist alles völlig in Ordnung und ist eine Art Frischzellenkur für jede Ehe.
Wie auch immer, es war sehr lustig. Und meine Schwimmwestenbekanntschaft war ausgesprochen nett – hatte aber leider nicht das passende Alter. Aber da Männer entgegen einer weitverbreiteten Latrinenparole nicht immer nur das eine wollen, lud ich sie zu einem Drink ein. Vielleicht konnte sie mir ein paar Tipps für die nächsten acht Tage geben. Die Dame nahm dieses Angebot gern an und fragte mich zur Einleitung. „Es ist wohl ihre erste Kreuzfahrt?“ Ich antwortete „Bingo!“, was die Lady aber falsch verstand, denn sie zog die Augenbrauen hoch und sagte: „Ach, Sie spielen Bingo? Das überrascht mich etwas. Ich dachte immer, da gehen nur alte Schachteln wie ich hin.“
Wir lachten beide herzlich. Was ist nicht wusste, aber schnell lernte, war, dass eine Kreuzfahrt ohne Bingo so etwas ähnliches ist wie ein Pils ohne Schaum. Besonders die älteren Herrschaften drücken schon Minuten vor Öffnung fast die Glastür ein, um ja einen guten Platz bei ihrem Lieblingsspiel zu ergattern. Außerdem erfuhr ich, dass meine erste Bordbekanntschaft aus Stuttgart stammte und es schon ihre neunte Kreuzfahrt war. Sie war also eine Frau mit Erfahrung – offenbar in jeder Beziehung. „Ich gebe Ihnen einen guten Rat“, sagte sie, „Lassen sie die Finger von den Frauen, wenn sie den Abschiedsschmerz nicht ertragen können. Es ist immer wieder das Gleiche am letzten Tag.“ Sie stützte das Kinn auf die Hände, schüttelte den Kopf und blickte in die Ferne. „Was für schreckliche Tragödien habe ich da schon erlebt. Ein ganzes Meer von Tränen.“
Sie schüttelte noch einmal den Kopf. „Ich war dabei, als ein sehr netter Herr sich über die Reling ins Meer gestürzt hat, weil ihm seine neue Bordschwalbe die Telefonnummer nicht geben wollte. Schrecklich, schrecklich.“
Sie selbst habe auch so ihre Erfahrungen gemacht. Vor etlichen Jahren habe sie sich in einen jüngeren Mann verliebt. Er habe sie angelächelt, sie habe zurückgestrahlt und was dann folgte, sei wie auf dem „Traumschiff“ gewesen, nicht wie im wirklichen Leben, in dem so etwas höchst selten passiert: Liebe auf den ersten Blick.
„Anfangs rief er mich jeden Tag an, schrieb Briefe, versprach mir, es würde mich alle zwei Wochen besuchen, sobald er sich von seiner Frau getrennt hätte. Er besuchte mich nur einmal und mit der Zeit wurden die Briefe weniger. Die Telefongespräche blieben ganz aus bis er sich überhaupt nicht mehr meldete.“
Ja, so ist das Leben, sagte ich, was sogar ich ein wenig platt fand, „Abschied ist ein scharfes Schwert“. Fast hätte ich gesagt: „Abschied ist ein schwarzes Pferd“, aber ich bezweifle, dass die freundliche Stuttgarterin den Witz verstanden hätte. Meine neue Bekanntschaft schluchzte leise und ich sah mich verstohlen um. Nicht, dass die Leute am Ende denken, ich hätte etwas damit zu tun.
Das fängt ja gut an, dachte ich. Kaum an Bord und schon einen emotionalen Sozialfall am Hals. Ich muss wohl auch ein wenig gequält gelächelt haben, als sie zum Abschied sagte: „Wir werden uns noch öfter über den Weg laufen.“
Viel erfreulicher als dieses erste „Rendezvous“ waren die Preise in der Bar. Eine Mark das Pils. Fein, damit kann man leben. Der Barkeeper, Russe, wie fast das ganze Personal auf dem Schiff, lieferte dann auch gleich die passende Erklärung: „Alles zollfrei!“
Vielleicht hätte ich noch das eine oder andere Bierchen gekippt, aber ich hatte noch einen wichtigen Termine: Ausflüge buchen. Als ich das Anmeldebüro erreichte, stand dort eine lange Schlange wie bei der Essensausgabe des Roten Kreuzes. Ganz vorne stand die Frau von der Europabrücke. Welche Ausflüge sie wohl bucht, fragte ich mich und trug mich vorsichtshalber für alle ein.
Bis zum Abendessen vertrieb ich mir die Zeit, indem ich das Schiff erkundete. Da die vier Decks fast alle gleich ausschauten, irrte ich zunächst wie in einem Labyrinth umher. Aber ich wusste mir zu helfen: Da jedes Deck seine eigene Bar hatte, merkte ich mir das Gesicht des Barkeepers. Ganz unten entdeckte ich einen großen Raum, der aussah wie ein Amphitheater. Das Kino. Als ich das Programm studierte, wurden ganz interessante Filme angeboten. Die „Titanic“ war nicht dabei. Am Sonntag und an den Weihnachtsfeiertagen wurde aus dem Kino eine Kirche. Ein interessantes Modell, finde ich. Das spart Geld und funktioniert vielleicht auch an Land. Mal sehen, was unser Pfarrer dazu sagen wird, dachte ich und grinste.
Nun darf man an Bord eines Schiffes beim Essen nicht einfach irgendwo hinhocken, wie ich es aus den Biergärten meiner bayerischen Heimat gewohnt bin, sondern man bekommt eine „Platzreservierungskarte“ wie in der Bahn. Man durfte zwar Wünsche äußern, aber da ich ohnehin nicht wusste, wie mein Europabrückenschwarm hieß, war’s mir wurscht.
Gespannt war ich doch. Vielleicht meinte es das Schicksal ja gut mit mir und ich komme an einen Tisch mit einer Damen-Volleyball-Mannschaft, die auf der Suche nach einem richtigen Kerl war, der ihnen zeigt, wie man gepflegt die Sau raus lässt.
Doch alle Blütenträume platzten, als ich zu meinem Tisch geführt wurde. Da saß mein Kabinengenosse und zeigte gerade einem Ehepaar aus Würzburg, dass man nur in die Hände klatschen müsse und dann fange das Ding an zu piepen. Die erste große Neuigkeit, die ich erfuhr war, dass die Reise ein Geschenk zur Silberhochzeit war, gespendet von den Kindern, von denen sie rein zufällig ein paar Dutzend Bilder dabei hatten. Von der Europabrücken-Beauty und liebestollen Volleyballspielerinnen keine Spur.
Na ja, man kann nicht alles haben, dafür war das Büffet sehr ordentlich. Die anschließende „Welcome-Show“ überforderte mich ein wenig, denn es wurde buchstäblich die gesamte Mannschaft vorgestellt, einschließlich Kapitän, wobei ich mich fragte, wer eigentlich das Schiff steuerte. Ein paar Gesichter erkannte ich wieder, vor allem die der Barkeeper. Dann gab es doch noch ein paar hübsche russische Schenkel zu sehen. Donnerwetter, tanzen können sie ja, die Russen. Irgendwie liegt das an den Genen und insofern ist es gar kein Wunder, dass die besten Balletttänzer der Welt immer schon Russen waren.
Erst ein Fläschchen Wein, dann noch ein paar Pils und zur Verdauung Wodka, aber schlafen konnte ich irgendwie trotzdem nicht. Im Gegensatz zum Piepservertreter.
Die Welt auf einem Kreuzfahrtschiff ist erstaunlich klein. Obwohl wir mehr als 500 Passagiere an Bord hatten, traf ich immer wieder dieselben Leute. Um 23.30 Uhr warteten wir auf die Mitternachtspizza, morgens saßen wir um 8.30 Uhr wieder alle beim Frühstück, um 11 Uhr löffelten alle im Rudel die Bouillon und um eins drängelten wir am Mittagsbuffet. Und damit es ja keine Entzugserscheinungen gibt, glotzen einen dieselben Leute um 16 Uhr bei Kaffee und Kuchen an und abends bekamen alle gleichzeitig um 19 Uhr ihre Weingläser gefüllt.
Und immer wieder lief mir die Hübsche von der Europabrücke über den Weg. Sie war immer allein, was mich ermutigte, ihr zuzulächeln und sanft „Hallo“ zu sagen. Und sie lächelte zurück. Das sah ja gar nicht so schlecht aus. Schau’n mer a mal. Auf dem Grün war ich schon. Jetzt musste ich nur noch einlochen ...
Am nächsten Mittag war ich dann doch ein wenig überrascht, als mir Simon, mein Freund aus dem Reisebüro, samt Frau und Sohnemann über den Weg lief. Er hatte sich „Last Minute“ eingebucht, weil noch Plätze frei waren. Wahrscheinlich für viel weniger Geld. Es wurmte mich zwar ein bisschen, wenn ich daran dachte, wie sehr ich bluten musste, aber so sind nun einmal die Sitten. Eine Hand wäscht die andere. Das kennt man ja. Wahrscheinlich habe ich den falschen Beruf. Fahrlehrer bekommen noch nicht einmal Rabatt beim Autokauf. Oder doch? Ich nahm mir vor, mich darum zu kümmern, sobald ich wieder zu Hause war.
Wie auch immer. Dank Simon samt Familie verabschiedete ich mich von meinem Piepser und dem Würzburger Silberpaar und wechselte den Tisch.
Du meine Güte, ich bin heute noch außer Atem, wenn ich daran denke, wie ich in den Tagen meiner ersten Kreuzfahrt herumgesaust bin. Der Niederbayer neigt dazu, nichts zu verschenken. Was bezahlt wurde, wird auch genutzt, alles nach dem Motto: „Lieber den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken.“.
Das war ziemlich anstrengend. Wenn vor einem Landausflug am Fuß der Gangway unzählige Busse warten, da muss man flink sein, um einen Fensterplatz zu ergattern. Die alten Kreuzfahrthasen zogen, wie ich nach ein paar Tagen feststellte, das Taxi vor und ließen sich gemütlich durch die Stadt chauffieren, am besten Restaurant absetzen und dann wieder pünktlich zum Schiff zurückbringen. Aber so weit war ich noch nicht, für mich hieß es Nahkampf. Noch schlimmer war es bei gutem Wetter am Pool, wo schon morgens alle Deckchairs wie auf Mallorca mit Handtüchern belegt wurden.
Viel ruhiger war es an Bord, wann alle anderen unterwegs waren und in den Kirchen umhergeisterten, um diesen Altar anzugucken oder jenen. Die meisten bekamen das sicher gar nicht mit, sondern fotografierten und filmten wie wild, wahrscheinlich, um dann zu Hause nachzugucken, wo man überall war.
Erheblich weniger besucht waren jedenfalls die Russischkurse.
Mit der Gleichbehandlung von Mann und Frau hatte man auch nicht viel am Hut auf unserem schönen Schiff. Beim täglichen „Frühschoppen“ im Anschluss an das Frühstück war Damen der Zutritt strengstens untersagt, was aber dadurch ausgeglichen wurde, dass Männer nicht an der Wahl zu „Lady Kasakhstan“ teilnehmen durften.
Ohne Diskriminierungen konnte man Skat spielen oder bei Tombola und Musikquiz gewinnen oder man ging ins Kino oder in die Sauna, der Masseur wartete nur darauf, dass er kräftig kneten konnte und beim Frisör konnte man sich die Haare schön machen lassen und in der täglichen Bordzeitung nachlesen, welche Kleidung am Abend angemessen wäre. Auf die Polldeck spielten immer irgendeiner Shuffle-Bord.
Ich machte alles mit, obwohl ich eigentlich nur zwei Dinge wirklich im Sinn hatte: Zollfrei tanken und mein Tanzbein schwingen.
Ich hatte mir vorgenommen, an jedem Abend mindestens einmal jede Bar aufzusuchen. Und da ich bis in die frühen Morgenstunden Zeit hatte, klappte das auch. Besser jedenfalls, als den Kabinenschlüssel in die Tür zu bekommen. Offenbar verzog sich der am Abend, jedenfalls passte er nie auf Anhieb, wenn ich in die Koje wollte.
Manchmal allerdings landete ich auf dem falschen Deck, obwohl die Teppichböden unterschiedliche Farben hatten. Aber das nützte nichts, da ich unter einer seltenen allergischen Reaktion bei Alkoholgenuss leide, nämlich unter temporärer Farbblindheit nach Sonnenuntergang.
Der Niederbayer an sich ist nicht, im Gegensatz zum Russen, für das Tanzen gebaut. Aber ich liebe es. Und so war das allabendliche Schwofen im Salon für mich immer wieder ein Höhepunkt der Reise. Nicht nur weil ich dort Luise, Barbara oder Anneliese in den Armen halten durfte, sondern auch wegen der vielen Geschichten rund ums Balzen, die mich immer wieder faszinieren. Köstlich, wie unterschiedlich die brünstigen Männchen ihre Paarungsbereitschaft zeigen, ihre Beute umkreisen, immer dichter, bis sie schließlich zum entscheidenden Schlag ausholen: „Darf ich bitten?“ Der erfahrene Platzhirsch wählt für die erste Aufforderung eine schnelle Nummer, bei der Mann und Frau allein herumhüpfen und ihre Beweglichkeit beweisen. Dann folgt ein Schmusesong und man beschnuppert sich. Hat bis jetzt alles gepasst, kann es weitergehen. Je länger die Reise dauerte, desto mehr Pärchen bildeten sich. Das fiel auf, weil die Plätze im Restaurant ständig gewechselt wurden.
Die neuen Pärchen standen oft eng umschlungen bis zum Morgengrauen an der Reling und küssten sich leidenschaftlich oder krochen mit zerzausten Haaren und zerknitterten Rock oder Hose aus einem der Rettungsboote
Und dann ging es an Land. Malaga, die Perle der Costa del Sol, hat mehr mit Niederbayern zu tun, als man auf den ersten Blick denkt. Unser schönes niederbayerisches Passau ist die deutsche Partnerstadt und mit etwas guten Willen klingt ja Mallersdorf ganz ähnlich wie Malaga. Nur dass bei uns kein Muskateller wächst, sondern allenfalls ein wenig Hopfen, dass wir Niederbayern uns nicht mit Mauren herumschlagen müssen, allenfalls mit ein paar türkischen Mitbürgern und dass bei uns nicht spanisch gesprochen wird, allenfalls im Habana Club am Platzl in Straubing.
Am zweiten Tag nachmittags um 14 Uhr legte unser schmucker Kahn an. Ich freute mich auf den ersten Landausflug, der ein wenig eingetrübt wurde, weil ich ständig nach meiner sogenannten „Landmarke“ suchte, ohne die ich, wie uns eindringlich von der Schiffsleitung eingebläut wurde, nur unter größten Schwierigkeiten wieder an Bord gekommen wäre. Wer ohne Landmarke angetroffen wurde oder gar später als zehn Minuten vor Abfahrt käme, der würde gnadenlos zurückgelassen und musste sehen, wie er weiterkam. Eine „verlängerte Liegezeit“ sei halt wahnsinnig teuer. Ja, ja, wer zu spät kommt, den bestraft nun mal das Leben.
Zwei Tage später, es war schon der vierte Tag der Reise, erreichten wir früh am Morgen Casablanca. Das bedeutete für mich und für die meisten anderen Passagiere, ungefähr dreieinhalb Stunden Fahrt in einem stinkigen, wackeligen Bus ohne Aircondition ins 250 Kilometer entfernte Marrakesch. Ein paar blieben in der Stadt und fuhren mit dem Taxi in „Rick’s Café Américain“. Ich hoffe, es gab da einen anständigen Bourbon oder einen geschüttelten Martini, denn mit dem „Originalschauplatz“ des weltberühmten Films konnte diese Bar einfach nichts zu tun haben.
Denn Humphrey „Bogey“ Bogart und die für meinen Geschmack immer etwas zu blasse Ingrid Bergmann drehten nicht eine einzige Szene in Casablanca und schon gar nicht in einem Nachtclub, der einem „Rick“ gehörte.
Als „Casablanca“ entstand war nämlich Krieg und gedreht wurde in Pappkulissen in Hollywood (was man übrigens sehen kann, wenn man es weiß). Noch nicht einmal das Rollfeld war ein echtes Rollfeld, es musste im Studio nachgebaut werden, da Dreharbeiten nach Einbruch der Dunkelheit verboten waren. Es war ja Krieg.
Und so musste ich schon schmunzeln, als später an der Bar im zweiten Deck eine ältere Dame, die sogar ein wenig so aussah wie „die Bergmann“ erzählte, sie habe ganz genau gehört, dass die weltberühmten Sätze „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines“ Oder „Louis, ich denke, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder „Spiel’ es, Sam! Spiel ‚As Time Goes By!“ durch die Räume waberten. Na ja, ich ließ ihr ihre Illusion. Erstens bin ich kein Spielverderber und zweitens kein Besserwisser.
Die Busfahrt ins traumhaft schöne Marrakesch war schlichtweg ermüdend. Nun habe ich überhaupt nichts dagegen, etwas dazu zu lernen, aber wir wurden buchstäblich zugemüllt mit irgendwelchen Yussufs und Ali Bens und Abd el Irgendwer und Ibn Werauchimmer. Außerdem hatte ich nur Augen für meine Europabrücken-Maus, der zu meiner großen Freude offenbar Ricks Café ebenfalls schnurzpiepegal war. Sie war wie immer allein.
Wir wurden in kleine Gruppen eingeteilt und irgendwie hatte ich es geschickt eingefädelt, ganz in der Nähe meiner Flamme zu stehen. Ran an den Speck, dachte ich und nahm mein Herz in beide Hände. „Wollen wir uns nicht die Stadt gemeinsam anschauen?“, fragte ich sie und hoffte es würde beiläufig klingen. Sie musterte mich von unten bis oben, so, als würde sie mich zum allerersten Mal sehen. Ihr Gesicht war ernst und ich war schon auf eine rüde Abfuhr gefasst, als sie plötzlich lächelte. Ganz reizend lächelte. „Warum nicht?“, sagte sie schlicht und stellte sich als Veronika aus München vor. Mir stockte fast der Atem vor Freude und so brachte ich nur mühsam hervor: „Ich bin der Franz“.
Nun bin ich es aus Mallersdorf nicht gewohnt, dass an jeder Ecke irgendeine Gefahr lauert. Und wenn ich in ein Geschäft gehe, dann steht ein Preis auf der Ware und wenn ich sie haben will, bezahle ich. Obwohl sich das in letzter Zeit auch bei uns ein wenig geändert hat, denn es lohnt sich auch bei uns am Preis herumzufeilen.
Natürlich wusste ich, dass in Nordafrika auf Teufel komm raus gefeilscht wird und irgendwie freute ich mich drauf, denn wir Niederbayern sind selbst Schlitzohren. Da macht uns so leicht kein Araber etwas vor, so dachte ich mit dem mir angeborenem Selbstbewusstsein.
Aber so einfach ist das alles nicht, auch beim Feilschen braucht man eine Menge Erfahrung, Witz, Mut und einen guten Schuss Menschenkenntnis. Kurz, es ist so wie Poker. Wenn man beispielsweise überzieht, indem man einen zu niedrigen Preis nennt, dann kann dies der Araber als Beleidigung betrachten, dann hebt er sie Stimme, seine Augen funkeln böse und er kreischt: „Du meinst ich bin Betrüger, hab geklaut Ware, was?“ Und dann fliegt man aus dem Laden. Manchmal ist aber auch das nur Schau. Wie gesagt, man kennt sich da nur schwer aus.
Vorläufig aber hatten Veronika und ich ein ganz anderes Problem. Kaum hatten wir die Medina, wie die Altstädte in Nordafrika heißen, erreicht und wollten uns einen Traum aus Tausendundeiner Nacht erfüllen, als sich Dutzende von bunt gekleidete, abenteuerlich aussehende, streng nach Knoblauch duftende und laut plappernde Gestalten auf uns stürzten wie eine Schar Ferkel auf die Zitzen der Muttersau.
Sie umschwärmten uns wie Mücken an einem schwülheißen Sommerabend. Und sie waren mindestens ebenso lästig. Reinkommen sollten wir in die Läden, auch, wenn wir nicht kaufen wollten. Erst waren sie freundlich und lächelten uns an. Dann wurden sie immer wütender und fordernder. Ein ganz übler Bursche verstellte uns den Weg. Natürlich ein Teppichhändler, wie es sich gehört. Ich versuchte ihn abzuwimmeln, aber er ließ nicht locker. Plötzlich ergriff er fest Veronikas Arm. Das ging ja nun gar nicht. Ich ergriff ihre Hand und zog sie an mich. Doch dann erlebte ich eine riesige Überraschung. Der Griff des rabiaten Teppichhändler machte ihr offenbar gar nichts aus. Veronika entzog mir ihre Hand, so, als wollte sie sagen: „Ich brauche dich nicht, ich kann auf mich selbst aufpassen.“
Ich war wie vor den Kopf geschlagen, aber das Thema wurde nie zwischen uns besprochen. Ich weiß bis heute nicht, was ich da falsch gemacht habe. Wie auch immer, wie schlenderten durch das Handwerkerviertel und beobachteten staunend reihenweise Männer in ihren Djellabahs, der nordafrikanischen Alltagskleidung, die mich immer an ein Nachthemd und die alte Darmol-Werbung erinnern, an ihren mechanischen Nähmaschinen. Wir blieben immer wieder stehen und bewunderten sie, wie sie geschickt Kessel, Kerzenständer, Laternen, Tabletts, Teekannen und Vasen fertigten. Die leuchtenden Farben der im Souk der Färber angebotenen Wolle zog unsere Blicke magisch an.
Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich sah, wie Orangensaft-Verkäufer ihre Früchte in großen Mörsern zerstampften und daraus Saft presste. Mich überfiel ein stechender Durst. Ich ging zu einem der Wasserhändler, die an fast jeder Ecke standen. Sie hatten gut zu tun, denn es war jetzt, zur Mittagszeit, glühend heiß. Ich reihte mich in eine kleine Schlange ein wie bei Aldi an der Kasse und bekam gegen einen, wie mir schien, unverschämt hohen Preis tatsächlich ein Glas Wasser. Aber als er mir einen lauwarmen, speckigen Messingbecher in die Hand drückte, beschloss ich lieber zu vertrocknen.
Die ganze Medina duftete vom orientalischen Aroma der Gewürze und den scharfen Marinaden der marokkanischen Küche. Weiß gekleidete Köche boten in ihren mobilen Garküchen Bratspieße, Couscous mit Gemüse und Suppen jeglicher Art an, die verführerisch rochen. Weiße Rauchschwaden wie bei der Papstwahl stiegen in den Himmel. Und da sich überall appetitliches Brandteiggebäck, gefüllte Hörnchen und Datteltörtchen türmten und die Nusshändler uns ständig ihre Mandeln, Pistazien, Erd- und Cashewnüsse unter die Nase rieben, hätte auch ein Märtyrer mit Nulldiät-Gelübde nicht widerstanden. Veronika ging es genauso. Nur, so fragten wir uns, wohin?
Wir waren kurz davor, einem dicken Koch zu folgen, der wild gestikulierend und den Holzlöffel schwenkend um uns herumtanzte, aber die Erfahrung zeigt, dass ein massiger Küchenchef gern die besten Sachen selbst vernascht. Also entschieden wir uns für einen der zahlreichen Essstände mitten unter den Einheimischen und bestellten uns gegrillten Fisch und einen Tadschin-Eintopf mit Mandeln und Backpflaumen. Dazu ein Mineralwasser und eine Cola. Natürlich aus der Flasche.
Nun kamen wir endlich dazu, ein wenig zu plaudern. Natürlich war ich neugierig, warum eine so attraktive Frau allein auf eine Kreuzfahrt ging. Sie erzählte mir alles und ich hörte es mit leicht gemischten Gefühlen. Sie hatte sich vor ein paar Wochen von ihrem langjährigen Freund getrennt. Sie erzählte es und verzog kaum eine Miene. Sie habe halt zu wenig Zeit für ihn gehabt und überhaupt hätte es ihr gut ins Konzept gepasst, weil sie sich die letzten drei Monate auf ihre Meisterprüfung als Küchenmeisterin vorbereiten musste.
Sie war Kantinenleiterin und bekochte die Chefabteilung bei einer großen Versicherung. Na ja, und ein Mann hätte sie nur abgelenkt. Aber das sei ja nun seit Anfang Dezember vorbei und für die bestandene Prüfung habe sie sich halt mit der Kreuzfahrt belohnt.
Die ist ja ziemlich abgezockt, die Kleine, dachte ich. Und als sie dann noch verriet, sie habe zur Zeit überhaupt kein Interesse an einer neuen Bindung und sei nicht verreist, um einen neuen Lebenspartner zu finden, da musste ich unwillkürlich an das Schild am Lama-Käfig im Münchner Tierpark Hellabrunn denken: „Vorsicht spuckt!“
Aber ich hatte jetzt zumindest ein vage Vorstellung, warum sie zuvor so energisch die Hand weggezogen hatte, als ich sie vor dem Teppichhändler schützen wollte. Ich überlegte, ob ich ihr sagen sollte, auch ich sei nicht an einer sofortigen Heirat interessiert und dachte daran, ihr von Elisabet zu erzählen. Aber ich schätzte sie wohl richtig ein, dass sie das nicht die Bohne interessiert hätte. Also plauderten wir, das heißt hauptsächlich schwärmte sie von ihren vielen Reisen. In dieser Beziehung war sie jedenfalls Gesinnungsschwester.
Aber ich hatte den Eindruck, dass meine einsilbigen Reaktionen und der betont nachdenkliche Gesichtsausdruck, den ich aufgesetzt hatte, ihr ganz gut gefielen. Sie war mit der Zeit geradezu entspannt.
Und so schlenderten wir einigermaßen vergnügt durch die engen Gässchen, über steile Treppen, dunkle Durchgänge, Gewölbe und in Sackgassen. Immer wieder versuchte ich, nach Veronikas Hand zu fassen, denn die Gefahr war groß, sich in diesem Labyrinth der verlieren. Aber sie wollte partout allein gehen. Kann man ja schließlich auch nicht verlangen, dass sie einem wildfremden Mann gleich so vertraut. Vielleicht hatte sie ja auch eine Berührungsallergie, man glaubt ja gar nicht, was es so alles gibt. Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass sie mich für einen hemmungslosen Frauenverführer hielt. Und da lag sie ja auch gar nicht so falsch, aber ich kann, wenn es sein muss, sehr listig sein, und so spielte ich ihr vor, ich sei an ihr überhaupt nicht interessiert, selbst auf die Gefahr hin, dass sie mich für schwul hielt. Irgendwann würde ich ihr dann schon das Gegenteil beweisen. So hoffte ich.
Der Souk in Marrakesch ist wirklich gigantisch. Veronika blieb vor fast jedem Laden stehen, wenigstens in dieser Beziehung war sie eine typische Frau. Aber als ich sie fragte, ob sie nach etwas ganz bestimmten Ausschau halte, schüttelte sie nur den Kopf.
Ich blieb dann vor einem Geschäft mit Münzen und Briefmarken stehen, Sie wissen schon, wegen Heribert, dem Sammler. Und plötzlich war Veronika verschwunden. Ach, jetzt macht sie sich einen Spaß mit mir, versuchte ich mich zu beruhigen, aber ich wusste, dass dies garantiert nicht die Art Scherz war, die eine Frau wie Veronika treiben würde. Unruhig sauste ich an die nächste Straßenecke und wieder zurück. Nichts zu machen. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.
War sie vielleicht in ein Geschäft gegangen und ich bin einfach weiter gegangen? Oder hatte sie meine ständigen Versuche, Händchen zu halten, gründlich satt? Oder hatte man sie in einen Teppich eingerollt und in den nächsten Harem transportiert? Ich war besorgt. Zunächst hastete ich zurück zum Schmuckgeschäft, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Aber das war ja auch Unsinn. Wenn ich nun herumirrte und sie suchte und sie suchte vielleicht mich, dann hatten wir überhaupt keine Chance. Also beschloss ich, eisern wieder Posten zu beziehen vor dem Münzenladen.
Die Minuten schleppten sich dahin. Mal meinte ich sie, entdeckt zu haben, aber sie war es dann doch nicht. Außerdem musste ich mich mehr denn je den Attacken aufdringlicher Straßenhändler und ebenso nerviger Moskitos erwehren, die sich freuten nunmehr kein bewegliches, sondern ein stehendes Ziel zu haben, was mich daran erinnert, dass es mit Mücken so ist wie mit Kindern. Wenn man sie nicht mehr hört, dann ist irgendwas.
Ich begann, mir Vorwürfe zu machen. Aber was soll’s. Ich hätte sie ja schließlich nicht mit Handschellen an mich ketten können und Männer verlieren ihre Frauen halt gelegentlich aus den Augen, wenn diese auf Schnäppchenjagd sind – und finden das gar nicht so übel. Dann ist wenigstens die Kreditkarte in sicheren Händen.
Bestimmt war sie zum Platz Diem el Fna gegangen, so dachte ich und marschierte los. Jetzt hatte ich einen ganzen Schwarm Kinder am Rockzipfel, die sich ausnahmslos als Führer anboten und dabei johlten: „Ali Baba, ich dein Führer“. Sie hatten natürlich alle irgendeinen Onkel, der zufällig die schönsten Teppiche verkaufte oder garantiert echte goldene Uhren. Mir blieb gar nichts anderes üblich, als mir einen der Knirpse auszusuchen, damit mich die anderen in Ruhe ließen.
Er war ein niedlicher kleiner Kerl mit glühenden kleinen Knopfaugen. Als wir beiden lostrabten, nahm er meine Hand und führte mich wie ein stolzer Jäger, der einen 16-Ender erlegt hat, durch die Medina. Die anderen verschwanden sofort, frei nach dem Abba-Song „The winner takes it all“.
Vielleicht lag es daran, dass die Kids mich eben „Ali Baba“ genannt hatten, aber irgendwie kam ich mir tatsächlich so vor wie der Mann, der nach und nach mit 40 Räubern fertig wurde und schließlich einen Schatz eroberte. Mein Schatz hieß Veronika und ich nahm mir vor, wenn ich sie dann überhaupt noch einmal im Leben wiedersehen würde, es mit „Sesam-öffne-dich“ zu versuchen. Möglicherweise stand sie ja auf Djellaba mit nichts drunter.
Es war jedenfalls eine gute Entscheidung, den kleinen Kerl zu engagieren. Wir waren viel schneller als gedacht auf dem „Platz der Gaukler“. Ich gab meinem Begleiter ein anständiges Trinkgeld und er verschwand sofort Richtung Altstadt in der Hoffnung auf neue fette Beute.
Es war schon fast sechs Uhr und es war noch nicht viel los auf dem mittelalterlichen Henkersplatz. Um einen besseren Überblick zu bekommen, setzte ich mich auf die Terrasse das „Cafe Glacier“. Das Panorama war überwältigend und ich genoss es unendlich, einen Logenplatz ergattert zu haben.
Ich bestellte mir, wie fast alle, Marokkos Nationalgetränk, heißen und köstlich süßen Tee aus frisch aufgebrühter Minze.
Hier ließ es sich aushalten und von hier aus konnte ich in aller Ruhe auf Veronika warten, die ja auf dem Rückweg zum Bus mit Sicherheit hier vorbeikommen musste.
Allmählich setzte die Dämmerung ein und der Djemaa el Fna erfüllte sich von einem Augenblick zum anderen mit Leben. Die Quacksalber und Wunderheiler flatterten wie Fledermäuse aus den Gassen der Altstadt und arrangierten auf umgestülpten Kisten ihre Heilmittel und Talismane gegen unreine Haut und Potenzstörungen. Orangenverkäufer, die zuvor in den Gässchen ihr Glück versucht hatten, schoben jetzt wie Kulissenschieber im Landshuter Stadttheater ihre knarrenden Karren heran.
Neben den Garküchen der Schneckenköche, aus deren Grillschalen meterhohe Flammen emporzüngelten, warfen Karbidlampen ihren grellen Schein in die Gesichter der Kunden. Die Wirkung war umwerfend, aber irgendwie auch bedrohlich wie die Fabelwelt eines Hieronymus Bosch. Man warf einen Blick in eine Welt voller Rätsel und Abenteuer und obwohl ich die Szene sehr aufregend fand, so war lief es mir kalt den Rücken hinunter. Hier machte sich eine Jahrtausende alte Kultur irgendwie zum Affen für eine Handvoll gutzahlende Touristen. Werden wir diese Menschen je begreifen? War dies nicht auch eine Quelle des unversöhnlichen Hasses, mit dem ein Teil der islamischen Welt den Westen zerstören will? Es ging mir offensichtlich nicht allein so, denn viele Touristen hielten respektvoll Abstand zu diesem fast unwirklichen Schauspiel.
Inzwischen hatten Affenbändiger, Gaukler, und Feuerschlucker den Platz in einen Freiluftzirkus verwandelt und überboten sich mit spektakulären Kunststücken und forderten dafür einen Obolus. Dazwischen drapierten Wunderheiler Hunderte löchrige Backenzähne auf Verkaufstischen vor sich und demonstrieren, wie einst der Doktor Eisenbarth, ihre Fingerfertigkeit als Self-made-Zahnärzte.
Am Boden hockten Märchenerzähler und Wahrsagerinnen, die in Händen und Karten schmökerten. Afrikaner und nicht nur Afrikaner glauben fest an solche Prophezeiungen und ich muss zugeben, dass ich auch ein wenig anfällig bin für solchen, wie manche meinen, „Hokuspokus“. Um die Geschichtenerzähler standen Trauben von Menschen, die allermeisten Einheimische. Klar, die Zahl der Analphabeten ist in Afrika sehr hoch und nicht alle haben ein Radio oder einen Fernseher zuhause, so dass es für diese Menschen äußerst spannend sein muss, irgendetwas zu erfahren. Ich habe keine Ahnung, ob es Kriminalstorys sind, die diese Geschichtenerzähler vorlasen, oder Gedichte oder Kleinanzeigen oder die neuesten Nachrichten oder der Wetterbericht. Nach den gespannten Gesichten des Publikum zu urteilen, war es wohl der Wetterbericht.
Die monotonen Flötentöne der Schlangenbeschwörer, das klagende Rufen der Muezzine, die rhythmischen Trommelschläge der Gnauoa-Spieler, das werbende Rufen der Berberfrauen, die Touristinnen für ein paar Dirham Henna-Tattoos aufmalen wollte, vermischte sich mit den Trillerpfeifen des Verkehrspolizisten, ständiges Autohupen, feilschende Straßenhändler und fluchenden Taxifahrern, denen der Weg zu ihrem Ziel versperrt war. Es war einfach toll. Wer denkt schon an Hollywood, bei diesem gigantischen Schauspiel
Veronika hatte ich inzwischen völlig vergessen.
Zweieinhalb Stunden und fünf Bier später schaute ich auf die Uhr. Kurz vor zehn. Ach du lieber Gott! Der Bus! Siedendheiß schossen mir die Ermahnungen der Crew in den Kopf: Wer zu spät kommt kann sehen, wo er bleibt. Und ich hatte überhaupt keine Lust, mein Leben als Tellerwäscher in Marrakesch zu beenden. Fahrlehrer in Mallerdorf ist zwar auch nicht so toll, aber gemessen daran ein Traumjob.
Ich schoss so schnell hoch, dass ich fast vergessen hätte zu zahlen und raste los. Aber die Versuchung stehen zu bleiben, war einfach zu groß. Auf dem Weg zum Bus musste ich einfach bei den in weiß gekleideten Musikern und Tänzern anhalten, die vom Knaben bis zum Greis im Halbkreis zusammen standen, und sich nach den Anweisungen eines Meisters bewegten. Ihr Schellengeklappern und das rhythmischem Trommeln habe ich heute noch im Ohr. Aber jetzt wurde es wirklich Zeit. Ich rannte so schnell, als wären drei Dutzend Derwische hinter mir her. Als ich über einen am Boden liegenden Mantel springen wollte, und dieser sich plötzlich bewegte, bin ich so erschrocken, dass ich beinahe der Länge nach hinschlug. Aber wer ahnt schon, dass es auch hier Menschen gibt, die sich in Kapuzenmäntel einmummeln. Gab es in Afrika überhaupt Obdachlose? Bestimmt. Vielleicht war das ja einer, aber ich hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken.
Ich war völlig fertig, als ich endlich den Busparkplatz erreichte. Eine Viertelstunde zu spät. Nur ein einziger Bus stand da noch. Es war meiner. Gott sei Dank!
Und ich hatte noch einmal Glück, denn mein Platz war gleich in der ersten Reihe, so dass ich nicht durch den gesamten Bus Spießrutenlaufen musste. Das wäre unvermeidlich gewesen, denn die empörten Blicke meiner Mitreisenden trafen mich wie Dolche. Die Reiseleiterin goss dann noch ein wenig Öl ins Feuer, indem sie mich streng ansah und dabei auf die Uhr tippte und so laut, dass es jeder hören konnte, ausrief: „In einer Minute wären wir abgefahren.“
Upps. Das hätte ein schönes Theater gegeben, so ohne Pass. Und ich hatte kaum noch Geld in der Tasche. Die Kreditkarte und eine größere Summe hatte ich neben meinen Papieren natürlich an Bord gelassen, denn die marokkanischen Taschendiebe sollen wahre Meister ihres Fachs Gebiet sein. Ich traute mich kaum mir vorzustellen, was alles hätte passieren können, wenn dieser blöde Bus tatsächlich ohne mich abgefahren wäre.
Kein Hotel hätte mich ohne Ausweis und schon gar nicht ohne Geld aufgenommen. Ich sah mich in einer dunklen Ecke auf dem Platz der Gehängten liegen, hungrig, durstig und schlotternd vor Kälte ohne Chance auf eine wärmende Umarmung einer liebenden Frau, was mich schlagartig wieder an Veronika erinnerte.
Irgendwie hatte sie mir ja alles eingebrockt. Wenn sie nicht so zickig gewesen wäre und mich nicht gehindert hätte, sie zu beschützen, müsste sie jetzt nicht in nur ein paar duftige Schleier gehüllt irgendeinem Emir vortanzen. Denn ich war fest davon überzeugt, dass man sie entführt hatte und die Vorstellung mit dem Tanzen und dem Schleier war gar nicht so übel, denn sie hatte ein verdammt hübsches Figürchen.
Gleichzeitig hatte ich aber auch ein schlechtes Gewissem. Beim nächsten Landgang muss ich besser auf Veronika aufzupassen, so schwor ich mir, falls sie überhaupt von mir, dem großen Tollpatsch, noch etwas wissen will.
Als das Schiff ein bisschen später als geplant ablegte, wusste ich nicht einmal, ob sie an Bord war. Ich suchte zwar überall aber vergeblich. Und irgendwie traute ich mich nicht, an ihre Kabinentür zu klopfen. Trotz einiger hochprozentiger Einschlafhilfen dauerte es ein paar Stunden, bevor ich endlich schlummern konnte.
Am nächsten Morgen war ich einer der ersten am Frühstücksbüfett, dessen Inhalt mich ausnahmsweise weniger interessierte als die Frage, ob Veronika wohl auftauchen würde. Es dauerte einige Zeit, ein paar Tässchen Kaffee und ein halbes Dutzend Croissants, als ich Gewissheit bekam. Da war sie. Heil und offenbar unversehrt, jedenfalls waren keine Spuren irgendeines Kampfes zu entdecken. Keine zerrissenen Strümpfe und keine Kratzer im Gesicht. Im Gegenteil, sie schwebte lächelnd in den Raum.
Mit hochrotem Kopf, schwankend zwischen Erleichterung und Empörung rannte ich auf sie zu. Anstatt sie in den Arm zu nehmen, was ich am liebsten getan hätte, gingen die Pferde mit mir durch. Was denn bloß los mit ihr sei und wieso sie mir einfach davongelaufen sei. Veronika blieb kalt wie ein Froschbauch. „Ich bin dir nicht davon gelaufen“, sagte sie mit aller Gelassenheit. „du warst plötzlich nicht mehr da.“ Dann lachten wir beide, setzten uns und ich nahm einen weiteren Kaffee mit Croissant. Wenn ich mir weiter Sorgen um Veronika machen muss, so dachte ich, werde ich mich wohl ein, zwei Nummern größer einkleiden müssen. Als ich ihr erzählte, dass ich beinahe ihretwegen den Bus versäumt hätte, lächelte sie wieder ihr kleines Lächeln, sah mir fest in die Augen und sagte kurz und knapp: „Ich habe auf meinen Reisen schon viel erlebt. Ich brauche keinen Beschützer“. Rumms, das saß.
Noch am selben Tag legten wir in Tanger an.
Es passiert weiß Gott nicht oft im Leben, aber ich bekam eine zweite Chance. Veronika hatte überhaupt nichts dagegen, dass wir uns die Stadt gemeinsam ansehen würden, ich musste aber versprechen, nicht wieder den Beschützer aller Witwen und Waisen mit Vornamen Veronika zu spielen. Casablanca blieb seinem Ruf treu. In dieser Stadt begann tatsächlich eine wunderbare Freundschaft, nur nicht zwischen Ingrid und Bogey, sondern zwischen Veronika und Franz.
Natürlich lernten wir auch etwas. Dass Tanger immer schon ein überaus bedeutender strategischer Hafen an der Nordwestspitze des afrikanischen Kontinentes sei, dass die Stadt 1923 einen internationalen Status erhielt, seit 1960 aber wieder zum Königreich Marokko gehört und ähnliche Nebensächlichkeiten, die mich wirklich nur am Rande interessierten, denn ich hatte nur Augen für eine neue, großartige Stadt – und für Veronika.
Der Gesprächsstoff ging uns nie aus. Das absolute Dauerthema war Reisen, das wir beide über alles lieben. Am meisten freute es mich, dass ich jetzt sogar Veronikas kleines zartes Händchen halten durfte beim Spaziergang übers Deck, im Kino oder auch in der einen oder anderen Stadt, die wir noch anliefen.
Und ich tanzte mit ihr in den Morgen – mehr schlecht als recht, aber immerhin schien sie es zu mögen, wenn ich sie in den Armen hielt und vorsichtig an mich drückte. Die alte Dame, die mir am Anfang der Reise so freundlich in die Rettungsweste half, zwinkerte mir unablässig zu und hob warnend den Finger, als wollte sie sagen: „Denk an meine Worte.“
Barcelona war unser letztes Ziel. Es wurden zwei unvergessliche Tage. Der Bummel über die Ramblas, sozusagen die europäische Ausgabe der nordafrikanischen Souks mit Straßenkünstlern und die kuscheligen kleinen Kneipen, in denen wir die unvergleichlichen Tapas schnabulierten, Oliven, kleine Fischelchen, köstliche Tomaten, Serrano-Schinken und katalanischen Käse, die unzähligen Blumenhändler und die Zeitungsständer, die rastlos über die Straße hastenden Kellner, die Stände, an denen man lebende Tiere kaufen konnte – faszinierend.
Natürlich stand auch die Kathedrale „La Sagrada Familia“ auf der Liste, die mehr Touristen anlockt als der Prado in Madrid oder die Alhambra in Granada. Der wohl ungewöhnlichste Kirchenbau der Welt ist aber immer noch nicht fertig, obwohl ihr genialer Architekt Antonio Gaudi den Bau schon vor mehr als 125 Jahren, im 3. November 1883, übernahm und insgesamt 43 Jahre daran werkelte.
Das Benediktinerkloster auf dem Montserrat, die Costa Brava mit ihren Badeorten, alles in ein paar Stunden. Am letzten Abend lernten wir nachdrücklich, wie lustig ein „Russischer Abend“ sein kann. Wir brezelten uns noch einmal richtig auf. Mein neuer Smoking, der mir sogar noch einigermaßen passte, wurde ein letztes Mal aus dem Schrank geholt und als ich Veronika abholte, stockte mir fast der Atem, so toll sah sie aus.
Wir saßen an einem großen Tisch im Tanzsaal mit Simon und Familie und meinem Kabinenkumpel, dem Piepser-Vertreter. Kalinka war angesagt, Kosakentänze und all die anderen Sachen, die Otto Normaltourist nun einmal mit einem „Russischen Abend“ verbindet. Natürlich floss Krimsekt in Strömen und ich konnte beweisen, dass Mallersdorfer Fahrlehrer sich nicht lumpen lassen.
Und es wurde gelacht und geschwoft. Und dann, sozusagen der Siegestreffer in der Nachspielzeit: Veronika ließ sich von mir küssen. Zwar nur einmal und auch nicht mit allen Schikanen, aber immerhin.
Und dann kam er, der unvermeidliche „Letzte Walzer“.
Wird es ein Abschied für immer sein? Oder soll ich einen Versuch starten, Veronika wieder zu treffen, wenn uns der Alltag eingeholt hat? Ich knabberten den ganzen Abend an ihrer Bemerkung, dass sie zumindest zur Zeit von Männern nichts wissen wollte und natürlich hätte ich gern eine Abfuhr vermieden. Also fragte ich sie nicht, sondern verschob die Entscheidung auf den Morgen. Vielleicht würde sie mich ja sogar zuerst fragen, hoffte ich insgeheim, ohne allerdings so recht daran glauben zu können. Mein letzter Gedanke, bevor ich einschlief, war „Ich muss mit ihr noch einmal nach Marrakesch“.
Der Mensch, zumal der niederbayerische, ist nun einmal nicht dazu gemacht, sich auf schwankendem Boden zu bewegen. Deshalb war ich einerseits froh, dass die acht Tage Schaukelei hinter mir lagen, auf der anderen Seite war ich traurig, denn es war eine traumhaft schöne Woche. Nach Wodka und Krimsekt in der letzten Nacht war ein ziemlich heftiges Geschrei und Gerumpel nötig, um mich zu wecken.
Die Zeit war wieder einmal knapp und wieder, ein letztes Mal, drohte Gefahr, dass der Zug oder besser der Bus ohne mich abfahren würde, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffen würde. Aber Kofferpacken in Eile ist eine meiner Spezialdisziplinen.
Der Abschied von meinem Mitschläfer war kurz aber herzlich, wobei mir auffiel, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Passagieren, die sich auf irgendeinem Bazar mit täuschend echt nachgemachten Gucci-Koffern eingedeckt hatten, deutlich weniger Gepäck als vor einer Woche hatte. Er hatte wohl alle seiner Piepser ans Personal verschenkt.
Unterdessen spielten sich in den Gängen, den Sälen, der Gangway und sonst wo Tragödien antiken Ausmaßes ab. So muss es wohl sein, wenn Männer in den Krieg ziehen. So viele verweinte Augen.
Voller Abschiedsschmerz und unter lautem Schluchzen wurden Adressen getauscht (einige waren sicher falsch, um jede Belästigung im Alltag oder peinliche Begegnungen mit den daheim gebliebenen Ehepartners zu vermeiden). Es war alles genau so, wie es die ältere Frau am Anfang der Reise vorhergesagt hatte. Hemmungslos weinende Männer und kreischende Frauen, die nicht glauben wollten, dass jetzt alles vorbei sein sollte.
Es gab aber auch andere Fälle. So beobachtete ich, wie ein Mann wie von Furien gehetzt über den Parkplatz sauste, sich immer wieder umdrehte und schließlich in einem Bus verschwand. Wenige Sekunden später wurden die Vorhänge zugezogen. Ja, ja, manch ein Schwur von ewiger Liebe und Treue und manch ein gesäuseltes „Wir wollen niemals auseinandergehen“ erweisen sich bei Tageslicht betrachtet als zumindest voreilig. Und Alimentsforderungen können sehr unangenehm sein ...
Vor den Bussen schrieen einige ansonsten recht seriös aussehende Leute mit hochroten Köpfen auf ihre Fahrer ein, die immer abwinkten. Warum das so war, erfuhr ich ein paar Minuten später, als ich versuchte, mit Veronikas Sitznachbarin den Platz zu tauschen, die damit ausdrücklich einverstanden war.
Das kann doch kein Problem sein, so dachte ich. Aber das war ein krasser Irrtum. „Streng verboten!“, hieß es und das „tut mir leid“ des Fahrers klang nicht besonders ehrlich. Natürlich regte ich mich furchtbar auf. Aber da war nichts zu machen. Und heimlich an Bord schleichen ging auch nicht, denn fast jeder Bus fuhr für einen anderen Veranstalter und jeder Kofferaufkleber hatte eine andere Farbe. Ich wäre sofort aufgefallen. Und mein Gepäck in dem anderen Bus zu lassen ging auch nicht, denn es war unwahrscheinlich, dass die beiden Busse zur gleichen Zeit am Hauptbahnhof eintreffen würden.
Ich startete einen letzten Versuch und winkte diskret mit einem Fünfzig-Mark-Schein. Der Busfahrer grinste nur und zuckte mit den Schultern. Die Gegenden, in denen man für Bakschisch fast alles kriegen konnten, waren halt seit ein paar Stunden vorbei. Nachdem das nun also erledigt war, konnte ich mich ganz meinem Abschiedsschmerz hingeben, der in diesem Fall sogar so echt war, dass mir, als ich Veronika umarmte und ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf die hübschen Lippen drückte, Tränen über die Wangen rollten. Auch Veronika weinte.
Bisher hatten wir das Thema, ob wir uns wiedersehen würden, nicht angesprochen. Aber ich war entschlossen, es so nicht enden zu lassen. Listig zog ich eine letzte Karte: „Was hältst du davon“, so fragte ich, „wenn wir in München richtig schick essen gehen. Sozusagen als Entschädigung, dass ich in Marrakesch nicht auf dich aufgepasst habe.“ Dabei schaute ich sie lächelnd an. Ich kann sehr treuherzig gucken, wenn ich mir Mühe gebe.
Heureka!
Veronika fischte ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und schrieb mir ihre Telefonnummer auf. Ihre Adresse behielt sie für sich. Sie war halt so schwer zu erobern wie Fort Knox. Dann ging alles sehr schnell. Der Busfahrer hupte energisch, Veronika stieg ein, drehte sich noch einmal um, warf mir einen Handkuss zu und verschwand im Bus, der Bruchteile von Sekunden später losfuhr.
Ach du je. Ich hatte völlig vergessen, mich von Simon zu verabschieden.



