Volltextsuche


rss RSS-Feed
shop Shop
end-search
ein-Maerchen


Land und Leute  

08. Juni 2009. von Carola Herbst
Historische Wetterdaten

historisches Temeperatur-Messgerät
Physiker mit Thermometer,
Kupferstich 1688
Komm, lieber Mai!, und mache die Bäume wieder grün …
Muss das deutsche Liedgut umgeschrieben werden? Sollten wir in Zukunft nicht besser „Komm, lieber April…“ singen? Oder neigen wir dazu, aus einer Schwalbe einen Sommer zu machen?
Viele Fragen, zu denen es gewiss unendlich viele Antworten gibt. Und gleich drängt sich eine weitere auf: Was verbirgt sich hinter der Wendung „seit Beginn der Wetteraufzeichnung“? Bei unserer Recherche sind wir auf höchst unterschiedliche Angaben zu historischen Wetterdaten gestoßen, die allesamt nicht einmal verbindlich sind. Sie schwanken zwischen vor 200 bis vor 50 Jahren, wobei es immer auch auf die Region der Datenerfassung ankommt. Und schon wieder tun sich Fragen auf: Worauf stützen sich unsere Klimapropheten, wo es nur gesicherte Erkenntnisse über die zurückliegenden 200 Jahre gibt? Wo wurden die relevanten Daten erhoben? Lassen sich daraus überhaupt Schlussfolgerungen für die globale Klimaentwicklung ableiten?
Zugegeben, wir sind keine Klimaexperten mit fundierten Kenntnissen, aber eine Portion Skepsis ist angebracht, wenn man die besagten 200 Jahre zu den Zigtausenden der gesamten Menschheitsgeschichte ins Verhältnis setzt. Denn wir müssen uns vergegenwärtigen, seit der Mensch es gelernt hat, zu schreiben, in welcher Sprache und Schriftform auch immer, seitdem gibt es auch Überlieferungen zum Wetter. Denken wir an die biblische Geschichte der Sintflut, an die Sagen um Atlantis, Vineta oder die Enstehung vom Heiligen Damm immer sind Wetterphänomene mit im Spiel. Seit jeher sind die Menschen dem Wetter ausgeliefert und sie haben nach Erklärungen für Dürren, Hochwasser, Sturmfluten, Hagelstürme, die ganze Landstriche entvölkern konnten, gesucht. Sie haben sich der Willkür zuständiger Gottheiten ausgesetzt gefühlt, haben Opfer zu ihrer Besänftigung dargebracht, oder Fürbitte für gutes Wetter geleistet, weil sie es nicht besser wussten und weil ihr Wohl und Wehe vom Wetter abhing, so wie das unsrige (an dieser Stelle sei nur an das Elbehochwasser von 2002 oder das Schneechaos von 1978/79 gedacht). Also, heben wir den Schatz historischer Wetterdaten, auf dass sie Aufschluss über das vergangene und Rückschlüsse auf das zukünftige Wetter geben. Fürwahr – eine gewaltige Aufgabe, aber in kleinen Schritten durchaus machbar. Steinchen für Steinchen fügte sich ins Mosaik-Bild, wenn man nur all den Aufzeichnungen Beachtung schenkte: die Chronik Ihrer Heimatstadt?, das Kirchenbuch Ihrer Gemeinde?, Logbücher?, Tagebücher?, der Reisebericht eines längst Verblichenen?, Briefe?, Memoiren?, Kriegsberichte? Wohlan, der Möglichkeiten gibt es viele, selbst in der Prosa werden wir fündig, wenn wir uns beispielsweise der Entstehungsgeschichte der Werke zuwenden: Wie wärs mit „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. In einem Vorwort zu einer späteren Auflage ihrer berühmten Gruselgeschichte spricht sie davon, dass im Jahre 1816 ihre kleine Reisegesellschaft, zu der auch Lord Byron gehörte, tagelang ihre Zuflucht am Genfer See nicht verlassen konnte, weil unaufhörlich Regen herabprasselte. Dem schlechten Wetter ist die Enstehung der phantastischen Geschichte um Frankensteins Monster zu danken. Und Lord Byron sah sich veranlasst, ein Gedicht zu schreiben, das er mit „Darkness“ übertitelte. Hier ein Auszug:

„Ich hatte einen Traum, der eher ein Alptraum war.
Die leuchtende Sonne war erloschen, und die Sterne
Wanderten, sich verdunkelnd, im unendlichen Raume,
Ohne Strahlen, ohne Pfad, und die eisige Erde
Raste blind und dunkel durch die mondlose Luft;
Der Morgen kam und verging
und kam erneut, es wollte Tag nicht werden,
Und die Menschen vergaßen in all ihrer Not ihre Leidenschaften
In all dieser Trostlosigkeit.
……
Und der Krieg, der nun seit einem Augenblick nicht mehr wütete,
Tat sich noch einmal gütlich; - es gab ein Festmahl
Aus Blut, und jeder saß schweigsam ganz für sich
Wälzte sich in Trauer: keine Liebe war verblieben;
Die ganze Erde war nur noch ein Gedanke – das war der Tod,
Sogleich, glanzlos, und der heftige Schmerz
Des Hungers verzehrte all die Eingewieden.“

Zeitgenossen nannten 1816 „Das Jahr ohne Sommer“. Tatsächlich war der unablässige Regen über Mitteleuropa eine der weltweit spürbaren Auswirkungen eines Vulkanausbruches. Im April 1815 explodierte auf der Insel Sumbawa im Indischen Ozean der Mount Tambora, im Jahr darauf wurde eine Vielzahl von Wetterextremen beobachtet. Während im unmittelbaren Ausbruchsgebiet zigtausende Todesopfer durch die Naturgewalt an sich zu beklagen waren, und die Ernte vom Ascheregen zerstört worden war, eine Hungerkatastrophe sich anschloss, die wiederum viele Opfer forderte, sank rund um den Erdball die Temperatur. Niederschlagsmengen wichen extrem vom jeweils Gewohnten ab: Dort, wo es vordem eher trocken war, regnete es viel, und regenverwöhnte Gegenden fielen trocken. Selbst in den Sommermonaten fegten in Nordamerika Schneestürme über das Land und Fröste töteten Saat und Keimlinge. Laut der historischen Wetterdaten erfährt man, dass auf dem Subkontinent der Sommermonsun ausblieb und es später zu großer Trockenheit kam. Im September wiederum stürzten Wassermassen herab und richteten verheerende Überschwemmungen an.

historische Wetterdaten
Physiker mit Thermometer,
Kupferstich 1688
In Mittel- und Osteuropa sanken die Durchschnittstemperaturen um bis zu 10°C, in Ungarn und Italien fiel im Sommer schmutziger Schnee, in ganz Europa brachte schon der Frühherbst Schnee und Frost. Folglich kam es weltweit zu Missernten, drastisch steigenden Preisen für Nahrungsmittel, Hungersnöten und sozialen Unruhen. Der menschengemachten Katastrophe der Napoleonischen Kriege, die gerade im Jahr 1815 mit der Schlacht bei Waterloo ihr Ende gefunden hatten, folgte die von den Elementen verursachte globale Klimakatastrophe mit nicht minder dramatischen Folgen. Gewiss, die Menschen, die all das erleiden und erdulden mussten, kannten den neumodischen Begriff „globale Klimakatastrophe“ nicht. Ihre Kommunikation war noch zu eingeschränkt, als dass sie ihre persönliche Situation mit dem Vulkanausbruch auf der anderen Seite des Erdballs in Verbindung brachten, sie wussten nichts von den ungeheuren Mengen Staub und Gasen, die hoch empor in die Stratosphäre geschleudert worden waren und dort für mehrere Jahre die Einstrahlung der Sonne verminderte. Die Menschen in Europa ahnten nicht, dass der über die Ufer getretene Ganges eine Choleraepedemie ausgelöst hatte, die viele Jahre später vor den Toren ihrer Städte nicht haltmachen sollte.
Ein bedrückendes Szenario, nicht wahr, und es sollte uns unsere Verletzlichkeit vor Augen führen. Wir Europäer dünken uns oft weit weg von Katastrophen, dabei geht die Wissenschaft ndavon aus, dass vor 74.000 Jahren der historisch größte Vulkanausbruch die letzte Vereisung herbeigeführt hat. Wir sollten uns alle zusammen bewusst sein, nur Gast auf unserer Mutter Erde zu sein und sorgsam mit unserem blauen Planeten umgehen. Vielleicht müssen wir Europäer irgendwann bei den Afrikanern anklopfen, nämlich dann, wenn die nächste Eiszeit ein weiteres Mal die südliche Ostseeküste und ihr Hinterland formt.

Auszüge und Kapitel zu historischen Wetterdaten:
„Die Geschichte von Doberan Heiligendamm“, darin „Die feindlichen Elemente. 1291 und 1302“;
„Kurze Beschreibung der Stadt und Herrschaft Wismar“, darin „Von allerlei Witterungen, die man in Wismar erlebt.
Johanna Schopenhauer, „Ausflucht an den Rhein“ (1816)

historisches Temeperatur-Messgerät
Physiker mit Thermometer,
Kupferstich 1688
Die historischen Kupferstiche stammen aus dem Werk "Abhandlung deß Thermometri. Oder Werckzeugs die Staffeln der Hitze und Kälte zu messen" des Autors Joachim d' Alencé


Online Magazin

Mein MecklenburgWir möchten unseren Lesern eine Plattform für ihr regionales Engagement bieten. So haben wir das Online-Magazin Mein Mecklenburg - Vorpommern ins Leben gerufen. Jeder kann als Redakteur mitwirken.


Klimaforschung

KlimaforschungInstitut für Klimaforschung in Potsdam.


Wetterbeobachtung

WetterdatenÜber die Geschichte des Wetters und der Wetterbeobachtung in der deutschsprachigen Wikipedia.

anz

Schönstes Wetter an der mecklenburgischen Ostseeküste

Steilküste im Ostseebad NienhagenFerienwohnung und Ferienhaus im Ostseebad Nienhagen



anz

Roland Linowski: Stille Erde

stille erdeLesen Sie jetzt den Essay von Valentin Falin zum bewegenden Roman von Roland Linowski.