Komm, lieber Mai!, und mache die Bäume wieder grün …
Muss das deutsche Liedgut umgeschrieben werden? Sollten wir in Zukunft nicht
besser „Komm, lieber April…“ singen? Oder neigen wir dazu, aus einer
Schwalbe einen Sommer zu machen?
Viele Fragen, zu denen es gewiss unendlich viele Antworten gibt. Und gleich
drängt sich eine weitere auf: Was verbirgt sich hinter der Wendung „seit
Beginn der Wetteraufzeichnung“? Bei unserer Recherche sind wir auf
höchst unterschiedliche Angaben zu historischen Wetterdaten gestoßen, die allesamt nicht einmal
verbindlich sind. Sie schwanken zwischen vor 200 bis vor 50 Jahren, wobei es
immer auch auf die Region der Datenerfassung ankommt. Und schon wieder tun
sich Fragen auf: Worauf stützen sich unsere Klimapropheten, wo es nur
gesicherte Erkenntnisse über die zurückliegenden 200 Jahre gibt? Wo wurden
die relevanten Daten erhoben? Lassen sich daraus überhaupt
Schlussfolgerungen für die
globale Klimaentwicklung ableiten?
Zugegeben, wir sind keine Klimaexperten mit fundierten Kenntnissen, aber
eine Portion Skepsis ist angebracht, wenn man die besagten 200 Jahre zu den
Zigtausenden der gesamten Menschheitsgeschichte ins Verhältnis setzt. Denn
wir müssen uns vergegenwärtigen, seit der Mensch es gelernt hat, zu
schreiben, in welcher Sprache und Schriftform auch immer, seitdem gibt es
auch Überlieferungen zum Wetter. Denken wir an die
biblische Geschichte
der Sintflut, an die Sagen um
Atlantis, Vineta oder die Enstehung vom Heiligen Damm immer sind Wetterphänomene mit im Spiel.
Seit jeher sind die Menschen dem Wetter ausgeliefert und sie haben nach
Erklärungen für Dürren, Hochwasser, Sturmfluten, Hagelstürme, die ganze
Landstriche entvölkern konnten, gesucht. Sie haben sich der Willkür
zuständiger Gottheiten ausgesetzt gefühlt, haben Opfer zu ihrer Besänftigung
dargebracht, oder Fürbitte für gutes Wetter geleistet, weil sie es nicht
besser wussten und weil ihr Wohl und Wehe vom Wetter abhing, so wie das
unsrige (an dieser Stelle sei nur an das
Elbehochwasser
von 2002 oder das
Schneechaos von 1978/79 gedacht). Also,
heben wir den Schatz historischer Wetterdaten, auf dass sie
Aufschluss über das vergangene und Rückschlüsse auf das zukünftige Wetter
geben. Fürwahr – eine gewaltige Aufgabe, aber in kleinen Schritten durchaus
machbar. Steinchen für Steinchen fügte sich ins Mosaik-Bild, wenn man nur
all den Aufzeichnungen Beachtung schenkte: die Chronik Ihrer Heimatstadt?,
das Kirchenbuch Ihrer Gemeinde?, Logbücher?, Tagebücher?, der Reisebericht
eines längst Verblichenen?, Briefe?, Memoiren?, Kriegsberichte? Wohlan, der
Möglichkeiten gibt es viele, selbst in der Prosa werden wir fündig, wenn wir
uns beispielsweise der Entstehungsgeschichte der Werke zuwenden: Wie wärs
mit „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. In einem
Vorwort zu einer späteren Auflage ihrer berühmten Gruselgeschichte spricht
sie davon, dass im Jahre 1816 ihre kleine Reisegesellschaft, zu der auch
Lord Byron gehörte, tagelang ihre Zuflucht am Genfer See nicht verlassen
konnte, weil unaufhörlich Regen herabprasselte. Dem schlechten Wetter ist
die Enstehung der phantastischen Geschichte um Frankensteins Monster zu
danken. Und Lord Byron sah sich veranlasst, ein Gedicht zu schreiben, das er
mit „Darkness“ übertitelte. Hier ein Auszug:
„Ich hatte einen Traum, der eher ein Alptraum war.
Die leuchtende Sonne war erloschen, und die Sterne
Wanderten, sich verdunkelnd, im unendlichen Raume,
Ohne Strahlen, ohne Pfad, und die eisige Erde
Raste blind und dunkel durch die mondlose Luft;
Der Morgen kam und verging
und kam erneut, es wollte Tag nicht werden,
Und die Menschen vergaßen in all ihrer Not ihre Leidenschaften
In all dieser Trostlosigkeit.
……
Und der Krieg, der nun seit einem Augenblick nicht mehr wütete,
Tat sich noch einmal gütlich; - es gab ein Festmahl
Aus Blut, und jeder saß schweigsam ganz für sich
Wälzte sich in Trauer: keine Liebe war verblieben;
Die ganze Erde war nur noch ein Gedanke – das war der Tod,
Sogleich, glanzlos, und der heftige Schmerz
Des Hungers verzehrte all die Eingewieden.“
Zeitgenossen nannten 1816 „Das Jahr ohne Sommer“. Tatsächlich war der
unablässige Regen über Mitteleuropa eine der weltweit spürbaren Auswirkungen
eines Vulkanausbruches. Im April 1815 explodierte auf der Insel Sumbawa im
Indischen Ozean der Mount Tambora, im Jahr darauf wurde eine Vielzahl von
Wetterextremen beobachtet. Während im unmittelbaren Ausbruchsgebiet
zigtausende Todesopfer durch die Naturgewalt an sich zu beklagen waren, und
die Ernte vom Ascheregen zerstört worden war, eine Hungerkatastrophe sich
anschloss, die wiederum viele Opfer forderte, sank rund um den Erdball die
Temperatur. Niederschlagsmengen wichen extrem vom jeweils Gewohnten ab:
Dort, wo es vordem eher trocken war, regnete es viel, und regenverwöhnte
Gegenden fielen trocken. Selbst in den Sommermonaten fegten in Nordamerika
Schneestürme über das Land und Fröste töteten Saat und Keimlinge. Laut der
historischen Wetterdaten erfährt man, dass auf dem
Subkontinent der Sommermonsun ausblieb und es später zu großer Trockenheit
kam. Im
September wiederum stürzten Wassermassen herab und richteten verheerende
Überschwemmungen an.
Physiker mit Thermometer,
Kupferstich 1688
In Mittel- und Osteuropa sanken die
Durchschnittstemperaturen um bis zu 10°C, in Ungarn und Italien fiel im
Sommer schmutziger Schnee, in ganz Europa brachte schon der Frühherbst
Schnee und Frost. Folglich kam es weltweit zu Missernten, drastisch
steigenden Preisen für Nahrungsmittel, Hungersnöten und sozialen Unruhen.
Der menschengemachten Katastrophe der
Napoleonischen Kriege, die gerade im
Jahr 1815 mit der Schlacht bei Waterloo ihr Ende gefunden hatten, folgte die
von den Elementen verursachte globale Klimakatastrophe mit nicht minder
dramatischen Folgen. Gewiss, die Menschen, die all das erleiden und erdulden
mussten, kannten den neumodischen Begriff „globale Klimakatastrophe“ nicht.
Ihre Kommunikation war noch zu eingeschränkt, als dass sie ihre persönliche
Situation mit dem Vulkanausbruch auf der anderen Seite des Erdballs in
Verbindung brachten, sie wussten nichts von den ungeheuren Mengen Staub und
Gasen, die hoch empor in die Stratosphäre geschleudert worden waren und dort
für mehrere Jahre die Einstrahlung der Sonne verminderte. Die Menschen in
Europa ahnten nicht, dass der über die Ufer getretene Ganges eine
Choleraepedemie ausgelöst hatte, die viele Jahre später vor den Toren ihrer
Städte nicht haltmachen sollte.
Ein bedrückendes Szenario, nicht wahr, und es sollte uns unsere
Verletzlichkeit vor Augen führen. Wir Europäer dünken uns oft weit weg von
Katastrophen, dabei geht die Wissenschaft ndavon aus, dass vor 74.000 Jahren
der historisch größte Vulkanausbruch die letzte Vereisung herbeigeführt hat.
Wir sollten uns alle zusammen bewusst sein, nur Gast auf unserer Mutter Erde
zu sein und sorgsam mit unserem blauen Planeten umgehen. Vielleicht müssen
wir Europäer irgendwann bei den Afrikanern anklopfen, nämlich dann, wenn die
nächste Eiszeit ein weiteres Mal die südliche Ostseeküste und ihr Hinterland
formt.
Auszüge und Kapitel zu historischen Wetterdaten:
„Die Geschichte von Doberan Heiligendamm“, darin „Die feindlichen Elemente.
1291 und 1302“;
„Kurze Beschreibung der Stadt und Herrschaft Wismar“, darin „Von allerlei
Witterungen, die man in Wismar erlebt.“
Johanna Schopenhauer, „Ausflucht an den Rhein“ (1816)
Physiker mit Thermometer,
Kupferstich 1688
Die historischen Kupferstiche stammen aus dem Werk "Abhandlung deß
Thermometri. Oder Werckzeugs die Staffeln der Hitze und Kälte zu messen"
des Autors Joachim d' Alencé