Buchreihe "zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts"

Mit der Lupe in die wiederentdeckten Texte
Was ist das Besondere an den ausgewählten Titeln?


C. Schmidt, 29. Juni 2010
Text 1: Theodor Herzl, "Philosophische Erzählungen"
"Joseph Müller war nicht dumm, obwohl er ein Genie war"

Theodor Herzl
Theodor Herzl
Als Theodor Herzl 1904 starb, hinterließ er vor allem für viele ein politisches Programm. Als Leitfigur, Visionär und Kämpfer für eine Idee, die einige Jahre später Umsetzung fand – den Wandel vom Landstrich Palästina in das Land Israel – ist er heute noch manchen bekannt.

Als Schriftsteller, der seinen Lohn mit unterhaltsamen, durchdachten und spannenden Geschichten verdiente, kennt ihn kaum jemand mehr. Demzufolge können wir unseren Lesern zweierlei darbieten. Zum Einen gibt es eine Wiederentdeckung von Theodor Herzl als Autor. Zum Zweiten stellt die von Prof. Hanni Mittelmann vorgeschlagene Textsammlung der „Philosophischen Erzählungen“ ein Werk vor, das seit 90 Jahren (1919 in Wien) in der damaligen Form nicht mehr auf dem Buchmarkt erschien, und nach unserer Vorstellung definitiv ein Beispiel für einen zu Unrecht vergessen Text ist. Warum? Das versuchen wir hier in kleinen Texten zu jedem unserer wiederentdeckten Titel zu beschreiben.

Was macht den Erzählband aus?


Herzl verfasste neben politischen Schriften auch ca. 300 Feuilletons und Artikel, die teilweise in verschiedenen Zeitschriften eingearbeitet wurden. Hieraus gab es eine Auswahl, die 1900 erstmalig erschien. Mit aphoristischen Fabeln, die er geschickt mit Intertextualität strickte, macht Herzl antike und altertümliche Weisheiten auch heute noch begreiflich, so etwa bei der ersten Geschichte von Solon. Hier lässt er uns wissen, wie unumgänglich das Schaffen für den Menschen ist, und wie beseelt die Menschen allein mit einer Aufgabe seien: „Die Arbeit veredelt sich in ihrer feinsten Blüthe zur Kunst“.

Die Geschichte „Das Lenkbare Luftschiff“ hingegen zeigt Herzl mit einem modernen, knappen Stil, wobei man den Humor sehr klar fassen kann, wie bei der Beschreibung des Erfinders: „Joseph Müller war nicht dumm, obwohl er ein Genie war“. Gesellschaftliche Betrachtungen erfahren wir in der Geschichte zum Luftschiff ebenso wie skeptische, ironische Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsglauben der Jahrhundertwende. Besonders aktuelle Bezüge gibt es in der Ahnung, dass derartige Erfindungen zu Kriegszwecken missbraucht würden, was um 1900 nicht gerade ein normaler Gedanke war. Desweiteren kann man von humorvollen Begebenheiten im Zusammenleben von Österreichern und Deutschen in Wien lesen („Eine gute Tat“), aber auch von allgemeingültigen Lebensweisheiten wie in der Erzählung „Die Güter des Lebens“, ein an Platons Symposion erinnerndes Stück, worin grandios die Bestrebungen der Menschen hinterfragt werden, wie etwa die Jagd nach Ehre: „Die Leute grüßen meinen Titel, meine Stellung, nicht mich“. Schließlich gibt es zudem nachdenkliche, ruhige und parabelartige Erzählungen wie „Die Garderobe“. Herzl schafft oftmals unheimlich schnell, die Atmosphäre einer Geschichte aufzubauen, die Szene zu öffnen und mit feinen Dialogen die Lage darzustellen.

Hieraus lässt sich hoffentlich erahnen: Herzls Philosophische Erzählungen, zu dessen Lektüre wir unsere Leser einladen, sind abwechslungsreich, spannend und geprägt von einem überraschend erfrischenden Stil.


Vorschlag zu Neuauflage von
Prof. Dr Hanni Mittelmann
(Hebräische Univ. Jerusalem)

Hanni MittelmannStudierte Romanistik und Germanistik in Heidelberg und an der Sorbonne und erhielt ihr Doktorat an der University of California, Los Angeles.
>> mehr


zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts

>> zur Projektbeschreibung