Buchreihe "zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts"


Text 3: Ilka Maria Ungar - Gedichtband "Feierabend" und weitere Gedichte
"Je tiefer die Leidenschaften eines Menschen sind, desto seichter sind die Regungen des Göttlichen in ihm"

Feierabend Cover
Cover des Gedichbandes
"Feierabend" von Ilka Maria Ungar
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Die Dichterin Ilka Maria Ungar (1879 – 1911) wurde im wahrsten Sinne wiederentdeckt, und zwar vom kroatischen Literaturwissenschaftler Prof. Vlado Obad. Neben einer ganz kleinen Gruppe von Experten ist sie den allermeisten seit 100 Jahren unbekannt. 1910 erschien in Berlin ihr Gedichtband „Feierabend“, doch über die in Budapest geborene Poetin, später in Wien ansässig, weiß man heute fast nichts. Besonders aus diesem Grunde soll an dieser geeigneten Stelle mehr Erklärendes und zu ihrem Werke Einladendes gesagt werden, als es für andere Autoren geschah.

Ilka Ungar entstammte einfachen Lebensverhältnissen im doppelmonarchischen Österreich-Ungarn, und klar erkennt man ihre Lebenshärte unter anderem an dem Fakt, dass die mit 23 Jahren (1902) bereits verwitwet war und die zweite Ehe schloss.

Vor allem zwischen 1905 und 1908 gelang es ihr immer wieder, grandiose Gedichte in vor allem Wiener Zeitschriften unterzubringen und zumindest eine damalige Leserschaft erfolgreich auf sich aufmerksam zu machen. Einer ihrer wichtigsten Förderer war der Journalist und Künstler Paul Wertheimer (1874-1937), selbst Schriftsteller und vor allem auch Lyriker, wodurch er das Talent offenbar neidlos anerkennen konnte. Die wenigen Spuren des Lebens können wir ins heute kroatische Osijek (damals habsburgisches Essek) verfolgen, wo sie etwa 5 Jahre lebte und 4 Kinder zur Welt brachte. Mit 32 Jahren starb sie, und fast ihre gesamte verbliebene Familie wurde nach unserem Kenntnisstand im KZ Jasenovac ermordet.

Zum Gedichtband:

Das vorliegende Werk ist in dieser Form noch nie gedruckt worden, nur Teile auf ca. 100 Seiten erschienen wie erwähnt unter dem Titel „Feierabend“. Wir geben jedoch auch weitere erhaltene Stücke von Ilka Maria Ungar heraus, die ihr Können erweiternd unter Beweis stellen. Gestatten wir uns einen kleinen Rundgang durch ihr Werk.

Die Leser und Forscher haben es hier nicht mit einer sich ausprobierenden, unsicheren, mädchenhaft-melancholischen Autorin zu tun, deren Stil und Stärke sich erst entwickeln. Ganz klar erkennt man – durch nichts mehr als durch Zitieren – die glanzvolle Stärke einer vollendeten Poetin Gedicht bereits im Gedicht „Sehnsucht“:

Weil die Sehnsucht immer ist

Weil die Sehnsucht immer ist,

ist sie Ruhe meiner Seele,

und ich will nicht, daß sie fehle,

die mir Leid und Frieden ist.

Denn mein tiefster Wille weiß:

Endete ihr sanftes Lohen,

gäbe es mich all den rohen,

wilden Tagesschmerzen preis.

Und drum hüllt in süße Pein

Meine Seele ihr Erbleichen

Wie in einen weiten, weichen

dunklen Mantel ein.

Hier erkennt der Leser eine melodisch und rhythmisch wunderschöne Kraft. Handwerklich lässt dieses Stück wenig offen, vom sanft umarmenden Reim bis zur Synthese in der 3. Strophe sieht man, dass die Autorin mit sicherem Sprachgefühl schrieb. Aber ihr Werk strotzt bei weitem nicht von Melancholie. Ganz eindeutiger Optimismus ist z. B. im Stück „Am Abend“ zu sehen:

Durch Dämmern naht die Mahnerin des Todes,

ich aber will diesem Graun entstreben.

So webe Dunkel! Doch mein Herz wird hell

und meine Hand berührt dein warmes Leben.

Selbstbewusste, frauliche, helle, klare, naturliebende Stücke finden sich ebenso wie nahezu dröhnende, laute politische Töne. Beinahe wie Brechts Seeräuber Jenny aus der „Dreigroschenoper“ tritt die oft autobiographisch durchschimmernde, meist in Ich-Form sich präsentierende Stimme auf, so auch in einer Strophe der Sorte Arm vs. Reich vom Gedicht „An sie“:

Und ist mein Hut kein junger

und ist mein Rock zerfranst,

ich liebe meinen Hunger

ich hasse euren Wanst.

Ähnlich glasklar und drastisch formuliert – an die aufständischen Weber von Heinrich Heine erinnernd – lesen wir in dem Werk „Überstunden“:

Näht, ihr Mädchen, still und bleich!

Euer Herr ist balde reich.

Helft in bangen Überstunden

euch ins nahe Himmelreich,

und dem Chef die Taschen runden.

Hier wird also die Vielfältigkeit der Inhalte und der sprachlichen Fähigkeiten der Autorin deutlich. Jedoch kann man auch zur handwerklichen Finesse viele Beispiele anfügen. Als weiteres Zeihen für den sprachlichen Fein-Sinn dieser an grobem Leben erfahrenen Frau – aus dem Gedicht „Im Park“:

Leise, Geliebtester, leise

schlich meine Hand sich in dein Gewand ,

auf von des weiten Ärmels Rand

zärtlich tastend und spürte am Arme

bebend, glückerschauernd, das warme

Leben.

Sehr trickreich lässt die Poetin hier die zweite Zeile wie ein Gewand selbst erscheinen und durch einen Binnenreim der „Hand“ innerhalb der Zeile gibt sie einen zusätzlichen Reim und verbildlicht so die beschriebene Aussage. Das literarische Gefühl, die handwerkliche Exzellenz, die Ungar in ihren Gedichten an den Tag legt, verdeutlicht ihre vermutlich große Leseerfahrung und das erfolgreiche Lernen von großen Vorbildern. Vor allem von weiblichen Zeitgenossen her hätte sie sich keiner Konkurrenz schämen müssen, und so ist es eine wahre Schande, dass es 100 Jahre brauchte, sie wieder wertschätzen zu können. Nicht nur Stil, weiche Melodik, sicheres Rhythmusgefühl und szenisches Darstellen – das Entwickeln einer Atmosphäre – auch die Wortwahl war nicht wild gewählt sondern wohl durchdacht, wie man in dem sich schön steigernden Gedicht Wünsche sieht. Wie ihr Zeitgenosse Rilke komponierte auch sie sehr bewusst die Dominanz der Verben, Adjektive, und z. B. in der 3. Strophe die Substantive:

Wünsche

Ich möchte einen Schlichten mir zur Seiten,

der niemals mir die sanften Träume störte

und der im trauten Miteinanderschreiten

mein dämmerselig Schweigen gerne hörte.

Der sacht mit mir von weltverlor´nen Bänken

In Ruh´ bewegt, auf bunte Felder schaute,

bis daß die leisen, grauen Nebel sänken

und abendmatt die Hügelkette blaute

Ich möchte Einen, der mein Wille wäre,

mein Schmerz, und meine Ruh´, mein Ernst, mein Lächeln,

und auf dunklen Wassern meine feste Fähre,

und wenn ich glühe, meiner Stirn ein Fächeln.

Hier können sich nicht nur Leser privat erfreuen, sondern offenbar auch Studenten und Schüler an den sprachlichen Mitteln interpretierend austoben. Das heute so überstrapazierte Wort „Authentizität“ bringt Ilka Maria Ungar in reinster Freude, Stärke und bescheidener Wahrheit mit, wie man an dem Stück „Die Witwe“ sieht. Sie konnte nicht nur aus allen Genres etwas Mitreißendes darbieten – politisches Gedicht, Liebeslied, Ballade, Naturbeschreibung – sie hat vor allem inhaltlich für die Forschung die Türen aufgemacht und etwa die Gebiete Schwangerschaft, Fraulichkeit, Veränderung im Mutterleib etc. reich mit Reimen beschenkt.

In einer weniger prüden Welt und mit mehr Förderern hätte sie vielleicht zur Ikone werden können, zur Ikone naturalistisch-expressionistischer Weiblichkeit, die sich vor 1910 traut, den rundlichen Mutterbauch, die Todesängste im Leib, die Zärtlichkeit, Eifersucht und den Verlust-Schmerz einer Frau nicht im Stillen zu behalten, sondern ihn aufzuschreiben!

Wir sind sehr erfreut darüber – und hoffen, viele Leser finden das auch – dass Prof. Vlado Obad diese Autorin wieder entdeckt hat!





Klappentext

Die in Budapest geborene und später in Wien und Osijek lebende Dichterin Ilka Maria Ungar (1879 – 1911) wurde im wahrsten Sinne wiederentdeckt, und zwar vom kroatischen Literaturwissenschaftler Prof. Vlado Obad. Neben einer kleinen Gruppe von Experten ist sie den allermeisten seit 100 Jahren unbekannt. Das vorliegende Werk ist in dieser Form noch nie gedruckt worden. Teile hiervon erschienen 1910 unter dem Titel „Feierabend“.

Die Leser und Forscher haben es hier mit keiner sich ausprobierenden, unsicheren, mädchenhaft-melancholischen Autorin zu tun, deren Stil und Stärke sich erst entwickeln. Ganz klar erkennt man die glanzvolle Stärke einer vollendeten Poetin, auch wenn sie nur 32 Jahre alt wurde.

Ungars Stücke zeigen eine melodisch und rhythmisch wunderschöne Kraft. Selbstbewusste, frauliche, helle, klare, naturliebende Stücke finden sich ebenso wie nahezu dröhnende, laute politische Töne. Die Sprache und Inhalte der Gedichte sind vielfältig und – handwerklich vollendet – wunderbar zu lesen. Nicht nur Stil, weiche Melodik, sicheres Rhythmusgefühl und szenisches Darstellen sind erlebbar. Vom politischen stolzen Proletarierlied bis hin zur Liebesballade und Naturbeschreibung können sich die Leser auf ein breites, strahlendes, endlich veröffentlichtes Werk freuen. Ilka M. Ungar und ihr Buch wurden aufgenommen in die Reihe „Zu Unrecht vergessen Publizisten“.



Mit einleitendem Vorwort von Prof. Dr. Vlado Obad, Universität Osijek, Kroatien


Vorschlag zu Neuauflage von
Prof. Vlado Obad
(Univ. Osijek)

Prof. Vlado Obad Prof. Vlado Obad ist seit über 15 Jahren Betreuer der Österreich-Bibliothek in Kroatien und ein anerkannter kultureller Vermittler, sowie seit knapp 20 Jahren Professor in Osijek.
>> Prof. Vlado Obad


zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts

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