Buchreihe "zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts"

Mit der Lupe in die wiederentdeckten Texte
Was ist das Besondere an den ausgewählten Titeln?


C. Schmidt, 2. Juli 2010
Text 2: Ernst Weiß, "Das Unverlierbare"
"Je tiefer die Leidenschaften eines Menschen sind, desto seichter sind die Regungen des Göttlichen in ihm"

Essayband von Ernst Weiß
Cover des 1928 erschienenen
Essaybandes v. Ernst Weiß
In ohnmächtiger Verzweiflung über das betrachtete Einfahren deutscher Militärfahrzeuge ins kampflos überfallene Paris nahm sich am 15. Juni 1940 der emigrierte Schriftsteller und Arzt Ernst Weiß das Leben. Vielen Stellen seines Werkes kann man eine bereits vorher bestehende pessimistische Verzweiflung ansehen, die viele Künstler zwischen den Weltkriegen erfasste und sie mit der Frage beschäftigte, ob man nicht mehr verloren habe durch den Krieg als man je wieder aufbauen könne, also ähnlich wie A. Gryphius es mit dem verlorenen „Seelenschatz“ nach dem 30jährigen Krieg meinte.

In 27 Essays, die heutigen Schülern und Studenten in ihrer Textform als Beispiele gelten können, vermittelt uns Ernst Weiß eine intensive Sprache zu Autoren (Flaubert, Goethe, Wedekind), Entdeckern (Conrad, Shackleton) sowie den Themen Kunst, Malerei und Musik. Sein Stil brennt förmlich durch im besten Sinne mit-reißende Spannung, die entlang der Sätze fließt, ohne dass der Autor viele sprachliche Konnektoren einbauen müsste. Über den zum Lebensende tragischen Guy de Maupassant schreibt Weiß diesen zutiefst eindringlichen Satz:

„In heimlicher Nacht kamen sie über ihn als Gespenst und Bedrückung, wenn er naiv wie ein Tier und schön wie ein Tier und krankheitslos, todesfern wie ein Tier in sich selbst ruhte: vor seiner Ruhe, aus seiner Lebensfreude trieben sie ihn auf, hetzten ihn, warfen seine Seele hin und fingen sie flugs wieder auf in ihren sicheren Fängen, denen nichts entglitt“.

Die Essaysammlung widmete Ernst Weiß seiner Mutter, die er pflegte und welche sechs Jahre nach deren Erscheinen starb. Seit über 80 Jahren waren sie vom Buchmarkt verschwunden. Nun kann man wieder eintauchen in die Worte eines Autors, der sprachlich keine halben Sachen macht. Der erste Essay beschreibt „Mozart – Ein Meister des Ostens“. Für den Erzähler scheinen die Werke und die Bedeutung Mozarts derartig groß, als müsste er von einem anderen Stern stammen, oder zumindest Seelenverwandter hoher Künstler, die nicht von unserer Welt waren. Er sieht Mozart als „Meister von der Art der Meister des Ostens, deren Namen er nie gehört hat, deren Lehre er lebte, ohne ihre Buchstaben zu kennen“.

Mit Inbrunst und Hingabe zieht Weiß die Sätze und Gedanken weiter, packt einen verbal an die Hand, so dass viele Seiten nicht wie schwere Arbeit sind, sondern wie ein kraftvolles Rudern auf weitem Strom. Ernst Weiß ist Kapitän und zeigt links und rechts die beschriebenen Themen. Dass er mit der Vorstellung des Todes keinerlei Probleme hatte, sieht man an verschiedenen Stellen. Er geht sogar so weit zu bestaunen, wie man das Leben überhaupt ertragen, es zu Ende leben kann:

„Aber daß der Einzelne das Kosmische in sich überhaupt ahnt, daß er es wagt, sich selbst zu Ende zu leben, und, wenn auch nicht der unendlichen Welt, so doch sich selbst gerecht zu werden, das ist schon ein herrliches Zeichen seiner Kühnheit, ein Beweis für das heroische der so furchtbar in der Welt vereinsamten menschliche Natur“.

Dennoch prangt als optimistisches Zeichen auf dem Buchtitel der blutrote, Leben spendende, Heilige Gral. Wann immer in einer Gesellschaft kulturell tradiert wird, hat diese immer etwas Unverlierbares. Das Unverlierbare im Essayband ist die Kontinuität, mit der man von vorigen Generationen zehrt, ihre kulturellen und geistigen Errungenschaften weiter zu tradieren sucht. Viel bleibt bestehen, umso mehr, je stärker man sich dessen bewusst ist. Trotzdem konstatiert Weiß zweifelnd für die Generation vor 1914:

„Die Generation, die vor dem Krieg gelebt hat, war stolz auf Siege, die sie nicht erfochten hatte, sie betrachtete geistige Ergebnisse als ihr Eigentum, die andere für sie gewonnen hatten“.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es leicht, hier Bezüge zu finden für eine heran wachsende Generation, der schwer zu vermitteln ist, welche Werte noch vor wenigen Jahren alles andere als selbstverständlich waren; Werte die zu hinterfragen sie kaum gezwungen werden. Es zeigt, dass dieser Text für die Buchreihe ausgewählt wurde, weil er nicht nur aktuell ist. Es ist kein plätschernder Ton, sondern ein ernstes, tief bewegendes, wertvolles Werk.



Klappentext

Das Unverlierbare von Ernst Weiß - Cover
Das Unverlierbare hier bestellen
Ernst Weiß (1882-1940) war ein Arzt und Dramatiker, der wie viele Autoren des Prager Kreises durch politische Umbrüche und den posthum enorm wachsenden Ruhm Franz Kafkas in dessen Schatten kaum gesehen wurde.

In 27 Essays, die heutigen Schülern und Studenten in ihrer Textform als grandiose Beispiele gelten können, vermittelt Ernst Weiß eine intensive Sprache zu Autoren (Flaubert, Goethe, Wedekind), Entdeckern (Conrad, Shackleton) sowie den Themen Kunst, Malerei und Musik. Sein Stil brennt förmlich durch im besten Sinne mit-reißende Spannung.

Diese vielseitige Essaysammlung war seit über 80 Jahren vom Buchmarkt verschwunden und ist somit eine exemplarische Wiederentdeckung. Aus diesem Grund wurde der Band aufgenommen in die einzigartige Buchreihe „Zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts“.

Das „Unverlierbare“ im Essayband ist für Weiß die geistige Kontinuität, mit der man von vorigen Generationen zehrt und ihre kulturellen und geistigen Errungenschaften weiter tradiert.

Mit einleitendem Vorwort von Prof. Erhard Bahr, Universität Los Angeles


Vorschlag zu Neuauflage von
Prof. Ehrhard Bahr
(Univ. Californien, Los Angeles)

Prof. Ehrhard BahrProfessor emer. Ehrhard Bahr wurde 1932 in Kiel geboren. Vor seiner Emigration nach Amerika studierte er in Heidelberg, Freiburg/Breisgau und Köln.
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zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts

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